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Opernregie
Das Grundwort Regie verweist nach Herkunft und Bedeutung im Übersetzungsvergleich auf verschiedene Merkmale und Aspekte der ordnenden und gestaltenden Bühnenarbeit. Der deutsche (Fremd-)Ausdruck und sein italienisches Gegenstück regia nimmt auf die leitende und lenkende Tätigkeit des Meisters der Szene Bezug, wie das lateinische Basisverbum regere deutlich macht. Das englische Pendant production betont stärker die handwerklich schaffende Prozedur, mit der ein Regisseur (engl. producer) einem sprachlich-musikalischen Werk (im Falle der Oper einem aus Libretto, Partitur und Szenenanweisungen bestehenden Text) gleichsam Raum gibt, es im doppelten Wortsinn stattfinden lässt. Diese wichtige Rolle, die im modernen Verständnis weit über das Arrangieren von Auftritten und die Kontrolle der Körperhaltungen hinausgeht, spiegelt sich besonders in der amerikanischen Bezeichnung director. Die französische Terminologie (mise en scène, metteur en scène) wiederum betont den Transformationsprozess von der schriftlich fixierten Vorlage zum lebendigen (musik-)dramatischen Ereignis. Damit korrespondiert der Begriff Inszenierung, der bisweilen als Alternative, sogar als Synonym zu Regie verwendet wird. Er enthält in seinem Wortkern das letztlich griechische Vokabel σκηνή, das zuerst das Zelt, die Hütte, später in der Theaterpraxis das Bühnengebäude bedeutet hat. Eine sinnvolle Unterscheidung der beiden Termini betont in Regie stärker die Personenführung und die Deutung des Geschehens, während bei Inszenierung – ausdrücklich oder implizit – immer auch die Ausstattung, also das Bühnenbild, die Kostüme und – in modernen Produktionen zunehmend wichtig und kreativ – das Lichtdesign mitverstanden werden. Daher kann eine neue Regie (bei der Wiederaufnahme einer Inszenierung oder im Falle einer übernommenen Produktion) andere Solisten in bereits vorhandener Dekoration zu einer ungewohnten und originellen Werkinterpretation bewegen. Auch die Überwachung der szenischen Abläufe im Opernrepertoire, dazu die Unterweisung von Gastsängern bzw. „Einspringern“ obliegt einem Regisseur: Er bzw. sie heißt in dieser Funktion zumeist Abendspielleiter(in) und hat im Normalfall als Regieassistent(in) die ursprüngliche Inszenierung begleitet. Die Verantwortlichen für Regie, Bühnenbild, Kostüm und Dramaturgie einer Produktion ergeben deren Regieteam, das durch den Dirigenten zum „leading team“ erweitert wird. Dieser Personengruppe kommt in Absprache mit dem Intendanten eine Reihe von Aufgaben zu: so die Wahl bzw. Herstellung der Spielfassung eines Werks, allenfalls auch der Übersetzung, weiters die Zusammenstellung einer geeigneten Besetzung, in der das Ensemble eines Opernhauses oft durch zusätzlich engagierte Kräfte ergänzt wird.

Der erste offizielle Kontakt dieses Kollektivs ist zumeist die sog. Bauprobe, bei der am Beispiel eines Modells die wesentlichen Merkmale einer Inszenierung demonstriert und festgelegt werden. Die eigentliche Probenphase dauert bis zur Premiere je nach Haus und Stück gewöhnlich etwa sechs Wochen. Der Zeitraum kann bei besonders anspruchsvollen Stücken (UA einer zeitgenössischen Oper, Einstudierung mehrerer Einakter zu einem Abend, Erarbeitung von Rich. Wagners Ring-Tetralogie) auch wesentlich großzügiger bemessen sein. Die Probenarbeit beginnt zumeist mit einem Konzeptionsgespräch, in dem der Regisseur und seine Partner den Mitwirkenden ihre Lesart der produzierten Oper erläutern. Während mehrerer Wochen läuft die Arbeit am Stück zumeist parallel ab: Der Regisseur leitet auf einer besonderen Probebühne die szenische Einstudierung mit Klavierbegleitung (Klavierproben), wobei der Dirigent oder sein Stellvertreter Tempo und Einsätze vorgibt, während der musikalische Leiter überdies separat mit dem Orchester die Partitur erarbeitet. Bei den szenischen Proben wird im Regelfall zuerst mit einzelnen Szenen und Sequenzen begonnen, die sich in späteren Phasen zu größeren Einheiten verbinden (Durchlauf). Bei der sog. Klavierhauptprobe treten die Gesangssolisten und der Chor erstmals in Kostüm und Maske auf. Die Bühnen-Orchester-Probe führt alle Beteiligten an einer Produktion zusammen. Letzte Details der Regie können in den Pausen oder nach Ende der Orchesterhauptprobe sowie der häufig öffentlichen Generalprobe geklärt und mit dem künstlerischen Personal abgestimmt werden.

Nicht immer wurde dem Regisseur die gleiche Bedeutung beigemessen, die ihm im 20. Jh., besonders aber im Zeitalter des gegenwärtigen „Regietheaters“ zukommt (2004). Noch im 19. Jh. war er ein schlecht bezahlter, wenig geschätzter und auf dem Besetzungszettel nicht genannter Spielleiter, der v. a. die Auftritte der Solisten und die Position der Chöre zu organisieren und gastierende Sänger in die laufende Inszenierung einzuweisen hatte.

G. Mahler hat als Direktor der Wiener Hofoper der Regie, die er häufig selbst übernahm, im Verein mit dem Bühnenbild (besonders in Partnerschaft mit dem Ausstatter A. Roller) eine wichtige Aufgabe zugestanden. Dirigenten wie R. Strauss oder W. Furtwängler (ab den späten 1950er Jahren v. a. auch H. v. Karajan in Wien und Salzburg) sind ihm gelegentlich in dieser Doppelfunktion gefolgt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Zusammenwirken mit einer veränderten Dramaturgie und neuen Bühnenästhetik die Rolle des Opernregisseurs beträchtlich aufgewertet. Als Galionsfiguren, aber auch als Antipoden galten in den 1950/60er Jahren W. Felsenstein und Wieland Wagner. Der Erstgenannte schuf als Intendant der von ihm gegründeten Komischen Oper in (Ost-)Berlin (ab 1947) das Konzept des realistischen Musiktheaters, in dem Singen als überhöhter Gefühlsausdruck angesehen wird. Die von Felsenstein geprägten Regisseure J. Herz und Götz Friedrich haben diesen Inszenierungsstil individuell weiterentwickelt und in ihren späteren Wirkungsstätten (Leipzig/D, Dresden/D bzw. Deutsche Oper Berlin) umgesetzt, wovon auch Gastinszenierungen an österreichischen Bühnen (Wien, Salzburg) beredtes Zeugnis ablegen. Der Wagnerenkel wiederum, der als Bühnenbildner begonnen hatte, ersetzte die traditionelle Ausstattung durch abstrakte, symbolträchtige Versatzstücke (Scheibe, geometrische Formen) und eine durch Licht und Farben hervorgehobene intensive Personenregie. Die Formel „Neues Bayreuth“ und die „Entrümpelung“ der Bühne von klischeehaften Bauten, traditionellen Dekorationen und Requisiten wurde zum ästhetischen Emblem, sogar zur (zunehmend überzeugenden) Kampfparole. Etwa in der Mitte zwischen diesen beiden Positionen hielten sich die Regisseure O. F. Schuh (u. a. Köln/D) und G. Rennert (Hamburg/D, München/D), die mit ihren psychologisch ausgefeilten, bewegungsorientierten Regiekonzepten auch die österreichische Szene erfolgreich und nachhaltig geprägt haben.

Der (in Zustimmung wie Kritik) so viel benützte wie schillernde Begriff des „Regietheaters“ versucht – besonders in seiner Ausprägung seit den 1970er Jahren – eine Neudeutung klassischer Werke der Opernliteratur – z. B. durch eine Versetzung der Handlung in die Gegenwart und in modernem Kostüm, aber auch durch Übertragung in die Epoche der Entstehung des Stücks oder in ein zeitloses, quasi allgemein gültiges Ambiente. Dazu treten zumeist eine Umdeutung des Handlungsverlaufs, eine Neubewertung der Charaktere, nicht selten auch eine Verfremdung der jeweiligen Dramaturgie (Dekonstruktion, Hervorkehren von Nebenmotiven, Misstrauen gegenüber einem Happyend, Betonung der Gegensätze).

Die künstlerische Zusammenarbeit von Opernregisseuren mit kongenialen Bühnenbildnern führt immer wieder zu faszinierenden Neudeutungen von großen Werken der Opernliteratur. Als Beispiel sei der Ring der Nibelungen in Bayreuth genannt: Während H. Kupfer gemeinsam mit H. Schavernoch das Weltgeschehen als Straße der Geschichte auffasste und mit einem Rückgriff auf die Götterdämmerung zu Beginn des Rheingolds die Zyklizität der Tetralogie betonte (1988–92), arbeitet das Konzept von Jürgen Flimm und Erich Wonder (2000–04) mit identischen, aber zunehmend devastierten Schauplätzen und chiffriert die ethisch verkommene Gesellschaft mit Bildern aus dem korrupten Milieu moderner Geschäftemacher.

Unter den Regisseuren der letzten Dezennien waren einige zunächst Ausstatter, ehe sie für die gesamte Inszenierung verantwortlich zeichneten (J.-P. Ponnelle, Achim Freyer, Herbert Wernicke, Pet Halmen). Andere haben den Weg vom Schauspiel zur O. genommen (Patrice Chéreau, Jürgen Flimm, Günter Krämer).

Auch an österreichischen Bühnen hat das Regietheater, wenn auch mit Verspätung, eine Heimstätte gefunden, wie ein Blick auf die jüngsten Intendanzen der Salzburger Festspiele (Herbert Wernicke, Peter Sellars, Christoph Marthaler, Achim Freyer unter G. Mortier; Günter Krämer, Robert Carsen, Stefan Herheim, Jürgen Flimm, Martin Kušej unter P. Ruzicka), aber auch auf den Spielplan der beiden Wiener Opernhäuser (Herbert Wernicke, Günter Krämer, Robert Carsen, David Pountney, Christine Mielitz) beweist. Auch Landesbühnen haben an dieser Entwicklung partizipiert, wie die Engagements von Peter Konwitschny in Graz, von Christine Mielitz in Salzburg oder die vorwiegend avancierten Regiekonzepte in Linz und Klagenfurt demonstrieren. Unter den jüngeren österreichischen Opernregisseuren haben in den letzten Jahren etwa Michael Sturminger und Olivier Tambosi auch internationale Anerkennung gefunden.


Literatur
E. Schmierer (Hg.), Lex. der Oper 1 (2002) [Inszenierung]; W. Felsenstein/S. Melchinger, Musiktheater 1961; H. Weber (Hg.), Werk und Werktreue in der Oper 1994; V. Peusch, O. – Regieoper 1984; U. Bermbach/W. Konold, Oper von Innen. Produktionsbedingungen des Musiktheaters 1993; A. Langer, Der Regisseur und die Aufzeichnungspraxis der O. im 19. Jh. 1997; A. Jacobshagen (Hg.), Praxis Musiktheater. Ein Hb. 2002; U. Müller in ÖMZ 59/7 (2004).

Autor(en)
Oswald Panagl
Empfohlene Zitierweise
Oswald Panagl, Art. „Opernregie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15/07/2004]