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Hallstatt-Kultur
H.zeit = ältere Eisenzeit in Mitteleuropa, 8.–5. Jh. v. Chr.

Die mitteleuropäische ältere Eisenzeit (800/750–500/400 v. Chr.) wird geprägt durch die von Ostfrankreich bis in das Karpatenbecken, zur Adria und auf die Balkanhalbinsel reichende Zone der H.-K. Man unterscheidet einen Westhallstattkreis in Ostfrankreich und Süddeutschland, der mit der Kultur der frühen Kelten eng verbunden ist, und einen Osthallstattkreis im östlichen Österreich, der Slowakei, Westungarn und der Balkanhalbinsel. Die H.-K. ging in einzelnen Gebieten aus regionalen Gruppen der vorangegangen Urnenfelder-Kultur hervor, nahm Anreize aus dem Osten auf und stand in enger Verbindung mit dem norditalienischen Raum (Villanova-Kultur), dem etruskischen Kulturkreis und der griechischen antiken Welt. Neu war die Einführung des Eisens als Nutzmetall in Mitteleuropa. Durch den raschen Aufschwung der Erzeugung und des Fernhandels (v. a. mit Salz) war es zu einer sehr schnell fortschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung gekommen. Es herrschte eine Schicht adeliger Krieger („Fürsten“), die in befestigten Höhensiedlungen wohnten und in reich ausgestatteten Hügelgräbern beigesetzt wurden.

Die Metalltechnik war hoch entwickelt, was sich auch in getriebenen, mit verschiedenen Motiven verzierten Bronzegefäßen (Situla, Ziste) zeigt. Darstellungen von Festen und Kulthandlungen, z. B. das Motiv „tanzende Frauen und Leierspieler“, stellen eine wichtige Quelle zur Musik in der H.-K. dar.

Zur Rekonstruktion des Musiklebens in der H.-K. sind wir nach wie vor auf den archäologischen Fund bzw. Befund angewiesen. Es gibt eine Reihe von figuralen, szenischen Darstellungen auf Bronze- und Tongefäßen, die uns eine begrenzte Aussage, etwa zu Spielweise und Kontext des Musizierens erlauben. Aussagen zu den Klängen und Klangabfolgen sind jedoch kaum möglich und nur ansatzweise etwa im Vergleich mit ethnographischen Parallelen rekonstruierbar. Häufig kann nicht differenziert werden, ob es sich um ein Schallgerät, etwa zum Signalgeben, oder um ein „echtes“ Musikinstrument handelt, oft werden die Übergänge vom reinen Gebrauchsgegenstand zu einem für kultische Handlungen verwendeten Instrument oder zu einem aus reiner Freude am Musizieren gebrauchten Gegenstand fließend gewesen sein.

Saiteninstrumente sind uns ausschließlich aus Bildern von Festen und Tanzszenen bekannt. Zumeist eingeritzt auf der Halszone von Kegelhalsgefäßen oder in Punkt-Buckeltechnik auf Blechgefäßen ausgeführt, lassen sich trotz Schematisierung der Gestalt verschiedene einfache Bauformen (unterschiedliche Rahmenformen und Saitenzahlen) erkennen. So können auf Gefäßen des Osthallstattkreises des 7./6. Jh.s (Kalenderberg-Gruppe, Sulmtalregion) verschiedene Typen von Leiern unterschieden werden, die sich von denen auf den sog. Situlendenkmälern des Westhallstattkreises des 5. Jh.s abheben. Für einzelne Darstellungen können Entsprechungen im mediterranen Raum gefunden werden, von wo auch der kulturelle Impuls für die Musikdarstellung der hallstattzeitlichen Bilder hergeleitet wird.

Die genaueste Wiedergabe einer Leier ist auf einem Kegelhalsgefäß aus Tumulus 27 des Gräberfeldes von Sopron/H erhalten (s. Abb.): Ein halbkreis- bzw. segmentförmiger Schallkörper, leicht konkav eingezogene Jocharme, die nicht überstehen, sondern durch ein Querjoch verbunden sind, und vier parallele Saiten. Die Darstellung entspricht am ehesten dem Phorminxtyp, wie er aus der homerischen Dichtung bekannt ist. Eine weitere Leierform aus dem Osthallstattkreis ist auf einer Ziste aus dem Kröll-Schmiedkogel/St – ein Fürstengrab aus dem 7./6. Jh. v. Chr. – der Sulmtalnekropole bekannt. Sie wird horizontal mit einem Arm vor dem Spieler gehalten, ist mit drei bis fünf Saiten bespannt, hat überstehende, konkav eingeschwungene Jocharme, ein waagrechtes Querjoch sowie einen gerundeten segmentförmigen Schallkörper, wahrscheinlich auch ein Phorminxtyp. Eine möglicherweise dritte Saiteninstrumentart zeigt die Darstellung einer dreieckigen Rahmenharfe aus dem Gräberfeld von Nové Košariská/SK. Weitere Szenen mit Leierspielern kennen wir aus den Gräberfeldern von Loretto/Bl und Reichersdorf/NÖ (Leierspieler mit zwei tanzenden Frauen).

Bei den dargestellten Saiteninstrumenten des Situlenbereiches, der besonders ab dem 5. Jh. starke Beziehungen zum etruskischen Raum aufweist, besteht die Leier aus einem Schallkörper mit geschwungenem Querjoch und ebenfalls geschwungenen Jocharmen, die nahtlos miteinander zu einem großen asymmetrischen Bogen verbunden sind und zwei große Knöpfe an den Umbruchstellen aufweisen.

Blasinstrumente erschließen sich uns wie die Saiteninstrumente aus Darstellungen auf Gefäßen. Auch hier zeichnet sich die Verwendung unterschiedlicher Instrumente im Osthallstattkreis und im Bereich der Situlenkunst des Westhallstattkreises ab. Darstellungen aus der entwickelten H.-K. (HaC2/HaD1, ca. 650–550 v. Chr.) des Osthallstattkreises lassen einen einheitlichen Typ erkennen, der als Doppelschalmeien (Schalmei) oder Doppelauloi angesprochen werden kann: zwei divergierende Rohre mit rechtwinkelig dazu angesetzten, hornartigen Schalltrichtern (Stürzen), wobei die Hornspitze nach unten weist und die Öffnung nach oben. Dieses getrennt gedoppelte Instrument ist die ältere Form gegenüber dem verbunden gedoppelten. Der Schallbecher scheint ein sicheres Indiz dafür zu sein, dass der hallstättische Aulos ein Rohrblattinstrument war; sich leicht bildende Schnarrtöne lassen sich durch so einen Trichteraufsatz beseitigen. Allen Musikanten gemeinsam ist die abgewinkelte Armhaltung, die eine günstigere Handstellung zum Greifen ergibt. Es ist ein symmetrisches Greifen mit beiden Händen, eine gleichständige Handhaltung mit paralleler Fingerbewegung.

Folgende Auloi sind im Osthallstattkreis belegt: Eine Bronzeplastik (Gefäßaufsatz) aus einem Grabfund von Százhalombatta bei Budapest stellt eine Figur dar, die mit beiden erhobenen Händen eine Doppelschalmei trägt, die wohl einen griechischen Einfluss anzeigt. Auf einem Bronzeblechfragment aus der Býčí Skála-Höhle/CZ ist ein Musikant mit allerdings nur einem Aulos dargestellt, mit nach unten gerichtetem Aulosrohr (umgekehrt angesetzt). Ein Bronzegefäß (Ziste mit Deckel) des Kröll-Schmiedkogels aus der Sulmtalnekropole stellt je zwei Aulosbläser dar, die sich gegenüberstehen bzw. auf dem Deckel den Rücken zukehren und verschiedene Szenen religiös-kultischen Inhalts unterteilen.

Bei den dargestellten Blasinstrumenten des Situlenbereiches fehlen Auleten, dafür finden sich Syrinx- (Panflöte) und – eher selten – Hornbläser, die großteils bereits Darstellungen aus der Latènezeit sind. Das Horn zeigt prinzipiell überall die gleiche Gestalt, mehr oder weniger stark gebogen und trichterförmig zur Stürze hin erweitert, und befindet sich nur in der Hand von Kriegern. Es scheint bei kriegerischen Auseinandersetzungen eine wichtige Rolle gespielt zu haben.

Eine Reihe von originalen Blasinstrumenten aus der H.-K. ist uns in archäologischen Funden überliefert. Aus dem Salzbergwerk von Hallstatt/OÖ kennen wir ein Rinderhorn, das an der Spitze angeschliffen ist, sodass sich eine ovale Öffnung ergibt. Es ist anzunehmen, dass es ähnlich wie die mehrfach gefundenen Knochenpfeifen zum Signalgeben bei der Arbeit in der Grube Verwendung fand.

Aus Bodenfunden bereits seit dem Paläolithikum bekannt und auch in der H.-K. belegt sind auch Knochen-, Kerb- und Kernspaltflöten (Flöte), die zumeist aus Vogelknochen gefertigt wurden (z. B. aus der Höhensiedlung von Thunau/NÖ, Urnenfelder-/frühe H.-K.

Aus einem Grab der frühen H.-K. aus Przeczyce/PL ist eine Syrinx als Bodenfund erhalten. Auf Grund der übrigen Beigaben – verschiedene Schmuckgegenstände, Amulette, Tongefäße – dürfte es sich um die Bestattung eines Priesters oder Schamanen handeln. Die Panflöte bestand aus neun Knochenröhrchen (34–87 mm lang), die auf Grund der erhaltenen Spuren ursprünglich mit Streifen von der längsten bis zur kürzesten Pfeife zusammengebunden waren. Die Herstellung des Instruments aus Schafsknochen scheint auf seine lokale Abstammung hinzuweisen; seine Konstruktion stützte sich aber sicherlich auf südliche Muster. Nach musikologischen Untersuchungen entsprechen die einzelnen Pfeifen den Tönen c, d, e, g und a der dritten Oktave und c, d, e und g der vierten Oktave. Darstellungen dieses Instrumentes gibt es auf bronzenen Situlen aus der späten H.-K. in Slowenien, Italien und dem südlichen Österreich. Auf der Situla von Welzelach/T (5. Jh. v. Chr.) ist folgende Szene dargestellt: Einige marschierende Frauen, die auf den Köpfen Gefäße tragen, werden von zwei Kriegern mit Helmen begleitet, die Panflöte spielen.

Eine archäologisch gut belegte Gruppe von Instrumenten sind Keramik-Rasseln, die häufig in Vogelgestalt, in Birnenform (Stielrassel, z. B. Gräberfeld von Hallstatt) oder seltener in Ei-, Spulen- oder Gefäßform gearbeitet sind und in deren Innerem sich Tonkugeln oder Steinchen befinden. Im Gräberfeld von Maiersch/NÖ wurde eine Vogelrassel, zusammen mit einem Kegelhalsgefäß, das als Verzierung eine Reihe stilisierter tanzender Frauen aufweist, einer Bestattung beigegeben. Das Vorkommen von Gefäßrasseln ist für die gesamte Urzeit mit Ausnahme des Paläolithikums und Mesolithikums überall im mitteleuropäischen Raum belegt. Am häufigsten sind sie jedoch in der ausgehenden Urnenfelder- und der H.-K. Zu Beginn der H.-K. ist der Reichtum an Form und Verzierung am größten. Über den Verwendungszweck herrschen in der Forschung im Wesentlichen drei Meinungen vor: Man betrachtet die Rasseln als Musikinstrument, Kultgerät oder Kinderspielzeug. Häufig werden in Gräbern mit Kinderbestattungen Tonrasseln festgestellt, die die Deutung als Kinderspielzeug nahe legen. Einige Autoren stellen eine kultische oder symbolhafte Bedeutung heraus, etwa zur Verwendung bei kultischen Tänzen in Zusammenhang mit Bestattungszeremonien (Abwehrmagie).

In der H.-K. war auch überladener Bronzeschmuck, der bei Bewegungen klirrende oder scheppernde Geräusche erzeugt (und somit zu den Musikinstrumenten gerechnet werden kann), sehr beliebt. Aus dem Gräberfeld von Hallstatt kennen wir zahlreiche bronzene Bestandteile von Rasseln, z. B. Fibeln, die Reihen von Klapperblechen tragen. Dazu kommen sog. Rasselstäbe – stabförmige Geräte, die mit rasselnden Metallbüchsen und Klapperblechen behängt sind, die als schamanistisches Gerät anzusehen sind (z. B. aus dem hallstattzeitlichen Fundmaterial aus Velem St. Vid/H).


Literatur
F. E. Barth in Mitt. d. Anthropologischen Ges. Wien 100 (1970), 157; A. Eibner in M. v. Albrecht/W. Schubert (Hg.), Musik in Antike und Neuzeit 1 (1987); A. Eibner in C. Homo-Lechner (Hg.), [Kgr.-Ber.] La pluridisciplinarité en archéologie musicale, Saint-Germain-en-Laye 1990, 1994; A. Eibner in E. Jerem/I. Poroszlai (Hg.), [Kgr.-Ber.] Archaeology of the Bronze and Iron Age, Százhalombatta 1996, 1999; A. Eibner in E. Hickmann et al. (Hg.), [Kgr.-Ber.] Music Archaeology of Early Metal Ages, Michaelstein 1998, 2000; K. Kaus in Mitt. der Österr. Arbeitsgemeinschaft für Ur- und Frühgesch. 22 (1971); L. D. Nebelsick et al. in Wissenschaftliche Schriftreihe NÖ 106–109 (1997); E. Szydłowska/W. Kamiński in Arch. Polski 11/2 (1966); A. Eibner, Hallstattzeitliche Grabhügel aus Sopron (Ödenburg), 1980.

Autor(en)
Michaela Lochner
Empfohlene Zitierweise
Michaela Lochner, Art. „Hallstatt-Kultur‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 11/12/2002]