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Atonalität
Gegenbegriff zur Tonalität. Der Begriff A. ist vieldeutig. Er bezeichnet zum einen sämtliche Konzepte, die die harmonische Tonalität als Grundlage von Formbildung, Melodik und Akkordverbindung um und nach 1900 ablösten, und hat damit Anteil an den Schwierigkeiten, Tonalität zu bestimmen. Zum anderen wird A. (1) durch Polytonalität als Gegenbegriff eingeschränkt, (2) speziell auf die von J. M. Hauer und A. Schönberg entwickelten Zwölftontechniken angewandt oder (3) auf Musik von Schönberg und seinen Schülern, die zwischen der Aufgabe der Tonalität und der Entwicklung der Komposition mit 12 Tönen, also etwa zwischen 1908 und 1923, entstand. Schönberg selbst lehnte übrigens den Begriff A. aufgrund eines terminologischen Missverständnisses ab. Seit Adornos Philosophie der neuen Musik unterscheidet man in Bezug auf Schönberg und seine Schule zwischen „gebundener“ (= seriell organisierter) und „freier“ A.

Gegenüber z. T. durch Folklore beeinflussten Ansätzen in Frankreich, Russland, Ungarn, USA ist die „freie“ A. der Schönberg-Schule durch ein Bündel von Prinzipien gekennzeichnet, die in anderen Konzepten von A. lediglich vereinzelt wirksam wurden. (1) Skalen treten als Ausgangspunkt melodischer und harmonischer Gestaltung in den Hintergrund. (2) In Akkorden gibt es weder Grundton, noch sind die Töne durch Terzschichtung aufeinander bezogen. Ohne Klangfundamente entfällt die Möglichkeit, tonale Zentren und Tonarten auszubilden. (3) Schönberg nennt die Aufgabe des den Tonsatz seit etwa 1300 prägenden Klangwechselprinzips „Emanzipation der Dissonanz“ (1976, 211); die Dissonanz bedürfe nicht länger der Auflösung in eine Konsonanz. Dies ist Voraussetzung für die Vorherrschaft der Dissonanz in den Zusammenklängen, den faktischen Ausschluss der Konsonanz. (4) Der Verzicht auf Wiederholung bedeutet im Bereich von Harmonik und Melodik eine Tendenz zum chromatischen Total – ein Ton darf erst wiederkehren nach Erklingen der anderen elf Tonhöhen; er bedeutet im Bereich der Syntax den Verzicht auf regelmäßige Taktgruppen und symmetrische Bildungen, formal die Reduktion der Dimensionen und ästhetisch den Vorrang des Unbewussten über rationales hörendes Erfassen durch Erinnerung und Erwartungen.

Seit den 1950er Jahren kann der Komponist und Theoretiker F. Neumann als Sprachrohr einer inhomogenen Gruppe österreichischer Komponisten gelten, für die A. eine historische Fehlentwicklung darstellt und denen im Gefolge etwa von Paul Hindemith oder J. N. David eine „kirchentonale Harmonik“ (1955, 28) als zeitgemäße Alternative erscheint.


Literatur
HmT 1995; MGG 1 (1994); R. Stephan in Publikationen der Internationalen Schönberg-Gesellschaft 3 (1996); Th. W. Adorno, Philosophie der neuen Musik 1949; A. Schönberg,Gesinnung oder Erkenntnis (1925) in Stil und Gedanke, hg. v. I. Vojtěch 1976; F. Neumann, Tonalität und A. 1955.

Autor(en)
Martin Eybl
Empfohlene Zitierweise
Martin Eybl, Art. „Atonalität‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]