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Alpenmusik
Volksmusik in der Alpenregion. Die Alpen sind ein Lebens- und Wirtschaftsraum, der seit der Zeit seiner Besiedlung von der Bergbauernkultur mit ihrem Alm- und Hirtenwesen geprägt ist. Diesem Lebensraum wird die sog. A. als typisch zugeordnet. Sie gilt als Freiluftmusik, in der Alphörner und Herdengeläute, Schellen, Schalmeien, Kuhhörner, urtümliche Verständigungsrufe (Almruf, Almschrei) und Rezitierformeln, Betrufe, Juchzer, Jodler, archaische Liedweisen, Tierlockrufe und Kuhreigen eine große Rolle gespielt haben, gekennzeichnet durch „produktive Naturhaftigkeit“, die jedoch „geschichtlich erworben und verloren“ wurde (Wiora 1949). Da sich in den Alpen musikalische Traditionen länger gehalten haben als in den hochzivilisierten und früher verstädterten ebeneren Gebieten, wurden Zeugnisse der A. schon früh als Belege für vergleichende Forschungen zur Mehrstimmigkeit (Adler 1881), aber auch zur Entwicklung des harmonischen Denkens, der Bipolarität von Tonika und Dominante und der Symmetrie- und Parallelkonstruktion herangezogen (Lach 1928), doch hat es sich als wissenschaftlich nicht haltbar erwiesen, die Gesamtheit der Alpenmusik,A., wie sie in rezenter Tradition aufzuspüren war, für archaisch zu nehmen; sie hat im Lauf der Geschichte ihre „abendländische Einengung und Weiterbildung“ erfahren (Wiora 1949). Im Lauf dieser Entwicklung wurde die einstige Musik der Hirten nach und nach zur „Volksmusik“ eines niederen Standes, mitgeprägt von zahlreichen Einflüssen geistlicher und weltlicher Natur. In der Zeit der Romantik wurde sie von der gebildeten Welt entdeckt, die gerade in den Alpen den Fortbestand ursprünglicher Lebens- und Denkweise vermutete. Bereits 1767 veröffentlichte J. J. Rousseau in seinem vielbeachteten Dictionnaire de Musique einen Schweizer Kuhreigen; in Österreich apostrophierte Erzhzg. Johann in seinem Appell zum Volksliedsammeln die Gebirgsländer als Heimat „eigentümlicher Gesänge“. Die erste Volksliedsammlung Österreichs, publiziert 1819, war im Schneeberggebiet veranstaltet worden (Ziska/Schottky 1819); ihr folgten viele weitere, die sich mit alpinen Musiktraditionen, insbesondere mit dem Jodler, beschäftigten (Volksmusikforschung). In der Schweiz hat sich das Bewusstsein der frühen Freiheit, „die von Bergbauern und Hirten den Landesherren abgetrotzt worden war, in Verbindung mit Vorstellungen von Kriegstüchtigkeit und Hirtenleben zu einem Gefühlskomplex verdichtet“ (Niederer 1996), der ab 1805 seinen sinnfälligen Ausdruck in den Unspunnen-Festen fand und ebenfalls eine ganz spezifische musikalische Identität nach sich zog. Der in Österreich geprägte Stilbegriff der „alpenländischen Volksmusik“ (Vorherrschen von Dreiklangsmelodik im Dreiertakt mit großen Tonumfängen und reicher Mehrstimmigkeit in Abgrenzung zur allgemein-europäischen Melodik) wird nur im süddeutsch-österreichischen Raum verwendet. Er charakterisiert weitgehend die vom Berner Oberland bis Slowenien verbreitete Ländler- und Jodlerkultur. Diese wurde aufgenommen und mitgeprägt durch Gruppen verschiedenster Provenienz, wie z. B. von den Nationalsängern (Alpensänger) zu Beginn des 19. Jh.s, von den Sänger-, Jodler- und Alphornvereinen in der Schweiz, von den Stubenmusiken in Bayern und Westösterreich, den „Oberkrainer“-Ensembles (vgl. Suppan 1994) u. a. Der nur oberflächlich besehen einheitlich wirkende Stil zeigt die verschiedensten Facetten, von traditionsgeprägter Innovation bis zur kommerziellen Ausbeutung des musikalischen Erbes, speziell im Massentourismus. In anderen Alpengebieten (Südfrankreich, Westschweiz, Norditalien) ist dieser Stil nicht übernommen worden. Dort schließt sich die Musik enger an die jeweiligen nationalen und regionalen Musikstile an. Darüber hinaus ist in den Alpen – wie fast überall in Europa – die Gesellschaftsmusik des 19. Jh.s (Walzer, Polka, Bairisch [Bayrisch-Polka], Schottisch, Mazurka) verbreitet. Manche Alpentäler erweisen sich als Rückzugsgebiete für anderswo verlorene Traditionen, z. B. für spezielle Geigenmusikstile (Dauphiné, Bagolino, Resia, Zillertal, Salzkammergut). Zahlreiche ethnische Minderheiten, die in den Alpen angesiedelt sind, haben mit der Sprache auch ihre eigenständigen Lied- und Musiktraditionen bewahrt (vgl. Haid 1993 und 1999).

Wegen dieses differenzierten Bildes spricht man von A. im eigentlichen Sinn des Wortes dann, wenn von jenen archaischen Phänomenen die Rede ist, deren Existenz man aufgrund von Funden, Abbildungen oder Beschreibungen für die frühgeschichtliche Hirtenkultur vermuten kann, und deren Nachklang man in rezenten Traditionen findet. Dazu gehören v. a. Glocken, die für das Herdengeläute verwendet wurden (Seebaß 1995). In den Akten der Nonsberger Märtyrer, die 397 im heutigen Trentin von den heidnischen Anaunen erschlagen wurden, wird die tuba erwähnt, mit der die Bauern zusammengerufen wurden. Schmidt deutet das als Alphorn (Schmidt 1970); naheliegender ist aufgrund der heute noch aktuellen brauchtümlichen Verwendung z. B. in Südtirol das Kuhhorn. In dem gleichen Bericht steht, dass bei diesem Umzug gesungen wurde: „ululato carmen diabolico“, und weiters ist von „iubilos pastorum“ die Rede – beides wird in Zusammenhang mit dem Jodler gebracht. Nicht das heute in den Alpenländern geläufige Jodeln hat man sich dabei vorzustellen, sondern archaische Rufe, Juchzer und Almschreie, wie sie an der Schwelle der Gegenwart noch aufgezeichnet werden konnten (Almruf, Viehlockruf, Betruf). Die Verwendung des Alphorn-fa und anderer ekmelischer Töne sowie die Gewohnheit, bei manchen Rufen einen Finger (oder beidseitig beide Finger) gegen das Ohr oder das Jochbein zu drücken, verweist auf eine Schicht primärklanglichen Singens vor Ausbildung der vollen Diatonie.


Literatur
MGG 1 (1949–51) u. 1 (1994); MGÖ 1 (1995); G. Adler, Die Wiederholung und Nachahmung in der Mehrstimmigkeit 1881; R. Lach in Die österreichischen Alpen 1928; L. Schmidt in Schweizer Archiv für Volkskunde 45 (1948); G. Haid/H. Haid, Musica Alpina 1–2 (1994), 3–4 (1999); A. Niederer in Alpine Alltagskultur zwischen Beharrung und Wandel 1996.

Autor(en)
Gerlinde Haid †
Empfohlene Zitierweise
Gerlinde Haid †, Art. „Alpenmusik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]