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Zigeunermusik
Ein von den Roma interpretiertes und verbreitetes, in der Selbstzuschreibung ebenso wie der Außenansicht als ungarisch verstandenes Repertoire von Musik; wurde im Lauf der Entwicklung vom späten 18. zum frühen 20. Jh. als emphatisches Symbol nationalen Autonomiestrebens, aber auch als exotisches Element von Kunstmusik bzw. kommerzialisierter Unterhaltungsmusik sowie auch für Feste und Feiern im ländlichen Bereich eingesetzt.

Stilistische Elemente sind das Kurutzenlied, der Werbetanz (Verbunkos) und der Csárdás. Das Kurutzenlied entstand als Ausdruck des Widerstands gegen die Habsburger im 17. bzw. 18. Jh. und wurde im 19. Jh. in einer Nostalgie des Freiheitskampfes aufgezeichnet bzw. gepflegt. Der zur Anwerbung von Rekruten verwendete Werbetanz entstand ebenfalls im 18. Jh. aus einer Mischung unterschiedlichster folkloristischer Elemente mit dem Stil der österreichischen bzw. italienischen Kunstmusik, wurde aber, entgegen seiner Herkunft, als alte ungarische Volksmusik angesehen; wesentliche Komponisten dieses Stils um 1800 waren J. Bihari, J. Lavotta und A. Csermák. Der Csárdás ist der Form nach ein alter ungarischer Bauerntanz und steht ab 1830 im Mittelpunkt der volkstümlichen ungarischen Instrumentalmusik, die nach dem Niederschlagen der Revolution (1849) im Musikleben für die nationale Identifikation umso wichtiger wurde (Nationalstil). F. Liszt hat in vielen Werken den aus diesen Elementen gebildeten ungarischen Tonfall als Mittel nationaler Identifikation angewendet und unter dem Einfluss des Historismus Melodien der Z. gesammelt, die er nicht nur in Bearbeitung aufführte und publizierte (Ungarische Rhapsodien), sondern deren Genese er auch mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln aufarbeitete (Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn, 1859 bzw. 1861). F. Erkel ist als Schöpfer entsprechender Opern sowie der Nationalhymne (Hymnen) der bekannteste einheimische Komponist dieses Stils.

Zigeunermusiker waren schon parallel zur Türkenmode des 18. Jh.s (türkische Musik) in Wien mit Melodien aufgetreten, die als ungarisch galten und allgemein den türkischen gleichgesetzt wurden, und spielten auch bei Theatervorstellungen eine große Rolle. Im 19. Jh. trugen sie die von Kurutzenlied, Werbetanz und Csárdás geprägte Nationalmusik in Dörfer, ungarische Kleinstädte und westliche Metropolen, wo dieser Stil auch zur Quelle von exotischem Reiz in der Kunstmusik wurde (z. B. J. Haydn: 3. Satz des Klaviertrios G-Dur Hob XV:25, L. v. Beethoven: Bühnenmusik zu König Stephan bzw. 2. Variation im Finale der Eroica, J. Brahms: Zigeunerlieder bzw. Ungarische Tänze). Auch die sich ausprägende Unterhaltungsmusik entwickelte Genres, die Stilelemente der Z. einbezogen, so das populäre lyrische ungarische Unterhaltungslied (Nóta), das ungarische Volksstück (Népszinmű) sowie die Operette in Budapest (u. a. Jenő Huszka) und Wien. Diese stellt ebenso wie die Oper v. a. des 19. Jh.s auch den entsprechend der Tradition in Wien bzw. Cisleithanien („Hungaromanie“ des Vormärz) oft durchaus positiv gezeichneten Zigeuner(musiker) selbst auf die Bühne (z. B. Joh. Strauß Sohn: Der Zigeunerbaron 1885, F. Lehár: Zigeunerliebe 1910, E. Kálmán: Die Csárdásfürstin 1915).

Um 1900 wurde im Zug der Jugendbewegung in Ungarn die pentatonische Bauernmusik als Quelle nationaler Besinnung definiert (durch Béla Bartók, Zoltán Kodály). Eigene Folkloregruppen spielten die von den Forschern gesammelte und ebenfalls auch in der Kunstmusik als „ungarisch“ eingesetzte Musik, während die Z. als urbane Unterhaltungsmusik (Schlager) bzw. in Revue und Musikfilm als Erben der Operette bis in die 1960er Jahre weiter beliebt blieb (auch in Hollywood/USA) und dabei oft in Verbindung mit entsprechend als ungarisch inszenierten Stars (u. a. M. Eggerth, Franziska Gáal, M. Rökk) stand. Somit hatte nach außen weiter die Z. die Bedeutung des musikalisch Ungarischen inne, und das Repertoire der Z. in seiner in Operette, Film und Schlager auftretenden Form wurde dementsprechend bei der Inszenierung des Klischees im Dienst des Tourismus (in Österreich als Attribut burgenländischer Pusztaromantik) verwendet (Werbung). Die Verbreitung des Jazz führte zu einem auch von österreichischen Formationen gespielten speziellen Stil, dem Sinti-Jazz (Roma und Sinti). Außerdem wurde das Repertoire der Romakapellen in Anpassung an den Geschmack der Touristen zunehmend mit Schlagern, Film- und Operettenmelodien unterschiedlichster Herkunft und Zuschreibung erweitert, weil die Sentimentalität der Z. mit dem stilistischen Wandel der Unterhaltungsmusik im allgemeinen nicht mehr verstanden und mit dem Verschwinden der an den entsprechenden nationalen Utopien hängenden Schichten nicht mehr gebraucht wurde. Das erneute Aufflammen des Nationalismus nach 1989 bewirkte folgerichtig eine von Nostalgie verklärte fallweise Rückkehr zu diesen traditionellen kulturellen Praktiken: Ausgaben der Z. wurden neu gedruckt und arrangiert und Aufnahmen aus dem Rundfunkarchiv auf Tonträgern veröffentlicht.


Literatur
A. Batta, Träume sind Schäume. Die Operette in der Donaumonarchie 1992; B. Szabólcsi, Gesch. der ungarischen Musik 1965; B. Sárosi, Sackpfeifer, Zigeunermusikanten... Die instrumentale ungarische Volksmusik 1999.

Autor(en)
Cornelia Szabó-Knotik
Empfohlene Zitierweise
Cornelia Szabó-Knotik, Art. „Zigeunermusik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/10/2008]