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Reimoffizium (Versoffizium, Historia)
Eine spezielle Gattung jener neuen (zyklischen) Offiziumsdichtungen, die ab dem 9. Jh. die Geschichte der Tagzeitenliturgie bis ins 16. Jh. (das Meiste verschwand mit der Einführung des Breviarium Romanum 1570), bei einzelnen Orden wie z. B. den Franziskanern aber bis ins 20. Jh. z. T. wesentlich geprägt haben. Der Terminus R. stammt von den Herausgebern der Analecta hymnica und bezeichnet eine poetische Technik und nicht eine liturgische Gattung. R. ist eine Unterkategorie des heute gebräuchlicheren Begriffes Versoffizium, der alle Formen gedichteter Offiziumstexte (im Unterschied zu den biblischen) einschließt. Historia, heute der umfassende Begriff für alle möglichen Zyklen einer Offiziumsdichtung, wurde zuerst von Amalar von Metz für die Responsoriumsreihen zu den (monatsweise) wechselnden biblischen Lesezyklen der Matutin verwendet. Ab der karolingischen Ära waren von den hauptsächlich dichterischen Neuschöpfungen primär Antiphonen und Responsorien eines Festes betroffen, Hymnen gehörten eher selten in den Zyklus, da diese meist als eigenes Genus verstanden und überliefert wurden. Im Maximalfall konnte ein solcher Offiziumszyklus – im Mittelalter dann meist Historia oder auch nur Officium genannt – fünf Psalmenantiphonen, Responsorium und Magnificatantiphon der ersten Vesper enthalten, bei der Matutin folgten Invitatoriumsantiphon, insgesamt neun Psalmenantiphonen und neun Responsorien, bei den Laudes wieder fünf Psalmenantiphonen, Responsorium und Benedictusantiphon. Die Antiphonen zu den kleinen Horen wurden entweder aus den Laudes wiederholt oder waren eigens komponiert, für die zweite Vesper gab es wieder einen vollen Zyklus von sieben Gesängen oder auch nur die Magnificatantiphon, da die Psalmenantiphonen aus der ersten Vesper oder aus den Laudes wiederholt wurden. Etliche R.en enthalten nur Teile dieses Maximalprogramms. In einem monastischen Offizium stehen in der Matutin je zwölf Antiphonen und Responsorien, in den Vespern dafür nur vier Psalmenantiphonen.

In der ursprünglichen Gestalt des Offiziums wurden Antiphonen aus dem vorgetragenen Psalm selbst genommen – eine Deutungshilfe, bei der sich die Bibel gemäß altkirchlichem Verständnis selbst auslegt. Responsorien entstammten den gelesenen biblischen Büchern. Bei der Ausgestaltung der Festliturgien wurden jedoch bald Psalmenantiphonen und Responsorien die Träger der Theologie eines Festtages oder einer liturgischen Zeit, im Temporale waren dies meist biblische Texte, im Sanktorale nahm man häufig für die Antiphonen Teile der Vita eines Heiligen. Diese Texte deuteten nun nicht mehr Psalm oder Lesung, sondern den liturgischen Anlass.

Ab dem 9. Jh. erhielten neue Offizien in ihren Antiphonen und Responsorien eine poetische Struktur: rhythmische Prosa, ungereimte Verse z. B. in Hexametern oder Pentametern, elegischen Distichen oder iambischen Dimetern usw. In einer weiteren Stufe der Entwicklung wurden die Verse gereimt. Auf die frühe Phase der Gattung folgte eine Hochblüte der Dichtung im 12. und 13. Jh., welcher epigonale Produkte des 14. und 15. Jh.s folgten, häufig auch Kontrafakturen vorhandener Vorbilder. R.en gibt es in ganz Europa, einzig in Italien war man mit der Produktion zurückhaltender. Der Zisterzienserorden entzog sich zunächst diesen liturgischen „Modernismen“, konnte dies aber auch nicht restlos durchhalten. Zu den prominentesten Schöpfern der Gattung gehören Stephan von Lüttich (Trinitätsoffizium) und Julian von Speyer (Franziskus- und Antoniusoffizium). Mit Christian von Lilienfeld († nach 1330) besitzt auch Österreich einen bedeutenden Dichter von R.en. Heute sind ca. 1500 Versoffizien bekannt, die meisten sind lokal überliefert, nur wenige erlangten internationale Bedeutung und Verbreitung.

Österreichische Handschriften enthalten eine Reihe von R.en. Folgende Heiligenoffizien sind in den einschlägigen Antiphonarien, Brevieren und anderen Quellen nachweisbar: Achatius, Aegidius, Alexius, Altmann, Ambrosius, Anna, Antonius von Padua, Appollonia, Augustinus, Barbara, Bartholomäus, Benedikt, Berthold von Garsten, Bernhardin von Siena, Conceptio BMV, Dorothea, Elisabeth von Thüringen, Erasmus, Erntrudis, Eustachius, Felicitas, Fides, Firmian, Florian, Franziskus, Georg, Gertrudis, Guillelmus, Helena, Hemma, Hieronymus, Jacobus maior, Katharina von Alexandrien, Klara, Kolomann, Korbinian, Kunigunde, Ladislaus, Lambert, Leonhard, Leopold, Maria, Martha, Monika, Oswald, Patrone, Präsentatio BMV, Rupert, Simon und Judas, Stanislaus, Stephan von Ungarn, Thomas von Aquin, Thomas von Canterbury, Ulrich, Ursula, Veit, Victorinus von Pettau, Virgil, Visitatio BMV. Dazu kommen die R.en des Temporale: Corona spinea Domini, Dreifaltigkeit, Fronleichnam. Auch die frühneuzeitlichen R.en der Franziskaner für ihre neuen Feste sind zu finden. Es zeigt sich, dass v. a. Heilige mit einem konkreten Bezug zu einer heute österreichischen Diözese oder zu einem bestimmten Kloster so gut wie immer ein eigenes R. hatten. Dazu kommen R.en von „internationalen“ Heiligen, die aufgrund eines Patroziniums oder anderer Umstände einen größeren lokalen Bezug aufwiesen. Letzterer war ausschlaggebend für die Rezeption eines R.s: der Salzburger Liber Ordinarius von ca. 1190 (A-Su M II 6) verzeichnet das Rupertoffizium im Detail, in der für Ranshofen angefertigten Abschrift (D-Mbs clm 12635) dieser Salzburger Liturgieordnung wird das R. durch das Communeoffizium für Bekenner ersetzt. Ein guter Teil dieser Versoffizien ist in Österreich entstanden, wie etwa eines von mehreren Florianoffizien in St. Florian oder das Rupertoffizium in Salzburg. Zahlreiche Offizien sind auch importiert, oft aus benachbarten Diözesen oder über Ordensgemeinschaften. Grundlegende Studien über die Versoffizien in Österreich stehen noch aus, auch über die neuzeitliche Rezeption der Gattung.


Werke
Ausg.: Analecta hymnica 5 (1889), 13 (1892), 17 (1894), 18 (1894), 24 (1896), 25 (1897), 26 (1897), 28 (1898), 45a (1904); Reihe Historiae, hg. v. L. Dobszay in den Musicological Studies, Bd. 65, bisher (2005) erschienen die Bde. 1–8.
Literatur
Z. Falvy, Drei R.en aus Ungarn und ihre Musik 1968; K. H. Schlager in K. G. Fellerer (Hg.), Gesch. der katholischen Kirchenmusik 1 (1972); B. Paul in [Kat.] Der Heilige Leopold. Landesfürst und Staatssymbol. Niederösterr. Landesausstellung 1985 Stift Klosterneuburg, 1985; A. Hughes in Early Music 16 (1988); F. K. Praßl in P. Tropper, [Kat.] Hemma von Gurk. Schloß Straßburg/Kärnten 1988, 1988; A. Hughes, Late Medieval Liturgical Offices: Resources for Electronic Research 1994; W. Zechmeister (Hg.), Christian von Lilienfeld, 2 Bde. 1992; St. Engels in [Kat.] Hl. Rupert von Salzburg 696–1996. Ausstellung im Dommuseum zu Salzburg und in der Erzabtei St. Peter 1996, 1996; NGroveD 26 (2001) [Versified Office]; MGG 7 (1997) [Offizium]; F. P. Knapp, Die Literatur des Spätmittelalters in den Ländern Österreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol von 1273–1439 1 (1999) u. 2 (2004).

Autor(en)
Franz Karl Praßl
Empfohlene Zitierweise
Franz Karl Praßl, Art. „Reimoffizium (Versoffizium, Historia)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]