Logo IKM
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Prag (deutsch für tschechisch Praha)
Hauptstadt des Königreichs Böhmen, 1918–39, 1945–60 und 1990–93 der Tschechoslowakischen Republik, 1939–45 des Protektorats Böhmen und MährenMähren, 1960–90 der Tschechoslowakischen sozialistischen Republik und seit 1993 der Tschechischen Republik (Tschechien).

An einem wichtigen Übergang der Moldau gelegen; die Besiedlung des P.er Beckens geht auf die Urzeit zurück. Die kulturelle Entwicklung der Stadt zum Zentrum des Landes hängt eng mit der Verbreitung des Christentums zusammen. Seit der Herrschaft der Přemysliden Residenzstadt (Herzog Bořivoj 850–895), entwickelte sich v. a. um die Burg, den Hradschin (Hradčany), Sitz nicht nur des Herrschers, sondern ab 973 auch des Bischofs (seit 1344 Erzb.s), ein reges Kulturleben. Unter den Přemysliden erreichte die Stadt und dadurch das Land Böhmen hohes politisches und kulturelles Niveau, die Bevölkerung war mehrsprachig (Slawen, Deutsche und Italiener). 1070 gründete der 1086 zum König gekrönte Vratislav II. das Domkapitel, um 1140 wurde der Hradschin definitiv zum Sitz der regierenden Familie, im selben Jahr wurde das kulturell bedeutende Prämonstratenser-Kloster Strahov gegründet. Um 1230 erhielt P. das Stadtrecht.

Die ersten Quellen zur Musikgeschichte P.s betreffen die Kirchenmusik. Seit dem 11. Jh. musste jeder Kanoniker liturgische Bücher besitzen; ebenfalls aus dieser Zeit stammt das Lied „Hospodine, pomiluj ny“ („Herr, erbarme Dich unser“). Ein auf dem gregorianischen Choral basierendes Tropar (Tropus), das von dem Domdechanten Vít/Veit initiiert wurde, gilt als eines der ältesten musikalischen Denkmäler der Stadt. Ein bedeutendes Zentrum der Choralpflege stellte ab dem 12. Jh. das Benediktinerinnen-Kloster St. Georg auf dem Hradschin dar; hier wurden seit dem 12. Jh. Osterspiele (Geistliche Spiele) in lateinischer, ab dem 13. Jh. auch in tschechischer Sprache aufgeführt. Ab dem 13. Jh. war St. Veit die Hauptkirche P.s: um 1250 wurde eine Knaben-Schola installiert und 1255 eine Orgel errichtet. Ein reges höfisches Leben entwickelte sich bereits unter Fürst Vladislav († 1125); zahlreiche Minnesänger hielten sich unterschiedlich lang am P.er Hof auf (Reinmar v. Zweter, Heinrich v. Meißen, Friedrich v. Sonnenburg, Tannhäuser). Wenzel/Václav II. (1278–1305) dichtete selbst und zog Frauenlob 1286 an seinen Hof. Um 1300 wurde die Zahl der Spielleute (Spielmann) bei Hof mit fünf festgelegt.

Mit dem Mord an Václav III. 1306 endete die Herrschaft der Přemysliden. 1310 kamen die Luxemburger auf den Thron, die stärker nach Frankreich orientiert waren. Eine Internationalisierung ist bereits unter Johann von Luxemburg festzustellen, an dessen Hof nicht nur Heinrich von Mügeln, Mülich von P., sondern zeitweise auch G. de Machaut gewirkt haben könnte. Unter Karl IV. erfolgte im 14. Jh. ein weiterer Ausbau der Kapelle, die (wie Karls Regierungsstil generell) zu einem Vorbild für viele deutsche Fürsten wurde. Auch die direkt dem päpstlichen Stuhl unterstellte Kirche auf dem Vyšehrad beschäftigte ab 1326 Sänger zur musikalischen Ausgestaltung der Gottesdienste. Das 1347 durch Karl IV. gegründete Kloster der slawischen Benediktiner (Emaus-Kloster) wurde zu einem Zentrum der slawischen Liturgie und des slawischen Schrifttums. Ab wann in den P.er Kirchen mehrstimmig (Mehrstimmigkeit) gesungen wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen: Vermutungen weisen auf das späte 12. bzw. auf das beginnende 13. Jh. zurück, mit dem liber discantorum operis Pragensis liegt erst aus der Mitte des 14. Jh.s eine gesicherte Quelle vor. Obwohl von der P.er Synode 1366 und auch von den Hussiten abgelehnt, verteidigte die Orgel ihren Platz in den Kirchen und es scheinen auch trotz der Verbote Instrumente verwendet worden zu sein. Von großer Bedeutung waren die ab dem Ende des 14. Jh.s überlieferte Kirchenlieder in der Landessprache. Die das erste Drittel des 15. Jh.s dominierenden Hussiten haben auch durch die von ihnen entwickelte Form des geistlichen Liedes markante Spuren hinterlassen (das nach dem Ort seiner Entdeckung benannte Jistebnitz Kantional entstand um 1420 wahrscheinlich auf dem Boden der P.er Universität); ihr Lied „Kdož jsú boží bojovníci“ („Die ihr seid die Streiter Gottes“) ist bis heute ein nationales Symbol. Die Regierung von Karls Sohn Wenzel IV. war von nationalen und religiösen Auseinandersetzungen geprägt (1419 Erster P.er Fenstersturz), die schließlich in die Hussitenkriege münden sollten.

1471–1526 wurde das Land von der polnischen Dynastie der Jagiellonen regiert. König Vladislav II. verlegte zwar die Residenz von P. nach Ofen (Budapest), doch wurde unter den Jagiellonen die P.er Burg architektonisch ausgebaut (sog. Vladislav-Gotik). Auch die Vertreter der niederländischen Polyphonie kamen nach P., die Musik fand ihren ständigen Platz neben der Kirche auch in den Schulen.

1526 wurde der Habsburger Ferdinand I. König von Böhmen, die Böhmischen Länder blieben von diesem Zeitpunkt an bis 1918 ein Bestandteil der Habsburgischen Länder. In der Zeit der Renaissance entwickelte sich die bürgerliche Kultur und die des P.er Adels. Die Kirche spielte weiterhin eine wichtige Rolle: 1556 wurde das P.er Jesuitenkollegium Klementinum gegründet (heute Sitz der Nationalbibliothek), aus dem als Schüler u. a. J. Stamitz, Jan Dismas Zelenka, Franz Benda, J. Mysliveček hervorgingen. Unter dem Statthalter Böhmens, Ferdinand v. Tirol, wurde P. 1547–66 modernisiert und in eine Metropole verwandelt, in der Regierungszeit K. Ferdinands I. als Residenzstadt ein wichtiges Musikzentrum. 1564 hat er die Hofkapelle gegründet und viele Musiker v. a. aus Italien geholt.

Unter der Regierung K. Rudolphs II. erlebte P. im 16. Jh. einen neuerlichen kulturellen Höhepunkt. Seine Hofmusikkapelle (unter Ph. de Monte und L. de Sayve) zählte zu den größten in Europa und umfasste ca. 100 Musiker (u. a. J. Regnart, Ch. Luython). Zahlreiche Musiker besuchten den Hof bzw. standen in Kontakt mit den Spitzen der HMK (O. di Lasso, Claudio Monteverdi). Abgesehen von der kaiserlichen Kapelle ist die bei den Prämonstratensern in Strahov bzw. den Zisterziensern in der Altstadt (bei denen ab 1595 J. Gallus wirkte) hervorzuheben. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten gedruckten Kantionale, die in der weit über die Grenzen Böhmens bekannten Offizin von Georg Nigrinus hergestellt wurden.

Die Quellen für das städtische Musikleben gehen auf das 12. Jh. zurück (1107 wird ein Lautenspieler erwähnt), eine deutliche Weiterentwicklung erfolgte im 14. und 15. Jh. unter der Regierung der Luxemburger (zahlreiche Pfeifer und Lautenisten in den Quellen namentlich genannt); auch die Hussitenaufstände des 15. Jh.s dämmten das Musiklebens P.s nicht ein, sondern gaben als von Bürgern getragene Bewegung dem städtischen Musizieren neuen Auftrieb. Auch die Studenten der 1348 gegründeten Karls-Universität (an der u. a. Johannes de Muris und Václav z Prachatic lehrten) schlossen sich den Hussiten an: Matouš Kolín z Chotěřiny (1516–66), Tomáš Mitíz z Limúz (1523–91) und Jan Campanus-Vodňanský (1572–1622) traten als Dichter und Komponisten von Humanistenoden hervor und lehrten auch an der Univ. Mit der Ansiedelung der Jesuiten in P. und der Gründung einer musikalischen Akademie 1556 erhielt die Musikkultur durch die Aufführungen der Jesuitendramen und die damit verbundene intensivere musikalische Ausbildung weitere Impulse.

Der Dreißigjährige Krieg, der 1618 als Autonomiebewegung des protestantischen böhmischen Adels (Reformation) in P. seinen Anfang genommen hatte (unter den 1621 hingerichteten Aufständischen befand sich auch K. Harant), und die Übersiedlung des Kaiserhofes von P. nach Wien bewirkten eine deutliche Zäsur im Musikleben der Stadt. Höfische Feste fanden nur noch anlässlich der Besuche des Hofes in P. bzw. von Krönungsfeierlichkeiten statt, zu denen die HMK, unterstützt durch lokale Kräfte, musizierte. Meist wurden dabei musikdramatische Produktionen gegeben (1627 anlässlich der Krönung Ferdinands III. Calisto e Arcade – als Vorform wird das für Ferdinand II. auf der P.er Burg am 5.2.1617 aufgeführte Phasma Dionysiacum Pragense angeführt –, (z. B. 1723 für Karl VI. Costanza e Fortezza von J. J. Fux). Der einflussreiche und wohlhabende Adel Böhmens übernahm jedoch schnell die Rolle des Mäzens und engagierte sich nicht nur durch zahlreiche Stiftungen in der Kirchenmusik, sondern dominierte bereits ab Beginn des 18. Jh.s das Musiktheater in P. (1701 Eröffnung des Sporckschen Theaters). Abseits höfischer Festlichkeiten wurde die italienische Oper bis zur Eröffnung des Nostitztheaters durch Wandertruppen gepflegt. 1703–05 hielt sich die Truppe von Giovanni Federico Sartorio in P. auf, 1724–35 jene von A. Denzio, die Fr. A. Graf Sporck engagiert hatte. Im Sporckschen Theater und im 1738/40 errichteten Kotzen-Theater spielte die Truppe von Santo Lapis bzw. die P. Mingottis (1743/44). In den 1770er Jahren kam es unter dem Impresario Johann Joseph Brunian zur ersten Aufführung von Singspielen in tschechischer Sprache (u. a. Jan Antoš, O sedlskej rebelii / Über den Bauernaufstand, 1777). Diese Situation änderte sich 1783 mit der Eröffnung des Nostitzschen Nationaltheaters, das 1798 an die Stände verkauft wurde (Umbenennung in Ständetheater), in dem v. a. W. A. Mozart mit der Entführung aus dem Serail, Le nozze di Figaro und dem eigens für dieses Theater komponierten Don Giovanni Triumphe feierte. In P. verkehrte Mozart v. a. mit dem Ehepaar F. X. und J. Dušek, seine P. er Aufenthalte sind auch mit deren Sommersitz Bertramka (heute P. V – Smíchov) verbunden.

Einen weiteren wichtigen Faktor bildeten die zahlreichen Adelskapellen, die im späten 17. und im 18. Jh. in fast jeder Adelsfamilie, wenn auch in sehr unterschiedlicher Größe und Qualität, anzutreffen waren (v. a. Lobkowitz, Pachta, Hartig, Kinsky, Sporck, Schaffgotsch, Morzin). Unter der Schirmherrschaft von Ludwig Joseph Graf Hartig stand 1713–17 die Musikakademie Bei der eisernen Tür, die wöchentlich Mitgliederkonzerte veranstaltete.

Die Kirchenmusik hatte nach dem Sieg am Weißen Berg (1620) und durch die besonders in Böhmen akzentuierte Gegenreformation im 17. Jh. einen großen Aufschwung erfahren; neben Orden und Klöstern (Jesuiten, v. a. am Klementinum, Strahov, bei den Kreuzherren vom roten Stern und den Barmherzigen Brüdern) trat wiederum der Adel durch zahlreiche Stiftungen in Erscheinung. Obwohl die Regentes chori hauptsächlich durch einheimische Kräfte gestellt wurden (Georg/Jiřì Melzel, Ferdinand Arthopheus, J. D. Zelenka, B. M. Černohorský, F. I. A. Tůma [Tuma], Josef Seger, F. X. Brixi, Jan Zach, J. A. Koželuh [Koželuch]) wirkte das Repertoire der Wiener HMK auch für die Kirchenmusikpflege an den P.er Hauptkirchen vorbildgebend. Auch nach Verlegung des Hofes blieb der Kontakt nach Wien aufrecht, wenngleich der Hof zunehmend seine Rolle als Vorbild verlor; die Hauptkomponisten dieser Zeit in P. waren nicht selten an mehreren Kirchen tätig (die wichtigsten Pflegestätten waren die Kirchen der Kreuzherren, der Malteser, der Barmherzigen Brüder, die Teinkirche, St. Veit, St. Martin, Strahov und Maria Schnee). Auch die den deutschen evangelischen Kantoreien vergleichbaren böhmischen sog. Literaten-Bruderschaften wechselten nach 1620 zum Katholizismus, sangen jedoch weiterhin die traditionellen Lieder (allmählich durch Instrumente begleitet). Ab ca. 1680 setzte eine (durch Aufführungen des Hofes angeregte) Oratorienpflege ein, wobei sich einerseits die Tradition der Fastenoratorien etablierte (Sepolcro), andererseits die der Schuldramen, welche v. a. durch die Jesuiten gepflegt wurden (Klementinum); auch bei den Kreuzherren fanden ab 1700 regelmäßig Oratorien-Aufführungen statt. Mit 1780, dem Regierungsantritt von Joseph II. als König von Böhmen, kam es durch die Einschränkung der Kirchenmusik, der Prozessionen und Wallfahrten sowie durch die Auflösung von Bruderschaften und Stiftungen zu einem Einbruch.

Das 19. Jh. ist in P. auch vom Aufbau eines bürgerlichen Musiklebens geprägt. Die seit der 2. Hälfte des 18. Jh.s so beliebte Oper wurde zunehmend internationalisiert (mit dem Tod des Impresarios Domenico Guardasoni 1806 in Wien war in P. die Epoche der italienischen Oper zu Ende). In der 1807 im Ständetheater eingerichteten Deutschen Oper (Kpm. W. Müller 1807–13) wurden Werke von Gaspare Spontini, L. Cherubini, Etienne Nicolas Méhul, Singspiele von C. Ditters v. Dittersdorf und P. Winter, aber auch von P.er Komponisten und das Mozart-Repertoire gepflegt. C. M. v. Weber, 1813–16 Direktor, reorganisierte die Oper und dirigierte die P.er EA von L. v. Beethovens Fidelio (1814) und die UA von L. Spohrs Faust (1816). 1854 wurde unter dem Kapellmeister (1827–57) František Škroup erstmals Rich. Wagners Tannhäuser in P. aufgeführt. Die Oper in tschechischer Sprache stand trotz der Bemühungen von Škroup weiterhin im Schatten der deutschen bzw. italienischen. Das 1826 im Ständetheater eingeführte tschechische Repertoire wurde vom Publikum nur wenig akzeptiert, im Neuen Theater in der Rosengasse unter J. A. Stöger (1834–46 bzw. 1852–58) besserte sich zwar die Qualität der Aufführungen, der Durchbruch für das tschechische Repertoire wurde erst mit der Eröffnung des sog. Interimstheaters 1862 erzielt. Dessen erster Kapellmeister wurde Johann Nepomuk Maýr; sein Nachfolger (1866–74) Fr. Smetana erweiterte das tschechische Repertoire und prägte mit der Verkauften Braut (Prodaná nevěsta) den Typus der tschechischen Nationaloper. Mit dem 1881 errichteten, wenige Tage nach der Eröffnung mit Smetanas Libuša abgebrannten und am 18.11.1883 wieder mit Smetanas Libuša eröffneten Nationaltheater (Národní divadlo) erhielt P. eine moderne Spielstätte, in der neben dem tschechischen bzw. slawischen Repertoire auch die italienische und deutsche Oper gepflegt wurde; Höhepunkte bildeten die EA.en von R. StraussElektra und von Modest Musorgskijs Boris Godunow (beide 1910), Wagners Parsifal 1914 und L. Janáčeks Jenufa 1916. Auch die P.er deutsche Oper erlebte einen Aufschwung, und zwar unter Direktor An. Neumann (1885–1910): Der zu diesem Zweck gegründete Deutsche Theater-Verein initiierte den Bau eines Neuen Deutschen Theaters, das am 5.1.1888 mit Wagners Die Meistersinger von Nürnberg eröffnet wurde und bald zu einem der ersten Häuser Europas avancierte.

Das Konzertleben wurde zu Beginn des 19. Jh.s v. a. durch Akademien und Subskriptionskonzerte getragen, bei denen neben P.er Musikern auch internationale Größen (Beethoven, N. Paganini, Fr. Chopin, Hector Berlioz, das Ehepaar Schumann, Rich. Wagner u. a.) auftraten. Mit dem 1811 nach Pariser Vorbild gegründeten Konservatorium erhielt P. nicht nur eine öffentliche Musiklehranstalt, sondern auch ein Orchester, das ab 1815 regelmäßig auftrat. Die 1803 gegründete (bis 1918 bestehende) Tonkünstler-Sozietät, der Cäcilienverein (gegr. 1840) und die 1841 gegründete Sophien-Akademie fungierten als Veranstalter von Chor- und Orchesterkonzerten, die Philharmonischen Konzerte der vereinigten Theaterorchester wurden von Smetana geleitet.

Die Musikausbildung war neben der am Konservatorium auch durch private MSch.n, wie jene von J. Proksch (gegr. 1831, Lehrer von Smetana), Josef Jiránek (1846), Petr Maydl (1853), Bedřich Šimák (1854), die Gesangsschulen von Fr. Pivoda, J. L. Lukes , die Schulen der Sophienakademie und des Cäcilienvereins organisiert. Mit der 1826 gegründeten Organistenschule (ab 1890 mit dem Konservatorium vereinigt) wurde eine Lehranstalt zur Hebung der seit den josephinischen Reformen (Josephinismus) stark reduzierten Kirchenmusik geschaffen. Auf diesem Gebiet ist die Hinwendung zum Cäcilianismus zu beobachten, als dessen Vertreter u. a. Josef Förster (1833–1907) und František Zdeněk Skuherský (1830–1892) genannt werden müssen.

Im Zuge der bereits gegen Ende des 18. Jh.s einsetzenden sog. „nationalen Wiedergeburt“ kam es zu einem Aufleben des tschechischen Selbstbewusstseins, was auch im Musikleben der Stadt deutliche Spuren hinterließ. Schon das 1815–18 erschienene Allgemeine historische Künstlerlexikon für Böhmen und zum Theil auch Mähren und Schlesien von Johann Gottfried Dlabacž ist als erster Schritt der Erfassung der eigenen Musikgeschichte zu sehen. A. W. Ambros veranstaltete in den 1860er Jahren im 1861 gegründeten Künstlerverein Umělecká Beseda (Künstlerische Gesellschaft) historische Konzerte, lehrte am Konservatorium und hielt ab 1869 musikgeschichtliche Vorlesungen an der Univ., an der ab 1877 auch der durch seine Auseinandersetzung mit E. Hanslick bekannte Ästhetiker O. Hostinský lehrte.

Einen wichtigen Schritt zur Selbständigkeit der tschechischsprachigen Kultur bedeutete das Oktoberdiplom 1860, aufgrund dessen die bisher sprachlich utraquistischen Vereine in deutsch- bzw. tschechischsprachige getrennt wurden und neue entstehen konnten. Mit der Erbauung des Rudolfinums (1885 eröffnet) erhielt P. einen modernen großen Konzertsaal (Dvořák-Saal). Das nach Kronprinz Rudolf benannte künstlerische Mehrzweckhaus diente 1918 als Sitz der Tschechischen Philharmonie (1918–39 Parlament, 1941–45 Sitz des Deutschen Philharmonischen Orchesters und seit 1945 wieder Sitz der Tschechischen Philharmonie). 1911 wurde das im Jugendstil erbaute Obecní dům (Gemeindehaus) eröffnet, dessen großer Saal den Namen Smetanas trägt. 1895 wurde aus Mitgliedern des Nationaltheaters die Česká filharmonie (Tschechische Philharmonie) gegründet, die ab 1901 ein eigenständiger Verein war (1945 verstaatlicht). Der Pflege zeitgenössischer Musik widmete sich die ursprünglich aus Amateuren (Dilettant) zusammengesetzte Orchestrální sdružení (Orchester-Vereinigung). Von dem 1876 gegründeten und von Deutschen und Tschechen gemeinsam betriebenen Kammermusikverein hat sich 1895 der heute (2004) noch bestehende Český spolek pro komorní hudbu (Tschechischer Kammermusikverein) getrennt. Die im deutschen Kammermusikverein von A. Schönberg selbst dirigierte EA von Pierrot lunaire 1913 führte zu einem Aufsehen erregenden Skandal. Zahlreiche ständige P.er Kammermusikensembles, wie z. B. das Böhmische Streichquartett, erlangten internationale Bedeutung. Unter den zahlreichen Gesangvereinen der Stadt verdient v. a. Hlahol (Der Schall, gegründet 1861) genannt zu werden, der nicht nur durch seine prominenten Chorleiter (u. a. Smetana, K. Bendl), sondern auch durch sein internationales und am zeitgenössischen Schaffen orientiertes Repertoire weit über die Grenzen P.s bekannt war.

Mit dem Erlangen der Unabhängigkeit der böhmischen Kronländer 1918 erlebte P. auf fast allen Gebieten einen Modernisierungs- und Internationalisierungsschub. Das Konservatorium wurde 1919 tschechisch, parallel dazu wurde 1920 eine Deutsche Akademie für Musik und darstellende Kunst gegründet (1940 in das Hochschulinstitut für Musik und darstellende Kunst umgewandelt und 1945 aufgelöst). An den Univ.en unterrichteten das Fach Musikwissenschaft (ab 1919 als selbständiger Lehrstuhl) Zdeněk Nejedlý (1878–1962; Tschechische Univ.), dann H. Rietsch, Gustav Becking und P. Nettl (Deutsche Univ.). Der Wiener Verein für musikalische Privataufführungen besaß 1922–24 in P. einen Zweigverein, der nach der Stilllegung des Wieners Vereins dessen Tätigkeit übernahm; sein Nachfolger war der Literarisch-künstlerische Verein, der gemeinsam mit dem tschechischen Spolek pro moderní hudbu (Verein für moderne Musik) die tschechoslowakische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) bildete. 1924, 1925 und 1935 fanden in P. Festivals der IGNM statt. Eine wichtige Rolle spielten auch die neu gegründeten tschechischen Vereine (Přítomnost, Mánes). Beide P.er Opernhäuser brachten in der Zwischenkriegszeit die EA.en und UA.en bedeutender Werke der Moderne: das tschechische Nationaltheater die EA von Alban Bergs Wozzek 1926, das Neue deutsche Theater die UA von Schönbergs Erwartung 1924 und E. Kreneks Karl V. 1938 und UA von Werken der deutsch-böhmischen Komponisten Theodor Veidl, Hans Krása und Fidelio F. Finke. Das Konzertleben wurde neben der Tschechischen Philharmonie durch das 1934 gegründete zweite große P.er Orchester, Symfonický orchestr hlavního města Prahy FOK (Symphonisches Orchester der Hauptstadt P. FOK [Film-Oper-Konzert]/ P.er Symphoniker) bestritten. 1923 begannen die Sendungen des tschechischen Rundfunks, 1929 wurde dessen Orchester (heute Symfonický orchestr Českého rozhlasu/Symphonisches Orchester des Tschechischen Rundfunks) gegründet. Zu den Trägern des P.er Konzertlebens zählten auch die Dirigenten des Neuen deutschen Theaters A. Zemlinsky, G. Szell u.a. 1933 gingen viele Musiker und Komponisten der Moderne aus Deutschland nach P. ins Exil und die Internationalität des P.er Musiklebens wurde dadurch noch verstärkt. Mit der deutschen Okkupation endete diese Phase jedoch abrupt und es kam zur Verfolgung der Moderne und der Ausschaltung des national-tschechischen Elements, was einen Niedergang und eine Reduktion der Vielfalt des Musiklebens nach sich zog. Das Neue deutsche Theater wurde 1939 in Deutsches Opernhaus umbenannt. 1939 wurde auf Befehl von Joseph Goebbels aus Mitgliedern des Neuen Deutschen Theaters die Deutsche Philharmonie (unter Joseph Keilberth) gegründet.

Nach 1945 kam es zu tief greifenden Veränderungen im Musikleben P.s: der Tod bzw. die Vertreibung zahlreicher Musikschaffender hatten große Lücken hinterlassen, dazu kam die Verbannung jeglicher deutscher Kultur und die ideologisch begründete Akzentuierung der russischen bzw. sowjetischen Musik. Aus dem ehemaligen Neuen deutschen Theater wurde die zweite P.er tschechische Oper (1945–48 Das große Theater bzw.Die große Oper des 5. Mai genannt), die 1948–92 unter dem Namen Smetana-Theater Bestandteil der Institution des Nationaltheaters wurde und erst mit 1992 als Staatsoper wieder Eigenständigkeit erlangte.

Der politische Einfluss nahm zu und förderte über den Komponistenverband die Entstehung von ideologisch ausgerichteten Kantaten und Massenliedern (Politische Musik). Die Kontakte mit dem Westen wurden von der Zensur unterbunden. Erst in den 1960er Jahren konnten P.er Komponisten wieder Kontakte mit diesem aufnehmen; zu einer neuen Gleichschaltung des Musiklebens kam es nach der sowjetischen Okkupation 1968, sodass die Jahre 1970–88 als Periode einer abermaligen Stagnation bezeichnet werden müssen. Erst in den 1980er Jahren gab es eine leichte Milderung, doch ist eine Internationalisierung erst seit dem Umbruch von 1989 möglich (Ensembles wie Due Boemi und Musica viva Pragensis haben jedoch schon vor 1989 die P.er Moderne international bekannt gemacht).

Die Tschechische Philharmonie wurde unter R. Kubelík (1942–48), Karel Ančerl (1949–68) und V. Neumann (1968–90) zu einem Prestigeorchester des Staates; in den letzten Jahren waren Jiří Bělohlávek, Gerd Albrecht und Vladimir Ashkenazy die Chefdirigenten, seit der Saison 2003/2004 hat Zdeněk Mácal diese Funktion inne. Das städtische Orchester P.er Symphoniker (Chefdirigent Serge Baudo) und das Symphonische Orchester des P.er Rundfunks (Chefdirigent Jiří Válek) sind mit ihren Abonnementzyklen weitere Stützen des symphonischen Repertoirs. Außerdem wirken zur Zeit das Tschechische Nationalorchester (Chefdirigent Paul Freeman, Gastdirigent Libor Pešek), das Tschechische symphonische Orchester (das ehemalige Orchester FISYO [Filmorchester]), die P.er Kammerphilharmonie (Chefdirigent Jiří Bělohlávek) und andere symphonische bzw. Kammerorchester; unter den letztgenannten hat das ohne Dirigenten spielende P.er Kammerorchester (gegr. 1951) die längste Tradition. Seit 1946 findet in P. jährlich das internationale Festival P.er Frühling statt, das seit 1991 durch das internationale Festival P.er Herbst ergänzt wird.

P. verfügt über eine rege Jazz- und Rock-Szene von internationalem Format, und auch die musikalischen Revuen in den zahlreichen P.er Kellertheatern erfreuen sich großer Beliebtheit (in kommunistischer Zeit waren sie wegen ihres subtilen politischen Witzes berühmt und vom System gefürchtet). Aus dem Bereich des Schlagers wurde die „Goldene Stimme P.s“, Karel Gott, auch in den deutschsprachigen Ländern populär.

Das P.er Konservatorium wurde nach 1945 als Mittelschule weitergeführt; eine Hochschulausbildung ist an der seit 1945 bestehenden, aus den Meisterklassen des Konservatoriums gebildeten Akademie der musischen Künste möglich. Nach 1990 entstanden auch einige neue Privatmusikschulen, von denen v. a. das auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Collegium Marianum zu nennen ist. Die Musikwissenschaft ist an der Karls-Univ. und an der Akademie der Wissenschaften vertreten.

Bereits 1701 war das erste Musiklexikon in Böhmen, die Clavis ad thesaurum magnae artis musicae von Tomáš Baltasar Janovka in der Druckerei Labaun erschienen. Der Musikverlag nahm in P. ab der Mitte des 18. Jh. einen regen Aufschwung. Von überregionaler Bedeutung war der aus Italien stammende Marco Berra (1784–1853), bei Artaria in Wien geschult, der seinen Verlag 1811 in P. eröffnete, und seine Nachfolger Christoph & Kuhé bzw. J. Hoffmann’s Witwe. Im 19. Jh. haben sich die Druckereien Emanuel Starý (gegründet 1867 zusammen mit Antonín Vítek, später von Emanuel Starý d. J. übernommen) und Václav Kotrba (1898) auf Musikalien spezialisiert. Für die Propagierung und Verbreitung der tschechischen Musik wurde 1872 der Verlag Hudební matice gegründet (die erste Verlagsnummer war der Klavierauszug der Verkauften Braut von Smetana). Der bedeutendste unter den tschechischen Musikverlagen war aber jener der Familie Urbánek. Der Begründer der Firma, František Augustin Urbánek (1842–1919), hat Musikalien und Musikbücher (zuerst mit seinem Bruder Velebín Urbánek, 1853–92) herausgegeben, seine Söhne Mojmír (1873–1919) und Vladimír (1878–1948) haben die Firma weiter geleitet bzw. eigene Filialen gegründet. Mojmír Urbánek wirkte auch als Konzertunternehmer, der u. a. die P.er Konzerte von Edvard Grieg oder Theresa Carreño veranstaltet hat. In seiner eigenen Firma (Edition MU) gab er die Werke von V. Novák, Josef Suk, J. B. Foerster, O. Ostrčil u. a. heraus. 1912/13 ließ er sich von dem Architekten Jan Kotěra ein neues Gebäude erbauen, das zu den repräsentativen Gebäuden des P.er Kubismus gehört und im dessen Saal „Mozarteum“ u. a. die ersten Vorstellungen des avantgardistischen Theaters E. F. Burians, die Vorträge des Anthroposophen Rudolf Steiner bzw. des Architekten Le Corbusier stattfanden. Die Firma Urbánek wurde nach dem kommunistischen Umsturz 1949 aufgelöst (nach 1990 wurde das Haus restituiert und in eine Kunstgalerie verwandelt). Die Verstaatlichung der Verlage zeigte sich weiters in verschiedenen Fusionen bzw. Auflösungen, im 1953 gegründeten Verlag Státní nakladatelství krásné literatury, hudby a umění (Staatsverlag für schöne Literatur, Musik und Kunst) stand die Musik nur am Rande des Interesses. Die Musikalien bzw. Musikliteratur hat die ursprüngliche Schallplatten-Firma Supraphon übernommen, die 1991 privatisiert und 1998 mit dem Bärenreiter Verlag fusioniert wurde (Editio Bärenreiter Praha). Die für die zeitgenössische Musik gegründete Firma Panton wurde auf ähnliche Weise 1998 mit der Firma Schott’s Söhne Mainz vereinigt (heute Panton International).


Literatur
NGroveD 20 (2001); Československý hudební slovník osob a institucí, 2 Bde. 1963 u. 1965; Z. Míka (Hg.), Dějiny Prahy v datech 21999; O. Dlabola/M. Kopecká, Procházky hudební Prahou 1988; W. Dömling, Spaziergänge durch das musikalische P. 1999; Miscellanea musicologica 37 (Praha 2003 = Sammelband der Beiträge des Kolloquiums Die Kollektion liturgischer Bücher des Arnestus von Pardubice 1997); A. Jakubcová/J. Ludvová/V. Maydl (Hg.), Deutschsprachiges Theater in P. 2001; V. Ledvinka/J. Pešek, Praha 2000; V. J. Tomášek in Almanach Libussa 1845–1850; J. Černý et. al., Hudba v českých dějinách 21989; Z. Němec, Weberova pražská léta 1944; T. Volek in Mozart-Jb. 1959 (1960); T. Volek, Mozarts Opern für P. 1991; J. Smaczny in Miscellanea musicologica 34 (1994); T. Vrbka, Státní opera Praha 1888–2003, 2004; J. Ludvová in Uměnovědné studie 4 (Praha 1983); O. Teuber, Geschichte des P.er Theaters, 3 Bde. 1883–1888; J. Berkovec/V. Petrovský, Streifzüge durch das musikalische P. 1968; V. Všetečka/J. Berkovec, Praga Musicopolis Europae 1983; O. Kamper, Hudební Praha 18. věku 1936; T. Volek in Miscellanea musicologica 16 (1961); H. Krones in ÖMZ 46 (1991); Fr. Černý (Hg.), Divadlo v Kotcích 1992; D. E. Freeman, The Opera Theater of Count Franz Anton Sporck in Prague 1992; A. W. Ambros/J. Branberger, Das Konservatorium für Musik in P. 1911 [mit Liste der Absolventen]; R. Rosenheim, Die Geschichte der Deutschen Bühnen in P. 1883–1918, mit einem Rückblick 1783–1883, 1938; A. Javorin, Pražské arény 1958; V. Holzknecht, Česká filharmonie, příběh orchestru 1963; P. Zapletal, Padesát let Symfonického orchestr hlavního města Prahy FOK 1984; J. Bartoš, Prozatímní divadlo a jeho opera 1938; Z. Nejedlý, Opera Národního divadla do roku 1900 (Dějiny Národního divadla 2) 1935; P. Demetz, P. in Schwarz und Gold 22000; MGG 7 (1997); MGÖ 1–3 (1995).

Autor(en)
VR
Elisabeth Th. Hilscher
Hubert Reitterer
Empfohlene Zitierweise
Vlasta Reittererová/Elisabeth Th. Hilscher/Hubert Reitterer, Art. „Prag (deutsch für tschechisch Praha)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]



ORTE
Orte
LINKS
LOCI - Ortsdatenbank für Musik, Kultur und Geschichte


Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen

Publikationen zur Musikforschung im Verlag