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Seckau
Kloster in der Obersteiermark (Name von slawisch zegova = Brandrodung), 1140 durch Adalram von Waldeck-Feistritz am Fuß einer Hochfläche als Augustiner-Chorherren-Stift gegründet (heute: St. Marein bei Knittelfeld/St) und vom Salzburger Domstift aus besiedelt, zwei Jahre später aber auf eine ruhigere Höhe verlegt (Weihe des „Doms im Gebirge“ 1164 durch Bischof Hartmann von Brixen, bereits ein Jahr vorher war Dekan Leopold v. Traföß erster Propst von Vorau geworden). Bald darauf entstand auch ein Chorfrauen-Kloster. 1218 wurde hier ein von Salzburg abgespaltenes Bistum gegründet, doch lebten die Bischöfe meist auf ihrem Schloss Seggau oberhalb von Leibnitz/St oder in dem 1267 erbauten Bischofshof in Graz. Im späten 16. Jh. ließ der Landesherr, Erzhzg. Karl II., für sich und seine Gemahlin Maria eine Grablege errichten (Mausoleum). 1491 wurde das Chorfrauenstift, 1782 durch K. Joseph II. auch das Herrenstift aufgehoben. Die Bibliotheksbestände, darunter wertvolle Musikhandschriften, kamen an die UB Graz. Die Baulichkeiten wurden an die Vordernberger Radmeister-Communität verkauft, 1881 aber von wenige Jahre zuvor im Zuge des sog. Kulturkampfes aus Beuron/D vertriebenen Benediktinern mit kaiserlicher Hilfe angekauft und reaktiviert (d. h., die romanische Kirche und barocken Gebäude renoviert, rekonstruiert und z. T. auch historisierend erweitert). 1934–45 freskierte Herbert Boeckl die Engelskapelle, 1954 wurde das neuaufgedeckte Johannesfresko (13. Jh.) in die Kirche übertragen. Das endgültig nach Graz verlegte Bistum heißt seit 1963 offiziell Graz-S. 2005 wurde die Marienkapelle umgestaltet und fand die Neuweihe des Altars mit Reliquien der Hl. drei Könige aus Köln/D (urspr. Patrozinium) statt.

Der erhaltene reiche mittelalterliche Handschriftenbestand lässt die anfängliche Abhängigkeit des Scriptoriums von Salzburg sowie weitere Beziehungen nach Vorau erkennen und gehört zu den wichtigsten seiner Art im heutigen Österreich. Mehrere unikale Sequenzen ließen vorübergehend sogar an ein frühes Zentrum einschlägigen Schaffens in der Nachfolge des Adam von St. Victor (12. Jh.) denken, auch für die Überlieferung der Osterspiele gibt es gewichtige Zeugnisse. Hs. 287 enthält das älteste, irrigerweise als „St. Lambrechter Mariensequenz“ bezeichnete deutsche Marienlied der Steiermark („Ave du vil schoniu maris stella“ nach „Ave praeclara maris stella“ des Hermannus Contractus, 13. Jh.), Hs. 1501 die sog. „Heinrichslitanei“, der Liber Ordinarius mit dem beigebundenen Cantionar (Vorsängerbuch, Hs. 756 [1345], s. Tbsp.) ist eine unschätzbare Quelle für Liturgie und Gesang, auch der Volkskunde (z. B. sog. „Kindelwiegen“) der Zeit. Neben einzelnen Beispielen primitiver Mehrstimmigkeit enthält diese Handschrift auch eine einstimmige neumierte Version des Stephanus-Tropus De Stephani roseo sanguine, die der Duplumstimme von Perotins vierstimmigem Sederunt principes entspricht und die Frage des Verhältnisses aufwirft. Die früher angenommene Herkunft des Graduale Hs. 807 (ein Hauptzeuge des sog. germanischen Choraldialekts; um 1160) sowie des Codex Buranus (Carmina Burana, um 1230) aus S. ist allerdings heute (2005) nicht mehr haltbar. In der Neufassung der Consuetudines von 1418 (Hs. 380) findet sich nicht nur die Erwähnung einer Orgel, sondern des Clavichords (eine der ältesten überhaupt, es wird, wie ehedem das Monochord, zu Übungszwecken erlaubt; Klavichord). Spätestens unter Propst Gregor Schärdinger (1511–41) wurde der Figuralgesang in S. eingeführt, jedenfalls ließ dieser 1524 oberhalb des ca. 1197 am Lettner der Stiftskirche errichteten Hochchors eine Musikempore errichten. Dort erfolgte noch im selben Jahr die Aufstellung einer Orgel durch einen unbekannten Meister. Reparaturen und Erweiterungen sind für die Jahre 1577 (durch Michael Teispacher), 1598 (Mathias Guldner aus Wiener Neustadt) und 1676/83 (J. Lilling d. J.) belegt. Spätestens 1715 verlegte man Chorgebet und Kirchenmusik endgültig auf den 1673–76 neu errichteten Westchor, der wiederum eine Musikempore darüber hatte; Lettner und Hochchor samt Musikempore wurden nach 1782 abgetragen. Die Orgel von 1524 übersiedelte auf den Westchor (nicht auf dessen Musikempore) und wurde spätestens 1778 abgetragen. Stattdessen wurde ein 1588 von Georg Jäger aus Kapfenberg gefertigtes Positiv aus dem nördlichen Seitenschiff auf den Westchor übertragen. Der neu errichtete Westchor ersetzte jedenfalls eine Vorgängerempore, auf der sich seit 1500 eine von Han(n)s Prun(n)er aus St. Veit an der Triesting/NÖ verfertigte Orgel befunden hatte. Diese, eines der wichtigsten frühen Zeugnisse des Orgelbaus in Österreich, wurde 1676/77 auf die neue Musikempore oberhalb des Westchors transferiert und erst 1886 abgetragen (zuletzt II/19). 1572 arbeitete Peter Seiwiz an dem Werk und erweiterte es um ein Positiv, zw. 1597/1601 nahm M. Guldner Reparaturen vor, 1677 kam es zu einem Umbau durch J. Lilling d. J., 1699 sind Arbeiten durch Jakob Häglinger belegt. 1715 versetzte Gelasius Rueprecht das Positiv, das 1778 F. X. Schwarz im Zuge seiner Arbeiten durch ein neues Rückpositiv ersetzte. Ab 1886 gab es eine Chororgel (24 Register, nach einem Umbau von Johannes Klais 1897/98 mit 28 Registern) von Martin Schlimbach in der Kirche, die mehrmals ihren Standort wechselte, aber nie auf der Westempore aufgestellt war. Diese wurde durch die Firma Mauracher 1902/03 umgebaut (II/18), die 1905 auch eine neue große Orgel auf der Westempore (II/38) errichtete; ab 1907 konnten beide Werke über eine elektrische Traktur gemeinsam gespielt werden. Ein 1938 begonnener Orgelneubau (geplant fünfmanualig mit drei Standorten in der Basilika) durch die Firma Rieger in Jägerndorf konnte infolge des Zweiten Weltkrieges nicht abgeschlossen werden (Spieltisch erhalten). 1948/49 errichtete M. Dreher eine neue Chororgel (22 Register) unter Verwendung von vorhandenem Pfeifenmaterial, diese wurde 1998 abgetragen und durch eine neue Chororgel (II/14) von Hubertus v. Kerssenbrock ersetzt. 1959 baute schließlich die Firma Walcker eine neue Hauptorgel (III/41) auf der Westempore, die erste rein mechanische Schleifladenorgel Österreichs. Ab 1570 war auch ein Hornwerk (von M. Teispacher) in S. vorhanden.

Über den Schulmeister Petrus Wagner (2. Hälfte des 16. Jh.s) ist nichts Näheres bekannt. Aus dem späten 16. Jh. ist auch das erste Chorbuch erhalten (Hs. 67, Kompositionen von Arnoldus Flandrus Eremita, O. di Lasso und Gallus Dreßler). Ein zweites (Hs. 22) wurde 1607 von G. Kuglmann geschrieben und belegt somit Beziehungen zu den Jesuiten in Graz. Es enthält Werke niederländischer, italienischer und deutscher Meister. Aus den Folgejahren ist wenig bekannt (der Stiftsarchivar Thomas Jurichius [† 1658] war auch als cantor tätig). Die Behauptung, der vorübergehend auch als Regens chori tätige Stiftschronist und Dekan Mathias Ferdinand Gauster (1699–1749) habe Werke J. S. Bachs systematisch gesammelt und aufgeführt, hält einer Überprüfung nicht stand. Wohin 1782 die S.er Musikalienbestände gelangten, ist unbekannt; die heutigen bauen auf denjenigen auf, die P. P. Widerhofer aus der Mariazeller Musikerdynastie bei seinem Amtsantritt als Kaplan 1878 mitgebracht hatte.

Nach einer etwa 100jährigen Unterbrechung, während der die Musik in der zur Pfarrkirche gemachten ehemaligen Stiftskirche wie üblich der Bevölkerung der Umgebung überlassen blieb, folgte 1881 auf die augustinische Tradition eine benediktinische, bei der die Verbindung nach Hohenzollern/D weiterhin zu bedenken ist (z. B. pflegen die S.er Benediktiner erst in der jüngeren Zeit Pfarr-Seelsorge). Nach Abzug des Generalabtes zurück nach Beuron 1887 wurde S. selbständige Abtei, die Ordenshochschule abgezogen, die Oblatenschule (Oberstufe des Ordensgymnasiums) aber bis 1921 hier weitergeführt. Für die schon früh eingeführten Sängerknaben wurde im ersten Jahrzehnt des 20. Jh.s ein eigenes Institut eingerichtet. In ganz besonderer Weise aber ließen sich die in Solesmes/F geschulten Gründeräbte der Beuroner Kongregation die Pflege des gregorianischen Chorals angelegen sein. Sowohl um seine Wiederbelebung als auch Erforschung (Peter Wagner war oftmals Gast hier) kann die Rolle S.s kaum überschätzt werden: die Tätigkeit der Patres C. Vivell, M. Horn, Erhard (Otto) Drinkwelder (1880–1964), Raphael Rosmann († 1959) und Laurentius Hora (1900–77) als Choralforscher und Kirchenmusiker im Besonderen bzw. die von den S.er Mönchen z. T. gepflegte Orgel-begleitete Choralpraxis (heute [2005] stark reduziert) im Allgemeinen. Außerdem sind hier eine Reihe führender Kirchenmusiker tätig gewesen (u. a. K. Walter, Ernst Trost [1905–64], Th. Wasserfaller, Josef Vollmann als Chorleiter des Abteigymnasiums) und aus der S.er Schule einige Musiker hervorgegangen (z. B. P. Paschalis Schuh, P. Benedikt Leeb, Ehrenfried Pyrker [Göttweig/NÖ], Anton Stepanek [Mistelbach/NÖ], Hans Kubik [Wien], Richard Moder [Salzburg]). Der Kirchenchor der nunmehrigen Abtei- und Pfarrkirche verblieb als Aufgabe der Pfarre (besonders verdienstvoll nach 1945: Alois Haber als Regens chori und Gabriele Burböck als Organistin). Besondere Bedeutung wurde und wird der Orgelbewegung und dem Orgelspiel (auf diversen Instrumenten seit 1886, seit 1959 eine Walcker-Orgel) sowie der Orgelforschung (L. Hora) beigemessen. Mit S. verbunden sind auch Bestrebungen zur Schaffung eines deutschen Offizium parvum für Latein-unkundige Gemeinschaften. P. Hildebrand Fleischmann veröffentlichte zu diesem Zweck 1933 das S.er Volksbrevier und 1934 das Officium divinum („S.er Schwesternbrevier“), das seit 1979 unter dem Titel Christuslob als amtliches Stundenlob von Klosterschwestern im ganzen deutschen Sprachraum verwendet wird. Die außerliturgische Musik im Leben der Mönche (z. B. zu Namensfesten der Äbte, gemeinsamen Weihnachtsfeiern, Besuch hochgestellter Persönlichkeiten) richtete sich nach anderswo üblichen Vorbildern aus, blieb aber bescheiden. Schließlich ist die Musikpflege im üblichen Rahmen des seit 1926 (mit Unterbrechung während der Vertreibung der Patres durch die Nationalsozialisten 1940–45) bestehenden Konviktsgymnasiums gebührend zu erwähnen.


Tondokumente
TD: CD Summi regis in laude 1999 (Edition S. BASCD 4).
Literatur
StMl 1962–66; L. Hora in SK 11 (1964); B. Roth, S., Gesch. und Kultur, 1164–1964, 1964; F. K. Praßl, Psallat ecclesia mater, Diss. Graz 1987; W. Lipphardt, Hymnologische Quellen der Steiermark und ihre Erforschung 1974; W. Irtenkauf in AfMw 13 (1956); R. Flotzinger in Mf 37 (1984); B. Boisits, Der Nachlaß Pater Coelestin Vivells im Stift S. (Steiermark), Dipl.arb. Graz 1988; B. Boisits, Coelestin Vivell, ein Choralforscher aus dem Stift S. (Steiermark), Diss. Graz 1995; B. Boisits/R. Flotzinger in M. Fink et al. (Hg.), [Fs.] W. Salmen 1991; H. Federhofer, Musik u. Gesch. 1996; R. Federhofer-Königs/H. Federhofer in KmJb 42 (1958); R. Flotzinger in Stud. mus. 31 (1989); R. Flotzinger in I. Fuchs et al. (Hg.), [Kgr.-Ber.] J. S. Bach Wirkungsgesch. 1992; [Kat.] Musik i. d. St. 1980; A. Kern, Die Handschriften der UB Graz, 3 Bde. 1942–67; A. Kollbacher, Musikpflege in Mariazell 1995; V. Róna, „Mit Loben durch der Psalmen Klang“. Die vorkonziliaren Laien- u. Schwesternbreviere von P. Hildbrand Fleischmann OSB, Dipl.arb. Graz 2000; G. Lade in Das Orgelforum 5 (2002); G. Allmer in Österreichisches Orgelforum 1985, H. 1; G. Allmer in Principal 2 (1999); G. Allmer in Das Orgelforum 19/20 (April 2016); SK 51/1 (2004), 50.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger/Christian Fastl, Art. „Seckau‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15/06/2016]