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Serielle Musik
Gründet auf einer Kompositionsmethode, bei der Klangmaterial durch eine oder mehrere Reihen (als charakteristischer Anordnung einer begrenzten Anzahl von Klangeigenschaften) strukturiert wird. Im Gegensatz zur Zwölftontechnik sind dabei nicht allein Tonqualitäten durch die jeweilige Reihe vorgeordnet, sondern auch Eigenschaften wie Tonhöhe, Klangfarbe, Dauer, Artikulation und Lautstärke. Diese müssen eine den Tonqualitäten vergleichbare Skalenfolge von Werten ausbilden, sind aber kompositorisch unabhängig von diesen einsetzbar. Die Anzahl der verwendeten Reihen unterliegt ebenso der Regelung durch den Komponierenden wie die Bestimmung der Tonverhältnisse zueinander (in Umfang, Ambitus, Tondichte und Einsatzabständen). V. a. die elektroakustische Musik, etwa von Karlheinz Stockhausen, L. Nono oder Gottfried Michael Koenig, hat in diesem Zusammenhang zudem neuartiges Material für die Reihenbildung erschlossen: vom Vierteltonsystem über nichttemperierte Skalen bis zu Geräuschen. Ausgehend von Komponisten der „Darmstädter Schule“ (wie Stockhausen, Pierre Boulez, Nono u. a.) bildete sich in der s.n M. nach 1950 eine verbindliche ästhetische Richtlinienkompetenz innerhalb der zeitgenössischen Avantgarde aus, welche die meisten Komponisten der jüngeren Generation zur Auseinandersetzung herausforderte. Im Anschluss an Versuche bereits der 1940er Jahre in A. Weberns Spätwerk und bei Olivier Messiaen (Mode de valeurs et d’intensités, 1949) entstanden in den 1950er Jahren so besonders zahlreiche Werke der s.n M. (u. a. von Milton Babbitt, Luciano Berio, Karel Goeyvaerts, E. Krenek, Bruno Maderna, Henri Pousseur, Iannis Xenakis und Bernd Alois Zimmermann). Gleichwohl lässt sich die Geschichte der s.n M. kaum auf ein Jahrzehnt beschränken: Erste Entwicklungsmerkmale finden sich schon weit vor den 1950er Jahren, in den Formelkompositionen Stockhausens wirkt die s. M. bis in die 1990er Jahre hinein. Ebenso ist seit den 1970er Jahren das Anwenden s.r Verfahrensweisen auf bereits vorgeformte tonale musikalische Muster (etwa bei John Cage, L. Berio und v. a. Mauricio Kagel) und ein generelles Einwirken des s.n Denkens auf nicht mehr streng integrale kompositorische Verfahren der Gegenwart (etwa bei Brian Ferneyhough oder Helmut Lachenmann) zu beobachten. Als integrales Ordnungsverfahren, das über die Tonhöhenorganisation hinausgeht, kann der Terminus „s.“ freilich nur für das deutschsprachige Schrifttum geschichtliche Bedeutung anmelden: Im Englischen („serial“) und Französischen („sériel“) wird er auf einen weit gefassten Begriff der Reihentechnik, unabhängig von seinem Bedeutungswandel nach 1950, angewendet. In Österreich kann eine Auseinandersetzung mit der s.n M. seit den 1950er Jahren in besonders enger Verbindung mit der entsprechenden Tradition der Wiener Schule beobachtet werden. Ein unmittelbarer Bezug zur s.n Darmstädter Avantgarde ist lediglich punktuell anzutreffen (u. a. bei I. Eröd, K. Schwertsik oder E. Urbanner). Bei Komponisten wie F. Cerha, G. Neuwirth, Ch. Ofenbauer oder K. Essl entfaltet sich in den folgenden Jahrzehnten eine distanzierte Reflexion und entsprechend bewegliche Anwendung von Elementen s.n Denkens.
Literatur
O. Finnendahl (Hg.), Die Anfänge der s.n M. 1999; MGG 8 (1998); G. Borio/H. Danuser (Hg.), Im Zenit der Moderne, 4 Bde. 1997; H. Eimert/K. Stockhausen, Die Reihe. Informationen über s. M., 8 Bde. 1955–62; R. Stephan in S. Borris et al. (Hg.), Der Wandel des musikalischen Hörens 1962, 30–41; Ch. v. Blumröder in HmT 1985; M. Grassl/R. Kapp (Hg.), Darmstadt-Gespräche 1996.

Autor(en)
Matthias Schmidt
Empfohlene Zitierweise
Matthias Schmidt, Art. „Serielle Musik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]