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Harfe
Zupfinstrument. Im lateinischen Mittelalter auch unter cithara (cythara), dem Sammelbegriff für Saiten-, bes. Zupfinstrumente zu vermuten. Die Herkunft der germanischen Bezeichnung ist unklar, möglicherweise hapron = „zupfen“; althochdeutsch harapha, harpha, harfa (10. Jh.); mittelhochdeutsch harpfe, herpfe; latinisiert hapra (6. Jh. Venantius Fortunatus).

Die einfache diatonische H. wurde bis um 1600 auch in den Hofkapellen von Innsbruck, Graz, Prag, Salzburg und Wien gespielt. Im 18. Jh. wird die Haken-H. Volks- und volkstümliches Instrument (ob ein Tiroler Bauer den Haken zur Alteration der Saite erfunden hat, ist bis heute [2002] nicht bewiesen). Die chromatische Einfachpedal-H. (Paris nach 1750) oder Doppelpedal-H. (1810 durch Sébastien Erard in London vorgestellt) fanden in Österreich keine Nachahmung, waren aber bekannt (1729 spielte Simon Hochbrucker vor Kaiser Karl VI. die von seinem Vater Jakob erfundene Pedal-H.).

Eine Sonderform bildet seit dem Ende des 18. Jh.s die im böhmischen Preßnitz (Přísečnice/CZ) entwickelte, nur 7 kg schwere 37-saitige Haken-H. der Wandermusiker mit nur wenig geschwungenem Kastenkorpus und einem charakteristischen Maserungsverlauf der Resonanzdecke (sog. Fischgräte). Preßnitzer H.nbauer der 1880er Jahre waren nicht näher bekannte Bachs oder Bocks und Poppenberger. Straßenmusikanten mit H. (Harfenisten) spielten in Prag im 18. und 19. Jh. auch gefällige Stücke der Kunstmusik. Als herausragender Virtuose und Komponist ist der Prager Johann Baptist Krumpholtz zu erwähnen (1747–90, Hauptschaffensperiode jedoch in Paris).

H.nmacher in Wien waren Anton Lobenstein (1739–1801), Johann Anton Ertl (1776–1828), Joseph Hoffmann (ca. 1755–1822), Karl (Carl) Kühle (Kuhle, erwähnt 1821–23), der bekannteste Pedalharfenbauer war F. Brunner. Von ihm besitzt das KHM eine Einfachpedal-H. (SAM 998), ebenso eine diatonische H. von Balthasar Straub (Graz 1. Hälfte 19. Jh., SAM 540).

Mit dem 19. Jh. erfolgte im alpenländischen Raum die eigenständige Entwicklung einer Einfachpedal-H. mit dem sich zum Spieler neigenden, mehr oder weniger stark geschwungenen Korpus aus Fichte, Ahorn oder Kirschholz. Die Korpusschale bestand aus fünf Spänen (mittlerer Span etwa doppelt so breit wie die übrigen Späne), seltener gerundet, geschwungener Hals, gerade Vorderstange, der obere und untere Stangenabschluss vielfach beschnitzt und gestuft. Fünf bis sieben Holzpedale, 36 Saiten, Grundstimmung Es-Dur. Für die Aufnahme der Mechanik ausgehöhlter, mit Deckel verschlossener Hals. Pedale, durch Drähte oder durch das Korpus mit ein oder zwei Querspreizen getrennt geführte „Seilzüge“ mit der Halsmechanik verbunden, regieren so die Umstimmhaken, Kurbeln oder Drehscheiben. Alle gleichnamigen Saiten der diatonischen Skala werden durch Pedaleintritt um einen Halbton erhöht.

Verbreitung dieses H.ntypus v. a. im Unterinntal/T und in den Seitentälern, ferner über die heutige Landesgrenze hinweg bis Traunstein/Bayern und darüber hinaus. Die klangschönen Instrumente begleiten volkstümliche Tanzmusik, gehören zu unterschiedlichen Stubenmusik-Besetzungen oder kommen solistisch zum Einsatz. Bisher galt Josef Sappl sen. (1882–1925) aus Kundl/T als Schöpfer dieser H.nbauart. Eine mit Bleistift im Mechanikdeckel signierte H. „No 23 Jo Sapl. Kundl am 7./8. 1890“ befindet sich im Historischen Museum Basel (Inv.-Nr. 1956.540). Ein ebenfalls handschriftlich mit Bleistift im Deckel signiertes Instrument „No 126 J. S. Südtirol 1847“ mit biedermeierlichen Zügen könnte auf einen noch früheren, nicht bekannten Josef Sappl deuten (s. Abb. 1). Josef Sappl jun. (1909–86) lernte bei dem eigenwilligen Autodidakten F. Bradl in Brixlegg/T. Dieser gilt als der große Meister der Tiroler Volks-H. Von rund 700 Exemplaren sei ein mit „Franz Bradl/Brixlegg, Tirol/ 626“ signiertes Instrument, um 1961, erwähnt (s. Abb. 2). (Vor 1939 hat der Dokumentarfilmer Richard Mostler [† 1996] Leben und Werk von ihm unter dem Titel Die Bauernharfe in einem Film festgehalten.)

Viele H.nbauer nahmen die Bradl-H. zum Vorbild, so Karl Petutschnigg (* 1912) und Sohn Peter (* 1943) in Lienz, der die Mechanik verbesserte („Lienzer Mechanik“ mit der Möglichkeit des Austausches einzelner Teile der Halsmechanik). Jakob Kröll (* 1918) in Kramsach und Sohn Alexander (* 1964) im Nachbardorf Münster/T experimentierten mit einer Korpusform (s. Abb. 3) und arbeiteten an der Klangoptimierung im Bereich c1. Die Karl Fischer KG in Traunstein (Karl Fischer sen., * 1912, Karl Fischer jun., * 1954, und Thomas Fischer * 1973) brachte sieben neue Modelle mit verbesserter Mechanik. Benedikt Mürnseer (* 1928) und Sohn Peter (* 1958) in Kitzbühel/T arbeiten an einer Weiterentwicklung in Richtung Konzert-H. und Doppelpedal-H. Fritz Hauser (* 1927) in Zell am Ziller/T orientiert sich am Vorbild einer Konzert-H. mit gerader Korpusform. Otto Zangerle aus Ebbs bei Kufstein baut eine Doppelhals-H. mit zentraler (zwischen den Halspartien symmetrisch verlaufender) Saitenaufhängung.

H.nbauer waren zugleich oft gute Spieler. Daneben gab es ausgezeichnete Solisten wie Thomas Steiner (1901–79) aus Kufstein; heute sind bekannt Otto Ehrenstrasser oder Peter Reitmeir aus Telfs. Das am Palmsonntag in Mariastein/T stattfindende H.nspielertreffen (2001 zum 30. Mal) zeigt die noch immer lebendige Tradition der Tiroler H.


Literatur
K. u. A. Birsak, Gambe – Cello – Kontrabass und Katalog der Zupf- und Streichinstrumente im Carolino-Augusteum, Jahresschrift 42 (1996); D. Droysen-Reber, H.n des Berliner Musikinstrumenten-Museums. Bestandskatalog 1999; Hopfner 1999; K. M. Klier, Volkstümliche Musikinstrumente in den Alpen 1956; K. M. Komma, Das böhmische Musikantentum 1960; P. Kostner, Die Volks-H. in Tirol. Historische und instrumentenkundliche Aspekte, Dipl.arb. Innsbruck 1991; S. Landmann in Sänger- und MusikantenZeitung 7 (März/April 1964) u. 14 (Juli/August 1971); Lütgendorff 1904, 1922, 1990; M. Müller, Jan Křtitel Krumpholtz ... The life and the work of harpist and composer. Study – Text – Analyses 1999; U. Neubacher in Vereinigung deutscher Harfenisten e. V. (Hg.), Mitteilungsblatt Nr. 63 u. 63 (1965); R. Schaal in StMw 26 (1964); J. Schlosser, Die Sammlung Alter Musikinstrumente. Beschreibendes Verzeichnis 1920; J. Schlosser, Unsere Musikinstrumente. Eine Einführung in ihre Geschichte [1922]; M. Seefelder in Sänger- und MusikantenZeitung 43/4 (Juli/August 2000); O. Wessely, Die Musikinstrumentenslg. des OÖ. Landesmuseums [1952]; H. J. Zingel, H. und H.nspiel vom Beginn des 16. bis ins 2. Drittel des 18. Jh.s, Diss. Halle/Saale 1932, Nachdruck 1979.

Autor(en)
Dagmar Droysen-Reber
Empfohlene Zitierweise
Dagmar Droysen-Reber, Art. „Harfe‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]