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Strauß, Strauß, Josef: Familie
Josef: * 1827-08-2020.8.1827 Mariahilf (heute Wien VI), † 1870-07-2222.7.1870 Wien. Komponist. Absolvierte seine Grundausbildung und vier Jahre am Schottengymnasium (Wien I) trotz des Altersunterschieds gemeinsam mit seinem Bruder Johann. Bis zum Stimmbruch sang er im Chor St. Leopold (Wien II), bis 1842 besuchte er mit Johann die kommerzielle Abteilung des Wiener Polytechnischen Instituts (s. Abb., heute Technische Univ.), dann wechselte er in die technische Abteilung und betrieb Musik als Hobby. Seine Berufsausbildung erfuhr um 1846 einen Einbruch, da er infolge der Scheidung der Eltern zu dem von seinem Bruder Johann erwirtschafteten Familieneinkommen seinen Beitrag leisten musste. 1846/47 arbeitete er als Bauzeichner bei Stadtbaumeister Anton Übel (1810–77), pausierte 1848 (beteiligte sich auf Seiten der Aufständischen an der Revolution ), und fand 1851 bei der Errichtung eines Wasserwehrs an der Triesting in Trumau/NÖ eine gut dotierte Stelle als Bauleiter. Um das erstrebte Ingenieurs-Diplom erlangen zu können, erfand er eine Kehrmaschine zur Straßenreinigung sowie eine Schneeputzmaschine, die er – erfolglos – der Gemeinde Wien anbot. Um die Zeit bis zu seiner nächsten Anstellung (1853), der Mitwirkung bei der Errichtung zweier großer Stadthäuser, zu überbrücken, fertigte er technische Zeichnungen für eine Maschinenfabrik am Tabor (Wien II) an.

Mit dem Nervenzusammenbruch seines Bruders Johann endeten seine vagen, allerdings eigenständigen Karrierepläne; fortan hatte er sich, zunächst als Ersatz für den Bruder, auf Wunsch der Mutter dem Diktat des Walzergeschäfts zu unterwerfen. Er verbesserte seine Musikausbildung und erfüllte fortan in Abwesenheit Johanns, etwa bei Erkrankung oder während der Gastspiele in Pawlowsk/RUS, die Wiener Engagements, trat bald alternierend mit Johann auf oder konzertierte mit geteilter Kapelle, um dem Zuwachs an Aufträgen nachzukommen. Seine kontinuierliche Arbeit in der Kapelle des Bruders sicherte die Existenz und ermöglichte ihm am 8.6.1857 die Eheschließung mit Caroline Josefa Pruckmayer (* 22.6.1831 Leopoldstadt, † 22.11.1900 Hainfeld/NÖ), ohne den Familienverband im „Hirschenhaus“ (Wien II) zu verlassen, wo am 27.3.1858 die Tochter Karoline zur Welt kam.

Binnen weniger Jahre beherrschte er den Usus des Walzergeschäfts, nämlich Ballwidmungen zu komponieren, Novitäten zu arrangieren und als Stehgeiger das Orchester zu leiten. Er fand zwar im Allgemeinen Anklang, erreichte aber niemals den Star-Ruhm seines Bruders, den er aus gesundheitlichen Gründen nicht immer entlasten konnte. Häufig unter Kopfschmerzen leidend, kollabierte er bei Stress, was die Mutter veranlasste, ab 1861 den jüngsten Sohn Eduard als Ersatz für Josef ins Walzergeschäft zu integrieren. Zu dieser Zeit wagte die Konkurrenz haltlose Angriffe in der Öffentlichkeit, wobei ihm seine Kompetenz als Dirigent, Komponist und Vorgeiger abgesprochen wurde. Dennoch konnte er 1862 die Dirigate in Pawlowsk von Johann übernehmen. Dieses Manöver war möglich, weil sich Bruder Eduard rasch profilierte und die Wiener Engagements bereits allein bewältigte. Mit ihm schloss er später einen Gesellschaftsvertrag. Eine Kunstreise nach Breslau (Wrocław/PL) war zwar künstlerisch, nicht aber wirtschaftlich erfolgreich. Seine Hoffnung, am Engagement des berühmten Bruders bei der Pariser Weltausstellung 1867 partizipieren zu können, zerschlug sich, denn das Geschäft wurde auf Wunsch der Veranstalter mit Routinier Benjamin Bilse (1816–1902) realisiert, den 1869 die russische Eisenbahngesellschaft als Nachfolger von Johann für die nächste Sommersaison in Pawlowsk anstelle von Josef engagierte. Monumentalereignisse, wie das Schützenfest 1868 im Wiener Prater, führten die drei Brüder zusammen, um vor 10–12.000 Personen zu spielen. Josef gelang es jedoch zunehmend, als Komponist zu reüssieren: 1869 erging an ihn der Auftrag, dem Jubiläum der Firma Wertheim anlässlich der 20.000sten eisernen Kasse ein Werk zu widmen, die Polka Feuerfest (op. 269). Die letzten gemeinsamen Auftritte mit beiden Brüdern erfolgten beim 1. Ball der Gesellschaft der Musikfreunde am 15.1.1870 und schließlich beim 1. Konzert einer sechsteiligen Serie im Goldenen Saal des Musikvereinsgebäudes im März und Anfang April 1870. Danach reiste Josef, noch erschüttert durch den Tod der Mutter am 22.2.1870, in Begleitung seiner Tante Josephine Waber (1801–70) zu seinem ersten eigenen Sommergastspiel nach Warschau, wo er ab April Benjamin Bilse im Etablissement „Schweizerthal“ ersetzte. Hatte sein Vorgänger ein homogenes Ensemble zur Verfügung, so musste er sich mit einer eher willkürlich zusammengestellten Gruppe behelfen, die zu Saisonbeginn immer noch nicht vollständig war. Die hohe Erwartung bei Publikum und Kritik erschwerten die Arbeit, und als der Konzertmeister beim Vortrag des Potpourris Musikalisches Feuilleton den Einsatz verpatzte, fiel Josef in einen komatösen Zustand, von dem er sich nie mehr erholte. Johann rettete gemeinsam mit seiner Frau die Situation, indem er sofort Gotthold Carlberg (1838–81) als Ersatz engagierte, der die Defizite nicht minimieren konnte. Daraufhin dirigierte Johann persönlich einige Konzerte mit fulminantem Erfolg in Warschau, schloss einen neuen Vertrag mit dem Etablissementbesitzer und sicherte dem Unternehmen durch das Engagement Ph. Fahrbachs (d. Ä.) schließlich einen Gewinn.

Am 16.7.1870 wurde Josef von seiner Frau nach Wien gebracht, wo er am 22.7.1870 an „Blutzersetzung“, wie das Totenprotokoll vermerkt, starb. Aus gegenwärtiger Sicht der Symptome dürfte Josef S. an einem Gehirntumor gelitten haben, was sich nicht verifizieren ließ, da seine Frau eine Obduktion verhinderte. Seine Beisetzung begleiteten mehrere Kapellen und eine große Schar von Trauergästen; 1908 erfolgte die Umbettung in ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof.

Der künstlerische Nachlass ging vertragsgemäß als Gegenleistung für die Übernahme von Miete und Lebenshaltungskosten der Witwe an den Bruder Eduard; ein Paket mit Noten gelangte in Verwahrung von Johann, der am 26.8.1870 die Vormundschaft über seine Nichte übernahm und ihr 1886 anlässlich ihrer Hochzeit mit dem Geschäftsreisenden Anton Aigner (1845–1910) einige Werke zur Veräußerung überließ. Am Ende ihres Lebens geriet sie in große materielle Not und verkaufte den ihr noch verbliebenen Nachlass des Vaters an Josef Simon, den Schwager von Johann aus dessen dritter Ehe. Sie starb am 7.11.1919 im Krankenhaus Lainz (Wien XIII).

Josefs Stil ist jenem von Johann ähnlich, weicht aber in seinem Hang zu Ernsthaftigkeit und seiner Vorliebe für Molltrübungen von der musikalisch-vitalen Linie des Bruders ab; mitunter manifestiert sich seine Vorliebe für Rich. Wagner. Viele seiner Werke wurden bloß unter „J. S.“ angekündigt, was vom Publikum dem Schaffen Johanns zugeordnet wurde.


Gedenkstätten
Ehrengrab Wr. Zentralfriedhof; Gedenktafel an der Stelle des Geburtshauses (Mariahilfer Straße 71A, Wien VI, s. Abb.); Gedenktafel an der Technischen Univ. (Karlsplatz 13, Wien I, s. Abb.); J.-St.-Park (Wien VII).
Werke
283 Kompositionen; beliebte Walzer: Dorfschwalben aus Österreich op. 164, Dynamiden op. 173 (Vorbild für den Rosenkavalierwalzer von R. Strauss), Sphärenklänge op. 235, Mein Lebenslauf ist Lieb’ und Lust op. 263 (s. Tbsp.). Seine Musik wurde in folgenden Operetten verarbeitet: E. Reiterer, Frühlingsluft 1903; E. Reiterer, Frauenherz 1905; Fr. Sommer, Der Rosenjüngling 1906; Ernst Siebert, Das Teufelsmädel 1908; Oskar Stalla, Die weiße Fahne 1911; B. Grün, Freut euch des Lebens 1932; B. Uher, Walzerträume 1943; O. Stalla, Die Straussbuben 1946.

Autor(en)
Margareta Saary
Empfohlene Zitierweise
Margareta Saary, Art. „Strauß, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 09/11/2018]