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Triest (deutsch für italienisch Trieste und slowenisch Trst)
Hafenstadt an der oberen Adria, heute (2016) Hauptstadt der ital. Region Friaul-Julisch Venezien. Seit römischer Zeit (Tergeste) besiedelt, war T. bis 539 unter ostgotischer Herrschaft, dann Teil des byzantinischen Reiches bzw. unter der Herrschaft der Franken; 788 mit der Mark Friaul vereint, kam T. 1202 unter die Herrschaft Venedig; 1382 stellte sich die Stadt (seit dem Frühmittealter auch Bischofssitz) freiwillig unter das Protektorat von Hzg. Leopold III. von Österreich, wo es (mit Unterbrechungen 1797, 1805 und 1809 unter französischer Herrschaft) bis 1918 verblieb. K. Karl VI. ernannte T. 1719 zum Freihafen (bis 1891). Nach dem Ersten Weltkrieg zählte T. zu den Hauptzielen Italiens, wurde 1943 von deutschen Truppen besetzt, 1945 von jugoslawischen Tito-Partisanen, sodass 1947 T. schließlich zum „Territorio libero di T.“ unter Aufsicht der UNO erklärt wurde; 1954 wurde T. Italien zugesprochen.

Erste Hinweise auf ein Musikleben stammen aus dem 14. Jh.: 1310 wird ein Kantor Bernardino da Ivrea erwähnt, 1338 der Kantor Bartolomeo da Bologna, auch städtische Pfeifer (Martino und Nicola); ebenso gibt es Hinweise auf geistliche Spiele (u. a. eine Visitatio sepulchri in Aquileanischem Ritus). Die Hauptkirche von T., die Bischofskirche San Giusto, erhielt erst 1473 eine Orgel. Deren Musikkapelle (Cappella Civica di San Giusto), ab 1538 gemeinsam von Stadt und Domkapitel verwaltet, spielte eine zentrale Rolle im Musikleben der Stadt (Kapellmeister waren im 16. und 17. Jh. u. a. Bartolomeo Rovere, G. Zacchino, Silao Casentini, Claudio Cocchi, Gabrielo Puliti, Martino Naimon). Ab dem 16. Jh. gibt es zunehmend auch Hinweise auf ein weltliches Musikleben (Aufführung von Komödien, Karnevalsbällen) und Instrumentenbau (Lautenbauer Giacomo Gorzanis). Im 18. Jh. kam es (verbunden mit der Erhebung zum Freihafen und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung) zu einem Aufblühen des Musiklebens. 1707 wurde der Palazzo Comunale eröffnet, in dem dem Kapellmeister der Cappella Civica ermöglich wurde, Opernaufführungen zu dirigieren (bis 1860); die Cappella bestand gegen Ende des 18. Jh.s aus vier Geigern und vier Sängern (andere Quellen sprechen von fünf Sängern und 14 Musikern), wurde im 19. Jh. erweitert, jedoch unter G. Rota im Sinne des Cäcilianismus zu einem reinen Vokalensemble (nach dem Zweiten Weltkrieg modernisierten Giuseppe Radole und Marco Sofinapula die Cappella Civica). Zu Ende des 18. Jh.s entstand auch ein öffentliches Konzertleben in T., wobei den Akademien des 1763 gegründeten Casino Nobile (dem u. a. Musiker wie G. Ferlendis und Domenico Della Maria angehörten) eine bedeutende Rolle zukam; ab 1810 wurden die Konzerte in das Teatro Maurone bzw. das Gabinetto di Minerva Minerva (vom Historiker Domenico Rossetti gegründet) und ab 1826 in das Teatro Mauroner verlegt. Zu einem großen Aufschwung im Konzertleben der Stadt kam es im 19. Jh. Zahlreiche Virtuosen konzertierten in der Stadt (N. Paganini 1816 und 1824, M. Giuliani 1803, F. Liszt 1839; F. Busoni trat 1874 hier erstmals als Pianist öffentlich auf); 1905 dirigierte G. Mahler im Teatro Rossetti seine 5. Symphonie. 1829 wurde die Società Filarmonico-drammatica gegründet, 1860 der deutschsprachige Schillerverein. Bedeutende Impulse gingen auch von der ab der Mitte des 19. Jh.s in T. bzw. im nahe gelegenen Pola (Pula/HR) stationierten Musik der k.k. Kriegsmarine (Militärmusik) aus. Die Cappella Civica, die bis heute besteht, wurde entsprechend den Bedürfnissen der Musik stetig erweitert. An Kammermusikensembles sind das Quartetto triestino (1903), das Quartetto Barison (1919) und das Trio di Trieste (1933) zu nennen; Zentrum des heutigen Musiklebens T.s ist ist 1932 gegründete Società dei Concerti.

Abgesehen von einigen Aufführungen im Jesuitenkolleg der Stadt hielt die Oper erst 1721 mit dem Intermezzo La contadina von J. A. Hasse Einzug in T. Es wird vermutet, dass ab 1730 mit der Einführung einer jährlich stattfindenden Messe auch Opernaufführungen (von Wandertruppen?) verbunden waren. 1752 wurde der Palazzo Comunale in das Teatro San Pietro umgewandelt, in dem das damals moderne neapolitanische Repertoire (Domenico Fischetti, N. Piccinni, G. Paisiello) gepflegt wurde, wie Werke einheimischer Komponisten (Giacomo Notte, Domenico Della Maria). 1801 eröffnete das Teatro Nuovo (1820 Teatro Grande, ab 1861 Teatro Comunale) mit Werken von Johann Simon Mayr und A. Salieri; 1827 wurde C. M. v. Webers Freischütz in italienischer Sprache hier aufgeführt, 1848 G. Verdis Il corsaro, 1850 Stiffelio uraufgeführt. Der Einfluss des deutschsprachigen Repertoires ist deutlich an der frühen Wagner-Rezeption in T. zu sehen (1876 Lohengrin, 1878 Tannhäuser); das 1878 eröffnete Politeama Rossetti, das zweite große Opernhaus T.s, brachte 1883 Wagners kompletten Ring des Nibelungen in deutscher Sprache. 1901 wurde das Teatro Comunale in Teatro Comunale Giuseppe Verdi umbenannt, ist seit 1944 eine eigenständige Unternehmung („Ente autonomo“) mit eigenem Orchester und Chor. Seit der Mitte des 19. Jh.s besaß die Operette einen wichtigen Stellenwert in T.: im Teatro Armonia wurden ab 1866 die Werke von F. Lehár, J. Offenbach und Fr. von Suppè gepflegt; Lehár dirigierte 1907 hier seine Lustige Witwe.

Zu Beginn des 19. Jh.s entwickelten sich aus den Kreisen des gehobenen Bürgertums (bürgerliche Musikkultur) Salons, in deren Diskussionen Musik einen wichtigen Platz einnahm. Die in diesen Kreisen entstandenen Schriften (z. B. der Ärzte Benedetto Frizzi 1802 bzw. Pasquale Besenghi 1827) lobten sowohl die aktuelle italienische Entwicklung (G. Rossini, Domenico Cimarosa), wie auch die Wiener Klassik und beklagten den Verfall der Opernkultur. 1907 erschien in T. Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst (Busoni war 1884/85 Korrespondent der T.iner Tageszeitung L’indipendente). Nur kurz (1893/94) erschien die Musikzeitschrift Rivista musicale illustrata. Von den T.iner Musikverlegern sind Domenico Vicentini zu Beginn des 19. Jh.s und C. Schmidl (ab 1889) zu nennen; letzterer wurde v. a. als Verleger Busonis bekannt.

1822 wurde die erste, jedoch nur kurzlebige Musikschule in T. gegründet; weitere private Schulen folgten. Mit dem Liceo musicale-autorizzata scuola di violino (1884), dem Liceo Tartini (1904) – diese schlossen sich 1932 zum Ateneo musicale triestino zusammen (seit 1953 staatliches Konservatorium) – verfügte T. über Möglichkeiten hochwertiger musikalischer Ausbildung. Die große slowenische Bevölkerungsgruppe hatte 1909 mit der Glasbena matica (heute Istituto musicale sloveno genannt) eine eigene Musikschule mit Chor und Orchester gegründet. 1902 war auch ein slowenisches Theater entstanden. Bereits 1861 wurde die Literaturgesellschaft Slavjanska narodna čitalnica gegründet. Unter A. Hajdrih wurde hier das slowenische Volkslied gepflegt. Später im Narodni dom beheimatet, wurden diese Einrichtungen durch die italienischen Faschisten zerstört (1920). Von den anderen Volksgruppen, die aufgrund des Hafens und Handels in großer Zahl in T. bis in die 1940er zu finden waren und sich am Musikleben der Stadt beteiligten, sind v. a. die tschechische, russische, aber auch Juden und Serbischorthodoxe zu nennen.


Literatur
MGG 9 (1998); NGroveD 25 (2001); NGroveDO 4 (1992); Mitt. Matej Santi.

Autor(en)
Elisabeth Th. Hilscher
Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Th. Hilscher, Art. „Triest (deutsch für italienisch Trieste und slowenisch Trst)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 07/06/2016]



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