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Wunderkind
Begriff, der in der Literatur ab dem 17. Jh. aus religiösem Kontext (der wunderbar geborene Jesus) auf Kinder übertragen wurde, die in ungewöhnlicher Frühreife eine das Übliche weit übertreffende Leistungsexzellenz zeigen. Bezüglich der Musik treten drei Begabungsbereiche auf: interpretatorische Fertigkeiten, musikalisch-kreative Fähigkeiten und eine Kombination aus beiden. Daraus ergibt sich eine altersmäßige Definition: Im ersten Fall endet die W.-Phase dann, wenn allgemein musikalisch begabte Kinder das gleiche Niveau erreicht haben, etwa mit dem 15. Lebensjahr. Im kreativen Bereich bedarf es, sofern es sich nicht um Stilübungen handelt, intellektueller Reife und mehrjähriger Erfahrung, so dass der W.-Status bis zum Erwachsenenalter akzeptiert wird. Am Beginn steht immer die Handhabung eines oder mehrerer Musikinstrumente, über die sich Grundprinzipien, Ausdrucksvokabular und Gehalt der Musik erschließen. Diese muss stilistisch eine sich aus dem Kontext erklärende Folgerichtigkeit der Parameter bieten sowie ein Minimum an Schönklang, ohne den Kinder Fehlerhaftes von Richtigem nicht unterscheiden können und ihre Freude am Musizieren verlieren. Abgesehen davon bedarf es eines musikkundigen Umfelds, damit frühe Anzeichen hervorragender Musikalität, etwa durch fehlerfreies Nach- oder Mitsingen im Kleinkindalter, erkannt und speziell gefördert werden können. Allerdings geriet die Ausbildung von W.ern zu allen Zeiten durch tägliches, konzentriertes Training mit dem Ziel des Geldverdienens in die Nähe von ausbeutender Kinderarbeit und trug den Eltern Kritik ein.

W.er unterscheiden sich von allgemein musikalisch begabten Kindern durch höhere Lerngeschwindigkeit sowie im Grad der Professionalisierung, die wiederum auf einer stabilen Persönlichkeitsstruktur, auf Kontinuität, Furchtlosigkeit und nicht zuletzt auf starker Willenskraft beruht. Sie sind in der Lage, BerufsmusikerInnen in der Interpretation zu erreichen oder zu übertreffen und agieren wie diese im konventionellen Konzertbetrieb. Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter minimiert sich das Gefälle zwischen W.ern und begabten Jugendlichen, wohlwollende Aufmerksamkeit weicht der üblichen Konkurrenzsituation. Gelingt es einem W. nicht, die mit dem Spitzenstatus verbundene öffentliche Präsenz dauerhaft zu wahren, bleiben unspektakuläre, subjektiv als Abstieg bewertete Musikberufe oder ein Berufswechsel als Alternativen. Die frühe Leistungsexzellenz ist kein Garant für eine dauerhafte Position an der Spitze des Musiklebens, am wenigsten bei InterpretInnen, die, Größen im Spitzensport vergleichbar, mitunter vorzeitig wegen physischer Abnützungserscheinungen Niveauverluste hinnehmen müssen.

In der historischen Entwicklung zeigt sich das Phänomen analog zum Geniebegriff im 18. Jh., als im Zuge des gesellschaftlichen Wandels das Bürgertum den Musikbetrieb zu bestimmen begann (bürgerliche Musikkultur) und Konzertveranstalter das wachsende Interesse an Musik permanent mit neuen Attraktionen, auch mit der Präsentation von W.ern forcierten. Dabei fungierte W. A. Mozart als Inbegriff eines W.es, da er schon in seinem 4. Lebensjahr unter Anleitung des Vaters komplizierte Musik spielte, mit 5 Jahren zu komponieren begann und mit 9 Jahren erste Symphonien vorlegte. Eine Generation zuvor erkannte man J. Haydns Begabung: Er bekam im Alter von 6 Jahren ersten professionellen Unterricht, erste Kompositionen datieren aus seinem 8. Lebensjahr, in dem er Kapellknabe wurde, danach Sängerknabe an St. Stephan in Wien. L. v. Beethoven trat mit 8 Jahren in einem Akademiekonzert des Kölner Hofes auf und präsentierte sich 13-jährig als Komponist nach kurzer Ausbildung bei Christian Gottlieb Neefe (Kurfürsten-Sonaten); im Alter von 14 Jahren wirkte er als 2. Hoforganist. Fr. Schubert erhielt 8-jährig professionellen Musikunterricht, bestand mit 11 Jahren die Aufnahmeprüfung als Hofsängerknabe, fiel im Konvikt seiner besonderen Begabung wegen, später auch als Subdirigent des Orchesters auf und komponierte während seiner fünfjährigen Gymnasialzeit 80 Werke. C. Czerny wirkte mit 15 Jahren als gesuchter Klavierpädagoge; seinen Schüler F. Liszt, der mit 6 Jahren das Klavierspiel erlernte, 9-jährig erste Auftritte absolvierte und 11-jährig eigene Musikstücke publizierte, unterwies er unentgeltlich. All diese W.er konnten als Komponisten, Interpreten und Pädagogen Zeit ihres Lebens reüssieren, da sie als Erwachsene das musikalische Niveau ihrer Epochen signifikant übertrafen.

Im Lauf des 19. Jh.s massierten sich W.er als InterpretInnen, allen voran A. Lanner, der 1843 als 9-Jähriger die Kapelle seines plötzlich verstorbenen Vaters Joseph einige Zeit lang leitete, aber geschäftlich den Aufgaben als Inhaber einer Kapelle verständlicherweise nicht gewachsen war und seinen Beruf erst wieder mit 18 Jahren fortsetzte. Spektakulär mochte der Start H. Wolfs als W. gewesen sein, der mit 8 Jahren sein Können im Mozartkostüm präsentierte, ohne sich aber kontinuierlich in Konzertsituationen zu profilieren; erste Kompositionen liegen aus seinem 15. Lebensjahr vor. An der Wende zum 20. Jh. begegnet eines der letzten W.er der Donaumonarchie, E. W. Korngold, dessen Begabung ebenfalls vom Vater mit äußerster Sorgfalt gefördert wurde. Mit 11 Jahren komponierte er die 1910 in Wien erfolgreich aufgeführte Ballett-Pantomime Der Schneemann. Seiner Begabung verdankt die Filmmusik Hollywoods ihre Entwicklung zum unverzichtbaren Kommunikationsmittel. Sein Zeitgenosse Fr. Loewe konzertierte 13-jährig als Pianist mit den Berliner Philharmonikern und reüssierte zwei Jahre später als Komponist des Schlagers „Kathrin, du hast die schönsten Beine von Berlin“ mit 1 Million verkaufter Notenexemplare.

In der 1. Hälfte des 20. Jh.s brachte die NS-Ideologie (Nationalsozialismus) jegliche Vorstellung von W. in Verruf, so dass der Begriff allenfalls der Beschreibung historischer Phänomene diente und musikalische Leistungsexzellenz in der Öffentlichkeit fortan nur vereinzelt registriert wurde. Dass kompositorische Leistungen im Jugendalter kaum mehr verifizierbar sind, liegt an der Komplexität der avantgardistischen Musiksprache und dem Überhang an Technik in der Popularmusik, der zwar von Jugendlichen Kultstatus beigemessen wird, allerdings primär im passiven Musikkonsum und nicht im als veraltet empfundenen Musizieren. Da sich Jugendliche vermehrt über Kollektive definieren, Leistungsexzellenz sich hingegen individuell manifestiert, tendierten auf allen Gebieten Hochbegabte, wie sie am Ende des 20. Jh.s bezeichnet wurden, zu Zurückhaltung, um eine Outsider-Position zu vermeiden. Allerdings bedeutet das Verschwinden des Phänomens aus dem öffentlichen Bewusstsein nicht das Fehlen von Hochbegabungen im Kindes- und Jugendalter, sondern nur das Fehlen effizienter Fördermaßnahmen, wodurch ein Verlust der geistigen Elite drohte. Diesem Defizit auf musikalischem Gebiet beizukommen, institutionalisierte man die Förderung musikalisch Hochbegabter, etwa durch die Errichtung des Musikkindergartens der Wiener Sängerknaben (1997) oder durch Etablierung von musikalischer Früherziehung in MSch.n (Musikschulwesen, Musikausbildung), Konservatorien, an den Universitäten für Musik und darstellende Kunst Graz, Salzburg und Wien sowie an einzelnen Volkshochschulen.


Literatur
H. Aebli, Über die geistige Entwicklung des Kindes 1989; M. Hassler, Musikalische Begabung in der Pubertät. Biologische u. psychologische Einflüsse 1998; M. Hassler in Mensch u. Musik 2002; G.-H. Stevens, Das W. in der Musikgesch. 1982.

Autor(en)
Margareta Saary
Empfohlene Zitierweise
Margareta Saary, Art. „Wunderkind‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]