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Joachim, Joachim, Amalie Ehepaar
Amalie (geb. Schneeweiss): * 1839 -05-1010.5.1839 Marburg an der Drau (Maribor/SLO), 1899 -02-033.2.1899 Berlin. Sängerin (Mezzosopran). Musste nach frühem Tod des Vaters, eines kaiserlichen Beamten und Amateurgeigers, schon als Kind zum Familienunterhalt beitragen und stand mit 14 Jahren das erste Mal auf der Bühne, 1853 in Troppau, 1854 in Hermannstadt/Siebenbürgen (Sibiu/RO), dann am Wiener Kärntnertortheater. 1854–62 sang sie unter dem Namen A. Weiss kleinere Rollen an der Wiener Hofoper. Die Verbindung mit dem Musikkritiker Theodor Mannheimer wurde wieder gelöst. 1862 ging A. J. an die Königliche Oper Hannover/D. Hier lernte sie J. J. kennen, der ihren Rücktritt von der Bühne verlangte (Heirat 1863). Sie machte sich dann als Oratorien- und Konzertsängerin einen Namen, trat allerdings mit wachsender Kinderzahl immer seltener auf. 1872 unternahm sie gemeinsam mit C. Schumann eine Konzerttournee nach Wien. Nach der Scheidung 1884 konnte sie sich erst nach Jahren eine neue Existenz als Liedersängerin aufbauen. Gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Heinrich Reimann (1850–1906) entwickelte sie Programme zur Geschichte des deutschen Liedes und ging ab 1891 mit „historischen Liederabenden“ auf Konzertreisen bis nach Schweden und in die USA; in Wien trat sie damit während der Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen 1892 auf. In der Geschichte des deutschen Konzertwesens sind diese Programme durchaus mit den Quartettabenden J. J.s vergleichbar. In Berlin gründete A. J. zuletzt eine Gesangsschule, in der sie mit Atemtherapeutinnen zusammenarbeitete.
Schriften
(Hg.), Schwedische Volkslieder 1884; (Hg.), Ausgewählte Lieder für eine Singst. mit Begleitung des Pianoforte gesungen von A. J., 2 Bde. 1887; H. Reimann (Hg.), Das dt. Lied: eine Auswahl dt. Gesänge aus dem 14. bis 19. Jh.; aus den Programmen der historischen Lieder-Abende der Frau A. J. 1–2 (1891) u. 3–4 (1893) [Volksausgaben dieser Bde. und zweisprachige Editionen in engl. u. dt.]; H. Reimann (Hg.), Das dt. Lied von seinen Anfängen bis zur heutigen Zeit. Ein Lieder-Cyclus in 4 Abenden, vorgetragen von A. J. [o. J.].


Joseph: * 28.6.1831 Kittsee/Bl (ungar. Köpcsény, slowak. Kopcan), † 15.8.1907 Berlin. Geiger, Komponist, Dirigent, Lehrer. Stammt aus einer deutschsprachigen jüdischen Kaufmannsfamilie, die 1833 vom zu Esterházyschem Besitz gehörenden Kittsee nach Pest (Budapest) zog. J.s Talent wurde früh entdeckt, sein erster Lehrer war der Pole Stanislaus Serwaczynski, Konzertmeister an der Pester Oper. Fanny Wittgenstein, eine Cousine, brachte ihn nach Wien zu M. Hauser, dann zu G. Hellmesberger sen., später übernahm Jos. Böhm die Ausbildung. Bereits in der Wiener Zeit begann J. Quartett zu spielen, u. a. mit den Hellmesberger-Kindern im sog. „Wunderkinderquartett“. Zudem veranstaltete Böhm regelmäßig Quartettabende im eigenen Hause, wo J. sehr früh auch die letzten Beethoven-Quartette, deren Interpretation ihn später berühmt machten, kennen lernte. 1843 ging er nach Leipzig/D zu Felix Mendelssohn Bartholdy, der mit ihm sehr viel Kammermusik spielte und ihn zum Kompositionsunterricht bei Moritz Hauptmann veranlasste. Nach erfolgreichem Debüt im Leipziger Gewandhaus 1843 (mit C. Schumann) brachte Mendelssohn J. nach London, wo dieser 1844 mit dem bis dahin als kaum spielbar geltenden Violinkonzert Beethovens, für das er noch heute gespielte Kadenzen schrieb, einen sensationellen Erfolg hatte. Mendelssohns Tod 1847 stürzte den 16-Jährigen in eine tiefe Krise. Obwohl zum Vizekonzertmeister des Gewandhauses und Lehrer am Leipziger Konservatorium ernannt, entschied sich J. 1850, nach Weimar/D zu F. Liszt zu gehen, der ihn zum Komponieren ermutigte. Es entstanden u. a. 3 Violinstücke und ein erstes, Liszt gewidmetes Violinkonzert. In Weimar gab J. zum erstenmal öffentliche Kammermusikabende, u. a. mit H. v. Bülow (1852). Die Weimarer Aufführung des Lohengrin 1850 beeindruckte ihn ebenso tief wie drei Jahre später die persönliche Begegnung mit dem später so bekämpften R. Wagner im Schweizer Exil.

1853–68 war J. Konzertmeister am Hannoveraner Hof, gründete 1855 sein erstes Streichquartett. Daneben trat er regelmäßig in England, Holland und Belgien auf. In Hannover hat J. insgesamt 56 Werke vollendet, die ihn auf der Suche nach einem eigenen Weg zwischen dem Schumannschen Konzept einer poetischen Musik und dem Lisztschen Konzept einer Programmmusik zeigen und die er später mit dem Begriff „psychologische Musik“ belegte. In diese Zeit fallen auch seine lutherische Taufe 1854, die Freundschaft mit dem Schumannschen Ehepaar und mit J. Brahms, die daraus erwachsene Entscheidung gegen Liszt und die R. Schumanns 1856, der Verzicht auf ein eigenes kompositorisches Werk und die Eheschließung mit Amalie Schneeweiss 1863.

1866 führten ihn Konzertreisen regelmäßig auch nach Österreich-Ungarn. 1868 nach Berlin übersiedelt, organisierte J. an der Königlichen Akad. der Künste eine Schule für Instrumentalmusik (ab 1872 Königliche Hsch. für Musik, ab 1918 Staatliche MHsch., seit 1974 Teil der Hsch. der Künste Berlin) und prägte durch seine pädagogische Arbeit und die Veranstaltung von Konzertreihen (v. a. mit seinem eigenen, dem J.-Quartett 1869–1907, das das gesamte Streichquartettschaffen von J. Haydn, W. A. Mozart, Beethoven, Fr. Schubert, Mendelssohn, Schumann und von Brahms – als einzigem zeitgenössischen Komponisten – spielte, und mit Novitätenabenden mit Werken von Berliner Kollegen) das Berliner Musikleben. Alljährlich reiste er nach England; jahrzehntelange Kammermusikpartnerin war C. Schumann. Ausgedehnte Konzertreisen führten ihn immer wieder nach Wien, Prag und Pest und auch durch Galizien, mit Brahms 1879 durch Ungarn und Siebenbürgen (von dem Wiener Agenten Ignaz Kugel organisiert). Oft spielte J. bei ad hoc zusammengestellten Kammermusikabenden, so v. a. in Wien, wo er auch mit dem Hellmesberger Quartett zusammen spielte. Hellmesberger oder J., diese Frage wurde gerade in Wien zu einer Grundsatzfrage: Welchen Stellenwert hat die klangliche Ebene? Was heißt Authentizität? Was bedeutet schöpferische Interpretation? Während der Geigenton von Hellmesberger z. B. von C. Flesch als von „berückendem Wohllaut“ beschrieben wird, galt J.s Tongebung als „eher kühl“ (Erinnerungen eines Geigers, 1960). V. a. in späteren Jahren entbehrte J.s vollkommen vibratoloses Spiel angeblich jeglicher Sinnlichkeit (R. Fischhof, Begegnungen auf meinem Lebensweg. Plaudereien, Erinnerungen und Eindrücke aus jungen Jahren 1916). Hanslick charakterisiert abwertend den Stil des Hellmesberger-Quartetts im Gegensatz zum J.-Quartett als „subjektiv“ und darum „für junge Menschen, Romantiker und Frauen“ besonders geeignet (E. Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien 1869/70). Auch die Programmzustellungen zeigen große Unterschiede, da die Programme des Hellmesberger-Quartetts viel stärker gemischt waren. Ähnlich wie C. Schumann als Pianistin repräsentierte J. einen neuen Typus des Geigers, dessen künstlerische Haltung ihn zum Kammermusiker prädestinierte. Er konzentrierte sich in seinen Programmen auf wenige Werke. Als Kammermusiker etablierte er reine Streichquartettabende statt gemischter Programme. Aufnahmen seines Spiels stammen aus dem Jahre 1903 und dokumentieren sein Rubatospiel, große Phrasierungsbögen und den sparsamen Einsatz von Vibrato.

Während der Geigenton von Hellmesberger z. B. von C. Flesch als von „berückendem Wohllaut“ beschrieben wird, galt J.s Tongebung als „eher kühl“ (Erinnerungen eines Geigers, 1960). V. a. in späteren Jahren entbehrte J.s vollkommen vibratoloses Spiel angeblich jeglicher Sinnlichkeit. J.s Gegnerschaft zu Liszt und Wagner brachte die Berliner Hsch. immer mehr in den Ruf dogmatischer Rückständigkeit und Unfreiheit. Außerdem wurden nach der Reichsgründung in den 1880er Jahren verstärkt Stimmen gegen die vermeintliche Dominanz von Juden auch im Bereich der Kultur laut, die in einer Antisemiten-Petition an Bismarck gipfelte. Anfang der 1880er Jahre zerbrach J. J.s Familie (endgültige Scheidung 1884), es folgte ein jahrelanger Bruch der Freundschaft zu Brahms, der auf der Seite von A. J. stand. Dennoch brachte J. fast das gesamte Kammermusikwerk von Brahms zur UA und setzte ihn auch in England durch.




Für J. sind zahlreiche Werke komponiert worden (u. a. von Schumann und Brahms). J.s eigene, auch von Liszt, Schumann und Brahms hochgeschätzten Werke sind überwiegend düsteren Charakters, zeigen eine ausgeprägte eigene Sprache, die Orchesterouvertüren sind meisterlich instrumentiert. Seine Violinkonzerte stellen geigentechnisch so hohe Ansprüche, dass sie trotz ihres musikalischen Wertes selten gespielt werden. Mit seinem Schüler Andreas Moser gab J. eine Violinschule heraus.


Werke
Vokalmusik; Orchesterwerke; Violinkonzerte; Kammermusik; Kadenzen zu Violinkonzerten; Bearbeitungen fremder Werke (u. a. J. Brahms: Ungarische Tänze, Bearb. f. V. u. Kl.). – WV in B. Borchard, Biographie.
Schriften
gem. m. A. Moser, Violinschule. Sechzehn Meisterwerke der Violinliteratur, bezeichnet und mit Kadenzen versehen v. J. J. 1–3 (1902–05), 21959 hg. v. M. Jacobsen; Zum Gedächtnis des Meisters Johannes Brahms, Rede zur Weihe des Brahms-Denkmals in Meiningen am 7. Okt. 1899; Ausgaben: L. v. Beethoven, Sonaten für Pianoforte und Violine 1908; (gem. m. A. Moser), L. v. Beethoven, Quatuors für zwei V., Va. u. Vc. [ca. 1900]; (gem. m. A. Moser), J. S. Bach, Sonaten und Partiten für V. allein [1908].
Literatur
MGG 9 (2003); K-R 1997 [A. J.]; G. L. Maas, The instrumental music of J. J., Diss. Univ. of North Carolina 1973; G. Weiss-Aigner in NZfM 135/4 (1974); R. A. Skelton, J. J.’s Hungarian concerto in D minor, op. 11, Diss., Indiana Univ. 1976; B. Stoll, J. J. Violonist, Pedagogue and Composer, Diss. Univ. of Iowa 1978, Ann Arbor 1979; B. Schwarz in MQ 69/4 (1983); B. Schwarz, Great Masters of the Violin 1984; Beiträge v. B. Borchard u. D. Schenk in M. Hingst (Hg.), [Kat.] 300 Jahre Akad. der Künste, Berlin 1996; B. Massin, Les J.s. Une famille de musiciens 1999; C. M. Bashford in MQ 84/1 (2000); NGroveD 13 (2001); B. Borchard, Stimme und Geige. A. und J. J. 2003; A. Moser (Hg.), Johannes Brahms Briefwechsel 5 (1908, 31921) u. 6 (1908, 21912); Joh. Joachim (Hg.), J. J.s Briefe an Gisela von Arnim 1852 bis 1859 [1911]; Joh. Joachim/A. Moser (Hg.), Briefe von und an J. J. 1–3 (1911–13) [engl. Übers. in Ausw. v. J. A. Fuller Maitland, Letters from and to J. J., selected and translated by N. Bickley 1913].

Autor(en)
Beatrix Borchard
Empfohlene Zitierweise
Beatrix Borchard, Art. „Joachim, Ehepaar‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]

MEDIEN
Joseph Joachim, vor 1904© Bildarchiv Austria, ÖNB
Joseph Joachim, vor 1904  © Bildarchiv Austria, ÖNB

GND
Joachim, Amalie
Weiterführende Literatur (OBVSG)
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Joachim, Joseph
Weiterführende Literatur (OBVSG)

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