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Ödenburg (deutsch für ungarisch Sopron)
Stadt und Komitatssitz in Westungarn südwestlich des Neusiedlersees mit ca. 55.000 Einwohnern und eine der ältesten Städte Ungarns. Im 1. Jh. n. Chr. bestand hier eine römische Siedlung an der Bernsteinstraße (Scarbantia), die während der Völkerwanderungszeit zerstört wurde. Neubesiedelung im 10. Jh.; 859 wird erstmals der Name „Odinburch“, 1153 eine königliche Burg erwähnt, seit 1277 ist Ö. königliche Freistadt, auch Sitz eines Komitats (Gespanschaft, Verwaltungsdistrikt), im 16./17. Jh. neben Pressburg Tagungsort des Ungarischen Landtags. Ö. wurde von den Türken- und den Kuruzzenkriegen in Mitleidenschaft gezogen und machte die Phasen der Reformation und der Rekatholisierung (Gegenreformation) durch (Barockisierung der Stadt nach dem Brand von 1676). Erst mit der mariatheresianischen Herrschaft trat eine Konsolidierung der Stadtentwicklung ein, Handel, Handwerk (Zünfte) und Weinbau dominieren. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Ö. (bis dahin auch Garnisonsstadt der k. u. k. Armee) überwiegend von deutschsprachiger Bevölkerung besiedelt. Bei der Abstimmung im Zuge des Trianoner Friedensvertrags 1921 stimmte die Mehrheit allerdings für den Verbleib der Stadt bei Ungarn, so dass dem Burgenland das gewachsene urbane Zentrum der Region verloren ging. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Ö. Teil des Komitats Györ–Sopron; schon vor dem Fall des Eisernen Vorgangs wurde die Stadt zum beliebten Ausflugs- und Einkaufszentrum von Touristen aus Wien und dem Burgenland. Ö. ist von den Zerstörungen der Weltkriege verschont geblieben; sie ist eine der wenigen ungarischen Städte, in der Baudenkmäler aus dem Mittelalter und der Renaissance vorhanden sind; an die Stelle des mittelalterlichen Festungswalls ist die das Stadtbild prägende Ringstraße getreten.

Die ältesten musikalischen Zeugnisse sind Instrumentendarstellungen auf Urnen aus Grabhügeln aus der Hallstattperiode, das älteste bekannte musikalische Denkmal ein Gradualefragment aus der Arpadenzeit (ca. 900). Im 15. Jh. wiesen die Ö.er Kirchen bereits Orgeln auf, ab 1546 ist neben Turmbläsern eine organisierte Stadtmusik nachweisbar. Um 1604 führte der Bürgermeister Christoph Lackner Kammermusik bei den Ratssitzungen ein; die protestantische Kirchenmusik wurde von dem aus Pottendorf/NÖ gebürtigen Organisten der St. Michaelskirche, A. Rauch zur Blüte gebracht. Die Kirchenmusik spiegelt die Konfessionalisierungsphasen wider: Rauch war 1629 als Flüchtling der Gegenreformation nach Ungarn eingewandert; der Ö.er Kantor Johann Kusser (1626–ca. 1692; Vater Johann Sigismund Kussers) verließ um 1770 Ungarn im Zuge der Katholisierung. Um 1680 entstand das Tabulaturenbuch des Gastwirts Stark („Stark’sches Notenbüchlein“) mit 50 Musikstücken für das Virginal (Cembalo), zusammengestellt vermutlich von dem aus Rust/Bl gebürtigen Organisten J. Wohlmuth. Parallel zu den Hofkapellen der Grafen Szechényi in Nagycenk/H und der Fürsten Esterházy in Eszterháza entwickelte sich im 18. Jh. eine städtische Musikkultur, 1769 wurde das erste Theater eingeweiht.

Die Tatsache, dass Ö. auch stets Sitz der Komitatsverwaltung war, befestigte nicht nur die Stellung der Stadt als kulturelles Zentrum der Region (zahlreiche musikalische Zeugnisse aus dem heutigen Burgenland werden in Sopron aufbewahrt), sondern war auch Basis der engen Beziehungen Ö.s zu den Fürsten Esterházy, die als erbliche Obergespane des Komitats amtierten. So waren schon die Söhne Pauls I., Michael und Gabriel, um 1689 von Wohlmuth im Virginalspiel unterrichtet worden. Während der Hoffeste und Opernsaisonen auf Eszterháza wurde die Esterházysche Hofkapelle regelmäßig durch Blechbläser der Ö.er Stadt-Türmer (Thurner) ergänzt; die Textbücher der Opernaufführungen wurden bei Johann Siess in Ö. gedruckt. 1805 wurde erstmals J. Haydns Die Schöpfung in Ö. aufgeführt; der 9-jährige F. Liszt gab 1820 hier sein erstes öffentliches Konzert.

Im 19. Jh. entwickelten sich die Institutionen des bürgerlichen Musiklebens: 1829 wurde vom Regens chori von St. Michael, F. Kurzweil, der Musikverein (später Musikverein Franz Liszt) und die MSch. gegründet, an der u. a. K. Goldmark um 1844 seinen ersten Unterricht erhielt. 1841–43 war F. v. Suppé Kapellmeister am Theater, Joh. Strauß (Vater und Sohn) gastierten mit ihren Kapellen (Joh. Strauß Sohn erwarb – im Zusammenhang mit seiner zweiten Ehe – sogar das Bürgerrecht und komponierte in Ö. die Operette Eine Nacht in Venedig); die Familie Lehár war um 1875 in Ö. ansässig. Die Haydn- und Liszt-Traditionen im Burgenland gingen von Ö. aus: 1881 richtete der Verein für Literatur und Kunst zu Ehren Liszts ein Fest aus (Liszt, der schon 1840 die Ehrenbürgerschaft erhalten hatte, besuchte in diesem Rahmen zum letzten Mal seinen Geburtsort Raiding/Ungarn [heute Bl]); 1898 wurde von Ö. aus die Tradition der alljährlichen Karfreitagsaufführungen von Haydns Sieben Worten in der Eisenstädter Bergkirche eingeführt.

Auch im 20. Jh. behauptete Ö. seine Stellung als wichtige Musikstadt Ungarns. Der 1873 eröffnete Konzertsaal „Neues Casino“ wird heute (2004) als „Franz Liszt Konferenz- und Kulturzentrum“ geführt. Ö. ist Geburtsstadt des ungarischen Komponisten József Soproni (* 1930); J. Takács wohnte 1939/40 in Ö.


Literatur
K. Bárdos, Sopron zeneje a 16–18. században [Ö.s Musik im 16.–18. Jh.] 1984; E. Csatkai in Illustrierter Führer durch Sopron 1967; J. Erhardt in Burgenländische Heimatbll. 65 (2003); I. Hiller in Soproni Szemle 35 (1982); G. Maar, Einführung in die Gesch. der westungarischen Stadt Scarbantia – Ö. – Sopron 2000; K. Mollay in Soproni Szemle 46 (1992); [Kat.] Zeugnisse burgenländischer Gesch. aus Soproner Sammlungen, hg. v. Burgenländischen Landesmuseum 1997.

Autor(en)
Gerhard J. Winkler †
Empfohlene Zitierweise
Gerhard J. Winkler †, Art. „Ödenburg (deutsch für ungarisch Sopron)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 28/08/2002]