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Neujahrskonzert
Traditionelles Konzert der Wiener Philharmoniker zur Mittagszeit des Neujahrstags im „Goldenen Saal“ der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, oft zu einer Art offiziösen Feier des Jahreswechsels in Österreich bzw. der Welt unter Führung Österreichs hochstilisiert. Diese Attraktion des österreichischen Kulturexports geht, nach außerordentlichen Gesellschaftskonzerten am 31.12.1939 und 1.1.1941 (unter dem Titel Johann-Strauß-Konzert), deren Programmschwerpunkt Walzer bzw. Musik der „Dynastie Strauß“ war – nach einem Strauß-Konzert bei den Salzburger Festspielen 1929 unter Cl. Krauss –, v. a. auf das Konzert vom 1.1.1942 zurück. Dass die Tradition also eng mit der Zeit des Nationalsozialismus verknüpft ist, blieb den Österreichern jedoch kaum im Bewusstsein. (Bei der Beurteilung dieser Tatsache ist allerdings zu bedenken, dass nach Ende des Zweiten Weltkriegs grundsätzlich nicht nur die Alternative bestand, entweder wieder „von vorn“ [sog. „Stunde Null“] zu beginnen oder zum Zustand vor dem Krieg zurückzukehren, sondern – zumal bei Nichtzutreffen beider Möglichkeiten – inzwischen Begonnenes allenfalls modifiziert weiterzuführen.)

Eine besondere Rolle bei der nationalen und internationalen Propagierung des N.s kommt den Medien zu: Das N. war das erste Ereignis, das der ORF 1969 in Farbe übertrug. Bereits in den 1970er Jahren waren der Übertragung durch den ORF an die 30 Fernseh- und Radioanstalten in über zwei Dutzend Ländern angeschlossen und sollen damit geschätzte 600 Millionen Menschen in aller (nicht nur der damals „westlichen“) Welt erreicht worden sein, im Jahre 1991 nicht weniger als 200 Millionen Haushalte, 2004 nach offiziellen Angaben 52 Millionen Zuseher allein der Fernseh-Übertragung in über 40 Ländern, in Österreich selbst 1,1 Millionen. Schließlich erreichten in jüngerer Zeit die bereits wenige Wochen, zuletzt Tage nach dem Konzert auf CDs veröffentlichten Mitschnitte Auflagenhöhen, die als einzige des „klassischen“ Repertoires mit der Pop-Szene konkurrieren konnten (2003 unter N. Harnoncourt innerhalb von 6 Wochen 250.000 verkaufte Exemplare). Nach dem Tod von Cl. Krauss war dasN. 1955–79 von W. Boskovsky „auf Straußische Art“ (mit der Geige mitspielend und nur fallweise mit dem Geigenbogen dirigierend) geleitet worden, 1980–86 von L. Maazel. Seither wird der Dirigent von den Philharmonikern jährlich gewählt. Zweifellos werden durch die Vermarktung des N.s mehrere (nicht nur österreichische) musikalische Klischees (v. a. auch das von der angeblich Völker-verbindenden „Macht“ der Musik) strapaziert, propagiert und gefördert.


Literatur
[Kat.] 60 Jahre Republik im Spiegel der Musik 1979; K. Blaukopf in MGÖ 2 (1979); H. u. K. Blaukopf, Die Wr. Philharmoniker 1992; http://mediaresearch.orf.at/chronik.htm (1.1.1969; 7/2011).

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Neujahrskonzert‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]