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Hymnar
Bestand bzw. Sammlung der in den lat. Kirchen gebräuchlichen liturgischen Hymnen (Hymnus; korrekt ist das H., abgeleitet von Hymnarium, wie auch der H., abgeleitet von Liber hymnorum, Liber hymnarius). Die zwei klar zu unterscheidenden Bereiche sind: Der Bestand an im Stundengebet (Offizium) zu einer bestimmten Zeit und in bestimmten Regionen oder Orden verwendeten Hymnen im strengen Sinn. So spricht man vom „Alten H. der römischen Kirche“ mit einem Bestand von etwa 39 Hymnen vor Benedikt von Aniane († 821) und vom „Neuen H. der fränkischen Kirche“ nach dessen Reformen im Auftrag von Karl d. Gr. († 814) und dessen Sohn Ludwig d. Frommen († 840), das in den folgenden Jh.en eine sehr reiche und regional differenzierte Entfaltung erfahren hat, bis es durch das „tridentinische H.“ (Trienter Konzil) von 1568 zusammengestutzt und gereinigt wurde; weiters vom „monastischen H.“, das im Wesentlichen mit dem so genannten neuen H. übereinstimmt und eine viel bescheidenere Entfaltung fand; schließlich vom „H. der Liturgia Horarum“ 1971, der das Ergebnis der jüngsten Konzilsreform darstellt (Korrekturen und Neudichtungen von H.sind durch P. Lentini SJ erfolgt) sowie sogar von einem „H. des Gesangbuchs Gotteslob“. Auch für Ausgaben sämtlicher Hymnen einzelner Dichter wird die Bezeichnung H. verwendet.

Handschriftliche und gedruckte Sammlungen von Hymnen für den liturgischen Gebrauch entsprechen einer Einteilung derselben nach Formen (wie z. B. Lektionar, Evangeliar, Sakramentar, Antiphonale, Psalterium usw.). H.e dieser Art sind häufig als besondere Teile in anderen Büchern (z. B. Antiphonalien, Cantualien, Psalterien) zu finden. Im Lauf des Mittelalters haben sich dann andere Arten von liturgischen Büchern durchgesetzt, die vollständige Formulare für liturgische Feiern enthalten, wie z. B. Missale und Breviarium. Darin sind Hymnen bzw. Sequenzen den einzelnen Feiern zugeordnet. Das Deutsche Stundenbuch (1976), die deutschsprachige Ausgabe der Liturgia Horarum von 1971, hat einen speziellen Abschnitt „Hymnen zur Auswahl“, der über den lateinischen Bestand hinausgeht und einem H. entspricht.

Im heutigen Österreich sind seit dem MA wichtige H.e entstanden, wie z. B. in Salzburg/St. Peter, Stift Admont, Stift Klosterneuburg, Stift Seckau, Salzburg/Dom.

H.e des Mittelalters sind auch wichtige Quellen für das Entstehen muttersprachlicher geistlicher Lieder, da nicht wenige Hymnen schon im Hochmittelalter in deutscher und tschechischer Sprache handschriftlich verbreitet waren und (auch in der Liturgie?) gesungen worden sind. Der sog. H. von Sigmundslust (verfasst von P. Treybenreiff), der deutsche metrisch genaue Übersetzungen von 131 lateinischen Hymnen für das ganze Kirchenjahr unter Notenlinien, aber ohne ausgeschriebene Noten, enthält, lässt auf deutsche Hymnodie im Stundengebet schließen und gilt als erstes im heutigen Österreich gedrucktes Kirchengesangbuch in deutscher Sprache. 1555 ließ Leonhard Kethner seine Hymni, oder geistliche Lobgeseng (eine Sammlung von 37 Zisterzienserhymnen in deutscher Sprache) bei Valentin Geyßler in Nürnberg drucken. Fast alle Gesangbücher der evangelisch-lutherischen Kirchen enthalten – bis in die Zeit des Pietismus und wiederum seit den Reformbewegungen des 19. Jh.s. bis heute (2002) – mehr oder weniger umfangreicheH.e.

Im Englischen bedeutet Hymnal in allen christlichen Kirchen das Gesangbuch der Gemeinde, Hymn ist hier immer nur der Text.


Literatur
W. Lipphardt in M. Ruhnke (Hg.), [Fs.] B. Stäblein 1967; B. Stäblein in Grazer Univ.sreden 13 (1974); H. Gneuss, H. und Hymnen im englischen Mittelalter 1968; H. Gneuss in B. Rowland (Hg.), [Fs.] R. H. Robbins 1974; F. K. Praßl in Lex. f. Theologie u. Kirche 5 (31996); MGG 4 (1996); Ph. Harnoncourt, Gesamtkirchliche und teilkirchliche Liturgie 1974, 294–366; F. Dörr in Liturg. Jb. 29 (1979).

Autor(en)
Philipp Harnoncourt
Empfohlene Zitierweise
Philipp Harnoncourt, Art. „Hymnar‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 02/12/2002]