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Radio-Verkehrs-Aktien-Gesellschaft (RAVAG)
Österreichische Rundfunkanstalt, die am 1.10.1924 in Wien ihren offiziellen Sendebetrieb aufnahm und am 11.3.1938 anlässlich der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten sistiert wurde. Die Gründung war eng mit O. Czeija verbunden, der als Konzeptbeamter der steirischen Landesregierung mit der Nachnutzung der Radiotelegrafiestation auf dem Ruckerlberg bei Graz konfrontiert worden war. Da der Staat die kommerzielle Verwertung der Funkanlagen nicht realisieren konnte, plante man Lizenzvergaben an private Firmen. Diese Möglichkeit veranlasste Czeija 1920 zur Kündigung seiner Tätigkeit und im Konsortium mit der Wiener Elektrofirma Schrack am 13.9.1921 zur Bewerbung um die Konzession für den Auslandsfunkverkehr.

Bereits im Sommer 1921 lagen Anträge der Firmen Telefunken, Marconi Wireless Telegraph Co. Ltd und der französischen CGTSF vor. Den Zuschlag erhielt im Juni 1922 die Marconi-Gruppe als Österreichische Marconi AG, ab 1923 als Radio Austria AG. 30 % der Aktien wurden von der Post- und Telegrafenverwaltung gehalten.

Staatlicherseits überlegte man weiterhin Nutzungsmöglichkeiten im internen Bereich, zögerte aber mit der Vergabe einer Konzession. Im Juli 1922 traten Hugo Janistyn und Radiovox als Konzessionswerber auf: Janistyn proponierte die Zusammenarbeit mit der Direktion der Wiener Staatsoper und wollte Darbietungen aus Oper, Konzert und Theater via Telefon übertragen. Bei der Wiener Herbstmesse 1922 sollte sein Konzept präsentiert werden. Radiovox strebte eine 30-jährige Monopolkonzession an und beabsichtigte, die Kosten über Lizenzgebühren aus verkauften Rundfunkgeräten und Abonnementgebühren zu finanzieren. Dem Staat bot Radiovox 5 % aus dem Reingewinn an. Im August 1922 reichte der erfolglose Mitbewerber Telefunken, integriert in die Österreichische Drahtlose Verkehrsgesellschaft m.b.H., als Entschädigung für entgangene Geschäfte um Vergabe der Konzession ein. Ziel war die Übertragung von Zirkulartelegrammen an einen begrenzten Hörerkreis. Erst im Oktober 1922 entschied sich die Behörde für die Einrichtung eines rein kommerziellen Rundfunkbetriebs. Im November 1922 suchte die Gruppe der Firma Schrack gemeinsam mit Czeija um Erteilung der Rundfunk-Konzession an. Zur Verbesserung der Chancen wählte man als Unternehmensform die Genossenschaft und sicherte somit allen im Rundfunkbereich agierenden Firmen die Möglichkeit zur wirtschaftlichen Partizipation. Zudem warb Czeija die bei Radiovox engagierte Firma Kapsch für die Schrack-Gruppe ab und stellte Kontakte zu Banken und namhaften Persönlichkeiten her, v. a. zum steirischen Landeshauptmann Anton Rintelen.

Bis zum Frühjahr 1923 verbuchte man 12 Konzessionsansuchen, darunter auch eines von den Vereinigten Telephonfabriken AG Czeija, Nissl & Co. und Johann Kremenetzky. Der hier genannte Czeija ist der Vater O. Czeijas. Dieser hatte die Telefonfirma ursprünglich gegründet und war bis 1906 öffentlicher Gesellschafter. Bedeutsam ist diese Firma allerdings wegen der Aufnahme des Sendebetriebs ohne korrekte Genehmigung. Ein Techniker dieser Firma, Oskar Koton, betrieb auf dem Firmengelände in der Dresdnerstraße in Wien sporadisch einen Testsender als Radio Hekaphon . Nun hatte diese Firma für das Technische Gewerbemuseum (Technisches Gymnasium) zu Schulungszwecken einen 100 Watt-Sender errichtet. Da diese Ausbildungsstätte am 30.5.1921 die Genehmigung eines Versuchssenders abseits der Unterhaltung erhielt, schloss die Errichterfirma mit dem Gymnasium einen Mietvertrag zur Nutzung des Senders. Ab 1.4.1923 strahlte Koton vom Technischen Gymnasium Unterhaltungssendungen aus, sehr zum Ärger der Telegrafenverwaltung. Erst neun Monate nach Inbetriebnahme des Senders kamen Rechtsexperten zum Ergebnis, dass der Sender illegal betrieben würde und stillzulegen sei. Doch inzwischen hatte sich Radio Hekaphon etabliert. Dessen erste offizielle Sendung fand am 2.9.1923 anlässlich der Wiener Herbstmesse statt, erste Radiovereine wurden gegründet und Empfangsgeräte gekauft bzw. gebastelt. Die Firmen Czeija & Nissl und E. Schrack waren damals in Österreich die einzigen Hersteller von Empfangsgeräten. Am 13.12.1923 nahm Koton den regelmäßigen Sendebetrieb mit Unterhaltung auf. Wenig später, am 4.1.1924, testete der Steirische Radioclub einen von Czeija & Nissl gebauten Sender, ebenfalls ohne Genehmigung.

Der durch die illegalen Sendungen erzeugte Druck erzwang eine Entscheidung. Verhandlungen mit Banken wurden intensiviert, denn man zweifelte am kommerziellen Erfolg und strebte nach Absicherung. Politische Parteien und verschiedene Gruppierungen forderten Mitbestimmung und die Radioindustrie erhob Protest gegen den Alleingang von Radio Hekaphon. Dieser wurde unmittelbar vor der Konzessionserteilung am 19.2.1924 kurzfristig unterbrochen. Die Entscheidung des Staates fiel auf die Wirtschaftsform Aktiengesellschaft: 20,25 % der Aktien hielt die Gemeinde Wien (GEWISTA), 20,25 % die Steirerbank Graz, 20,25 % das Bundesministerium für Handel und Verkehr (als Aufsichtsbehörde), 21,25 % das regierungsabhängige Österreichische Credit-Institut und 18 % die Radioindustrie. Landeshauptmann Rintelen wurde in das Präsidium berufen, O. Czeija als leitender Direktor eingesetzt, M. Ast als Musikleiter. Die Rundfunkeinrichtung erhielt den Namen R.

Sofort bot die nicht berücksichtigte Firma Czeija & Nissl der R. den Verkauf des Senders an. Der hohe Preis veranlasste diese allerdings, als kostengünstige Alternative den 1 kW-Sender von Telefunken im Heeresministerium zu übernehmen. Der optimalen kommerziellen Verwertung stand einerseits die Nutzung des Senders zur Flugsicherung des Flughafens Aspern/NÖ (heute Wien XXII), im Weg, andererseits die veraltete Technik. Während die R. noch nach Lösungen suchte, aktivierte Czeija & Nissl erneut Radio Hekaphon. Am 10.3.1924 erfolgte die Ausstrahlung des ersten Rundfunkkonzerts in akzeptabler Qualität, sehr im Gegensatz zur R., die bei der Übertragung eines Boxkampfes am 14.5.1924 an den technischen Grenzen des Senders scheiterte. Unverzüglich wurden Verhandlungen mit Radio Hekaphon aufgenommen. Es kam zu einem Vertrag, worin der R. Sendemöglichkeiten gegen Kostenteilung eingeräumt wurden. Ab 5.8.1924 konnte die R. mehrstündige Unterhaltungssendungen in brauchbarer Qualität ausstrahlen.

Um das Projekt R. selbständig zum Erfolg zu führen, kaufte O. Czeija auf eigene Rechnung bei Telefunken in Berlin einen neuen Sender, der rechtzeitig am 7.9.1924 zur Eröffnung der Wiener Herbstmesse, nach Abschaltung von Radio Hekaphon (1.9.1924), in Betrieb gehen konnte. Bei der konstituierenden Generalversammlung der R. am 30.9.1924 wurde O. Czeija zum Generaldirektor ernannt. Ab 1.10.1924 ging die R. offiziell auf Sendung, die Eintragung ins Handelsregister erfolgte am 24.11.1924.

Die nächsten Jahre waren von räumlicher und technischer Optimierung sowie von Erweiterung des Sendebereichs geprägt. Räumliche Unzulänglichkeiten im Heeresministerium wurden 1926 durch Übersiedlung in das erste Funkhaus in der Johannesgasse (Wien I) beseitigt, ab 1928 konnte das ehemalige „Parisien“ im Ronacher für Musikproduktionen adaptiert werden. Die Steigerung der Hörerzahlen und die Verlängerung der Sendezeit motivierte die R. zur Erweiterung des Programmangebots. Um dieses zu bewerkstelligen, mussten mediengerechte Räumlichkeiten geschaffen werden, realisiert ab 1935 im Neubau des Funkhauses nach Plänen von Clemens Holzmeister in der Argentinierstraße (Wien IV). Ab 1.1.1937 war dieses Sitz der R.

Gleichzeitig beauftragte die R. die Verlegung eines Fernkabels von Wien in alle Landeshauptstädte und die Errichtung leistungsstarker Sender: 1926 Eröffnung des 7-kW-Senders auf dem Rosenhügel in Wien, 1927 Eröffnung der Sender Klagenfurt und Innsbruck, 1928 Verstärkung des Senders Rosenhügel auf 15 kW und Eröffnung des Senders Linz, 1929 Eröffnung des Senders Graz-St. Peter, 1930 Eröffnung des Senders Salzburg, 1933 Eröffnung des Senders Wien-Bisamberg mit 100 kW Leistung sowie die Anbindung Vorarlbergs durch einen provisorischen Sender, 1934 Inbetriebnahme des Senders Lauterach/V. Fortan galt es, neben der Ausweitung der Sendeanlagen die bestehenden Sender zu verstärken.

1934 erlangte der in Luzern/CH unter Mitwirkung der Radiostationen ausgearbeitete Wellenplan Gültigkeit; er verhinderte die gegenseitige Störung. Mit den technischen Verbesserungen ergab sich schließlich die Möglichkeit zum Programmaustausch. Am 18.3.1928 war bereits die Übertragung einer Festaufführung von W. A. Mozarts Die Zauberflöte aus der Wiener Staatsoper im mitteleuropäischen Raum möglich, ab 1.6.1928 begann der mitteleuropäische Radio-Programmaustausch. Die allererste paneuropäische Radio-Übertragung gelang der R. mit der Sendung der Schubert-Zentenarfeier am 18.11.1928. Am 21.2.1930 war ein Konzert von M. Jeritza aus den USA in Wien zu hören. Ab diesem Zeitpunkt fungierte der Rundfunk als globales Massenmedium (Medien).

Da keine Rundfunkstation auf Erfahrungen mit stundenlanger Sendedauer zurückgreifen konnte, bediente man sich in der Programmgestaltung der Modelle aus dem aktuellen kulturellen Leben. Zu erkennen ist dies nicht zuletzt an der Gestaltung der am 19.10.1924 ins Leben gerufenen Programmzeitschrift der R., Radio Wien: So, als ob es sich um konventionelle Veranstaltungen handelte, wird hier über Rundfunksendungen referiert. Bis zur Perfektionierung der Tonträger – das erste Schallplattenkonzert der R. fand am 4.10.1928 statt – war die R. auf Live-Darbietungen im Funkhaus und Übertragungen angewiesen. Das Repertoire deckte sich mit jenem der auftretenden KünstlerInnen, allerdings mit der Einschränkung, dass Mitgliedern der Bundestheater die Mitwirkung bei der R. bis 1.11.1925 untersagt war. Die Aufhebung dieses Verbots korrelierte mit der Steigerung des Prestigewertes der R., etwa durch die Übertragung von den Salzburger Festspielen am 24.8.1925.

Einer der musikalischen Pioniere der ersten Phase der R. ist B. Silving, der mit seiner eigenen Kapelle Bearbeitungen wiedergab und hoch in der Gunst des Publikums stand. 1926 wurden Verträge mit der Staatsoper und dem Wiener Konzerthaus abgeschlossen sowie eine Standleitung zum Gebäude der Gesellschaft der Musikfreunde verlegt. Am 12.3.1926 fand mit Rich. Wagners Die Meistersinger von Nürnberg die erste Staatsopernübertragung statt. Übernahmen von Programmen anderer Sendestationen, Übertragungen aus Oper, Konzert, Theater, aus Etablissements und Bars allein konnten den Bedarf an Musik nicht decken. Die R. benötigte ein eigenes Ensemble. Ab 1929 stand der R. ein Teil des Orchesters des soeben geschlossenen Carltheaters unter der Leitung von J. Holzer zur Verfügung, 1930 wurde O. Kabasta zum Chefdirigenten der R. bestellt. Da ein einziges Ensemble nicht mehrere Konzerte pro Tag spielen kann, benötigte die R. auf lange Sicht mehr Musiker. Es wurden Verhandlungen mit dem Wiener Symphonie-Orchester aufgenommen. Dieses Ensemble war als einziges vom Theater unabhängig, aber gerade deshalb in einer prekären wirtschaftlichen Situation. Um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, löste man den Verein, der den Musikern einen geregelten Dienst ermöglicht hatte, auf und konstituierte das Orchester als Wiener Symphoniker neu. Schließlich bildete die R. mit 32 Musikern die Funkkapelle, wobei die Mitglieder bis 1941 den Wiener Symphonikern angehörten (siehe auch Radio-Symphonieorchester Wien). Dadurch konnte die R. arbeitsrechtliche Verpflichtungen umgehen. Das erste Konzert der Funkkapelle fand am 1.7.1933 im mittleren Saal des Wiener Konzerthauses statt. In der Folge wurde vermehrt dem zeitgenössischen Schaffen österreichischer Komponisten Rechnung getragen: Ihnen war das erste Rundfunkmusikfest 20.–28.9.1934 gewidmet.

Wiewohl das Programm der R. beim Publikum erfolgreich war, wurde zunehmend an jene Publikumskreise gedacht, die nicht der gebildeten, kunstsinnigen Elite angehören. Um die Wünsche der Hörerschaft zu eruieren, fand am 11.11.1931 die erste Hörerbefragung der Mediengeschichte durch Paul Lazarsfeld statt. Die Auswertung der Ergebnisse führte aber nicht zur schlagartigen Umstrukturierung, sondern zur äußerst sensiblen, sukzessiven Veränderung des Programms. Da auch immer wieder Unzufriedene ihr Abonnement aufkündigten, wurden weiterhin sporadisch Hörerwünsche abgefragt. Die Möglichkeit zur Partizipation sollte die RadioteilnehmerInnen verstärkt an das Medium binden, was ab 5.6.1934 durch regelmäßige Wunschkonzerte institutionalisiert wurde.

Entscheidend für das Erscheinungsbild der R. ab 1930 ist die stetige Politisierung, indem etwa Reden zur Nationalratswahl am 9.11.1930 übertragen wurden; die R. richtete unter persönlicher Leitung Czeijas ein Wahlstudio ein. Am 25.2.1932 fand die erste Parlamentsübertragung statt, am 2.7.1933 wurde die „Geistliche Stunde“ eingeführt, ab 7.1.1934 die regelmäßige Übertragung von Gottesdiensten. Die R. geriet so zum Instrument des Ständestaates, seit Hitlers Machtübernahme in Deutschland beständig in Abwehr von NS-Propaganda. Der Bürgerkrieg 1934 veränderte die Position der Staatsführung zur R., die sich zwar von sozialdemokratischen Mitarbeitern trennte, aber Sympathisanten mit dem NS-Regime duldete. Am 25.7.1934 ermordeten Nationalsozialisten den Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und besetzten – auch das sollte international charakteristisch werden – kurzfristig die R. Nach diesen Ereignissen klammerte man einige Jahre hindurch politische Berichterstattung, besonders im Bereich Innenpolitik, gemäß dem ursprünglichen Auftrag der R., aus. Nicht verzichten aber wollte man später auf bezahlte Verlautbarungen, die am 1.3.1937 zugelassen wurden. Bereits ab 3.5.1937 waren aktuelle Informationssendungen zu hören. Die als großes Medienereignis angekündigte Rede Bundeskanzler Kurt Schuschniggs am 24.2.1938 markiert das nahe Ende der R.-Ära. Seine zweite Rede am 11.3.1938 stand bereits im Zeichen der neuen Machthaber: Die Reichsrundfunk-Gesellschaft trat die Nachfolge der R. an, die fortan der Deutschen Reichspost unterstellt war. Die Wiedererrichtung sollte unter anderen Gegenbenheiten erfolgen (Rundfunk).


Literatur
E. Kobau, Wr. Symphoniker 1991; Radio Wien – 25 Jahre Österr. Rundfunk. Sonderheft 1949; M. Saary, Die Musik der audiovisuellen Medien. Von romantischer Allmacht zu medialer Allgegenwärtigkeit, Hab.schr. Wien 1997; Czeike 5 (1997) [Rundfunk]; H. Godler et al. (Hg.), Vom Dampfradio zur Klangtapete. Beiträge zu 80 Jahre Hörfunk in Österreich 2004; http://members.aon.at/wabweb/ (3/2005); http://oswald_kabasta.exsudo.de/ (3/2005); R. Schlögl in http://oe1.orf.at/highlights/ (3/2005).

Autor(en)
Margareta Saary
Empfohlene Zitierweise
Margareta Saary, Art. „Radio-Verkehrs-Aktien-Gesellschaft (RAVAG)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]