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Agram (deutsch für kroatisch Zagreb)
Hauptstadt von Kroatien.Seit 1557 Hauptstadt von Kroatien, das seit 1527 zur Habsburger-Monarchie gehörte, auf dem Boden der römischen Siedlung Andautonia; formell wurde die erstmals 1134 erwähnte Bischofsstadt um die heutige Domkirche (Episcopatus Zagrabiensis spätestens 1094 vom ungarischen König Ladislaus gegründet) allerdings erst 1850 mit der säkularen Siedlung auf dem gegenüberliegenden Hügel Gradec vereinigt. Die ältesten musikalischen Quellen sind drei aus Ungarn importierte Hss. (Sacramentarium Ste. Margaretae MR 126, Benedictionale MR 89, Agenda pontificalis MR 165 mit den ältesten liturgischen Spielen in Kroatien), ein wohl aus der Erzdiözese Salzburg importiertes Plenarmissale (Liber Hospitij Stae. Elisabeth MR 70) und das vor 1230 wahrscheinlich hier geschriebene Missale (heute im Franziskanerkloster Güssing). Deren Anlage und Marginalien lassen gewisse Varianten der Liturgie in der Zagreber Diözese erkennen. Bereits früh entstanden Niederlassungen der Dominikaner (1228), Paulaner (um 1250), Franziskaner (um 1260) und anderer Orden; spätestens um die gleiche Zeit erfolgte die Gründung einer Domschule (erster Kantor Purginus, 1230). Eine erste Orgel wird in Gradec 1359 (Organist Nicolaus) erwähnt und ist am Dom seit etwa 1420 (erster bekannter Organist Andreas 1488) anzunehmen. Seit dem 14. Jh. sind die Namen einzelner Musiker (darunter auch von Laien) bekannt. Von Zagreber Eltern abstammend und daher der erste bekannte nordkroatische Komponist könnte Francesco Sagabria (ca. 1550–nach 1606) sein, aus Zagreb gebürtig war der Musiktheoretiker Paulus Scalichius (Pavao Skalić, 1534?–75). Größte Bedeutung kommt dem 1607 errichteten Gymnasium der Jesuiten zu (die etwa 400 bekannten Jesuitenspiele enthielten normalerweise auch Musiknummern, im 18. Jh. vereinzelt auch in kroatischer Sprache; bei der Aufhebung des Ordens 1773 wurde ein reicher Instrumenten- und Musikalienbestand registriert). Mehrfach kamen Musiker auch aus den Nachbarländern, insbesondere den Kronländern Kärnten und Steiermark. Z. B. zogen 1632 sieben Musiker aus Klagenfurt nach Zagreb und verblieben hier. Der 1585–91 belegte Domorganist Christophor Hohlknap wird als Allemanus bezeichnet, sein Nachfolger Michael Senffridus (1592–99) bewarb sich später um die Organistenstelle an der evangelischen Stiftskirche in Graz. Andreas Flaunstein (1599–ca. 1612) und Gregor Struggel (zumindest ab 1621 hier, Domorganist 1628–50) waren auch tüchtige Orgelreparateure oder sogar -bauer, die Herkunft des 1653 und 1669 hier belegten Orgelbauers Christoph Lauterspeckh ist leider unbekannt. 1683 schrieb der Domherr Kristofor Peršić den traditionellen Passionsgesang (Passionale Croaticum Almae Ecclesiae Zagrabiensis) erstmals nieder, der im Werk Muka y szmert Kristusseva [Leiden und Tod Christi] von Toma Zakarija Pervizović (Druck Zagreb 1764) fortlebt. 1701 veröffentlichte der Domherr Toma Kovačević in Wien eine Brevis cantus gregoriani notitia, 1760 Mihajlo Šilobod Bolšić in Zagreb sein Fundamentum cantus gregoriani seu choralis. Die bedeutendste einschlägige Publikation aber ist die Sammlung von einstimmigen lateinischen und kroatischen Kirchenliedern Cithara octochorda (Wien 1701, 1723; Zagreb 1757). Um 1707 komponierte der Domorganist Ivan Leopold Šebelić eine Messe Sacrum S. Ladislai. 1788 hob Bischof Maksimilijan Vrhovac (reg. 1788–1827) den Zagreber Ritus auf. Er verpflichtete auch aus Wien die Chorsänger Joseph Dunkl, Karl Hagenauer, Franz Schey, Franz Langer († 1823), Ferdinand Hofman, Franz Xaver Tangl und Georg Spangler nach Zagreb. Die dadurch ausgelösten Einflüsse Wiener Musikpraktiken und -repertoires (Wiener Klassik) lassen die im Musikverein erhaltenen Musikalien aus dem Besitz von Bischof Vrhovac und seinem Nachfolger Aleksandar Alagović (reg. 1828–37) gut erkennen. 1799 fand in dem im Palais des Grafen Antun Pejačević eröffneten (1797) Theater die erste bekannte Opernaufführung in Zagreb statt (Gli astrologi immaginari von G. Paisiello, durch eine Grazer Truppe). In der Musikabteilung der 1776 eröffneten Primär- und Hauptschule (= Maria-theresianische Lehrerbildungsanstalt), deren Lehrplan Gesang, Klavier- und Orgelspiel umfasste und wo seit 1788 Johann Pleyel aus Wien (1751–1811, vermutlich ein Bruder des Komponisten I. Pleyel) als Lehrer tätig war, kann man in gewisser Weise den Beginn des öffentlichen Musikunterrichts sehen.

Seit dem Beginn des 19. Jh.s wuchs A. allmählich zu einem ökonomischen und kulturellen Zentrum heran und gewann so wesentliche Bedeutung für Kroatien. In besonderer Weise wurde das Musikleben durch Georg (Juraj) Karl Wisner v. Morgenstern (1783–1855) aus Arad geprägt. Er war 1827 auch Mitbegründer des noch bestehenden Musikvereins (Societas filharmonica zagrabiensis, seit 1847 verschiedene kroatische Bezeichnungen, seit 1925 Hrvatski glazbeni zavod) und 1829 der angeschlossenen MSch. Unter den nationalen Gegebenheiten und der spezifischen gesellschaftlichen Aufgabe der Musik zur Zeit der Kroatischen nationalen Wiedergeburt (1835–48), die das gesamte geistige Leben erfasste, erscheint die Musikkultur der ersten Jh.-Hälfte in Kroatien als ein Sonderfall der europäischen Romantik. Dies zeigt nicht zuletzt auch die Entstehung des – keineswegs nur politisch geprägten – Kunstliedes in Kroatien (Ferdinand Wiesner [später: F. Livadić], aber auch Ignaz Fuchs [später: V. Lisinski] u. a.). Die erste kroatische Oper in Kroatien und Südslawien überhaupt ist Ljubav i zloba [Liebe und Bosheit] (UA 1846) von Lisinski, größere Qualität besitzt allerdings seine zweite, Porin (1851, UA 1897). Nach deutschem und tschechischem Muster entstanden mehrere Gesangvereine: 1839 derNarodno ilirsko skladnoglasja društvo [Nationale illyrische Gesellschaft der Harmonie, seit 1868 Vijenac = Kranz] zur Förderung des Kirchen- und Volksliedes, 1862 der bürgerliche Kolo [Reigen] (bis 1948) und für Handwerker 1873 Sloboda [Freiheit], seit 1950 Sloga [Eintracht]; seit 1875 war A. Sitz des Kroatischen Verbandes der Gesangvereine. Unter den aus A. stammenden Musikern der Zeit, die in Wien Karriere machten, seien stellvertretend I. Padovec, J. Epstein und L. A. Zellner erwähnt, ebenso die Edition südslawischer Volkslieder (Južnoslavjanske narodne pjesme, 1847) von Carlo Catinelli-Bevilaqua-Obradić (1809–64) und das Gebet- und Gesangbuch (Knjiga bogoljubnosti karstjanske, 1849) von Fortunat Pintarić (1798–1867). Die Dominanz ausländischer Operntruppen ging in den 1860er Jahren zu Ende. Die erste kroatische Operette war Momci na brod (1867), eine Adaptierung der 1863 in Wien entstandenen Mannschaft an Bord des in Rijeka geborenen I. Zajc, der sich zuvor in seiner Wiener Zeit Giovanni von Zaytz genannt hatte und hier für längere Zeit eine führende Musikerpersönlichkeit wurde. Mit seiner Übersiedlung nach A. (1870) begann, da er ein vielseitig geschulter Musiker war und der Professionalisierung des Musiklebens auf allen Gebieten, von der Oper (deren Dirigent er 1870–89 war; am bekanntesten seine romantisch-historische Oper Nikola Šubić Zrinjski, 1876) bis zum Musikverein (dessen MSch. er bis 1908 leitete) zum Durchbruch verhalf, ein neuer Abschnitt in der kroatischen Musikgeschichte. An der MSch. des Musikvereins war neben und nach ihm Vjekoslav Rosenberg-Ružić (1870–1954) tätig, ferner der Schriftsteller Vjenceslav Novak (1859–1905), Václav Huml (ab 1903, Haupt einer kroatischen Geigerschule), seit 1916 Svetislav Stančić (Haupt einer kroatischen Pianistenschule). Das erste ständige Opernhaus wurde 1870 im Theater am Markusplatz eingerichtet und besteht mit wenigen Unterbrechungen bis heute (seit 1895 im eigenen Haus). Der Musikverlag des Musikvereins nahm 1865 seine Tätigkeit auf, seine MSch. wurde 1916 unter dem Historiker Vjekoslav Klaić (1849–1928) als Vizepräsident in ein Konservatorium umgewandelt, aus dem u. a. M. Mallinger und Irma Terputec (1839–1907) hervorgingen. 1876 erbaute der Musikverein den ersten Konzertsaal.

Als ein weiterer musikhistorischer Einschnitt sind die 1890er Jahre mit wachsenden internationalen Kontakten, zunehmenden Aufenthalten ausländischer Künstler, Professionalisierung der MSch. des Musikvereins und Spezialisierung einheimischer Musiker im Ausland zu sehen. Es ist die Zeit des Jugendstils und des Ausbaus der Unteren Stadt im Geiste der Sezession. Für eine Bereicherung des Konzertlebens sorgte u. a. 1897–1918 der Odbor za unapredenje komorne muzike u Zagrebu [Zagreber Ausschuss zur Förderung der Kammermusik]. Als erste kroatische Musik-Zeitschrift wurde die Sv. Cecilija gegründet, die 1877–84 unregelmäßig, 1907–44 regelmäßig erschien und seit 1969 wieder erscheint. 1855 wurde von E. Fr. Walcker im Dom eine neue Orgel erbaut und 1870 von Michael Mijo Heferer in A. die noch bestehende Orgelbauanstalt gegründet. Die Anfänge der kroatischen Musikkritik und -ethnographie sind mit dem Namen Franz Xaver Koch [später: F. K. Kuhać,] verknüpft.

Waren die Verbindungen aufgrund der Zugehörigkeit zur ungarischen Reichshälfte der österreichisch-ungarischen Monarchie zuletzt v. a. nach Wien, aber auch Deutschland und Italien besonders eng gewesen, wurde dies nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1918) naheliegenderweise deutlich anders (junge Musiker zogen es z. B. fortan vor, eher in Prag zu studieren), doch sind gewisse Spuren noch immer spürbar. Für das Konzertleben der Stadt von besonderer Bedeutung wurde die Konzertdirektion des Musikvereins Hrvatski glazbeni zavod (1917–26), durch den das Publikum neben dem eigenen Musikerbe und dem traditionellen Repertoire auch mit internationalen Tendenzen der zeitgenössischen Musik vertraut gemacht wurde. 1925–30 bestand hier die jugoslawische Landesorganisation der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM). Unter den neu gegründeten Musikensembles kommt die größte Bedeutung der Zagrebačka filharmonija ([Zagreber Philharmonie], gegr. 1919) zu, daneben aber auch dem wiederbegründeten Vereinsorchester des Musikvereins sowie Chören wie z. B. den Zagrebački madrigalisti ([Zagreber Madrigalisten], 1930–41). Seit 1930 führt der Zagreber Rundfunk (gegr. 1926) sein eigenes Orchester. Entsprechend zahlreich sind die Komponisten, deren Schaffen z. T. noch in die zweite Jh.hälfte ausstrahlt, die fallweise auch nur vorübergehend in Zagreb wirkten, das hiesige Musikleben aber mitprägten: Krsto Odak (1888–1965), B. Širola, Božidar Kunc (1903–64), Ivan Brkanović (1906–87), Boris Papandopulo (1906–91), Milo Cipra (1906–85), Jakov Gotovac (1895–1982), Fran Lhotka (1883–1962), Stjepan Šulek (1914–86) u. a. Der wichtigste Vertreter der Moderne war zweifellos B. Bersa, der sich allerdings nach seiner Verpflichtung als Kompositionslehrer an die MAkad. nur mehr seinen pädagogischen Aufgaben widmete. Aus seiner Schule sind mehrere prominente Vertreter der neueren kroatischen Musik hervorgegangen. Aber auch die Oper nahm in der Zwischenkriegszeit einen besonderen Aufschwung (S. Albini; Krešimir Baranović, 1894–1975), ab 1921 auch das Ballett (Margareta und Maksimilijan Froman, Ana Roje, Oskar Harmoš). Im Schaffen der Zwischenkriegsgeneration, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterwirkte, ist ein Stilpluralismus von „nationalen“ Idiomen über verschiedenste Varianten des Nachimpressionismus, des Neobarock und Neoklassizismus bis zur Avantgarde zu beobachten. 1920 wurde das Konservatorium des Musikvereins vom Staat übernommen (seit 1922 MAkad.). Bis 1945 gab es daneben auch private MSch.n.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1945) wurde Zagreb ein führendes kroatisches und jugoslawisches Musikzentrum. Zahlreiche Ensembles wurden neu oder wieder begründet (der Chor Ivan Goran Kovačić 1948, das Zagrebački kvartet 1951, Antonio Janigros [1918–89] Zagrebački solisti 1954, die Zagrebačka filharmonija 1948, das Rundfunkorchester 1957). Die Musiker gründeten eigene Fachverbände (Hrvatsko društvo skladatelja = Kroatischer Komponistenverband), von der Jugoslawischen (heute: Kroatischen) Akademie der Wissenschaften und Künste wurde eine Musikabteilung errichtet, die Zagreber Konzertdirektion (Koncertna direkcija Zagreb, 1951) baute ab 1972 ein Musikinformationszentrum (MIC) auf. Mit der Gründung der Muzički biennale Zagreb durch Milko Kelemen (* 1924) erfolgte 1961 die Öffnung zur internationalen Avantgarde (daneben seit 1970 Dani hrvatske glazbe [Kroatische Musiktage]) und mit der Eröffnung des neuen Konzerthauses Vatroslav Lisinski 1973 erhielt das Konzertleben einen großen Auftrieb.

Die ältesten musikalischen Bestände enthält die Metropolitana (ca. 200 Hss. ab dem 11. Jh.), an Bedeutung folgt ihr die 1827 begründete Bibliothek des Musikvereins (u. a. mit dem Notenarchiv des Gesangvereines Kolo, der Musikaliensammlung von N. [Udina-]Algarotti), Bibliothek und Archiv der Akademie der Wissenschaften und Künste (besonders liturgische Bücher, Nachlässe, Instrumente). Die größte Musikaliensammlung ist die der MAkad., Sonderbestände sind auch im Kroatischen Nationaltheater und im Staatsarchiv, im Museum für Kunst und Handwerk (Instrumente seit dem 17. Jh.), im Ethnographischen Museum (Volksmusikinstrumente) sowie im Museum der Stadt Zagreb (Musikautomaten) zu finden.


Literatur
MGG 9 (1998); Z. Hudovsky, Beiträge zur Musikgesch. der Stadt Zagreb vom 11. bis zum Ende des 17. Jh.s., Diss. Graz 1964 (kroat. Auszug in Rad JAZU 3, 1969); D. Cvetko, Musikgeschichte der Südslawen 1975; J. Andreis, Music in Croatia 1982; GMA 3 (1978) u. 5 (1983); L. Šaban, 150 Godina Hrvatskog glazbenog zavoda 1982; L. Županović, Centuries of Croatian Music1 (1984) u.2 (1989); S. Tuksar (Hg.), Zagreb i glazba 1094–1994, 1998; V. Katalinić/Z. Blažeković (Hg.), [Fs.] K. Kos 1999; K. Kos in MusAu 18 (1999).

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Koraljka Kos
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger/Koraljka Kos, Art. „Agram (deutsch für kroatisch Zagreb)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/05/2001]



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