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Wranitzky Wranitzky Paul (Wranizky, Wraniczky, Vranický u. ä.), Familie
Paul (Pavel): * 1756-12-3030.12.1756 Neureisch/Mähren (Nová Říše/CZ), † 1808-09-2626.9.1808 Wien. Violinist, Dirigent, Komponist. Musikalische Ausbildung (Gesang, Orgel, Violine, Viola) am Gymnasium des heimatlichen Prämonstratenserstifts und 1770/71 in Iglau. In Olmütz studierte er anschließend Philosophie, trat 1776 in Wien in das theologische Seminar ein, war ab 1777 dessen Musikdirektor und setzte seine Musikstudien ca. 1783 bei J. M. Kraus (nicht bei J. Haydn) fort. Ab 1783 wirkte er als Musikdirektor des Grafen Johann Baptist (1748–1800) Esterházy, 1785–87 als Orchesterdirektor am Kärntnertortheater, 1787 wechselte er zum Orchester der italienischen Oper ans Burgtheater (hier ab 1792 Orchesterdirektor) und wurde 1795 neuerlich Orchesterdirektor der deutschen Oper an beiden Hoftheatern. Als Geiger war er hoch geschätzt, als Dirigent wurde er auch von L. v. Beethoven und J. Haydn ausdrücklich gewürdigt. W., Mitglied der Wiener Loge Zur gekrönten Hoffnung (Freimaurer), war auch mit W. A. Mozart freundschaftlich verbunden. Ab 1805 alternierte er mit A. Gyrowetz bei der Leitung der Adeligen Liebhaber- und Kavalierkonzerte und war auch Sekretär der Tonkünstler-Sozietät, in die er 1793 eintrat. Als Komponist war der an prominenter Stelle des Wiener Musiklebens Agierende der Wiener Klassik verbunden, begann 1786 Symphonien zu schreiben (insgesamt 51), auch für das Kaiserhaus (Maria Theresia [II]). Sein 1789 im Freihaustheater uraufgeführtes und in der Folge weit verbreitetes Singspiel Oberon gilt als die erste deutsche Geisteroper und soll E. Schikaneder bei dessen Libretto zu Mozarts Zauberflöte inspiriert haben. 1795 bemühte sich W. erfolglos darum, Johann Wolfgang v. Goethes geplante Fortsetzung der Zauberflöte vertonen zu können; auch um eine Stelle in der Hofmusikkapelle bemühte er sich mehrmals erfolglos. K. Marinelli war 1792 sein Trauzeuge. P. W. kommt als möglicher Komponist der österreichischen Bundeshymne in Frage.
Gedenkstätten
W.-Gasse, Wien XXII.
Werke
Messe; 23 Bühnenwerke (Opern, Singspiele, Ballette); Schauspielmusiken; Symphonien; Solokonzerte; Kammermusik (u. a. 45 Streichquartette, 12 Streichquintette); Klaviermusik; Kantate Die Fürstenleier; Freimaurerlieder.


Sein Halbbruder

Anton (Antonín): * 13.6.1761 Neureisch, † 6.8.1820 Wien. Dirigent, Violinist, Komponist. Erhielt seine musikalische Ausbildung von seinem Bruder und wie dieser im Stift in Neureisch, sang im dortigen Domchor, studierte in Brünn Philosophie und Jus. 1782 dürfte er nach Wien gekommen sein, wo er bis 1783 Regens chori an der Kapelle der Savoyischen Ritterakademie (Organist: J. Ruziczka) war. Von W. A. Mozart, J. Haydn sowie J. G. Albrechtsberger unterrichtet, wurde W. zu einem geschätzten Violinvirtuosen und -lehrer. Ca. 1790 verpflichtete ihn J. F. M. F. Fürst Lobkowitz als Komponist, Lehrer, Konzertmeister und (1797–1815) Kapellmeister, womit Aufgaben in Wien, Prag und den böhmischen Landsitzen des Fürsten verbunden waren (von dessen Sohn F. J. J. v. Lobkowitz wurde er nach dem Tod des Vaters übernommen). 1808–20 folgte A. W. seinem Bruder als Orchesterdirektor der Hoftheater nach; zudem war er ab 1814 in gleicher Funktion am Theater an der Wien tätig. 1812–16 leitete A. W. auch noch den Hoftheater-Musikverlag. Er war wie sein Bruder mit Haydn (dessen Schöpfung er für Streichquintett bearbeitete) und Beethoven befreundet und gilt, selbst ein hervorragender Geiger, als Mitbegründer des wienerischen Violinstils (Schüler u. a. I. Schuppanzigh, J. Mayseder, Wiener Geigenschule). Er komponierte v. a. zahlreiche Violinkonzerte im Stil zwischen Klassik und Romantik sowie Streichquartette im frühen in Wien sich herausbildenden theatralischen Kammermusikstil; unter seinen Symphonien finden sich zwei mit programmatischer Ausrichtung.


Werke
Messen; Motetten; Symphonien; Instrumentalkonzerte; Kammermusik; Chöre; Arien; Lieder. – Violinschule: Violin Fondament nebst einer vorhergehenden Anzeige über die Haltung so wohl der Violine, als auch des Bogens 1804.


Antons Kinder

Maria Karolina Johanna (verh. Seidler): * 17.1.1795 Wien, † 4.9.1872 Berlin. Sängerin (Sopran). Wurde vom Vater ausgebildet, debütierte im Lobkowitz’schen Privattheater, sang, nach mehreren kleineren Partien in Wien, 1813 in München, 1814 in Pest und Ofen (1. Sängerin), 1815/16 am Kärntnertortheater und gastierte 1816 erfolgreich u. a. an der Berliner Hofoper, die sie daraufhin als Mitglied bis 1838 (Bühnenabschied) verpflichtete. Hier wurde sie (neben weiteren UA.en von Opern Gaspare Spontinis, Bernhard Rombergs, Carl Blums) v. a. mit der Partie der Agathe 1821 in der UA von C. M. v. Webers Der Freischütz (unter Leitung des Komponisten) berühmt, eine Rolle, die sie auch an verschiedenen weiteren Bühnen verkörperte (Leipzig/D, Dresden/D, Hannover/D, Breslau [Wrocław/PL]). 1822 gastierte sie erfolgreich am Kärntnertortheater. Sie entwickelte sich vom lyrischen zum jugendlich-dramatischen Sopran, beherrschte über 70 Partien und wirkte auch als Konzert- und Oratoriensängerin. 1813 hatte sie in St. Augustin den späteren Konzertmeister der Hofoper Carl August Seidler (* 13.9.1778 Berlin, † 27.2.1840 Berlin) geheiratet, der u. a. 1811–16 in Wien sowie Pest lebte und mit dem sie auch gemeinsam auftrat.

Anton (II) Karl Wenzel: * 27.9.1796 Wien, † 8.7.1829 Unter-St. Veit/NÖ (Wien XIII). Violinist und Komponist. Besuchte die Schule zu St. Anna und das Schottengymnasium (beide Wien I). Er trat bereits früh als Violinist in Konzerten in Erscheinung; Auftritte im Familienverband, in den Jahren 1818–20 veranstalteten er und sein Bruder gemeinsame Akademien zu ihren Gunsten im kleinen Redoutensaal. 1813/14 war er in Pest und 1818 reiste er nach Aachen/D. Spätestens ab 1819 Orchestermitglied der Hoftheater, im selben Jahr Auftritt mit seinen Schwestern in Berlin. In den 1820er Jahren war A. W. (II) ein sehr gefragter Violinist im Wiener Musikleben, 1820 spielte er auch im Quartett gemeinsam mit F. X. Pecháček, F. Weiß und J. Merk; im selben Jahr Auftritt in einer Akademie von J. Hoffmann. Gegen Ende der 1820er Jahre trat er zunehmend auch als Dirigent in Erscheinung. Er starb als „Second Director“ am Kärntnertortheater, sein Schüler war L. Wiest.


Werke
Variationen f. V. u. Vc. mit Orch. 1818 (gem. m. F. W.), Violinkonzert, Adagio u. Polonaise f. V., Variationen f. Fl. u. Orch. (aufgeführt von Al. Khayll), Variationen f. Csakan u. Orch. (aufgeführt von Jos. Khayll [II]), Variationen über ein ungar. Originalthema f. V. u. Orch.


Friedrich Johannes Paul: * 14.5.1798 Wien, † 11.12.1839 Dresden (Freitod). Cellist. Taufpate war sein Großvater Joseph W., allerdings vertreten durch N. Kraft. Besuchte das Schottengymnasium und war Schüler von A. Kraft; Konzertauftritte als Solist und gemeinsam mit seinem Bruder. Er ist bereits 1817/18 als Cellist der Hoftheater belegt. 1817 unternahm er eine Konzertreise nach Prag und Berlin (Unterricht bei Bernhard Romberg). 1818 bewarb er sich erfolglos um eine Exspektanz bei der Hofmusikkapelle. Spätestenes ab 1821 gehörte er neuerlich dem Orchester des Kärntnertortheaters an (noch 1829), eröffnete jedoch 1822 ein nicht näher definierbares „Privat-Geschäfts-Bureau“ in Wien und war im selben Jahr in mehrere gerichtliche Streitfälle involviert. Spätestens 1831 ging F. W. (als „Musikmeister“) nach Berlin, wo er eine Anstellung als 1. Violoncellist im Orchester des Königstädter Theaters erhielt. Ab 1839 war er in Dresden, wo er sich – verschuldet, ohne Anstellung und von der Abschiebung bedroht – das Leben nahm. Seine Witwe Maria Speil v. Ostheim (die Schwester von C. Kreutzers zweiter Frau) ehelichte 1841 in Wien J. A. Staufer.


Werke
Variationen f. V. u. Vc. mit Orch. 1818 (gem. m. A. W. [II]), Rondo f. Vc.


Anna Carolina Johanna (Nanette, Nannette; verh. Kraus): * 27.8.1799 Eisenberg/Böhmen (Jezeří/CZ), † 23.6.1851 Wiesbaden/D. Sängerin (Sopran). Erhielt ihre Ausbildung vom Vater und von A. Salieri, trat in von ihrem Vater veranstalteten Konzerten gemeinsam mit ihren Geschwistern bereits 1815 öffentlich auf, debütierte 1816 am Kärntnertortheater (Mitglied bis 1820; 1818–48 an der Hofkapelle), gastierte 1819 auch am Berliner Theater und war in den 1820er Jahren als Opern- und Konzertsängerin in Deutschland und Österreich tätig. 1829–31 trat sie in Hamburg/D, dann in Wien am Kärntnertortheater (1829) und am Theater in der Josefstadt, auch am Theater an der Wien sowie an mehreren deutschen Bühnen (Frankfurt am Main, Dresden, Mannheim) auf. Nach ausgedehnten Gastspielreisen 1834–36 beendete sie ihre Bühnenkarriere. Sie war wie ihre Schwester im lyrischen und jugendlich-dramatischen Fach erfolgreich. 1820 hatte sie den an der britischen Gesandtschaft tätigen Diplomaten Anton Kraus geheiratet.


Literatur
NGroveD 27 (2001); MGG 17 (2007) u. 14 (1968); A. Raab et al. (Hg.), Das Haydn-Lex. 2010; H. Strebel in In Signo Wolfgang Amadé Mozart 13 (2003); R. Steblin in B. Lodes et. al. (Hg.), [Kgr.-Ber.] Beethoven u. andere Hofmusiker seiner Zeit 2018; R. Steblin in Mozart-Studien21 (2012) u. 22 (2013); H. Schuler, Mozart u. die Freimaurerei 1992; K-R 1997 u. 2000; ÖBL 56. Lfg. 2002 [Seidler-W.]; Kosch 2 (1960) u. 3 (1992); Riemann 1961 u. 1975; E. Hanslick, Gesch. des Concertwesens in Wien 1869; Köchel 1869; Mendel-R. 11 (1879) [W.-Kraus]; Wurzbach 13 (1865) u. 58 (1889); DBEM 2003 [Seidler]; Weinmann 2/6 (1961); J. A. Rice, Empress Marie Therese and Music at the Viennese Court 1792–1807, 2003; J. Wagner, Symphonie caractéristique de la paix avec la République française, Dipl.arb. Wien 1990; D. Link, The National Court Theatre in Mozart’s Vienna 1998; M. Jahn, Die Wr. Hofoper von 1810 bis 1836, 2007; E. Schenk, Mozart 21975; J. Diederichs in ÖMZ 73/1 (2018); EitnerQ 10 (1904); Stieger II/3 (1978); Bauer 1955; MGÖ 2 (1995); Ulrich 1997; O. Biba in Jb. f. österr. Kulturgesch. I/2 (1971); H. Mansfeld in Jb. der Ges. f. Wr. Theaterforschung 11 (1959); AmZ 20.1.1813, 52f, 23.6.1813, 423, 19.4.1815, 277, 24.4.1816, 290f, 24.7.1816, 513, 16.4.1817, 278, 14.5.1817, 348, 15.9.1819, 624f, 22.9.1819, 633, 29.5.1822, 358; Theater-Ztg. 8.12.1813, 574, 4.2.1814, 60, 11.4.1814, 168, 23.6.1814, 295, 27.9.1814, 428, 13.10.1814, 443, 8.4.1815, 137, 15.4.1815, 142, 24.1.1816, 28, 9.3.1816, 79, 3.4.1816, 108, 10.8.1816, 153, 7.12.1816, 386; Erneuerte Vaterländische Bll. 6.12.1817, Intelligenzbl., 1; Wr. Zs. 24.2.1818, 196, 21.10.1819, 1028, 20.4.1822, 392, 2.11.1826, 1056, 19.5.1827, 492; Österr. Beobachter 4.12.1818, 1764; Wr. allgemeine Theaterztg. 17.4.1817, 184, 7.3.1818, 10, 27.6.1818, 307, 30.6.1818, 311, 22.4.1819, 192, 11.12.1819, 591f, 30.3.1820, 155, 3.8.1820, 371; AmZ mit besonderer Rücksicht auf den österr. Kaiserstaat 3.4.1817, 110, 2.1.1819, 7f, 4.12.1819, 784, 8.1.1820, 19f, 29.4.1820, 276, 30.12.1820, 835f, 2.6.1824, 145ff; Allgemeine Theaterztg. u. Unterhaltungsbl. 4.5.1822, 216, 27.2.1823, 99, 9.3.1824, 119, 5.5.1825, 228, 4.11.1826, 536, 3.11.1827, 540, 7.2.1828, 67, 18.3.1828, 140, 24.5.1828, 251; Berliner allgemeine musikalische Ztg. 2.5.1829, 142; Allgemeine Theater-Ztg. u. Originalbl. 21.7.1829, 358, 22.4.1833, 328, 7.6.1838, 504; Wr. Ztg. 10.9.1872, 871; Trauungsbuch 1792–96 der Dompfarre St. Stephan (Wien I), fol. 92 u. 93; Taufbuch 1784–1807 der Lokalkaplanei Albertsdorf (Albrechtice u Mostu/CZ) der Pfarre Holtschitz (Holešice/CZ), pag. 47; Taufbuch 1793–95 der Dompfarre St. Stephan, fol. 128; Taufbuch 1795–1802 der Pfarre St. Augustin (Wien I), fol. 23 u. 51; Trauungsbuch 1803–14 der Pfarre St. Augustin, fol. 116; Trauungsbuch 1814–24 der Pfarre St. Augustin, fol. 124; Trauungsbuch 1836–52 der Pfarre St. Augustin, fol. 57; Sterbebuch 1826–51 der Pfarre Ober-St. Veit (Wien XIII), fol. 26.

Autor(en)
Uwe Harten
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Uwe Harten/Christian Fastl, Art. „Wranitzky (Wranizky, Wraniczky, Vranický u. ä.), Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/09/2020]