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Romantik/romantisch
Sammelbezeichnung für eine charakteristische Textgruppe der deutschen Literatur von den 1790er bis 1830er Jahren; von daher oft zu einer Epochenbezeichnung ausgeweitet und auch auf die Musik übertragen.Wie allemal bieten derartige Übertragungen von Wortinhalten nur scheinbar den Vorteil leichter Benutzbarkeit, da sie durch Nachteile (z. B. mangelnde Stichhaltigkeit) erkauft sind. Als Charakteristika der R. gelten u. a. Erschließung bislang unausgeloteter Tiefenschichten der Seele, Subjektivismus, Entgrenzung der Inhalte mittels Einbeziehung des Phantastischen, Zauberhaften, Zwiespältigen usw., frei geschaffene Traumwelt, ja Flucht aus der Realität, besonderes Interesse für die zunehmend nationale Vergangenheit (im Besonderen des Mittelalters, das als wesentlich deutsch geprägt verstanden wurde).

So relativ eindeutig die literarischen Vertreter aufgezählt (von Friedrich Schlegel [1772–1829] bis Joseph von Eichendorff [1788–1857]) oder auch deren Zuordnung problematisiert (z. B. Jean Paul [1763–1825], Friedrich Hölderlin [1770–1843]) und sie von der „Weimarer Klassik“ (Johann Wolfgang v. Goethe, Friedrich Schiller) abgehoben werden können, so problematisch ist die Übertragung des Begriffs R. auf die Musik: die Berufung auf ästhetische Aussagen gewisser Vertreter (wie z. B. Ludwig Tieck [1773–1853], E. T. A. Hoffmann [1776–1822] oder Wilhelm Heinrich Wackenroder [1773–98]) genügt kaum. Als die bedeutendsten Vertreter der musikalischen R. gelten gemeinhin in Deutschland C. M. v. Weber und R. Schumann sowie in Frankreich Hector Berlioz (1803–69); ob aber z. B. Fr. Schubert hier ohne weiteres vereinnahmt werden kann, ist fraglich.

Tatsache ist zunächst, dass die Poetik der R. von der des „Sturm und Drangs“ im 18. Jh. beeinflusst ist, dass sich weder unter den führenden noch unter den weniger bedeutenden Vertretern (alle in den 1770/80er Jahren geboren) ein Österreicher befindet und dass die österreichische Literatur auch aus anderen Quellen (insbesondere des Josephinismus) gespeist war. Dazu kommt, dass auch die politische Situation spätestens durch die Errichtung des Kaisertums Österreich (1804) die Absetzung von Deutschland verstärkte. Es sprechen daher einige Gründe dafür, den Begriff R. in der österreichischen Musikgeschichte wenigstens nicht als Epochenbezeichnung zu verwenden, sondern ihn auf die ursprünglich literarische Bedeutung zu beschränken. Als Alternative wurde oft Biedermeier dem allenfalls 1830 ein sog. „Vormärz“ folgt), in jüngerer Zeit aber Restaurationszeit verwendet (beide 1848 zu Ende). Allerdings sind damit auch allzu verschiedene Definitionsmomente (v. a. Ideen-, Institutionen- und politische Geschichte) derart miteinander verknüpft, dass die Begriffe kaum zur Deckung gebracht werden können, von unterschiedlichen Wertungen nicht zu reden. Dass man die Musik als „r. an sich“ (R. Schumann) oder als „die r.ste aller Künste“ (E. T. A. Hoffmann) ansehen kann, genügt wohl abermals nicht: die Trennungslinie zur Wirklichkeit ist durch das Wesen der Musik bereits vorgegeben, auch die enge Verbindung von Musik und Text hat sich allenfalls qualitativ verändert, ist aber nicht grundsätzlich anders oder gar neu.

Die angedeutete Problematik, sowohl der Übertragung auf die Musik als auch einer Absetzung von der Wiener Klassik, ist anhand von Fr. Schubert zu exemplifizieren: Sein wiederholter Griff zu Texten von R.ern allein rechtfertigt seine Bezeichnung als R.er ebensowenig, wie er auch als Vertreter des Biedermeier eben nur dann angesehen werden kann, wenn man darunter eine Epoche versteht und Verkürzungen auf das Kleine und Häusliche allein ausklammert. Seine musikalischen Mittel stammen eher von W. A. Mozart als von L. v. Beethoven her. Die deutlich größere Rolle des u. U. auch als „r.“ apostrophierbaren Subjektivismus wird anhand eines Vergleichs hinsichtlich seines Umgangs mit sog. musikalischen Symbolen (Rhetorik) z. B. mit J. Haydn (besonders gut an textgleichen Stellen der großen Messen) ersichtlich. Ebenso sind in seiner Musik wie auch in der zeitgleichen Beethovens gewisse Züge festzustellen, die als r. zu bezeichnen wären, v. a. die Sprengung der klassischen Formen. Ein Versuch, Klassik und R. gerade anhand dieser beiden Komponisten von einander abzuheben, bringt zumindest unterschiedliche Handhabungen vergleichbarer Mittel, unterschiedliche Einstellungen (insbesondere zum Zeiterlebnis), Sichtweisen und Ideen zutage. Weder von echten Alternativen noch von einer überzeugenden Übernahme oder gar einem zwingenden Moment dazu kann die Rede sein.

So unbestritten es ist, dass die R. in besonderer Weise in der deutschen Literatur ausgeprägt ist, alle anderen Wortbedeutungen Projektionen von daher darstellen und das Biedermeier in Österreich damit nur gewisse Inhalte gemeinsam hat, so unbestreitbar ist auch, dass etwa zur gleichen Zeit bei benachbarten oder im Verband der Monarchie lebenden slawischen Völkern Erscheinungen zu beobachten sind, die hinsichtlich utopischer, insbesondere nationaler Inhalte durchaus vergleichbar sind. Naheliegenderweise, jedoch in etwas anderer Hinsicht und in besonderem Maße über Wien vermittelt, kam in diesen abermals der Sprache (als Träger dieser Inhalte) eine besondere Rolle zu und können sie daher sogar als Parallelen, wenn nicht eine Art Steigerung der R. verstanden werden (z. B. die kroatische „Illyrische Bewegung“, 1835–48; serbische Omladina-Bewegung, K. Stanković). Sie zielten jeweils auf nationale Emanzipation (im Sinne von Sprachnation) bzw. „Wiedergeburt“ und gehören damit auch dem zerstörerischen politischen Nationalismus des 19. und 20. Jh.s an. Die Bezugspunkte (allenfalls Vermittler oder Katalysatoren) bildeten, obwohl von den eigenen Fachvertretern heute meist als „Romantismus“ zusammengefasst, keineswegs nur deutsch(sprachig)e, sondern (je nach Tradition) auch französische (Encyklopädisten, Revolutionen) und/oder englische (Lord Byron, Shakespeare-Renaissance, Walter Scott) Anregungen.

Eine Tatsache ist schließlich, dass auch das spätere 19. Jh., zumal in den hier interessierenden Ländern, von r.en Ideen geprägt blieb und diese – zumindest als Gegenpole – noch das 20. Jh. beeinflussten. Deshalb werden von R. im eigentlichen Sinn mehrfach weitere Begriffe abgeleitet, die darauf in jeweils unterschiedlicher Weise Bezug nehmen (z. B. Nach-, Neu-, Spätromantik).


Literatur
M. Becker, Narkotikum und Utopie. Musik-Konzepte in Empfindsamkeit und R. 1996; C. Dahlhaus in AfMw 31 (1974); C. Dahlhaus, Klassische und romantische Musikästhetik 1988; G. Schulz, R. Gesch. u. Begriff 1996; D. Kremer, R. 22003; M. Kube et al. (Hg.), [Fs.] W. Dürr 2002; L. Bodi, Tauwetter in Wien. Zur Prosa der österr. Aufklärung 1781–1795, 21995; K. v. Fischer in E. Schenk (Hg.), [Kgr.-Ber.] Beethoven. Wien 1970, 1971; E. Winter, Romantismus, Restauration und Frühliberalismus im österr. Vormärz 1968.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Romantik/romantisch‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]