Logo ACDH-CH
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Pabst, Pabst, true Georg Wilhelm
* 1885 -08-2727.8.1885 Raudnitz/Böhmen (Roudnice nad Labem/CZ), 1967 -05-2929.5.1967 Wien. Schauspieler, Theaterleiter, Regisseur (Film, Oper), Drehbuchautor. Sohn des Stationsvorstandes August P. und seiner kunstsinnigen Frau Elisabeth (geb. Noe). Ein Karrieresprung des Vaters, der den Posten des Stationsvorstandes am Wiener Ostbahnhof erhielt, ermöglichte Tochter Viola eine profunde Schauspielausbildung, Sohn Georg die Offizierslaufbahn. Doch dieser Berufswunsch scheiterte rasch an seiner Kurzsichtigkeit. Nach Beendigung der Realschule folgte er seiner Schwester ans Wiener Konservatorium der GdM (1904/05–1905/06) und beendete seine Schauspielausbildung vor Jahresabschluss am 10.5.1906. Karrierebeginn in Baden bei Zürich/CH; weitere Stationen waren St. Gallen/CH, Salzburg, Dortmund/D, Nürnberg/D. Innerhalb zweier Jahre erlernte er 161 Rollen und wirkte bis 1911 erfolgreich am Kaiser Jubiläumstheater (heute Volksoper Wien). Ein Engagement führte ihn nach New York/USA. Bei seiner Rückkehr wurde er 1914 als feindlicher Ausländer in Brest/F interniert, er gründete eine Gefangenenbühne und traf erst 1919 in Wien ein.

1920 wurde P. am Deutschen Theater in Prag als Regisseur engagiert, danach leitete er die Neue Wiener Bühne. Den Ruf ans Burgtheater, ebenfalls 1920, schlug P. aus. 1921 lernte er Carl Froelich kennen und übernahm eine kleine Rolle im Film Im Banne der Kralle. Fasziniert vom Film, investierte er mit seinem Schwager, dem Finanzrat Broda, in die Froelich GmbH. 1921 entstand in Wien der Film Der Taugenichts, den P. als 2. Regieassistent begleitete. Danach erarbeitete er in Berlin gemeinsam mit Walter Supper ein Drehbuch nach Friedrich Schillers Drama Luise Millerin und fungierte als Regieassistent. 1922 gelang ihm sein Regie-Debüt mit dem Film Der Schatz. Hier manifestierte sich sein Faible für Verwicklungen aus Sex, Macht und Geld. Erste Breitenwirkung erfuhr er mit seinem Film Die freudlose Gasse nach Hugo Bettauer. Das große Interesse an diesem Film resultierte aus der Ermordung Bettauers durch einen Rechtsradikalen während der Dreharbeiten. 1924 heiratete er Gertrude Hennings, mit der er zwei Söhne hatte: Peter (* 1924) und Michael (* 1941). 1925 verfolgte er mit dem Film Geheimnisse der Seele das Ziel, die Lehre Sigmund Freuds dem Kinopublikum zu vermitteln. In diese Phase fiel seine Tätigkeit bei der Ufa, wo er die Optimierung des immanenten Tempos durch fließende Kamerabewegung erreichte.

Musikhistorisch bedeutsam mag P.s Befassung mit Frank Wedekinds Die Büchse der Pandora gewesen sein. Mitte 1928 engagierte er für die Hauptrolle die amerikanische Schauspielerin Louise Brooks. Seine Verfilmung löste massive Diskussionen aus. Indessen zum Inbegriff progressiver Filmkunst mit Breitenwirkung avanciert, fand er in seinem Kampf gegen minderwertige Filme kongeniale Persönlichkeiten – nicht zuletzt Heinrich Mann. Nach zwei gescheiterten Versuchen (1926 und 1928), H. Manns Roman Professor Unrat mit Emil Jannings zu realisieren, landete er mit dem nächsten Film Das Tagebuch einer Verlorenen einen spektakulären Skandal. Verbote, Kürzungen und Bearbeitungen waren erforderlich, ehe das Werk ab Jänner 1930 veröffentlicht wurde. Leni Riefenstahl lernte er bei der Arbeit am Bergfilm Die weiße Hölle vom Piz Palü kennen; hier führte er Regie bei den Spielszenen.

Wichtig für die Musikwelt war 1930 seine Realisierung der populären Dreigroschenoper von K. Weill (Text: Bert Brecht) in Seymour Nebenzahls Nero-Film AG, was nicht nur den fulminanten Erfolg der Oper, verlegt bei der Wiener Universal Edition, prolongierte, sondern auch den legendären Prozess gegen Brecht zur Folge hatte, den Brecht verlor, da den Bearbeitern kein schuldhaftes Vergehen nachgewiesen werden konnte. Weill, der ursprünglich allein den Prozess wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht angestrengt hatte, erhielt Recht. Die juristischen Unklarheiten führten zur Verzögerung der UA des am 15.11.1930 vollendeten Films. Um der durch den Tonfilm (Film) entstandenen Sprachproblematik zu begegnen, drehte man parallel auf Englisch und Französisch. Für Frankreich musste das Werk adaptiert werden, da der Stoff Ärgernis erregte; in Deutschland wurde der Film am 10.8.1933 verboten.

1932 führte ihn die Verfilmung des Sujets Die Herrin von Atlantis nach Nordafrika, anschließend drehte er in Frankreich in französischer und deutscher Version den Film Europa A.G., 1932/33 entstand in französisch-englischer Co-Produktion die Verfilmung von Cervantes’ Don Quichote mit dem russischen Bass Fedor Chaljapin. Eine Rückkehr nach Deutschland war unmöglich; folglich arbeitete P. für die französische Dependance der Tobis-Klangfilm, wo er Emigranten, etwa den Wiener Peter Lorre, einsetzte. In dieser Situation überlegte P. eine Zusammenarbeit mit Warner Bros in den USA: Warner kannte er seit seiner Arbeit am Dreigroschenfilm. Tatsächlich erhielt er 1933/34 ein Engagement für den Film A Modern Hero. Als vier Drehbücher abgelehnt wurden und sein Stil den Erwartungen Hollywoods zuwider lief, ging P. 1936 nach Frankreich, um den Faust-Stoff zu verfilmen. Dies vermochte er nicht zu realisieren, wohl führte er Regie bei einigen Unterhaltungsfilmen und beim Spionagefilm Mademoiselle Docteur, dessen Nachspiel auf realen Vorkommnissen beruhte, aber Ablehnung erfuhr. Angebote aus Deutschland mehrten sich, ohne dass er sie ernsthaft in Erwägung zog. 1938 zwang ihn der Tod seines Schwiegervaters zur Berlinreise. Die Erfahrungen ließen ihn umgehend nach Basel/CH flüchten und festigten seine Entscheidung zur Emigration (Exil): Für 8.9.1939 buchte er eine Passage auf der „Normandie“ in die USA. Befürchtend, seine Mutter vielleicht nie mehr zu sehen, besuchte er sie auf dem Familiengut Fünfturm/St, wo ihn am 1.9.1939 der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges überraschte. Sein Versuch, über Rom in die USA auszuwandern, scheiterte an einem Bruch, der einen dreimonatigen Krankenhausaufenthalt notwendig machte.

In dieser Situation akzeptierte er ein Angebot der Bavaria in München/D. Erneut arbeitete er mit L. Riefenstahl, die ihn für die Spielszenen in Tiefland engagierte, aber mit ihm brach. Joseph Goebbels beauftragte ihn mit einem Propagandafilm, dessen Realisierung P. trickreich durch fortgesetzte Umarbeitung des Drehbuchs torpedierte. Bei der Arbeit an seinem Paracelsus-Film anlässlich des 400. Todestages eskalierten Divergenzen mit derBavaria. Der Kriminalfilm Der Fall Molander seine letzte Arbeit im Dritten Reich – vor Kriegsende gedreht, aber nicht geschnitten.

Die häufige Auszeichnung seiner Filme durch das NS-Regime (Nationalsozialismus) rückte ihn in die Nähe der Kollaborateure. So bot er nun alles auf, um den Vorwürfen effizient zu begegnen. 60-jährig lebte er auf dem Familiengut in der Steiermark und verfilmte 1946 in Wien zum Thema Antisemitismus eine wahre Begebenheit aus 1883 unter dem Titel Der Prozess. Überzeugt von seiner Unbescholtenheit, unterstützte ihn nun die Gemeinde Wien bei der Gründung der P.-Kiba-Produktions-GmbH. Umgehend verwirklichte er unter dem Titel Duell mit dem Tod einen Film über den Widerstand. Hitlers letzte Tage waren Gegenstand von Der letzte Akt mit Oskar Werner. P.s Verfilmung von Stauffenbergs Attentatsversuch aus 1944 – Es geschah am 20. Juli – trat in Konkurrenz zu Falk Harnacks Der 20. Juli, der einen Tag vor P.s Premiere erschien.

Im Alter wandte sich P. verstärkt der Musik zu. So ist sein einziger Farbfilm C. M. v. Weber gewidmet (Durch die Wälder, durch die Auen). Sein phantasievoller Umgang mit Stoffen, auch mit Webers Vita, kam ihm ab 1953 als Opernregisseur, seiner letzten neuen Profession, zugute. In der Arena di Verona/I erlebte er mit seinen Inszenierungen von G. Verdis Aida, Il Trovatore und La forza del destino standing ovations. Sein letzter Versuch, mit einer eigenen Filmfirma (Kronos-Film) zu reüssieren (1952), scheiterte am Misserfolg des einzigen Werks Cose da Pazzi. Unterhaltungsfilme in der Bundesrepublik Deutschland beendeten seine Karriere, denn Mitte der 1950er Jahre erkrankte er an Diabetes, um 1957 am Parkinson Syndrom. Die letzten 10 Jahre lebte er auf seinem Gut in der Steiermark und in Wien. Am 29.5.1967 erlag er einer akuten Leberinfektion; am 5.6.1967 erfolgte die Beisetzung in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.


Gedenkstätten
Ehrengrab der Stadt Wien.
Ehrungen
Preis des Völkerbunds für Kameradschaft 1932; Légion d’honneur der Französischen Republik 1932; Internationale Filmfestspiele (IFF) Venedig: Goldene Medaille (Beste Regie) für Komödianten 1941; IFF Venedig: Goldene Medaille (Beste Regie) für Der Prozess 1948; Ehrenring der Stadt Wien 1948.
Werke
Im Banne der Kralle (Darsteller) 1921; Der Taugenichts (Regie-Assistenz, Co-Autor) 1921/22; Luise Millerin (Regie-Assistenz, Co-Autor) 1922; Der Schatz – Ein altes Spiel um Gold und Liebe (Regie, Co-Autor) 1922/23; Gräfin Donelli 1924; Die freudlose Gasse (Regie, Schnitt, Produzent) 1925; Geheimnisse einer Seele 1925/26; Man spielt nicht mit der Liebe (Regie, Schnitt) 1926; Die Liebe der Jeanne Ney (Regie, Schnitt) 1927; Abwege (Regie, Schnitt) 1928; Die Büchse der Pandora 1929; Tagebuch einer Verlorenen (Regie, Produzent) 1929; Die weiße Hölle vom Piz Palü 1929; Miss Europa (Prix de beauté) (Co-Autor) 1929/30; Moral um Mitternacht (Künstlerische Oberleitung) 1930. – Tonfilme: Westfront 1918 / Vier von der Infanterie 1930; Skandal um Eva 1930; Die 3-Groschen-Oper 1931; L’opéra de quat’sous (frz. Version von Die 3-Groschen-Oper) 1931; Kameradschaft 1931; Die Herrin von Atlantis 1932; L’Atlantide (frz. Version von Die Herrin von Atlantis) 1932; The Mistress Of Atlantis (engl. Version von Die Herrin von Atlantis) 1932; Don Quichotte 1933; Don Quixote (frz. Version von Don Quichotte) 1933; Du haut en bas 1933; Cette nuit-là (Künstlerische Oberleitung) 1933; A Modern Hero 1933/34; Mademoiselle Docteur 1936; Le drame de Shanghai 1938; L’Esclave blanche (Künstlerische Oberleitung) 1938/39; Jeunes filles en détresse 1939; Komödianten (Regie, Co-Autor) 1940/41; Paracelsus 1942/43; Der Fall Molander 1944/45; Der Prozeß 1948; Ruf aus dem Äther / Piraten der Berge (Künstlerische Oberleitung, Produzent) 1948/49; Geheimnisvolle Tiefe (Regie, Produzent) 1949; 1-2-3-Aus! / Meisterringer (Produzent) 1949; Duell mit dem Tod / Der Eid des Professor Romberg / Am Rande des Lebens (Künstlerische Oberleitung, Produzent) 1949; Männer ohne Tränen / Aus der Bahn geworfen (La voce del silencio) (Regie, Co-Autor) 1952/53; Cose da pazzi (Regie, Produzent) 1953; Das Bekenntnis der Ina Kahr 1954; Der letzte Akt 1954/55; Es geschah am 20. Juli 1955; Rosen für Bettina 1955/56; Durch die Wälder, durch die Auen 1956.
Schriften
Le Muet et le Parlant in Cinéma-Ciné, neue Serie, Nr. 118, 1.10.1928; Realität des Tonfilms in Film-Kurier, Sondernummer Zehn Jahre Film-Kurier, 1.6.1929; Politique et Culture in Je suis partout, Nr. 462, 19.1.1933 (Les idées de P. sur le cinéma; Interview von L. Gerbe); Film und Gesinnung in F. Henseleit (Hg.), Der Film und seine Welt. Reichsfilmblatt-Almanach 1933; Misere del Regista in L’Italia Letteraria 2.2.1935; Servitude et Grandeur de Hollywood in Le Rôle Intellectuel du Cinéma 3 (1937) (ND in U. Barbaro/L. Chiarini, Problemi del Film, Bianco et Nero, numero speciale, Nr. 2, 1939); Censor the Censor! in Sight and Sound, Winter 1938/39; Le Réalisme est un passage in Revue du cinéma, Nr. 18, Oktober 1948, 55; Il cinema, domani in Cinema, nuova serie, 15.12.1949; Über zwei meiner Filme in Filmkunst, Wien, Jahres-Bd. 1960.
Literatur
L. Atwell, G. W. P. 1977; L. Böhm in Filmkunst 1955, Nr. 18; L. Brooks, Lulu in Hollywood und Berlin 1983; H. Kappelhoff, Der möblierte Mensch. G. W. P. und die Utopie der Sachlichkeit 1994; E. Rentschler (Hg.), The Films of G. W. P. An Extraterritorial Cinema 1990; G. Schlemmer (Hg.), G. W. P. 1990; J. Schuchnig, G. W. P. und die Darstellung der neuen Sachlichkeit im Film, aufgezeigt anhand einiger beispielhafter Filme von P., Diss. Wien 1976.

Autor(en)
Margareta Saary
Empfohlene Zitierweise
Margareta Saary, Art. „Pabst, Georg Wilhelm‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15.5.2005]