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Solmisation
In vielen Kulturen angewandte Methode des Blattsingens (Singen) mit Hilfe von Silben, die den jeweiligen Tonstufen zugeordnet werden. Die Gewinnung bzw. Ableitung der S.s-Silben „ut re mi fa sol la“ aus dem Johannes-Hymnus Ut queant laxis gehörte seit Guido von Arezzo, also etwa ab der Mitte des 11. Jh.s, zum Standard der Elementarlehre des Gregorianischen Chorals und zur Ausbildung von Sängerknaben. Die sechs (meist als voces bezeichneten) Silben ergeben ein diatonisches Hexachord mit dem Halbtonschritt in der Mitte. Dieses kann nach Guido auf C oder G, später auch auf F aufgebaut werden und wird dementsprechend als natura(le), durum oder molle definiert. Jeder Ton wird in dem zweieinhalb Oktaven umfassenden Tonsystem mit ein bis drei Silben kombiniert (z. B. Gsolreut). Nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Komposition wurden die S.s-Silben verwendet, etwa als Tonsymbol (G = [lat.] sol = dt. „Sonne“) oder als Soggetto cavato (Motiv, das mit den voces bzw. deren Vokalen auf einen Namen verweist).

Ein auf derselben Tonstufe (gedanklich) stattfindender Wechsel von einer Silbe zur nächsten (z. B. von Gsol zu Gre), die sog. Mutation, ist aus zweierlei Gründen nötig: wenn der Ambitus der Melodie den Rahmen des Hexachords übersteigt oder wenn das „Vorzeichen“ (bfa statt bmi) sich ändert. Die beliebige, auf alle Stufen ausgedehnte Mutation wird seit dem Spätmittelalter praktiziert und resultiert in den als coniunctae beschriebenen Alterationen (cis, es, fis, as usw.); verwandt damit ist die musica ficta. Ende des 16. Jh.s kam für die 7. Stufe die Silbe si (u. ä.) hinzu, womit das System gesprengt wurde.

Im 14. Jh. wurde die S. von Engelbert v. Admont als einem der ersten Theoretiker überhaupt behandelt. In mehreren Musiktraktaten des 15. Jh.s aus dem Stift Mondsee (heute in A-Wn) finden sich Bemerkungen über S. und Mutation. D. Hitzlers Erfindung der Bebisation (1623), bei der Hochalteration mit dem Vokal „i“ (im Gegensatz zum „e“) angezeigt wird (wobei be = b und bi = h), konnte sich nicht allgemein durchsetzen, wenngleich ihm einige (Nikolaus Gengenbach, Otto Gibelius) gefolgt sind. Eine spezifisch österreichische Tradition der selbstverständlichen Einbindung der S. in die allgemeine Musiklehre lässt sich in Texten von J. B. Samber (1704) oder J. J. Fux (1725) erkennen. In der Kontroverse mit Johann Mattheson führte Fux Argumente ins Treffen, die im Prinzip noch in der heutigen Gesangspädagogik und Gehörbildung als Solfège bzw. Solfeggio berücksichtigt werden.


Literatur
MGG 8 (1998); NGroveD 23 (2001); Riemann 1967; RISM B III6 (2003); O. Wessely in Jb. der Stadt Linz 1951 (1952).

Autor(en)
Alexander Rausch
Empfohlene Zitierweise
Alexander Rausch, Art. „Solmisation‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]