Offizium
Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil Bezeichnung für die klassische Tagzeitenliturgie (Liturgie; lat. Amt, Aufgabe, Pflicht), seither nur noch kanonistisch-rubrizistisch verwendet; aber nach wie vor in Komposita als Terminus technicus gebraucht (z. B. Officium parvum Beatae Mariae Virginis für die kleinen marianischen Tagzeiten oder Officium defunctorum, Toten-O.). Nunmehr heißt der amtliche Terminus Liturgia Horarum (Stundenliturgie oder Stundengebet).
Tagzeitenliturgie stellt die markanten Stunden eines Tages, v. a. den Abend und den Morgen mit dem jeweiligen Wechsel von Licht und Dunkel in Beziehung zu Gott und seinem Heilswirken an den Menschen. Neben den sieben Gebetszeiten des Tages gemäß Ps. 119,164 (Septies in die laudem dixi tibi), der Laudes (Morgenlob), Prim, Terz, Sext, Non (kleine Horen jeweils zur 1., 3., 6., 9. Stunde), Vesper (Abendlob) und Komplet (Gebet zum Schlafengehen), gibt es noch das Nacht-O. (Matutin oder Vigilien) gemäß Ps. 119,62 (Media nocte surgebam ad confitendum tibi).
Neben dem Typus des Stundengebets der Gemeinde, der „Kathedral-O.“ genannt wird, bildet sich im Mönchtum ein eigener Typus eines „monastischen O.s“ aus. Um die Mitte des 6. Jh.s ist der Typus des stadtrömischen O.s voll ausgebildet, der mutatis mutandis bis zur Brevierreform Pius’ X. 1911 als Cursus Romanus (oder cursus saecularis) in Geltung war. Diesen hat Benedikt v. Nursia in seiner Mönchsregel um 529 zum Cursus monasticus umgestaltet, der bis heute (2004) als eine der Möglichkeiten des Stundengebets der benediktinischen Familien besteht. Die verschiedenen westlichen Varianten des Stundengebets in Mittelalter (nach Verdrängung lokaler Liturgien außer Mailand) und Neuzeit in den einzelnen Diözesen und Ordensgemeinschaften, in der römischen Kurie, nach dem Konzil von Trient (Breviarium Romanum 1568) bis hin zu Pius X. und von diesem schon deutlich verändert bis zur großen Reform 1970 basieren auf diesen Grundtypen. Das römische Basisrepertoire des Temporale, des Commune Sanctorum und des Sanktorale wird durch die liturgischen Reformen im fränkischen Bereich im 9./10. Jh. lokal unterschiedlich etwa um 10–15% ausgeweitet. Das sind v. a. Antiphonen und Responsorien, die lokale Traditionen innerhalb der großen Einheit begründen, z. B. Liturgie der Erzdiözese Salzburg, oder Liturgie des Stiftes St. Florian.
Wichtigstes Strukturelement des O.s ist die Psalmodie, welche – ursprünglich als Lectio oder Meditatio verstanden – auch solistisch vorgetragen wurde, im Frühmittelalter aber den Charakter eines „Gebets“ angenommen hat und dementsprechend auch zunehmend von allen wechselchörig gesungen wurde. Ab dem 9. Jh. begann man, Antiphonen, Responsorien und Hymnen eines liturgischen (Fest-)Tages zyklisch zu verfassen, v. a. bei Heiligenfesten: die Historia. Diese sind das Vorbild für viele weitere lokale Neuschöpfungen im Hoch- und Spätmittelalter, aber auch in der Neuzeit. Jede größere Diözese und jedes bedeutendere Kloster entwickelte auf diesem Sektor sein liturgisches Eigengut, v. a. bei Patronen und anderen bedeutenden Heiligen. Aus den Prosa-Historiae entwickelt sich das Vers- oder Reimoffizium. Fest- und Heiligen-O.en überlagerten zunehmend das Ferial-O., sodass im 16. Jh. und auch zu Beginn des 20. Jh.s, nachdem die Reform von 1570 längst wieder überwuchert war, dieses kaum einmal gebetet worden ist. Pius X. hat dies durch eine Reform der Rubriken korrigiert.
Besondere O.en sind musikalisch und rituell die Weihnachtsmatutin, die Trauermetten (Officium tenebrarum, Tenebrae), das Toten-O. und das kleine marianische O. Letztere beiden gehören zu den Zusätzen des mittelalterlichen O.s, zu denen auch die Bußpsalmen, die Gradualpsalmen, die Trina oratio und einiges mehr zählen. Die Trauermetten hatten etliche populäre Elemente, wie die abschließende Kyrielitanei (mit Passionshymnus), die auch Ansatz für Gemeindegesang wurde (St. Lambrecht: Hymnus Christ, schepfer alles des da ist), sehr populär wurde auch die Visitatio sepulchri („Osterspiel“) am Ende der Matutin des Ostersonntags, wo sich zuerst im Bereich der Augustiner-Chorherren die Gemeinde mit dem Osterlied Christ ist erstanden beteiligen konnte. An den Abenden wenigstens der ersten drei Ostertage erfreute sich die erweiterte „römische Taufvesper“ großer Beliebtheit.
Die Reform der Tagzeitenliturgie nach dem Zweiten Vaticanum (Liturgia Horarum 1970) war für die allgemeine römische Liturgie ein so starker struktureller Eingriff, dass der klassische Cursus Romanus nicht mehr existiert.
Das Stundengebet in der Muttersprache gab es teilweise schon im Spätmittelalter, v. a. auch mit Beispielen aus Österreich, dies blieb jedoch die Ausnahme. Reformatorische Ansätze und auch Ansätze der Aufklärungszeit versandeten. Ernsthafte und erfolgreiche Versuche im 20. Jh. sind mit der Abtei Seckau verbunden, wo P. Hildebrand Fleischmann und P. Maurus Neuhold ein deutsches Officium parvum für die vielen latein-unkundigen Schwesterngemeinschaften der „tätigen“ Orden entwickelten. Die musikalische Bearbeitung oblag bis 1945 P. Gregor Böckeler, danach Heinrich Rohr. Als Christuslob ist dieses Werk seit 1980 offizielles liturgisches Buch. Andere österreichische Beiträge für ein gesungenes volkssprachliches Stundengebet stammen von den Brüdern H. und J. Kronsteiner. Die Vertonungen des nachkonziliaren deutschen Stundengebets stammen von Godehard Joppich und Rhabanus Erbacher, welche auch zusammen mit anderen das Benediktinische Antiphonale 1996 verfasst haben.
Handschriftliche Quellen zum mittelalterlichen Stundengebet in Österreich sind in unterschiedlicher Dichte von Ort zu Ort vorhanden. Die Klosterneuburger Codices CCl 1010–1018 zählen zu den wichtigsten frühen deutschen O.s-Quellen mit Liniennotation (Neumen). Chorherrenquellen sind auch die ältesten Belege für das Osterlied Christ ist erstanden (A-Wn 1482, A-Su M II 6). Eine systematische Erforschung der mittelalterlichen Musik des O.s steht nach wie vor am Anfang.
Ansätze für eine mehrstimmige Ausführung der Tagzeitenliturgie waren die solistischen Gesänge, wie die Lesungen zur Weihnachtsmatutin oder zu den Trauermetten (Lamentatio Jeremiae Prophetae), die solistisch vorgetragenen Responsorien, die Hymnen und die Cantica des Lukasevangeliums. Das Hauptgewicht der mehrstimmigen Musik verlagert sich auf den Vespergottesdienst, auf die Komplet und die Litaneien im Annex zu Vespern. Eine Ausnahme bleiben die Trauermetten, welche mit ihrer reichen Musik aber bis ins 20. Jh. antizipiert worden sind, d. h., man hat sie am Nachmittag des Vortags zelebriert. Psalmen wurden erst in der Technik des Fauxbourdon sehr spät mehrstimmig in den Vespergottesdienst eingeführt. Das Interesse lag zunächst bei den Proprien des O.s. Bedeutsam sind die Vespermusiken von L. Senfl und Th. Stoltzer. Mit dem Aufkommen der venezianischen Psalmenvertonungen im 16. Jh. bekommt diese Gattung auch nördlich der Alpen Gewicht (S. Erthel, Salzburger Hofmusiker), beherrschend wurden jedoch der mehrstimmige Hymnus und das Magnificat. Sehr häufig wurden die Werke alternatim choraliter-figuraliter aufgeführt, das Alternieren mit der Orgel war weniger verbreitet als in Italien oder in Frankreich. Das Aufblühen der klösterlichen Musikkultur machte die Vesper zur zweiten Hauptfeier und musikalischen Hauptgattung neben der Messe. Große Vespermusiken sind neben Klöstern und Wallfahrtsorten auch an den geistlichen und weltlichen Höfen üblich (Wien: J. J. Fux, Salzburg: W. A. Mozart, M. Haydn, der auch mit deutschen Vespern experimentierte). Die josephinischen Beschränkungen der Kirchenmusik rotteten die polyphone Vesper weitgehend aus. Neuansätze im Cäcilianismus kamen über den Status mehr oder weniger solider Gebrauchsmusik nicht hinaus. Nach 1970 wurde versucht, die deutsche Vesper als neue kompositorische Herausforderung attraktiv zu machen (z. B. die Vesper von A. Heiller zur Weihe der Grazer Domorgel 1978).
Lit: H. Schmidt, Introductio in Liturgiam Occidentalem 1959; P. Radó, Enchiridion Liturgicum 1 (1961), 2 (1966); F. W. Riedel, Studien zur Kirchenmusik am Hofe Karls VI. 1977; R. Taft, The Liturgy of the Hours in East and West 1985; M. H. Schmid in M. H. Schmid (Hg.), Mozart-Studien 2 (1993); F. K. Praßl in P. Eder (Hg.), [Kat.] Hl. Rupert von Salzburg 696–1996. Dommuseum zu Salzburg und Erzabtei St. Peter 1996; St. Engels in MusAu 14/15 (1996); R. Stephan, Teutsch Antiphonal. Quellen und Studien zur Gesch. des dt. Chorals im 15. Jh. unter besonderer Berücksichtigung der Gesänge des Breviers 1998; F. K. Praßl in St. Engels/G. Walterskirchen (Hg.), [Kgr.-Ber.] Musica sacra mediaevalis. Geistliche Musik Salzburgs im Mittelalter. Salzburg 1996 , 1998; MGG 7 (1997); V. Rónai, „…mit Loben durch der Psalmen Klang“. Die vorkonziliaren Laien- und Schwesternbreviere von P. Hildebrand Fleischmann OSB , Dipl.arb. Graz 2000; R. Meßner, Einführung in die Liturgiewissenschaft 2001.


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[ Zuletzt aktualisiert: 2009/11/30 09:30:01 ]

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