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Improvisation
Das gleichzeitige Erfinden und Ausführen von Musik ohne offenkundige unmittelbare Vorbereitung. Aufgrund der unterschiedlich großen Anteile von Erfahrungswerten und schriftlos Gespeichertem sind die Übergänge zur Komposition fließend. Die Trennung dieser beiden Kategorien lediglich als schriftlos bzw. schriftlich würde allerdings zu kurz greifen. So bewirkt z. B. Volksmusik, die schriftlos überliefert wird, nicht zwangsläufig I., schafft aber doch ein Naheverhältnis zu ihr im Sinne einer „Indifferenz gegenüber der starren Festlegung“ (Hoerburger 1966, 96f.). Insbesondere ist der so augenscheinliche Variantenreichtum in Lied, Musik, Tanz und Poesie, wie die Volksmusik ihn zeigt, nicht anders erklärbar, als aus dem spontanen Singen, Musizieren, Tanzen, Fabulieren heraus entstanden. Erst seit Erfindung der Tonaufnahme und ihrem Einsatz in der musikalischen Feldforschung ist es möglich geworden, I. in vollem Umfang zu dokumentieren und zu analysieren. Die Beschäftigung sowohl mit afrikanischer Stammesmusik, mit orientalischer Kunstmusik wie mit europäischer Volksmusik hat im Begrifflichen die Unterscheidung zwischen „großer“ und „kleiner“ I., „traditioneller“ und „Standard-I.,„Routine-I.“ und „inspirierter“ I. nahegelegt. In der österreichischen Volksmusik ist vieles der „Routine-I.“ zuzurechnen, so v. a. der Umgang mit Begleitgriffen und Spielfiguren auf Geige, Gitarre, Zither, Hackbrett, Harfe, Harmonika u. a., sowie das spontane Dazufinden paralleler zweiter Stimmen und einfacher Bassstimmen, volksterminologisch „Zuwisingen“, „Drübersingen“, „Zuwibassen“ u. a. genannt. Bei komplexen Formen der Mehrstimmigkeit, z. B. bei der vokalen Continuopraxis in Kärnten, in Oberösterreich und in Tirol, übernimmt jeder Sänger einen bestimmten Tonvorrat und eine bestimmte Rolle. Eine höhere Stufe der I. liegt vor, wenn neue melodische Gestalten (z. B. beim Ländler) oder originelle Gegenstimmen erfunden werden, z. B. beim Jodler. Im Textlichen sind noch im 20. Jh. v. a. Gstanzln improvisiert worden.
Literatur
G. Haid/J. Sulz (Hg.), I. in der Volksmusik der Alpenländer 1996; H. Fritz in JbÖVw 36/37 (1988); F. Hoerburger, Musica vulgaris. Lebensgesetze der instrumentalen Volksmusik 1966; B. Lortat-Jacob (Hg.), L’improvisation dans les musiques de tradition orale 1987; R. Pietsch in JbÖVw 38 (1989); M. Walcher in R. Pietsch (Hg.), Die Volksmusik im Lande Salzburg 2 (1990).

Autor(en)
Gerlinde Haid †
Empfohlene Zitierweise
Gerlinde Haid †, Art. „Improvisation‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]