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Glasharmonika
Instrument aus ineinander auf einer Achse montierten Glasschalen. Wurde 1761/62 von dem späteren amerikanischen Staatsmann Benjamin Franklin erfunden, der es zunächst armonica nannte. Zu jener Zeit befand er sich noch unbekannt auf Studienreise in London. Sein Interesse galt u. a. Uhren und Uhrwerken. Einige dieser Uhren hatten Glockenspiele aus Glasglocken und einige aus ineinander montierten halbkugelförmigen Glasschalen. Franklin hat sicher ein solches Glockenspiel zumindest in Zeichnungen gesehen und daraus sein eigenes Instrument entwickelt, nachdem er nach eigenen Aussagen ein Konzert auf Kelchgläsern, den auf den britischen Inseln sehr beliebten musical glasses, erlebt hatte.

Er wünschte sich die Gläser enger beieinander und dass der Spieler nicht mehr selbst mit befeuchteten Fingerspitzen am Rand des Glases kreisrund entlangreiben muss, sondern vielmehr, dass sich die Gläser selbst drehen sollten. Um dieses zu erreichen, ließ er halbkugelförmige Schalen herstellen, die am Boden eine Öffnung und einen Halsansatz hatten. Auf eine eiserne Spindel montierte er die Schalen mit Hilfe von Kork und am Ende der Spindel befestigte er ein Schwungrad, welches mit einem Pedalmechanismus verbunden war.

Dem Spieler wird so erlaubt, im Bassbereich Akkorde und gleichzeitig im Diskant eine gebundene Melodie auszuführen. Die Dynamik lässt sich durch leichte Erhöhung der Rotationsgeschwindigkeit und durch variierenden Druck sehr vielseitig gestalten. Triller und Verzierungen sind ausführbar, nur in der Bassoktave (c–c1) sind schnellere Läufe bei dünnwandigen Schalen sehr mühsam und je nach Modell bei dickwandigeren unmöglich. Besonders im deutschsprachigen Raum wurde die armonica rasch weiterentwickelt und der Tonumfang betrug bald 4 Oktaven, meistens beginnend beim kleinen c. Aus dem Namen armonica wurde alsbald die Harmonika. Erst als man ab ca. 1810 die ersten Zungeninstrumente unter der Bezeichnung „Physharmonika“ erfand, wurde der Zusatz „Glas-“Harmonika nötig. Die Erfinder der ersten Physharmonikas versuchten dadurch, an der außerordentlichen Beliebtheit der Harmonika zu ihrer Zeit zu profitieren. Andere Musikinstrumente aus Glas werden zudem fälschlicherweise oft als Glas-Harmonika bezeichnet. Zur Orientierung ein kurzer Überblick: das Euphon (von Ernst Florenz von Chladni, 1791) besteht aus Glasstäben, welche mit Klangplatten oder -stäben verbunden sind. Reibt man die Glasstäbe, geraten die Platten in Schwingung, die Stimmung hängt von der Länge der Platten ab. Beim Chlavizylinder, ebenfalls von Chladni um 1790 entwickelt, reibt eine gläserne Walze mit Filz überzogene Metallzungen an, die mit einer Tastatur gegen dieselbe gedrückt werden. Das Glasklavier besteht aus Glasplatten, die von Hämmern angeschlagen werden. So ein Instrument sollte ursprünglich auch in der Zauberflöte von W. A. Mozart als Glockenspiel erklingen. Ein Pyrophon (ab ca. 1777) erklingt durch die schwingende Luftsäule in einem Glasrohr, welche durch Gasbrenner erzeugt wird. Instrumente aus senkrechtstehenden Kelchgläsern existieren unter den Bezeichnungen musical glasses (ab ca. 1700), Verrophon (ab ca. 1800), Gläserspiel und Glasharfe (ab 1936 durch Bruno Hoffmann). Eine Weiterentwicklung des Gläserspiels ist das (Röhren-)Verrophon, aus senkrecht stehenden Glasröhren, 1986 von Sascha Reckert entwickelt.

Die Modezeit der Harmonika war indessen etwa 1770 bis 1830. Den Grundstein ihres Erfolges in der Musikwelt legten J. A. Hasse mit seinem Werk L’armonica (Wien 1769), später Mozart mit seinem Solo-Adagio in C und dem Adagio und Rondo für G., Flöte, Oboe, Viola und Cello (Wien 1791). Die Wiener allgemeine Zeitung forderte die Verwendung der G. sowie weiterer Glasinstrumente in der Oper (16.1.1813). Für die geringere Beachtung der Harmonika in den Jahren ab 1830 lassen sich viele Gründe anführen: der Siegeszug des Pianofortes (Klavier), die größeren Orchesterbesetzungen, größere Konzertsäle usw., doch eigentlich zu erklären ist es nicht. Man stelle sich nur die Bereicherung mancher Werke z. B. von Claude Debussy vor.

Immerhin wurde die Harmonika im Musiktheater ab und zu berücksichtigt, so z. B. in der Wahnsinnsarie der Lucia in Lucia di Lammermoor (Mailand 1835) von G. Donizetti und im 3. Akt der Frau ohne Schatten (Wien 1919) von R. Strauss. In beiden Opern versinnbildlicht die Harmonika die jeweilige Schlüsselstelle. Da Donizetti die UA ohne Harmonika geben musste (es fand sich wohl kein Musiker oder ein auf Orchesterhöhe gestimmtes Instrument), fiel der Part der Soloflöte zu und ist – obwohl als Harmonikasolo gedacht – als solcher bis heute berühmt. Strauss hat zur UA der Frau ohne Schatten 1919 eine Harmonika bestellt und bekommen. Nach Aussagen der Enkelin des letzten Erbauers Pohl, Frau Anna Müller, war die Achse des angelieferten Instruments aber durch den Transport verbogen. Bei späteren Aufführungen nach 1945 hat man den Part von Weingläsern spielen lassen. So erklang der vollständige (bis zu 8-stimmige!) Harmonikapart erstmals 1996 bei den Salzburger Festspielen unter Sir G. Solti, gespielt von Sascha Reckert auf einer Harmonika aus eigener Produktion. Die Wiener Staatsoper hat in der letzten Inszenierung der Frau ohne Schatten den Harmonikapart trotz eindeutiger Partiturangabe unbegründeter Weise vom Vibraphon ausführen lassen, was die von Strauss beabsichtigte Klangwirkung nicht ersetzen kann.

Im symphonischen Bereich kam die Harmonika noch einmal 1837 im Gewandhaus Leipzig unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy mit Szenen aus Faust I mit Orchester von Fürst Anton Radziwill (1775–1833) zu Ehren.

Die benötigten Instrumente stammten zumeist aus der Werkstatt der Familie Pohl aus dem damaligen Kreibitz in Böhmen (Chřibská/CZ). Der letzte Harmonikabauer K. F. Pohl hat selbst noch 1926 das Mozart-Quintett bei den Salzburger Festspielen gespielt. Wien galt etwa bis zum Tode von K. L. Röllig (1805) auch als eines der Zentren für den Harmonikabau. Röllig versuchte, die Tonansprache mit Hilfe einer Tastatur zu verbessern, was jedoch auf Kosten des Klanges ging. Bereits ab etwa 1770 begann der berühmte Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) in Hauskonzerten auf einer eigens in Auftrag gegebenen Harmonika zu spielen und ihre Klänge therapeutisch zu nutzen. Mesmer galt als Mäzen und Freund Mozarts, der selbst auf Mesmers Harmonika gespielt hat.

In unserer Zeit produziert S. Reckert (München) seit 1988 wieder Harmonikas nach historischen Vorbildern in der Glashütte Eisch (Frauenau/D) und spielt in vielen Opernhäusern der Welt die Parts in Lucia di Lammermoor und Frau ohne Schatten. Weltweit gibt es momentan etwa 300 Glasspieler, darunter 20 professionelle Glasmusiker, von denen nur etwa 6 eine G. mit für die Kammermusik und Orchesterliteratur erforderlichem Tonumfang spielen.

Die Harmonikas des amerikanischen Herstellers Finkenbeiner weisen einen zu geringen Tonumfang im Bassbereich auf, so dass die Wiedergabe originaler Werke eine Oktavierung nach oben oder eine Bearbeitung erfordert.

Etwa 40 historische Harmonikas befinden sich in den Museen der Welt (darunter ca. 10 spielbare) und wenige in den Händen von Sammlern. Durch die modernen Harmonikas, Verrophone und Gläserspiele werden immer mehr zeitgenössische Komponisten zu Werken mit Glas angeregt, so dass von einer musikalischen Renaissance jenseits eines Kuriosums gesprochen werden kann.


Literatur
K. L. Röllig, Über die Harmonika 1787; J. Ch. Müller, Anleitung zum Selbstunterricht auf der Harmonika 1788; C. F. Pohl, Zur Gesch. der G. 1862; Dt. Instrumentenbau-Zeitung 1903/04; W. Luethge in Der Bär 1925; Dresdner Aktuelle Nachrichten 3/1941; P. Lynton in News and Renews 1951; A. Pace, Benjamin Franklin and Italy 1958; W. B. Pohl, Tönendes Glas 1960; A. Buchner in Das Musikinstrument 19 (1970) u. 20 (1971); H. Ullrich, Die blinde G.virtuosin Mariane Kirchgessner und Wien 1971; H. Schneider, Mariane Kirchgeßner und Boßler 1985; M. Schuler in Freiburger Univ.sbll. 25/93 (1986); Tabelle für Verrophon mit einigen Unterhaltungsstücken, aus einem Kat. böhmischer Musikalienhändler (u. a.), ca. 1870 (enthalten im sog. Zimmermann-Kat.; Orig. im Stadtmuseum München).

Autor(en)
Sascha Reckert
Empfohlene Zitierweise
Sascha Reckert, Art. „Glasharmonika‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]