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Strauß, Strauß, Johann Familie
Johann Baptist (Vater): * 1804 -03-1414.3.1804 Leopoldstadt (heute Wien II), † 1849 -09-2525.9.1849 Wien. Komponist, Dirigent. Sohn des Wirts Franz Borgias St. (1766–1816) und seiner Gattin Barbara, geb. Dollmann (1770–1811). Kam in diversen Gaststätten, zunächst im Lokal „Zum heiligen Florian“ in Leopoldstadt, Floßgasse 7, später in anderen Lokalen, mit Wirtshausmusik in Berührung und erhielt eine Geige. Nach dem frühen Tod seiner Mutter heiratete der Vater Katharina Goldner, und nachdem der Vater, hoch verschuldet, unter ungeklärten Umständen in einem Nebenarm der Donau ertrunken war, übernahm der Schneider Anton Müller die Vormundschaft über den 12-jährigen und seine Schwester Ernestine (1798–1862). Zur Existenzsicherung vermittelte ihm der Vormund eine Buchbinderlehre bei Johann Lichtscheidl, wo er nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern auch regulären Violinunterricht durch Johann Pollischantzky erhielt. Um 1823 wirkte er im Quartett von J. Lanner, der St. im erweiterten Ensemble mit der Leitung der 2. Gruppe als Stehgeiger betraute. Da das Publikum auch Novitäten erwartete, folgte St. dem Vorbild Lanners und begann zu komponieren. In dieser Zeit verliebte er sich in die Gastwirtstochter Anna Streim (1801–1870), plante aber, in Graz Fuß zu fassen, und beantragte für 1825 einen Reisepass als Musiklehrer. Von dieser Absicht nahm er wegen der bevorstehenden Vaterschaft Abstand und heiratete am 11.7.1825 Anna Streim. Die Orchesterteilung Lanners zeigte ihm, dass der Markt groß genug war, anstelle seiner Assistenz eine eigene Kapelle Gewinn bringend zu führen. Er trennte sich – entgegen allgemeinen Darstellungen – in Freundschaft von Lanner und trat ab 1.9.1825 mit eigener Kapelle und eigener Musik in Gasthäusern und Etablissements auf, etwa beim „Schwan in der Rossau“ (heute Leopoldstadt IX), im „Hotel Finger“ in Döbling (heute Wien XIX), oder „Zu den zwey Tauben“ auf dem Heumarkt (heute Wien III). Indessen schien es angebracht, passende neue Kunstmusik für sein Orchester zu adaptieren und sein Repertoire kontinuierlich zu erweitern, was ihn die eigenen Grenzen gewahr werden ließ. Er entschloss sich zur Professionalisierung von Geigenspiel und Musiktheorie und nahm Unterricht bei L. Jansa und I. v. Seyfried. Um gegen die Konkurrenz bestehen zu können, inszenierte er große Feste mit Dekoration und Illumination, was ihm regen Publikumszustrom sicherte und Aufträge zur Leitung der Repräsentationsbälle bei Hof (Hofball) eintrug. Ab 1832, nach seiner Ernennung zum Kapellmeister des 1. Bürgerregiments, komponierte er zusätzlich Marschmusik, und um seine Kapelle auch außerhalb der Ballsaison auszulasten, unternahm er ab 1833 ausgedehnte Tourneen nach Budapest und in verschiedene österreichische Städte, dann nach Deutschland, Belgien und Holland. Seine großen beruflichen Erfolge taten einem regen Privatleben keinen Abbruch; innerhalb von 21 Jahren wurde er Vater von 14 Kindern mit zwei Partnerinnen. Seine zweite Familie mit insgesamt 8 Kindern, wovon nur drei das Erwachsenenalter erreichten, gründete er um 1834 mit Emilie Trampusch (1814–57), mit der er ab 1843 zusammenlebte. Sie begleitete ihn auf den Reisen, wobei ihm in Paris (1837/38) Aufmerksamkeit und Bewunderung nicht nur von König Louis Philippe, sondern auch von Adolphe Adam, Daniel François Esprit Auber, Hector Berlioz, L. Cherubini, F. Halévy, G. Meyerbeer, Philippe Musard und N. Paganini zuteil wurden. Bei der nächsten großen Tournee nach England, Schottland und Irland kam es wegen Arbeitsüberlastung zum Zusammenbruch mit langer Erholungsphase. Nun stand er wieder vermehrt vor Publikum in Wien und Baden bei Wien, erkennend, sein Terrain erneut erobern zu müssen. Kleinere Gastspiele in die österreichische Provinz und nach Deutschland fanden fortan nur mehr außerhalb der Ballsaison statt. 1843, nach dem Tod von Lanner, nahm seine Frau Anna die Gelegenheit wahr, Sohn Johann zur Beendigung seiner musikalischen Ausbildung und zur Gründung eines eigenen Orchesters zu drängen, mit dem er am 15.10.1844 sein Debüt feierte. Die Übernahme der Lanner-Kapelle durch dessen 8-jährigen Sohn August stellte keine ernsthafte Konkurrenz zu ihrem Projekt dar, das ihr 1845 die Scheidung ermöglichte, als die Einnahmen des Sohnes die Existenz der Familie, ihrer beiden Töchter und Söhne, sichern helfen konnten. Dass St. der neuen Situation mit Abwehr begegnete, zeigen die vielen Maßnahmen gegen den Sohn und seine Kapelle. Sein Ansehen im Musikleben erreichte 1846 durch seine Ernennung zum Hofballmusikdirektor einen weiteren Höhepunkt, was er bei der Revolution 1848 mit Kaisertreue quittierte. Im Herbst nahm St. seine Gastspielreisen wieder auf und reüssierte ein letztes Mal in England. Nach seiner Rückkehr erkrankte er an Scharlach und starb am 25.9.1849.

Allen Gerüchten zum Trotz erwies St. Sohn seinem Vater öffentlich Ehrerbietung, indem er im Wiener Stephansdom W. A. Mozarts Requiem dirigierte und dem Begräbnis in Anwesenheit eines Fünftels der Einwohner Wiens beiwohnte. Wiewohl St. im Verlauf des 19. Jh.s einerseits durch musikalisch-stilistische Veränderungen, andererseits durch den fulminanten Erfolg seines Sohnes keine kontinuierliche Rezeption zuteil wurde, würdigten ihn die Wiener und Badener 1905 und 1912 durch die Errichtung von Doppeldenkmälern mit Lanner im Rathauspark und im Badener Kurpark. Seine musikalischen Verdienste manifestieren sich in der Festlegung des Walzers als Musikstück mit Introduktion, einer Folge von fünf doppelgliedrigen Walzern und einer Coda. Seine Melodien gliedern sich in kurze Phrasen, die der Dreiteilung von Taktpaaren gegen den Rhythmus, Synkopierungen und der Hervorhebung schwacher Taktteile ihren Reiz verdanken. Um Aktualität zu suggerieren, zur Unterscheidung der Stücke und aus werbetechnischen Gründen gab er seinen Melodien aussagekräftige Titel. Teils programmatisch wie Eisenbahn-Lust-Walzer op. 89 oder Loreley-Rhein-Klänge op. 154, teils autobiografisch wie Erinnerung an Berlinop. 78, oder politisch wie der Radetzky-Marsch op. 228 und der Jellacic-Marsch op. 244 anlässlich der Revolution 1848 sowie der Wiener Jubel-Marsch op. 245 zur Befreiung Wiens oder der Walzer op. 103 anlässlich der Krönung der englischen Königin Victoria, geben sie Aufschluss über Vorkommnisse bei Hof, im Alltag und über Modeerscheinungen zur Zeit seines Wirkens.


Gedenkstätten
St.-Lanner-Denkmal im Rathauspark (Wien I) u. im Kurpark Baden; Gedenktafel am Geburtshaus; Gedenktafel am Ort des Sterbehauses (Wien I, Kumpfgasse 11, s. Abb.); Ehrengrab Wr. Zentralfriedhof 1904.
Ehrungen
Bürger der Stadt Wien 1836.
Werke
250 Walzer (s. Tbsp.), Ländler, Märsche (Radetzkymarsch), Polkas, Galopps (s. Tbsp.), Quadrillen, Contratänze. – GA bearb. f. Kl., hg. v. Joh. St. Sohn, 7 Bde. 1889; NA von 8 Walzern in DTÖ 68 (1928); zahlreiche Einzelausgaben.

Autor(en)
Margareta Saary
Empfohlene Zitierweise
Margareta Saary, Art. „Strauß, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 16/10/2014]