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Esterházy, Esterházy, true Familie
Ungarische Magnaten, erstmals 1238 durch eine Besitzteilung der Donauinsel Schütt zwischen Peter Szerházy und Elias Illyésházy urkundlich nachweisbar. Die Nachfolger des Peter Szerházy nahmen den Namen E. de Galántha an; die Söhne von Franz IV. (1533–1604) teilten sich in drei Linien: Daniel (Csesznek), Paul (Altsohl), Nikolaus (Forchtenstein).

Graf Nikolaus (1583–1645; Palatin von Ungarn 1625) kam durch politisches Verhalten und geschickte Heiratspolitik rasch zu Reichtum und Ansehen; nachdem er 1619 seine Residenz von Munkács/H nach Landsee (heute Burgenland) verlegt hatte, wurde er von Kaiser Ferdinand II. 1622/26 mit den Herrschaften Eisenstadt und Forchtenstein/Bl belehnt. Die Institution einer E.schen Hofmusik geht bis auf den Beginn des 17. Jh.s zurück: Nikolaus soll bereits in Munkács 1612–19 eine Musikkapelle unterhalten haben; der Fürst von Siebenbürgen erbat sich 1619 einen Harfenspieler von ihm. In Eisenstadt ist eine solche Institution, zunächst aus Trompetern und Paukern bestehend, erst ab 1624 nachzuweisen; der Feldmusik wurde 1627–29 auch ein rudimentäres Kammer- und ein Kirchenmusikensemble an die Seite gestellt.

Der Beginn einer kontinuierlichen Hofmusik fällt in die Regierungszeit Paul I. (1635–1713, Palatin von Ungarn 1681), mit dem die Familie zum mächtigsten Adelshaus Ungarns aufstieg (Paul, ebenfalls Palatin, wurde 1687 von Leopold I. in den Fürstenstand erhoben). Von umfassender Bildung, betätigte Fürst Paul sich auch als Schriftsteller und Komponist: Als sein Hauptwerk gilt die Harmonia Coelestis, eine Sammlung von 55 ein- und mehrstimmigen lateinischen geistlichen Gesängen (Marienliedern), die Paul 1711 in Wien stechen ließ. Seine beiden Söhne ließ er beim Ödenburger Organisten J. Wohlmuth im Virginalspiel unterrichten; als regelmäßiger Besucher der kaiserlichen Oper in Wien legte er sich eine umfangreiche Textbüchersammlung an. Die Einrichtung einer Hofkapelle (Adelskapelle) hängt vermutlich mit dem Umbau des Eisenstädter Schlosses zusammen, das Paul 1663–72 von italienischen Künstlern zu einer standesgerechten Barockresidenz ausgestalten ließ. 1673 sind erstmals Sänger am Hof nachgewiesen, um 1680 dürfte die Hofmusik ca. 12–15 Mitglieder umfasst haben. Als erster Chorregent wurde 1678 der aus Wien gebürtige Organist und Viola-da-Gamba-Spieler Franz Schmidtbaur (1649–1701) bestellt, erster so genannter „Capellmeister“ war sein Nachfolger Franz Rumpelnig (bis 1714).

Pauls Sohn, Fürst Michael (1671–1721), führte ab 1717 nach dem Vorbild der Wiener Sepolchri Karfreitagsoratorien (Oratorium) in der Schlosskapelle ein; mit einer szenischen Geburtstagskantate aus der Feder W. Zivilhofers (Hofkapellmeister 1714–21) wurde 1715 die E.sche Musiktheatertradition begründet.

Fürstin Maria Octavia (1689–1762), die nach dem Tod Joseph Antons (1687–1721) für ihren minderjährigen Sohn Paul Anton (1711–62) bis 1734 die Regentschaft übernahm, besetzte die durch Zivilhofer freigewordene Hofkapellmeisterstelle erst 1728 mit G. J. Werner nach, der v. a. die Tradition der Karfreitagsoratorien bis 1760 fortführte. Paul II. Anton widmete sich erst ab 1757, nach seiner Rückkehr aus diplomatischen (Österreichischer Botschafter in Neapel, 1749–52) und militärischen Diensten (Österreichischer Erbfolgekrieg) der umfassenden Reorganisation seines Hofstaates und der Hofkapelle; neben deren Erweiterung wurde eine organisatorische Trennung zwischen Kirchen- und Kammermusik vorgenommen, für welch letztere der Violinist L. Tomasini, den Paul Anton aus Italien mitgebracht hatte, als Konzertmeister und am 1.5.1761 der junge J. Haydn als Vizekapellmeister engagiert wurden.

Nikolaus I. (der „Prachtliebende“, 1714–90), setzte nach dem Tod seines Bruders Paul Anton dessen Initiativen fort; mit seiner Person verbindet sich Johann Wolfgang von Goethes Wortprägung vom „E.schen Feenreich“. Der wesentliche Akzent, den er während seiner 28-jährigen Regierungszeit setzte, war die Errichtung der Sommerresidenz Eszterháza, die ab 1772 immer mehr zum künstlerischen Mittelpunkt der Hofhaltung wurde (womit die Trennung zwischen Kirchen- und Kammermusik auch räumlich wirksam wurde). Unter der Leitung Haydns, der nach dem Tod Werners 1766 zum Kapellmeister nachrückte, stieg die E.sche Hofmusik zu europäischer Bedeutung auf. Haydns dienstliche Tätigkeit erstreckte sich auf alle Bereiche der höfischen Musikausübung: Kirchenmusik (für die Eisenstädter Schlosskapelle usw., in der Haydn außerdem Organistendienste verrichtete; 1779 wurde Haydn zusätzlich zum Organisten auf Eszterháza bestellt), v. a. Orchester- (Sinfonien) und Kammermusik (zw. ca. 1765 und 1775 komponierte Haydn mehr als 160 Divertimenti, davon 126 Trios, für das Baryton, das Lieblingsinstrument des Fürsten, der es auch selbst spielte), Musiktheater (italienische Oper sowie deutsches Singspiel für die Bühne in Eszterháza). Die Hofkapelle, die auch mehrmals auswärts „gastierte“ (Pressburg, Wien), umfasste zu Haydns Dienstantritt ca. 25, um 1770 ca. 35 und ab ca. 1780 bis zu 50 Mitglieder (inklusive des ständigen italienischen Opernensembles). Für die Beziehung zu seinem Dienstgeber ist Haydns Ausspruch (autobiographische Skizze 1776) charakteristisch: „allwo ich zu leben und zu sterben mir wünsche“ sowie sein in der Rückschau gegebener Bericht (Griesinger), er habe als Leiter des Orchesters alles erproben können, ohne durch äußere Einflüsse gestört oder behindert zu werden: „und so mußte ich original werden“. Mehrere auch außerhalb des Dienstverhältnisses komponierte Werkgruppen Haydns tragen Widmungen an Mitglieder der fürstlichen Familie: die Klaviersonaten von 1773 und 1784 (Hob. XVI:21–26 bzw. 40–42), die Klaviertrios von 1794/95 (Hob. XV:18–20, 21–23).

Der Sparwille von Nikolaus’ Sohn, des nur vier Jahre regierenden Fürsten Anton (1738–94), führte eine einschneidende Zäsur herbei. Anton kehrte sich völlig von Eszterháza ab, entließ das Opernensemble und reduzierte die Kapelle. Haydn sowie Tomasini wurden 1790 in Pension geschickt. Antons Sohn, Nikolaus II. (1765–1833), hingegen hegte wieder umfangreiche Pläne zum Ausbau der Eisenstädter Residenz, in welchem Rahmen auch die Hofkapelle revitalisiert wurde: Wie Tomasini wurde auch Haydn, der sich nach seinen englischen Reisen bereits in Wien niedergelassen hatte, zumindest nominell als Kapellmeister in den Dienst reaktiviert; er hielt sich 1796–1802 die Sommer über in Eisenstadt auf (Resultat dieser Aufenthalte sind die sechs großen Messen, die er jeweils für den Namenstag der Fürstin Marie Hermenegild schrieb). Aufgrund der zunehmenden Altersschwäche Haydns wurde 1804 J. N. Hummel als „Concertmeister“ angestellt. Unter seiner Federführung erlebte die Hofmusik eine zweite, „silberne“ Glanzperiode, deren musikhistorischer Höhepunkt im September 1807 die UA der C-Dur-Messe op. 86 von L. v. Beethoven in der Eisenstädter Bergkirche bildete. Trotz merkbarer finanzieller Engpässe konnten bis 1810 in Eisenstadt sogar Opernaufführungen (der Mode entsprechend deutsche Singspiele, meist Übernahmen aus Wiener Theatern) stattfinden. Hummel schied 1811 in Unfrieden. Nach ihm leiteten noch A. Polzelli 1812/13 und der bisherige Vizekapellmeister J. N. Fuchs bis zu seinem Tod 1839 die Hofmusik, während Haydns Kapellmeisterposten trotz der Bewerbung von L. Cherubini nicht nachbesetzt wurde. Die bereits anachronistische Institution wurde 1813 und 1827 stark reduziert, bevor sie 1848 ganz aufgelöst wurde.

Die Biographien der Tänzerin F. Elßler und F. Liszts wurzeln in E.schem Milieu: Liszts Vater Adam (1776–1827) war, bevor er 1808 als „Schäferei-Rechnungsführer“ nach Raiding/Bl versetzt wurde, Amtsschreiber in Eisenstadt und Substitut in der Hofkapelle. Die Briefe seines Vaters an seinen Dienstherrn Fürst Nikolaus II., mit denen Liszt 1819 die Musikgeschichte betritt, sind E.sche Aktenstücke.

Auch die „gräfliche“ (Altsohler) Linie der E. hat Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen: Im Pressburger Palais Graf Michael E. (1783–1854) hat der junge F. Liszt am 20.11.1820 eines seiner ersten Konzerte gegeben. (Michael setzte gemeinsam mit vier weiteren Adeligen ein Stipendium von 600 fl auf sechs Jahre für Liszt aus); Graf Kasimir E. (1805–70) figuriert als Widmungsträger von Liszts 4. Ungarischer Rhapsodie. Fr. Schubert gab 1818–24 den beiden Töchtern des Grafen Johann Karl, Marie und Karoline, Unterricht auf Schloss Zseliz (Želiezovce/SK).


Literatur
K. Benyovsky in Burgenländische Heimatbll. 21 (1961); [Kat.] Die Fürsten Esterhazy Eisenstadt 1995, 1995; O. E. Deutsch, Schubert 1946; J. Harich in Burgenländische Heimatbll. 21 (1961); J. Harich in ÖMZ 25 (1970); J. Harich in HaydnJb 4 (1968); J. Harich, E.-Musikgeschichte im Spiegel der zeitgenössischen Textbücher 1959; J. Harich in HaydnJb 9 (1975); M. Horányi, Das E.sche Feenreich. Beitrag zur ungarischen Theatergeschichte des 18. Jh.s 1959; [Kat.] J. N. Hummel Eisenstadt 1978, 1978; [Kat.] F. Liszt Eisenstadt 1986, 1986; U. Tank, Studien zur E.schen Hofmusik von etwa 1620 bis 1790, 1981.

Autor(en)
Gerhard J. Winkler †
Empfohlene Zitierweise
Gerhard J. Winkler †, Art. „Esterházy, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]