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St. Gabriel
1889 gegründetes Missionshaus der Societas Verbi Divini (SVD; „Steyler Missionare“), das als größte Tochteranstalt der Missionszentrale in Steyl/NL an der Grenze zwischen Mödling und Maria Enzersdorf liegt. Es stellt ein Zentrum religiösen, wirtschaftlichen und kulturellen Schaffens dar und konnte auch auf musikalischem Gebiet einige Bedeutung erlangen.

V. a. vor dem Zweiten Weltkrieg stand die Pflege der Kirchenmusik an vorderster Stelle. Erste Chorleiter waren Frater Franz Dold (ab 1889) und P. Edmund Kreusch (ab 1891), Musikalien wurden aus dem Mutterhaus in Steyl mitgebracht, P. Kreusch war auch selbst kompositorisch tätig. Stilistisch orientierte man sich am Cäcilianismus. Als bedeutendste Musiker sind P. W. Schmidt, P. Hermann Rohr (1872–1948) und der alle überragende P. St. Marusczyk zu nennen. P. W. Schmidt, selbst kompositorisch tätig, übernahm 1895 als Chorregent die Leitung des Männerchores sowie des kleinen Orchesters in St. G. und konnte beide zu ersten Höhen führen. Mit dem Chor pflegte er nicht nur den Choral, sondern auch den mehrstimmigen Gesang; mit dem erweiterten Theologenorchester gelangten auch größere symphonische Werke zur Aufführung. Knapp nach 1900 verzichtete Schmidt allerdings auf eine weitere musikalische Betätigung zugunsten seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als international anerkannter Sprachforscher und Völkerkundler. Auch die Liturgische Bewegung verehrt ihn als einen ihrer Begründer (1919 Hg. v. lateinischen Sonntagsmessen mit deutscher Übersetzung), während des Ersten Weltkrieges beeinflusste er Pius Parsch. Auf Schmidt folgten kurz P. Hermann Heifort, P. Hubert Ehlert (1903–08, ebenfalls Komponist) und P. Eduard Friedrich (1908–?, hinterließ auch eigene Werke). P. H. Rohr dagegen machte sich als Choralmeister v. a. um die Choralpflege verdient, er führte 1908 als einer der ersten die vatikanische Singweise des Gregorianischen Chorals ein; im Rahmen des Wiener Eucharistischen Kongresses 1912 stellte St. G. – als Vorreiter auf dem Gebiet der Choralpflege – die Choralsänger für einen der Hauptgottesdienste zu St. Stephan. P. St. Marusczyk schließlich, der ab 1919 als Chorregent wirkte, vereinigte sozusagen alle musikalischen Vorlieben seiner Vorgänger und gründete 1921 – um auch gemischte Chorliteratur pflegen zu können – die Sängerknaben vom Wienerwald, die dann gemeinsam mit dem Männerchor sowie dem Streich- und Blasorchester den guten musikalischen Ruf, den das Missionshaus in der Zwischenkriegszeit genoss, begründeten. Zu ihren künstlerischen Leitern zählten u. a. J. W. Ziegler, K. Etti, Helmut Richter und Christian Fraberger, der 1978–95 auch als Organist zu St. G. wirkte. Ihm folgten Ludwig Lusser, Erzsébet Windhager-Geréd und Angela Amodio (seit 2002) als Organisten.

Bedeutung erlangten das von Marusczyk 1925 erstmals herausgegebene Gesangbuch Exultemus Domino (Kirchengesangbuch), das zunächst nur für den ordensinternen Gebrauch bestimmt war, sich jedoch bald allgemeiner Beliebtheit erfreute und weit verbreitet war (61956) sowie die Weihnachtsliedersammlung In dulci jubilo (241998). Durch die Missionstätigkeit der Societas Verbi Divini verstreuten sich Marusczyks Schüler über alle Kontinente, beispielsweise wirkten P. Franz Liebertz in Bayern, P. Paul Czaplicki als Musikprofessor an der Catholic University in Nagoya/J und andere auf den Philippinen, in China sowie Nord- und Südamerika. Besondere Erwähnung verdient P. Georg Proksch (1904–86), der 1932 nach Indien ging und dort indische Musik sowie Tanzkunst studierte, um die Darstellung der christlichen Heilsgeschichte in den Formen der indischen Kunst bzw. Musik darzustellen. Seine Ansätze gelten als Bahn brechend und wurden beim 2. Vatikanischen Konzil anerkannt, mit seiner Tanzgruppe trat er auch erfolgreich in Europa in Erscheinung. An der bereits 1889 gegründeten philosophisch-theologischen HSch. von St. G. waren Choralunterricht, Stimmbildung und Einführung in die Kirchenmusikgeschichte und Musikästhetik obligatorische Unterrichtsgegenstände. Zusätzlich gab es Seminarkurse für Harmonielehre, Kontrapunkt und praktisches Orgel- und Harmoniumspiel. 1930 wurden 18 Musikzimmer zu Übungszwecken eingerichtet. Die Hochschule (seit 1972 staatlich anerkannt) musste 2002 geschlossen werden, die umfangreiche Studienbibliothek (ca. 150.000 Bände, auch wertvolle historische Buchbestände umfassend) wurde 2010 der Bibliothek der ordenseigenen philosophisch-theologischen HSch. St. Augustin (bei Bonn/D) einverleibt.

Die Gottesdienste in der 1892–1914 erbauten Heilig-Geist-Kirche von St. G. stellen bis in die Gegenwart einen musikalischen Höhepunkt der näheren Umgebung dar. Waren dafür zunächst die Sängerknaben vom Wienerwald und die aus ehemaligen Sängerknaben gebildeten Cantores St. G., zuständig, sind es heute Gastchöre und Ensembles, die bemerkenswerte Aufführungen bewerkstelligen (u. a. Messen von Maurice Duruflé und Louis Vierne). Zentrum hierbei ist die Apsis der Kirche, wo 1982 nach Abtragung des Hochaltars von der Fa. Rieger Orgelbau eine zweimanualige mechanische Orgel mit 24 Registern aufgestellt worden war (Revision 2012). Sie ersetzte die 1920–23 von der Fa. F. Mauracher erbaute elektro-pneumatische Orgel, die verteilt auf drei Werke (Hauptorgel [III/56], Chororgel [II/10], Fernwerk [2]) 68 Register zählte (deren Vorgängerorgel [I/5, J. M. Kauffmann] war ab 1923 in der Aula des Missionshauses in Verwendung und sieht [2015] einer Renovierung und Neuaufstellung entgegen). Diese noch bestehende Hauptorgel am Westchor ist heute (2015) nicht mehr bespielbar. Die Firma Rieger lieferte 1982 auch ein Orgelpositiv (I/4) für die Krypta, das beim Vespergottesdienst in Verwendung steht. Die Rieger-Orgel in der Kirchenapsis steht alljährlich bei den Internationalen Maria Enzersdorfer Orgeltagen im Zentrum.

Die Aktivitäten des Missionshauses St. G. mussten seit dem Jahr 2000 infolge akuten Nachwuchsmangels stark eingeschränkt werden. Die ordenseigenen Betriebe stellten ihre Tätigkeit ein, konnten aber zumindest punktuell durch externe Übernahmen weitergeführt werden (z. B. Buchbinderei).


Tondokumente
TD: Magnificat – Orgelklänge aus St. Gabriel 2012 (ACD1058).
Literatur
[Fs.] 50 Jahre St. G. 1939, 66–70; J. Alt, Die Gesch. d. Missionshauses Sankt Gabriel der Ges. d. Göttlichen Wortes 1990; K. Pischof in SK 2 (1954/55); [Fs.] 100 Jahre Missionshaus St. Gabriel 1889–1989, 1989; G. Fortelny, P. Wilhelm Schmidt SVD als Komponist im Missionshaus St. G., Dipl.arb. Wien 2013; Ch. Tauchner in Stadt Gottes 136/3 (2012); www.stgabriel.at (5/2011); www.knabenchor.at (5/2011); www.steyler.eu (6/2015); http://de.wikipedia.org (6/2015); Mitt. R. Summereder (21.11.2015).

Autor(en)
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Christian Fastl, Art. „St. Gabriel‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 10/09/2015]