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Orgelklavier (Claviorganum)
Kombinationsinstrument von Orgel und Saitenklavier (Klavier; lat. clavis = Taste, organum = Orgel), wobei normalerweise beide Instrumente von einer Klaviatur aus gespielt werden können. Vom 16. Jh. bis in die Barockzeit ist das Saitenklavier ein Spinett oder ein Cembalo, das nach ca. 1770 durch ein Tafelklavier oder einen Hammerflügel ersetzt wird. Durch geteilte Schleifen und differenzierten Registergebrauch sind sehr kontrastreiche Klangkombinationen möglich. In der Frühzeit ist das Kielklavier häufig in Oktavlage stehend, während der Orgelteil meist aus einer Zungenstimme (Regal) 8’, einer gedackten Flöte 4’ und einem oder mehreren offenen Registern höherer Lage in Holz oder Metall besteht. Effektregister (z. B. „Kuckuck“, Dudelsack etc.) können dazugeschaltet werden.

In den Habsburgischen Erbländern ist eine sehr frühe Rezeption des Claviorganums nachweisbar. Als ältester Beleg gilt der um 1460 von P. Paulirinus verfasste Liber viginti artium, worin ein aufrechtes, mit Saiten und Pfeifen ausgestattetes Instrument beschrieben wird. Möglicherweise ist es dieser hier erstmals erwähnte Instrumententypus, der 1516 auf einem Holzschnitt Hans Burgkmairs im Triumphzug K. Maximilians I. (Blatt 22) in Form eines mit einer Baldachinorgel kombinierten Klavizitheriums dargestellt ist (Abb. P. Hofhaimer). Der bereits 1512 entstandene sog. „Miniaturen-Triumphzug“ (s. Abb.) zeigt dagegen ein spinettähnliches Instrument, das mit Bälgen ausgestattet ist.

An das letztere Instrument erinnert das vermutlich älteste erhaltene und seit 1596 im Nachlassinventar der Kunst- und Wunderkammer Ferdinands II. († 1595) nachweisbare Claviorganum, das sich S. Rorif zwischen 1564 und 1569 zuschreiben lässt.

Als ältestes datiertes Instrument gilt das 1591 von J. Peck aus Innsbruck gebaute Claviorganum, das der Salzburger Fürsterzb. Wolf Dietrich v. Raitenau 1592 für seine Kunst- und Wunderkammer erwarb (heute in der Erzabtei St. Peter, Salzburg). Ein zweimanualiges O. baute Laurentius Hauslaib 1598 in Nürnberg/D (New York, The Metropolitan Museum). Bei zwei älteren flügelförmigen Instrumenten – 1575 von dem in London lebenden Flamen Ludovic Theewes gebaut (London, Victoria & Albert Museum, I.N. 125-1890) bzw. 1585 von Alessandro Bertolotti in Venedig/I (Brüssel, Conservatoire) – stammt jedoch der Orgelteil aus jüngerer Zeit.

Die unterschiedlichen Saitenklaviere begegnen ab dem 16. Jh. auch in diversen Inventaren. 1587 kaufte der Abt des Stiftes Kremsmünster vom Orgelbauer Jörg Hacker aus Steyr ein als „doppeltes Instrument“ bezeichnetes, vermutlich zweimanualiges Claviorganum. 1596 wurde das vom Abt selbst benützte Instrument durch Friedrich Wegner neu besaitet und zugerichtet, 1598 mit einem „Harpfen“-Register versehen und um eine Terz tiefer gestimmt. Von einem prunkvollen flügelförmigen Claviorganum des 17. Jh.s hat sich nur der prächtige Kielflügel erhalten, der als „Cembalo Joseph II.“ im Ungarischen Nationalmuseum Budapest aufbewahrt wird. Das Instrument ähnelt den Beschreibungen von drei Claviorgana im Inventar der Wiener Hofkapelle von 1706.

Claviorgana verlieren im 18. Jh. an Bedeutung. Eine kurze Renaissance erlebte das Instrument als Orgelpianofortes um 1800. Als frühestes Beispiel dafür gilt das 1772 von dem französischen Orgelbauer Adrian L'Épine patentierte „pianoforte organisé“, ein mit mehreren Pfeifenregistern versehenes Tafelklavier, das 1778 bei Dom Bedos (Plan CXXX) abgebildet ist. Das große O. von J. A. Stein von 1781 im Historischen Museum in Göteborg/S ist gleichzeitig der früheste Hammerflügel Steins mit der von ihm entwickelten Prellzungenmechanik, die später allgemein als „Wiener Mechanik“ bezeichnet wird.

F. X. Christoph, der bis zu seinem Tod als zweitbester Klaviermacher nach G. A. Walter galt, baute bereits 1783 ein „Forte-piano, mit Flöten und Cimbelstimme, und übrigen 6 mutationen“ und einem Schwellwerk, dessen Beschreibung verblüffend mit dem in der Sammlung alter Musikinstrumente des KHM erhaltenen O. (KHM/SAM 625, s. Abb.) übereinstimmt. Einen etwas jünger scheinenden Orgelflügel Christophs mit nur einem Flötenregister besitzt das Südmährische Museum in Jevisovice/CZ. Noch um ca. 1820 baute z. B. Joseph Böhm in Wien ganz ähnliche Orgelklaviere.

A. Häckel trat im Jahre 1818 mit seiner „Physharmonika“, einem Tasteninstrument mit durchschlagenden Metallzungen, an die Öffentlichkeit. Aus diesem Instrument, das zunächst nur ein Register besaß, entwickelte sich später das Harmonium. Die Tradition der ehemals so beliebten O.e findet einen letzten Niederschlag in einem ca. 1840 gefertigten Kombinationsinstrument aus einem Hammerflügel von A. bzw. C. Stein mit einer unterhalb der Klaviatur von Jak. Deutschmann eingebauten Physharmonika. Einen fulminanten Schlusspunkt bildet der um 1850 von Jacob Alexandre (1804–76) und seinem Sohn Edouard (1824–88) in Zusammenarbeit mit der Firma Èrard in Paris im Auftrag von F. Lizst für seinen Musiksalon auf der Altenburg bei Weimar/D entwickelte Harmoniumflügel, den er der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien vermachte (I.N. 18).


Literatur
I. Fuchs in Mozarts Hammerflügel, hg. v. der Internat. Stiftung Mozarteum 2000; R. Hopfner in M. Lustig (Hg.), [Kgr.-Ber.] Harmonium und Handharmonika. Michaelstein 1999, 2002; St. Howell in Journal of the American Musical Instrument Society 5/6 (1979/80); F. Hubbard, Three Centuries of Harpsichord Making 1965, Appendix H; A. Huber (Hg.), Das Österr. Cembalo 2001; Kellner 1956; S. Klaus, Studien zur Entwicklungsgesch. besaiteter Tasteninstrumente bis etwa 1830, 1997; V. Luithlen, Saitenklaviere. Kat. der Slg. alter Musikinstrumente 1966, 83–92; J. H. van der Meer in Early Music 6 (1978/2); J. H. van der Meer, Musikinstrumente 1983, 97–99; T. Norlind, Systematik der Saiteninstrumente. Bd. 2: Gesch. des Klaviers 1939; G. Stradner in A. Beer et al. (Hg.), [Fs.] Ch.-H. Mahling 2 (1997); G. Walterskirchen in J. Neuhardt (Hg.), [Kat.] Dommuseum zu Salzburg 1981, 46; A. de Place, Le Piano-forte à Paris entre 1760 et 1822, 1986.

Autor(en)
Alfons Huber
Empfohlene Zitierweise
Alfons Huber, Art. „Orgelklavier (Claviorganum)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 16/12/2002]