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Groteske
Kategorie in den verschiedenen Künsten. Ursprünglich bezeichnet das Wort „grotesk“ (abgeleitet von ital. „grotta“) einen ornamentalen Stil in der Malerei der Renaissance, welcher durch die Wiederentdeckung der mittlerweile unterirdisch angebrachten Wandmalereien mit phantastisch-mythologischen Sujets der domus aurea im Rom angeregt wurde. Das Groteske im umfassenderen Sinne kann als eine Überlieferung von Figuren und Motiven aufgefasst werden, die unterschiedlich variiert Jh.e hindurch übertragen und weitergesponnen werden. Diese Figuren bestehen aus Zusammensetzungen von widersprüchlichen, in der empirischen Welt nicht zueinander passenden Elementen. Die typischen grotesken Gestaltungen sind Mischformen, welche die kategorialen Grenzen überschreiten: tierische, menschliche, pflanzliche Elemente werden zusammengefügt, aber auch organische und mechanische sowie lebendige und tote. Auch ihre Wirkung ist gemischt: Groteske Figuren können zugleich dämonisch und lächerlich, tragisch und trivial erscheinen.

Während das Bestehen grotesker Darstellungen in der Malerei und Literatur außer Zweifel steht, erscheint die Möglichkeit einer grotesken Musik als weniger selbstverständlich. Jedoch lässt bereits die erstaunlich große Anzahl von musizierenden G.n, die in jeder Epoche von Malern und Dichtern dargestellt worden sind, das produktive Verhältnis zwischen Groteskem und Musik zutage treten. Groteske Motive wandern in der Zeit durch die verschiedenen Kunstformen und Ausdrucksweisen, wobei die ikonisch-formale Struktur (fast) unverändert bleibt, während sich die Deutungen extrem modifizieren können. Spezifisch musikalische Gestaltungsmittel des Grotesken sind Genre-cliché-Verzerrung, instrumentale Effekte und das Verhältnis zum Tonmaterial (Beinhorn 1989). Mittelalterliche Totentänze und Parodien von musizierenden Tieren, karnevalische Gesänge in der Renaissance sowie mythologische Szenen der opera seria und Figuren aus der Commedia dell’arte in der Buffo-Oper des 18. Jh.s sind einige der gewöhnlichsten grotesken loci der europäischen Musikgeschichte. Im 19 Jh. lässt Hector Berlioz seine Symphonie phantastique stellenweise grotesk erklingen. Daran knüpft am Ende des Jh.s G. Mahler an, in dessen Symphonien das Groteske im Zusammenhang mit seiner Schopenhauer- und Nietzsche-Rezeption eine feste und bedeutende Stelle einnimmt. Bei Mahler beeindruckend zum Tragen gekommen, durchzieht die musikalische G. die ganze österreichische Moderne: A. Zemlinksy, A. Schönberg, A. Berg, F. Schreker, F. Petyrek, E. Krenek, W. Grosz, K. Rathaus, A. Hába u. a. haben sich eingehend mit dem Grotesken beschäftigt. Bezeichnend für die Achtung, welche das Phänomen der musikalischen G.n bei gewissen Kreisen im Wien der Nachkriegszeit fand, ist die Veröffentlichung eines „G.n-Albums“ beim Wiener Verlag Universal Edition 1921. Die Auffassung des Grotesken als Krisenerscheinung ist in der Literatur geläufig und zum Gemeinplatz geworden. Allerdings wird seine Bedeutung verfehlt, wenn die Tatsache außer Acht gelassen wird, dass mit der satirisch-kritischen Widerspiegelung soziokultureller Verfallprozesse der avancierte Charakter der kompositorischen Gestaltung innig verbunden ist. In der musikalischen G. wirken grundlegende Prinzipien der modernen Ästhetik. Dies betrifft nicht nur Stichwörter wie Mehrdeutigkeit, Unbestimmbarkeit, Hässliches, sondern auch den geschichtlichen Stand des musikalischen Materials sowie das Streben nach einer die Trennung zwischen Subjekt und Objekt überbrückenden, im Unbewussten verankerten Unmittelbarkeit des Ausdrucks.


Literatur
G. Beinhorn, Das Groteske in der Musik: Arnold Schönbergs Pierrot lunaire 1989; R. Merril in Russian Literature Triquarterly 23 (1990); J. P. Hiekel in O. Kolleritsch (Hg.), Studien zur Wertungsforschung 35 (1998); E. Sheinberg, Irony, Satire, Parody and the Grotesque in the Music of Shostakovic 2000; C. Ottner, „Was damals als unglaubliche Kühnheit erschien“. Franz Schrekers Wiener Kompositionsklasse 2000.

Autor(en)
Federico Celestini
Empfohlene Zitierweise
Federico Celestini, Art. „Groteske‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 03/01/2002]