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Revolution 1848
Politisch, national und sozial motivierte Aufstände, die weite Teile Europas erfassten. In Österreich wurden liberale und nationale Bestrebungen im Vormärz mit aller Härte unterdrückt („System Metternich“). Die Unzufriedenheit des politisch machtlosen Bürgertums und der Intellektuellen, die katastrophale Lage der Bauern und des entstehenden Industrieproletariats sowie die Forderungen nach nationaler Selbständigkeit in Teilen der Habsburgermonarchie (Italiener, Ungarn) führten zu Aufständen, die nach anfänglichen Erfolgen im März (Aufhebung der Zensur, Versprechen einer freiheitlichen Verfassung, Flucht C. W. L. Metternichs) zur vollständigen Niederschlagung führten (in Italien durch Johann Josef Wenzel Radetzky, in Ungarn durch den Banus von Kroatien Josef Jellačič, in Wien durch Alfred Fürst zu Windisch-Graetz). Es gab zahlreiche Hinrichtungen (darunter auch der Journalist und Komponist A. J. Becher). K. Franz Joseph I., der Nachfolger des am 2.12.1848 zurückgetretenen K.s Ferdinand I., leitete eine Phase des Neoabsolutismus ein, die erst durch die Verfassungsreformen der 1860er Jahre beendet wurde. Die meisten Errungenschaften der März-R. wurden aufgehoben, unmittelbare und langfristige Ergebnisse der R. waren aber die Bauernbefreiung (Aufhebung der Grundherrschaft) sowie eine Verwaltung- und Bildungsreform.

Die durch die Märzkämpfe kurzfristig erlangte Pressefreiheit ermöglichte die weite Verbreitung von Druckschriften, darunter auch zahlreichen R.s-Liedern (meist in Form von Flugblattdrucken; Flugblattlied). Besonders oft wurde L. A. Frankls Gedicht Die Universität (u. a. von B. Randhartinger, F. v. Suppè F. v. Gernerth) und I. V. F. Castellis Nationalgardenlied (u. a. von J. Fischhof, Randhartinger) vertont. Als Gelegenheitskomponisten (v. a. mit Chören und Märschen) stellten sich u. a. auch S. Bagge, C. Haslinger, Ad. Müller sen. und H. Proch ein. In der Regel wurden aber die revolutionären, das alte Regime meist verspottenden (v. a. Staatskanzler Metternich, Polizeichef Josef Graf Sedlnitzky und den Wiener Bürgermeister Ignaz Czapka) und soziale Zustände anprangernden Texte nach dem Kontrafakturprinzip (Parodie) zu bekannten Liedweisen (Studenten-, Theater-, Volkssänger-, Kirchenliedern) gesungen, begleitet u. a. von Drehorgel oder Harfe. Beliebt war das sog. „Fuchslied“ (nach der Bezeichnung „Fuchs“ für einen Studenten im ersten Semester), das – wie die schwarz-rot-goldene Fahne – als Symbol der deutschen Einheit sowie von Freiheit und Fortschritt galt (ebenso wie Gustav Reichardts Was ist des Deutschen Vaterland). Die „Volkshymne“ (Bundeshymne) stand dagegen für Unterdrückung und Rückschritt, wurde entsprechend karikiert oder aber von den Vertretern des konservativen Lagers verwendet. Diese stellten die Revolutionäre nicht selten mit Katzenmusik an den „musikalischen“ Pranger. Auch unter den Vertretern der „gehobenen“ Unterhaltungsmusik fanden sich Sympathisanten der R., Joh. Strauß Sohn z. B. komponierte einen Freiheitslieder-Walzer, einen R.s-Marsch sowie anlässlich der Vertreibung des Ordens der Redemptoristen (auch Liguorianer) die Liguoria-Seufzer-Polka und führte noch nach der Niederwerfung der R. die Marseillaise auf, sein kaisertreuer Vater schrieb dagegen den Radetzky-Marsch sowie einen Jellačič-Marsch. Es entstand eine Flut von Gelegenheitskompositionen (u. a. von A. J. Becher und E. v. Lannoy), deren mangelnde ästhetische Qualität von E. Hanslick in der Wiener Zeitung kritisiert wurde. Die Folgen der gescheiterten Revolution waren gravierend: viele Beteiligte wurden hingerichtet oder mussten emigrieren (darunter auch der Geiger L. Jansa), zahlreiche Intellektuelle gingen den Weg der inneren Emigration und eliminierten in ihren Schriften fortan jede politisch-revolutionäre Anspielung. So vermied auch Hanslick, der in seinen Kritiken vor 1848 die Musik durchaus auch in den Dienst fortschrittlicher politischer Ideen gestellt hatte, nach der R. hinfort jeden politisch zu deutenden Hinweis und zog sich auf eine rein formal-ästhetische Beurteilung zurück, die 1854 schließlich in seiner Schrift Vom Musikalisch-Schönen gipfelte.


Tondokumente
TD: CD Der Staat ist in Gefahr! Lieder zur Wr. Revolution 1848 (EX-SP 004-2).
Literatur
[Kat.] 1848 „das tolle Jahr“ – Chronologie einer Revolution, hg. v. Historischen Museum der Stadt Wien, 1998; W. Pollak, 1848 – R. auf halbem Wege 1974; W. Häusler, Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung 1979; ÖL 1995; Czeike 4 (1995); F. Österreicher, Die Rolle Wr. Musiker im R.s-Jahr 1848, Hausarb. Wien 1975; H. Ullrich, Alfred Julius Becher. Der Spielmann der R. 1974; MGÖ 3 (1995); E. Hanslick, Sämtliche Schriften, hg. v. D. Strauß I/1 (1993), 176–182; E. Hanslick, Gesch. des Concertwesens in Wien 1869, 375–378; B. Boisits in Muzikološki Zbornik/Musicological Annual 40/1–2 (2004); M. Prawy, Johann Strauß. Weltgesch. im Walzertakt 1975.

Autor(en)
Barbara Boisits
Empfohlene Zitierweise
Barbara Boisits, Art. „Revolution 1848‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]