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Wien-Film GmbH
Filmproduktionsfirma, die 1938 vom NS-Regime (Nationalsozialismus) nach Einstellung der Tobis-Sascha-Filmgesellschaft unter Beteiligung der österreichischen Niederlassung der UFA konstituiert und 1986 im Besitz der Republik Österreich sistiert wurde. Als Firmenstandort dienten die von der Vita-Film errichteten (1919–23), damals modernsten und größten Studios Europas auf dem Rosenhügel in Mauer/NÖ (heute Wien XXIII), als Firmenlogo ein Violinschlüssel in der Raute, der die Ausrichtung der Firma auf Musik signalisierte. Die ideologische Anpassung an das NS-Regime datiert bereits aus 1935, als der Bund österreichischer Filmindustrieller und Vertreter der Reichsfilmkammer in Berlin ein Abkommen zur Einhaltung deutscher Bestimmungen bezüglich MitarbeiterInnen und Stoffwahl unterzeichneten. Für die Umsetzung garantierte Produktionschef Karl Hartl (1899–1978), seit 1937 im Kunstausschuss der Terra-Film GmbH und einziger Österreicher im Vorstand der W. Seiner Devise, nur unbedenkliche Themen, etwa aus der Historie ohne Gegenwartsbezug, auszuwählen, verdankte er 1940 seine Berufung in den Präsidialrat der Reichsfilmkammer und ab 1943/44 die Produktion von Farbfilmen, ein bislang der UFA vorbehaltenes Privileg.

In den minutiös gestalteten, zumeist auf Romanen basierenden Filmen begegnen alt hergebrachte Verhaltensmuster und Konventionen mit der Aura der „guten alten Zeit“, vom Regime als bewahrenswerte „Ostmarkkunst“ propagiert und mit perfekt adaptierter Musik der Historie, mit Stilkopien oder romantisch-symphonischer Filmmusik aufbereitet. Diese Aufgabe oblag gut ausgebildeten Komponisten wie Hans Elin (H. Jelinek), A. Profes, H. Sandauer oder H. Strecker, die sich von dieser Tätigkeit hinterher distanzierten bzw. mit dem Argument existenzieller Notwendigkeit zu rechtfertigen suchten. Die Einspielung der Filmmusik besorgten bisweilen die Wiener Philharmoniker , die mit namhaften SchauspielerInnen wie Hedwig Bleibtreu, Marte Harell, Paula Wessely, Attila und P. Hörbiger, Wolf Albach-Retty, Hans Holt, Willi Forst und H. Moser den durch die Regisseure Géza von Bolváry, E(merich Josef) W(ojtech) Emo oder Gustav Ucicky gestalteten Filmen über die Zeit des NS-Regimes hinaus nachhaltiges Interesse sicherten.

Die Sujets sind häufig im fiktiven Wiener Milieu angesiedelt, wo Konflikte mit Musik und Charme gelöst werden; ein beträchtlicher Teil der Stoffe bezieht sich auf musikalische Themen, auf Operetten und klischeehafte Musikerbiographien (Biographie) mit sentimental-tragischem Emotionswert, oft weit entfernt von der realen Faktenlage, aber geeignet, die gewünschte Synthese aus obligatem Leidensweg und kreativem Prozess zu suggerieren. Folglich dominieren innerhalb der 47 Produktionen Musikfilme, wie Unsterblicher Walzer (1939, Strauß-Dynastie), Der liebe Augustin (1940), Operette (1940), Wir bitten zum Tanz (1941), So gefällst du mir (1941), Wiener Blut (1942), Wen die Götter lieben (1942), Brüderlein fein (1942), Maske in Blau (1943), Der weiße Traum (1943), Schrammeln (1943/44), Liebe nach Noten (1944/45), Wiener Mädeln (1945) u. a. Durch diese Filme wurde das Publikum auf Musik so konditioniert, dass auch musikferne Sujets wie Wiener G’schichten (1940), Anton der Letzte (1939), Donauschiffer (1940) oder Die Erbin der Wälder (1944) von Musik durchdrungen sind, mit der Konsequenz, dass der Handlungsverlauf im Fall von Musikdarbietungen stagniert, ganz besonders gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als man das Defizit an Handlung bewusst durch Musik kompensierte.

1945 beschlagnahmte die russische Besatzungsmacht den östlichen Teil der zu 100 % im Besitz des Berliner NS-Filmkonzerns UFA befindlichen W. und integrierte die Firma als W. am Rosenhügel in die USIA-Betriebe. Zur W. gehörten damals 2 große und 1 kleine Aufnahmehalle, 2 Synchronhallen, Nebengebäude, Werkstätten und die Kopieranstalt; Einrichtungen, die erst nach Rückgabe von 180.000 m Negativfilm ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. Als kommissarischer Leiter fungierte bis 1948 erneut K. Hartl, der anhand der Sujets nachwies, dass die W. stets österreichisches und nicht NS-Kulturgut vermittelt hatte. Diesem Prinzip blieb man bis 1955 aus drei Gründen treu: Erstens waren keine Zensurmaßnahmen der Besatzungsmacht zu erwarten, zweitens legten die Exportverträge mit Deutschland die W. erneut auf Heimatfilme und die vertraute Musiksparte fest und drittens war Filmen mit kritischem Geschichtsbezug wie etwa Der Prozess (1947/48, G. W. Pabst) wenig Publikumserfolg beschieden. So verlief die Wiederaufnahme des Filmgeschäfts ohne inhaltliche Zäsur oder Veränderungen in der Handhabung der Musik: Filmtitel wie Wiener Melodien (1947), Singende Engel (1947), Frühling auf dem Eis (1951), Verlorene Melodie (1952), Franz Schubert – Ein Leben in zwei Sätzen (1953), Der Komödiant von Wien (1954), weiters Opern Don Juan (1955) oder Fidelio (1956) und Operetten Eine Nacht in Venedig (1953) oder Die Regimentstochter (1953) zeigen die Vorherrschaft musikalischer Sujets, die unter der Regie von Eduard von Borsody (1898–1970), W. Kolm-Veltée, Karl Paryla (1905–96) oder W. Felsenstein in der Phase des ersten Wiederaufbaus wirkungsvoll und handwerklich perfekt eine heile Welt suggerierten.

Während ein Gutteil der Musikfilme bis in die Gegenwart (2006) sowohl im Fernsehen ausgestrahlt wird als auch im Handel käuflich erwerbbar ist, verliert sich die Attraktivität der W.-Produktion nach Übergabe der Firma an die Republik Österreich (13.8.1955). Namhafte Regisseure wie E. Marischka gründeten eigene Produktionsgesellschaften (Erma) oder gingen Kooperationen mit anderen Firmen ein. Die Verluste bei Eigenproduktionen, ausgelöst durch die Filmkrise der 1960er Jahre, wurden fortan durch die Vermietung der Ateliers an ausländische Produktionsfirmen, etwa die Disney-Corporation, gedeckt. 1966 erwarb der ORF die Anlagen am Rosenhügel für Fernsehproduktionen bis in die späten 1980er Jahre. Nach der Auflösung der W. 1986 sollte 1990 das nutzlos gewordene Areal einem Einkaufszentrum weichen, was 1991 durch die private Betreibergesellschaft Filmstadt Wien Studio GesmbH mit Unterstützung von Stadt Wien und Bund verhindert wurde. Seit 1996 wird das Areal als Filmstadt Wien mit Four-Wall-Studiobetrieb und Film-Wirtschaftspark verwertet.


Literatur
R. Beckermann/Ch. Blümlinger (Hg.), Ohne Untertitel. Fragmente einer Gesch. des österr. Kinos 1996; W. Guha, Die Gesch. eines österr. Filmunternehmens. Von der Sascha-Film-Fabrik in Pfraumberg in Böhmen zur W.-F. 1976; H. Schrenk, Die Produktion der W.-F. zw. 1939 u. 1945, 1984; F. Walter in Sterz 36 (1986); F. Walter in O. Rathkolb et al., Die veruntreute Wahrheit 1988.

Autor(en)
Margareta Saary
Empfohlene Zitierweise
Margareta Saary, Art. „Wien-Film GmbH‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]