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Oswald von WolkensteinOswald von Wolkenstein
* --ca. 1376 Schöneck, Pustertal/Südtirol (Valle Pusteria/I), † 1445-08-022.8.1445 Meran/Südtirol (Merano/I). Liederdichter, Musiker, Adelspolitiker. Als jüngerer Sohn aus landsässiger Tiroler Adelsfamilie musste er lebenslang um Vermögen, Ansehen und politischen Einfluss kämpfen. Trotz eines schweren Augenschadens ist er 1399 und 1402 als Preußenfahrer, später wiederholt im Hussitenkrieg fassbar; er begleitete zwei Könige auf ihrer „Romfahrt“. In Tirol erstritt er sich eigenständige Teilhabe am Familienerbe, um seine Rechtsposition als Grundherr zu untermauern. Er engagierte sich politisch in Tiroler Adelsbünden und suchte durch eine Kapellen- und Messpriesterstiftung am Brixner Dom seine Position als Hochstiftsadeliger sowie Angestellter des Brixner Fürstbischofs abzusichern. 1415 trat er in Konstanz in den Dienst Kg. Sigmunds v. Luxemburg, in dessen Gefolge er fortan wiederholt anzutreffen ist, zuerst als Agent des Tiroler Adels im Kampf gegen Hzg. Friedrich IV. v. Österreich. Als dieser 1418 seine Rechte als Landesfürst zurückgewann, gehörte O. auf Druck des Königs zu den amnestierten adeligen Widerstandskämpfern. Seit etwa 1417/18 mit Margarethe v. Schwangau verheiratet, wohnhaft auf der Waldburg Hauenstein am Schlern/Südtirol, die ihm nur zu einem Drittel gehörte, verstrickte er sich in einen Jahrzehnte alten Erbschaftsstreit mit Barbara v. Hauenstein und deren Ehemann Martin Jäger. Zu wenig auf der Hut vor seinen Fehdegegnern, denen sich seine frühere Geliebte Anna Hausmann angeschlossen hatte, geriet O. im Herbst 1421 in lebensbedrohende Gefangenschaft, wurde an Hzg. Friedrich ausgeliefert und im Frühjahr 1422 gegen überhöhte Bürgschaftsleistung vorübergehend freigelassen. Versuche, den König für seine Notlage zu interessieren, auf Görzer (Gorizia/I) Territorium Asyl zu finden und schließlich durch Flucht einer Gerichtsverhandlung zu entkommen, endeten im Frühjahr 1427 mit einer weiteren Gefangenschaft und der bedingungslosen Unterwerfung unter seinen Landesherrn, aber auch mit dem Erwerb der umstrittenen Burg, was den mittlerweile 50-Jährigen jedoch nicht bewog, sich zur Ruhe zu setzen. Ein Rechtsstreit mit seinem Vetter Hans v. Vilanders, der seinen Anteil an der noch immer gültigen Bürgschaft in Pfandbriefen und Bargeld einbehielt, veranlasste O., im Winter 1427/28 westfälische Freigerichte aufzusuchen und als Freischöffe ein Femeverfahren einzuleiten, das bald im Sande verlief. Mit einer handgreiflichen Einmischung in den Aufstand des Brixner Domkapitels gegen Bischof Ulrich Putsch brachte sich O. 1429 in Tirol, mit seiner Teilnahme an der Nürnberger Reichsversammlung, am Reichstag von 1431 und an den Vorbereitungen zum letzten Reichskrieg gegen die Hussiten beim König nachdrücklich in Erinnerung. Er wurde Mitglied des ursprünglich ungarischen Drachenordens, Rat Kg. Sigmunds, sowie dessen Sonderbeauftragter in Italien und am Basler Konzil. Während des Ulmer Reichstags von 1434 ließ er sich vom Kaiser zum Beschützer des Augustinerchorherrenstifts Neustift bei Brixen, dessen Pfründner er seit 1411 war, ernennen und legte für die reichsunmittelbaren Schwangauer Lehen, aus denen seiner Frau eine Mitgift zustand, die Eide eines Reichsritters ab. Nach 1435 konzentrierte sich O. im Hochstift Brixen, im Land Tirol und in der Oberen Grafschaft Görz auf die Verwaltung seiner Besitzungen, auf Teilhabe an der Rechtsprechung und Beratung der jeweiligen Landesherren. Erst nach dem Tod seines Erzfeindes Hzg. Friedrich und seines älteren Bruders Michael stieg er zu einem der führenden Landherren Tirols auf. Er starb mitten in seinen Amtsgeschäften und wurde seinem Testament gemäß in der Neustifter Stiftskirche bestattet.

Als Künstler hinterließ O. der Nachwelt rund 130 ein- bzw. mehrstimmige Lieder sowie zwei Reimpaarreden. Darin werden traditionelle literarische Muster aufgegriffen, abwechslungsreich variiert und oft parodiert. Formales Können sowie eine überwältigende Fülle von Themen, Motiven und bildhaften Genreszenen, mit autobiographischen Details, launigen Einfällen, persönlichen Meinungen und lehrhaften Überlegungen angereichert, machen ihn zum bedeutendsten deutschen Lyriker des Spätmittelalters. Als Musiker bietet O. eine Art Kompendium der damaligen europäischen Liedkultur. Dabei hat er mehrstimmigen romanischen Sätzen, vorwiegend aus der französischen Ars Nova, geschickt deutsche Texte unterlegt. Bei 15 seiner insgesamt 37 mehrstimmigen Sätze ist erwiesen, dass es sich um Kontrafakturen (Parodie) handelt. Die beim weltlichen deutschen Lied vorherrschende Monodie hat er anhand bestehender Modelle für seinen jeweiligen Zweck adaptiert, d. h. in 63 Melodien abgewandelt, erweitert, beschnitten oder aus „Zellen“ neu kombiniert, insbesondere bei seinen Liebes- und Reiseliedern sowie religiösen Betrachtungen. Die meisten einstimmigen Lieder sind nicht oder nur andeutungsweise mensuriert. – Überliefert sind die Lieder O.s in zwei repräsentativen, zu seinen Lebzeiten entstandenen Pergamenthandschriften mit Notation: Hs. A (A-Wn 2777), Hs. B (A-Iu ohne Signatur). Später zu datieren sind eine Papierhandschrift ohne Noten (Hs. c, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck) und die spärliche Streuüberlieferung. Überaus reichhaltig sind die historischen Lebenszeugnisse mit rund 700 Urkunden- und Aktenstücken in verstreuten Archiven sowie porträthaften Darstellungen.

Dass O. v. W. mit den Regeln der Mensuralnotation nicht vertraut war, spricht gegen seine Stilisierung zum Komponisten. Die aus vorhandenem Material „kom-ponierten“ Stücke könnten den Schreibern der Hss. A und B (die über die nötigen Kenntnisse verfügten) diktiert worden sein, was vielleicht die zahlreichen Fehler (z. B. in der Schlüsselung) erklärt. Die mehrstimmigen Sätze zeigen unterschiedliche satztechnische Faktur: die frühesten Belege für das Tenorlied (Gesellschaftslied), darunter das bekannte zweistimmige Tagelied Wach auff, mein hort, dessen Unterstimme sich auch in anderen deutschen Quellen findet; vier als „fuga“ betitelte Kanons (das Martinslied Her wiert, uns dürstet dreistimmig); diskantusartige Sätze bzw. einfache Mehrstimmigkeit mit Parallelführung, Stimmkreuzung und Gegenbewegung. Sowohl in der Überlieferung als auch in kompositorischer Hinsicht und sogar in der Notation (Verwendung roter und hohler Noten) herrscht ein selbstverständlicher Austausch zwischen ein- und mehrstimmigen Strukturen. Diese Vielfalt an Satzmodellen ist durch die Vorlagen bedingt, spiegelt sich aber in der schöpferischen Adaptierung wider, was die Bedeutung des Dichters auch für die Musikgeschichte erweist.


Gedenkstätten
W.-gasse (Graz IV).
Schriften
W: NA: Die Lieder O. v. W. Unter Mitwirkung v. W. Weiß/N. Wolf hg. v. K. K. Klein. Musikanhang von W. Salmen. 3. neubearb. und erw. Aufl. v. H. Moser et al. 1987; Die Lebenszeugnisse O.s v. W. Edition u. Kommentar, hg. v. A. Schwob unter Mitarbeit von K. Kranich-Hofbauer/B. Spreitzer, kommentiert v. U. M. Schwob, 3 Bde. 1999–2004. – U. Müller/F. V. Spechtler (Hg.), O. v. W. Hs. A in Abb. 1974; H. Moser/U. Müller (Hg.), O. v. W. Abb.en zur Überlieferung I: Die Innsbrucker W.-Hs. B 1972; DTÖ 18 (1902).
Literatur
A. Schwob, O. v. W. Eine Biographie 1977; B. Wachinger in Verfasserlex. 7 (1989); I. Pelnar, Die mehrstimmigen Lieder O.s v. W. 1981/82; E. M. Loenertz, Text und Musik bei O. v. W. Edition u. Interpretation der 40 einstimmigen, einfach textierten Lieder in der Fassung der Hs. B 2003; L. Welker in Early Music History 7 (1987); R. Gstrein in K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. Tirols 1 (2001); Strohm 1993; NGroveD 18 (2001); R. Strohm in Jb. der O. v. W. Ges. 4 (1986/87).

Autor(en)
Anton Schwob
Alexander Rausch
Empfohlene Zitierweise
Anton Schwob/Alexander Rausch, Art. „Oswald von Wolkenstein‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 10/08/2017]

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