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Kammspielwerke
Mechanische Musikinstrumente mit Tonerzeugung durch gezupfte Metalllamellen. Ende des 18. Jh.s wurde – so ist es zumindest aus Dokumenten nachweisbar – vom Uhrmacher Antoine Favre das Prinzip des Anzupfens von gestimmten Stahllamellen unter dem Titel eines carillon sans timbres der Genfer Société des Arts vorgestellt, ein Spielwerk, das sich auf Grund seiner Miniaturisierung hervorragend für den Einbau in Schmuckstücke, Tabatieren, Taschenuhren und dgl. Luxusgüter eignete. Etwa ab 1815 wurden auch größere Spielwerke gebaut und die Schweiz etablierte sich in kurzer Zeit als das Land der Spieldosenerzeugung schlechthin. Eine ernstzunehmende Konkurrenz erwuchs den Schweizer Herstellern nur in der Firma L’Epée in Frankreich und in der Produktion von K.n in Wien und Prag.

In Böhmen begann – lt. Bericht der Beurteilungs-Commission über die Ausstellung der Industrie-Erzeugnisse Böhmens vom Jahre 1831 – Franz Rzebitschek 1819 mit der Herstellung von „Musikspielwerken nach Art der Schweizer“. Er begründete 1828 zusammen mit Alois Willenbacher in Prag eine Firma, nach dessen Ausscheiden 1842 führte er die Fabrik bis 1870 weiter; dann leitete sie sein Sohn Gustav, der den Betrieb 1897 schloss. Insgesamt wurden etwa 52.000 Spielwerke erzeugt. Die Qualität der Erzeugnisse wurde bei der ersten Weltausstellung 1851 in London mit einer Goldmedaille gewürdigt. Auch 1855 ging in Paris die einzige den Spieldosen zuerkannte Medaille an Rzebitschek in Prag. Neben der Firma Rebiček (so schrieb man den Namen ab etwa 1870) firmierten in Prag in der 2. Hälfte des 19. Jh.s auch noch Alois Maly, Slavik & Preiszler, Salisch & Nowak als Hersteller.

Die früheste Nachricht von einer Produktion in Wien findet sich in einer Annonce vom 9.3.1824 in der Wiener Zeitung, in der Anton Olbrich kund tut, „die bereits bekannte kleine Stahlfeder-Harmonie schon bis zu bedeutender Größe [...] ausgedehnt und vorzügliche Schönheit und Stärke des Tones erreicht zu haben“. Aus der Zeit um 1825 stammen auch zwei Uhren mit eingebautem K. von „Peter Götz in Wien“ (Museum für angewandte Kunst in Wien, Geymüllerschlössel). Von Götz sind aber keine weiteren Arbeiten auf diesem Gebiet bekannt. A. Olbrich wurde der wichtigste Hersteller in Wien. Er war mit seinem Bruder Josef aus dem preußischen Wünschelburg zugezogen und ist mit 1.1.1821 als befugter Uhrmacher in Wien aktenkundig. Zunächst betrieben die Brüder die Herstellung gemeinsam, dann führten sie getrennte Geschäfte. A. Olbrich arbeitete bis 1861, gefolgt von seinem Sohn A. Olbrich jun., der bis 1892 lebte, J. Olbrich – er starb in den 1870er Jahren – fand in Josef Wyskocyl einen Nachfolger. Die Olbrichs produzierten gemeinsam rund 27.000 Werke, die Anzahl der signierten aber nicht nummerierten Instrumente der Spätzeit ist nicht abschätzbar, dürfte aber kaum nennenswerte Quantitäten mehr umfassen. Von Bedeutung ist ferner Franz Einsidl. Er ist 1849 erstmals im Steuerkataster verzeichnet und soll 1879 gestorben sein. Als höchste Nummer war bis jetzt 9271 auf einem seiner Werke zu finden. Neben diesen Meistern gab es in Wien in der 2. Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jh.s noch mehrere kleine Hersteller: Josef Schidlo, Edmund und Alois Bartel, die Brüder Stern, Franz Agazzi, Josef Barbolani, Karl Kantek, Alois Kipper.

Die österreichischen K. zeichnen sich durch die Anordnung der Basszähne auf der rechten Seite des Kammes aus (im Gegensatz zu den Schweizer Werken), außerdem wurden als Dämpfer stets Federkiele oder Pergament verwendet (und nicht Stahlfedern wie in der Schweiz). Ein weiteres Charakteristikum besteht darin, dass nach anfänglichen Experimenten mit der Größe der Spielwerke bald ein von Olbrich und Rzebitschek bis auf Details und Abweichungen in Millimeterbereich vollkommen gleich gestaltetes 2-Melodienwerk standardisiert wurde (s. Abb.), das auch sämtliche späteren Hersteller in Wien und Prag übernahmen und bis in das 20. Jh. herstellten. Die Dimensionen der 3- und 4-Melodienwerke differieren dann schon beträchtlich, diese und Instrumente mit 6, 8 oder 12 Melodien sind aber eher selten anzutreffen. Die Spielwerke dienten v. a. dem Einbau in die beliebten Bilderuhren, in Rahmen- und Kommodenuhren, als separate Instrumente in schlichten Kassetten begegnen sie jedoch nur gelegentlich.

Bemerkenswert ist, dass der einmal etablierte Aufbau nie mehr eine Veränderung erfuhr. Die Wiener und Prager Werke hatten daher den Schweizer Weiterentwicklungen mit ihren Piano-Forte-Kämmen, Zither-Effekten, zusätzlichen Glocken, Trommeln und Zungenstimmen nichts entgegenzusetzen. Der Verkauf der Spielwerke beschränkte sich daher später wohl fast ausschließlich auf das Gebiet der Monarchie und auf osteuropäische Länder, woraus sich ein typisches Repertoire der Spielwerke formte. Die musikalischen Bedürfnisse und Vorlieben des heimischen Publikums widerspiegelnd, finden sich auf den Instrumenten daher die lokalen Bühnenerfolge, die Novitäten aus den Tanzsälen und beliebte Volksweisen des 19. Jh.s. Letzteren galt offensichtlich ein besonderes Augenmerk der Hersteller. So kündigte A. Olbrich 1859 in einer Annonce seine Spielwerke „mit 2 bis 12 Piecen in allen Liedern, Tänzen etc sämmtlicher Nationen und des Orients“ an. Zur Typik der österreichischen K. gehört ferner die Art des musikalischen Arrangements, das sich durch klare Melodieführung auszeichnet und von zusätzlichen Verzierungen freigehalten ist. Die andernorts aufgekommenen „Spieldosenmanieren“ mit ihren Trillern, Arpeggien und Arabesken wurden von den Herstellern in Wien und Prag nicht übernommen.


Literatur
Ch. Eric in Journal of Mechanical Music 41 (1995); L. Goldhoorn, Die Österr. Spielwerkemanufaktur [o. J.]; L. Karp/M. Young in Journal of Mechanical Music 44/2 1998; A. Kipper in Österr. Uhrmacher-Ztg. 1924; H. Kowar, Spielwerke. Musikautomaten des Biedermeier aus der Slg. Sobek und dem MAK 1999; H. Kowar in StMw 47 (1999); Z. Míka in Prazsky Sbornik Historicky 13 (1981); A. W. J. G. Ord-Hume in Journal of Mechanical Music 40/1 (1994); E. Saluz, [Kat.] Museum für Musikautomaten: Klingendes Erbe. Zürich (Schweizerisches Landesmuseum) 2000; J. Slokar, Gesch. der österr. Industrie und ihrer Förderung unter Kaiser Franz 1. (1914).

Autor(en)
Helmut Kowar
Empfohlene Zitierweise
Helmut Kowar, Art. „Kammspielwerke‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 07/11/2018]