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Gesellschaft der Musikfreunde in WienGesellschaft der Musikfreunde in Wien
Bürgerliche Musikgesellschaft (Musikverein). Seit 1785 lassen sich in Wien Bestrebungen nachweisen, aktive Laienmusiker („Dilettanten“ im ursprünglichen, positiven Sinne des Wortes), Berufsmusiker und musikinteressierte Zuhörer vereinsmäßig zu organisieren und deren unterschiedliche, aber einander berührende Interessen dem gemeinsamen Ziel unterzuordnen, öffentliche Konzerte zu veranstalten, in solchen gemeinsam zu musizieren und diese zu besuchen. Einen ersten Höhepunkt fanden derartige Bemühungen im Winter 1807/08 in zwanzig Abonnementkonzerten einer Gesellschaft von Musikfreunden, die jedoch wegen finanzieller Probleme keine Fortsetzung finden konnten. Einer neuerlichen Initiative im Jahr 1812 gelingt schließlich die bleibende Institutionalisierung: Die Gesellschaft adeliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen veranstaltete am 12.4.1812 mit so großem künstlerischem und organisatorischem Erfolg ein Wohltätigkeitskonzert, dass der Wunsch laut wurde, dieses Potenzial nicht wieder zerflattern zu lassen. Nach einem weiteren für den 29.11. angesetzten und am 3.12.1812 wiederholten Konzert wurde eine Liste der 507 Gründungsmitglieder erstellt. In den Statuten dieser GdM, die allerdings erst 1814 ihre kaiserliche Bestätigung erhielten, nachdem Erzhzg. Rudolph, der Bruder von Kaiser Franz I., das Protektorat über die G. übernommen hatte, wird als Vereinsziel „die Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“ genannt. Dieses sollte auf dreifache Weise erreicht werden: mit der regelmäßigen Veranstaltung von Konzerten, mit der Einrichtung von Archiv, Bibliothek und Sammlungen der GdM als musikalisch-wissenschaftliche Dokumentationsstätte und mit der Gründung eines Konservatoriums. Dieses Konservatorium der GdM (oft kurz, aber irreführend Wiener Konservatorium genannt) wurde 1909 in staatliche Leitung übergeben und zur Akademie (heute: Universität) für Musik und darstellende Kunst. Die beiden anderen Ziele verfolgt die GdM heute wie ehedem. Weitere selbst gestellte Aufgaben, wie die Publikation einer Zeitschrift, die Veranstaltung von Wettbewerben oder die Vergabe von Kompositionsaufträgen, wurden im Laufe der Geschichte mit wechselnder Intensität gepflegt.

Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurden am 14.3.1938 die gewählten Vereinsorgane ihrer Funktion enthoben, die leitenden Angestellten entlassen und die nur nominell weiterbestehende GdM unter die kommissarische Leitung der NS-Gauleitung gestellt; im Mai 1939 wurde sie in die Staatstheater- und Bühnenakademie eingegliedert. Mit Dekret des Wiener Magistrats vom 30.4.1945 wurde die Selbständigkeit der GdM und ihre Vereinsstruktur wiederhergestellt.

Zweigvereine der GdM in Wien sind der Singverein der GdM in Wien und der Orchesterverein der GdM in Wien, die 1858 und 1859 gegründet wurden. In ihnen lebt das vokale und instrumentale Laienmusizieren, das anfangs die Konzerte der GdM dominiert hat, bis heute fort.

Seit 1859 bestellte die GdM einen „Konzertdirektor“, der anfangs als alleiniger Dirigent der Gesellschafts-Konzerte die volle künstlerische Verantwortung für diese trug und in der 1. Hälfte des 20. Jh.s nach und nach nur mehr einen Teil der Gesellschafts-Konzerte dirigierte, aber eine künstlerisch-moralische Autorität hatte. Der letzte Konzertdirektor war der 1950 auf Lebenszeit dazu berufene H. v. Karajan, unter dem sich der Funktions- zu einem Ehrentitel wandelte. Nach seinem Tod wurde bis dato (2001) kein Konzertdirektor mehr ernannt. Die bedeutendsten Inhaber dieser Funktion waren J. Herbeck, J. Brahms, H. Richter, F. Schalk und W. Furtwängler.

Als namhafteste Lehrer am Konservatorium der GdM sind zu nennen: A. Salieri, S. Sechter, A. Bruckner, E. Sauer, R. Heuberger. Zu seinen bekanntesten Schülern zählten J. Joachim, C. Goldmark, H. v. Herzogenberg, G. Adler, H. Wolf, G. Mahler und A. Zemlinsky. In der Leitung der GdM waren u. a. verantwortlich tätig: Franz Joseph Fürst Lobkowitz, M. Graf v. Dietrichstein, Fr. Schubert, R. G. Kiesewetter, L. Ritter v. Köchel, N. Dumba, A. v. Hoboken. Mitarbeiter des Archivs bzw. Archivdirektoren waren u. a. die Wissenschaftler A. Fuchs, G. Nottebohm, C. F. Pohl, E. Mandyczewski und K. Geiringer.

Archiv, Bibliothek und Sammlungen der GdM sind wie folgt gegliedert. Archiv: Musikaliensammlung (Autographe, Manuskripte, Drucke), Briefe, Aktenbestand. Bibliothek: Bücher, Zeitschriften. Sammlungen: Bildsammlung (Ölbilder, Aquarelle, Pastelle, Zeichnungen, Graphiken, Fotografien, Medaillen, Büsten und Plastiken), Instrumentensammlung (historische und außereuropäische Musikinstrumente), Erinnerungsgegenstände und Ephemera. Von den hierher übernommenen Bibliotheken und (Teil-)Nachlässen seien nur erwähnt: Johann Gottfried Walther, A. Caldara, E. L. Gerber, A. Salieri, S. Sechter, C. Czerny, L. Ritter v. Köchel, J. Brahms, L. Bösendorfer, G. v. Einem. Immer wieder wurden und werden nicht nur bedeutende Sammlungen, sondern auch wichtige Einzelstücke angekauft.

Der Sitz der GdM ist das so genannte Musikvereinsgebäude (von den Wienern kurz nur „Musikverein“ genannt), 1867–70 nach einem Entwurf von Theophil Hansen errichtet (Wien I., Bösendorferstraße 12). In ihm haben die Wiener Philharmoniker, der Wiener Männergesang-Verein und die Jeunesse musicale Büros gemietet. In der Geschichte der GdM ist es schon das dritte eigene Gebäude.


Literatur
C. F. Pohl, Die GdM des österreichischen Kaiserstaates 1871; R. v. Perger/R. Hirschfeld, Gesch. der K.K. GdM in Wien 1912; E. Mandyczewski, Zusatz-Band zur Gesch. der K.K. GdM in Wien 1912; R. Lach, Gesch. der Staatsakademie und Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien 1927; C. Lafite, Gesch. der GdM in Wien 1912–1937 [u.] H. Kraus, Die Slgn. der GdM in Wien 1937; H. Kralik, Das Buch der Musikfreunde 1951; E. Tittel, Die Wiener MHsch. 1967; W. Deutsch/G. Hofer, Die Volksmusikslg. der GdM in Wien 1969; O. Biba in O. Brusatti (Hg.), [Kgr.-Ber.] Schubert Wien 1978, 1979; O. Biba in F. Endler (Hg.), Wiener Musikverein 1987; O. Biba in S. Antonicek/O. Biba, [Kgr.-Ber.] Brahms Wien 1983, 1988; E. Angyan et al., Goldene Klänge. Künstler im Musikverein 1995.

Autor(en)
Otto Biba
Empfohlene Zitierweise
Otto Biba, Art. „Gesellschaft der Musikfreunde in Wien‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]