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Physharmonika
Tasteninstrument mit durchschlagenden Metallzungen, das von Wiener Instrumentenmachern in der 1. Hälfte des 19. Jh.s entwickelt wurde. 1818 soll es A. Häckel (m. Abb.) erfunden haben, am 21.3.1821 suchte er um ein fünfjähriges Privileg an, welches ihm am 8.4.1821 erteilt wurde. Die Windversorgung erfuhr anfangs die größten Veränderungen. Häckel spricht in seinem Privileg von einem Instrument mit einem Tonumfang F’–f’’’’ und der Verwendung eines sog. „Aushalt“-Balges. In seinem vieroktavigen Instrument (im Technischen Museum Wien) findet man einen Schöpfbalg und einen Magazinbalg. Das rechte Pedal betätigt die Balganlage – ziemlich rasches Treten sorgt für einen halbwegs gleichmäßigen Wind, das linke Pedal betätigt einen Schieber, der die Luftzufuhr zur Windlade fast vollständig sperrt: ein piano-Zug. Das neue Instrument wurde durch H. Payer außerordentlich propagiert. Er spielte es im Oktober 1821 öffentlich, schrieb spezielle Kompositionen dafür und brachte es im April 1822 in seinem Stück Die musikalische Akademie auf die Theaterbühne. 1823 führte er die Ph. in Paris vor, was Nachbauten französischer Hersteller nach sich zog. Am 18.2.1824 erhielten Anton Reinlein und sein Sohn Rudolf ein fünfjähriges Privileg für eine Harmonika „auf chinesische Art“ (ein Instrument von Reinlein befindet sich im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg/D). Unmittelbar nach dem Erlöschen des Häckel´schen Privilegs reichte Karl Fuchs am 12.5.1826 eine Verbesserung der Ph. ein (das Privileg wurde ihm am 23.6.1826 erteilt): die Verwendung eines „Laternen-Blasbalgs“ ermöglicht einen „beständigen Windvorrat“. 1835 veröffentlichte der Pianist und Ph.-Virtuose C. G. Lickl bei A. Diabelli seine Theoretisch-Practische Anleitung zur Kenntniss und Behandlung der Phys-Harmonica (s. Abb.) und schuf mit Originalkompositionen sowie Arrangements und Bearbeitungen beliebter Stücke ein reiches Repertoire für die Ph., für die auch C. Czerny, S. Neukomm, J. Dont, J. B. Ziegler, K. Krebs, Johann Beranek, Johann Krall, L. A.Zellner, R. Schumann u. a. schrieben. Die Ph. wurde in den verschiedensten Größen und Tonumfängen von zahlreichen Instrumentenmachern in Wien hergestellt und auch in Hammerklaviere (C. Graf, A. Streicher, Joseph Schätzel; Klavierbau) eingebaut, auf diese aus der Kleinheit der Windlade sich anbietende Verbindung hatte Häckel in seinem Privileg bereits hingewiesen. Auf diese Kombinationsinstrumente geht J. F. Kloß in seinem Artikel von 1843 näher ein (s. Lit.). Lickls Ph.-Schule bezieht sich explizit auf Instrumente J. Deutschmanns mit sechs Oktaven (F’–f’’’’). Diese besitzen ein oder zwei Zungenreihen (die oktavierende zweite Zungenreihe wird mit Registerzug zugeschaltet) und verfügen über zwei Druckbälge, die durch zwei Pedale betätigt werden. Eine diffizile Tret-Technik erlaubt ein expressives Spiel, ein An- und Abschwellen der Töne und wirkungsvolle Spezialeffekte (z. B. tremolando). Auf der allgemeinen österreichischen Gewerbs-Produkten Ausstellung 1835 und 1839 in Wien erhielt Deutschmann für seine Instrumente, die sich „eines bedeutenden Absatzes, selbst im Auslande“ erfreuten, die silberne Medaille. Am 17.4.1842 erwarben Georg Mayer und Josef Mickschick noch ein zweijähriges Privileg auf Verbesserungen der Balganlage und Anbringung von Klang formenden Aufsätzen unter dem Namen „Hediphon“. In der 2. Hälfte des 19. Jh.s wurde die Ph. allmählich vom Harmonium (Harmonika-Instrumente) verdrängt. Sie hat jedoch als Durchschlagzungen-Register ohne Resonatoren Eingang in die Disposition der romantischen Orgel gefunden.
Literatur
AmZ Juni 1821, 395; Bericht über die erste allg. österr. Gewerbs-Produkten Ausstellung im Jahr 1835, 1835; Bericht über die zweite allg. österr. Gewerbs-Produkten Ausstellung im Jahr 1839, 1840; Beschreibung der Erfindungen und Verbesserungen für welche in den kaiserlich-königlichen österr. Staaten Patente ertheilt wurden, und deren Privilegiums-Dauer nun erloschen ist 1 (1841) u. 3 (1845); G. Brosche (Hg.), DTÖ 142–144 (1987); F. B. Fray, Allgemeiner Handlungs-Gremial Almanach für den österr. Kaiserstaat 1836ff; J. F. Kloß in Allgemeine Wr. Musik-Ztg. 3 (1843), 225f u. 229f; Weinmann 2/24 (1985), 338; Wurzbach 1–60 (1856–91) [erwähnte Namen]. – Archiv der TU Wien.

Autor(en)
Helmut Kowar
Empfohlene Zitierweise
Helmut Kowar, Art. „Physharmonika‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]