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Wachnianyn, Wachnianyn, true Anatol (Natal)
* 1841-09-1919.9.1841 Sieniawa bei Jaroslau/Galizien (Sieniawa bei Jarosław/PL), † 1908-02-1111.2.1908 Lemberg (L’viv/UA). Komponist, Chordirigent, Sänger, Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller, Gymnasiallehrer. Sohn eines ukrainischen griechisch-katholischen Dorfpfarrers und einer gebürtigen Deutschen; erhielt als Gymnasiast und Sängerknabe des griechisch-katholischen Domchores in Przemyśl/PL Musikunterricht bei Vincent Sersavi (Theorie und Geige) – dem Vertreter der „Peremyschlischen Komponistenschule“, deren Traditionen W. fortsetzte. W. studierte Philosophie und Theologie in Przemyśl, Lemberg (am Geistlichen Seminar) und an der Univ. Wien (1865–68), musikalisch blieb er nach eigener Aussage „bescheidener Autodidakt“. Nichtsdestoweniger wurde er zum bedeutendsten Vertreter der Amateurkreise, die im ausgehenden 19. Jh. die Grundlage der professionellen Musik in Galizien schufen. Nachdem 1867 den Vereinen durch das Oktoberdiplom mehr Rechte zugestanden worden war, gründete W. die bedeutendsten ukrainischen Kulturvereine: In Wien den akademischen Verein Sitsch und dessen Chor (1867), in Lemberg u. a. Prosvita ([Aufklärung], 1868), Teorban (1870), den Verband der Gesang- und Musikvereine (1903), das Höhere Musikinstitut (heute Lysenko-MAkad.), dessen erster Direktor (1903–08) er war. Die konstitutionelle Ära der Doppelmonarchie ermöglichte seinen Aufstieg als ruthenischer Politiker. Er war galizischer Landtags- (1883–94) und Reichsratsabgeordneter (1894–1900), ein überzeugter Liberaler, Anhänger der „übereinkommenden“ Politik, deren Hauptidee der Konsens zwischen Ruthenen (Ukrainern) und Polen war, um weitere Konflikte zu vermeiden. Die größten Verdienste für die ukrainische Musik erwarb sich W. als Autor der ersten ukrainischen Oper in Galizien Kupalo [Johannisnacht], die das beliebte Genre des ukrainischen Singspiels (spiwohra) ersetzte. Sie spielt in der Zeit der Freiheitskämpfe der ukrainischen Kosaken gegen die Türken (16. Jh.), benutzt traditionelle Opernformen und Ausdrucksmittel und wurde von ukrainischen und westeuropäischen Opernquellen beeinflusst. Das zeigt die verallgemeinerte Betrachtung der türkischen Gestalten im „exotischen“ 3. Akt (vgl. Entführung aus dem Serail von W. A. Mozart, Abu Hassan von C. M. v. Weber, Zaporozec’za Dunajem von Petro Hulak-Artemovs’kyj), die Verbindung der ukrainischen Folklore mit Zügen des italienischen Belcanto in der Vokalmelodik und der deutschen romantischen Oper in den durchkomponierten dramatischen Szenen. Die Volksszene im 1. Akt zeichnet sich durch das archaische Kolorit eines im Chorpart verarbeiteten alten kupalischen Nixen-Liedes aus (Kupalo ist ein altruthenischer heidnischer Sonnengott, dem das magisch-rituelle Brauchtum am 21. Juni gewidmet ist). W.s Sololieder enthalten Züge der altgalizischen Elegie, die in lokalen demokratischen Kreisen beliebt war. W.s Chorwerke charakterisieren die Vorherrschaft der Liedertafeltradition. Ungewöhnliche Popularität gewann der Chor der Nomaden, deren Melodie Dmitrij Schostakowitsch in seiner 6. Symphonie zitierte.
Werke
15 Chor- u. Sololieder f. Singstimme u. Kl.; 10 Chorbearbeitungen von ukrainischen Volksliedern; 5 Bühnenwerke, darunter Oper Kupalo auf eigenes Libretto (1872–90).
Schriften
Spivanyk dlja narodnych schkil [Gesangbuch f. die Volksschulen] 1898; Spomyny z moho zyttja [Erinnerungen aus meinem Leben] 1908; Erzählungen, u. a. Novellenzyklus Ćabarśky; musikästhetische Studien, u. a. Lysty pro musyku [Briefe über die Musik], Naukowe poniattia pro powstannia musyky [Wissenschaftliche Begründung der Entstehung der Musik], sowie folkloristische, literarisch-kritische, historische u. geographische Studien.
Literatur
I. Hrynewec’kyj, A. K. Vakhnyanyn 1961; NGroveD (2001) [Vakhnyanyn]; ÖBL 15 (2018); H. Allan/D. Feovanow in Biographical dictionary of Russian/Soviet composers 1989; Ja. Horak in [Kgr.-Ber.] Musica Galiciana 2000.
Autor*innen
Natalja Samotos
Letzte inhaltliche Änderung
27.11.2018
Empfohlene Zitierweise
Natalja Samotos, Art. „Wachnianyn, Anatol (Natal)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 27.11.2018, abgerufen am ), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001e5f1
Dieser Text wird unter der Lizenz CC BY-NC-SA 3.0 AT zur Verfügung gestellt. Das Bild-, Film- und Tonmaterial unterliegt abweichenden Bestimmungen; Angaben zu den Urheberrechten finden sich direkt bei den jeweiligen Medien.


DOI
10.1553/0x0001e5f1
GND
Wachnianyn, Anatol (Natal): 1046869213
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