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Liederbuch
Zunächst in handschriftlicher Form, seit der Erfindung der Buchdruckerkunst an der Wende vom 15. zum 16. Jh. in Form von Einblattdrucken und Flugschriftendrucken (Flugblatt), haben Menschen Liedertexte und Melodien gesammelt und sich diese zu individuellen Büchern binden lassen. In der Übergangsphase und bis in das 20. Jh. begegnen wir solchen persönlichen L.ern, in denen handschriftliche Eintragungen mit gedruckten Texten (Einblattdrucken, Flugschriften) abwechseln. Daneben beginnt seit der 2. Hälfte des 16. Jh.s das „fertige“ gedruckte und gebundene L. zu überwiegen, in dem Liedermacher und Herausgeber zum einen das in kirchlich-didaktischer Absicht geschaffene geistliche Lied, zum anderen das jeweilige schichtenspezifische weltliche Modelied verbreitet haben. Wer sich gedruckte L.er nicht leisten konnte oder wollte, borgte sich solche aus, um die für ihn persönlich wichtigen geistlichen und weltlichen Texte abzuschreiben und damit weiterhin ein individuelles handgeschriebenes L. zu besitzen. Das bedeutet, dass zum Unterschied von der engeren Begriffsbildung in den Literaturwissenschaften, in der „Buch“ als Massenartikel mit völliger Identität der Exemplare definiert und von der Handschrift unterschieden wird, im L.bereich bis in die jüngste Zeit herein sich Bücher mit einer Mischung aus handschriftlichen und gedruckten Texten (vielfach mit Tonangaben: „Zu singen in der Melodie von…“) finden. In die Betrachtung mit einzubeziehen sind aber auch Liedersammlungen, die zwar für den Druck vorbereitet worden waren, deren Druck aber unterblieben ist (z. B. Reißners Gesangbuch, 1554).

Wesentliche Epen/Lieder des deutschen Sprachraumes werden in L.ern in österreichischen Sammlungen, Archiven und Bibliotheken überliefert – oder sind in diesem Land entstanden. Die Überlieferung setzt mit der Niederschrift mittelalterlicher Epik ein, wie dem Nibelungenlied, das mit dem Donauraum zwischen Passau und Wien verbunden wird; sie erreicht eine sonderbare Mischung aus Geistlichem und Weltlichem, soziologisch dem Adel, dem Klerus und/oder dem Bürgertum verbundenen Texten in dem in München verwahrten Codex Buranus (Carmina Burana); dazu gehören auch die Liedniederschriften des Mönchs v. Salzburg, Oswalds v. Wolkenstein, der Geißler, L.er wie das Glogauer, das Ambraser, das Jaufener, die Humanisten-Oden (Humanismus).

Mit Reformation und Gegenreformation beginnt die große Zeit der gedruckten geistlichen L.er. Die Möglichkeit, durch das Singen deutscher Lieder sich am liturgischen Geschehen zu beteiligen, wie dies seit Martin Luther im evangelischen Bereich für den Gottesdienst konstitutiv wurde, zumindest aber als „Beifügung zur Liturgie“ und bei paraliturgischen Feiern singend mit Gott in Kontakt zu treten, wie dies im Zusammenhang mit der (volksbarocken) Gegenreformation katholischerseits gefördert wurde, führte mehr und mehr zur Entstehung von gedruckten L.ern (Kirchengesangbuch). Während die L.er der Reformatoren vorzüglich in deutschen Offizinen hergestellt wurden (Achtliederbuch, 1523/24; Johann WalthersErfurter Enchiridion, 1524; Wittenberger Geystliche gesangk Buchleyn, 1524; usw.), ist „das älteste katholische Gesangbuch in Deutschland“ bereits 1524 von Josef Piernsieder auf Schloss Siegmundslust bei Schwaz in Tirol gedruckt worden. Über die konfessionelle Zuordnung dieses Druckes gibt es trotz der darin enthaltenen Marienlieder unterschiedliche Meinungen, zumal bereits 1526 die Tiroler Hofkammer Piernsieder als „Anhänger der lutherischen Lehre“ verdächtigt und dessen Druckerei aufgehoben hat. Die Verbreitung des Buches blieb lokal begrenzt, es steht keinesfalls am Beginn einer eigenständigen süddeutsch-österreichischen Tradition. Diese Einschätzung gilt in gleicher Weise für A. Giglers Gesang Postill, Graz 1569 und 1574, während mit den Geistlichen Liedern und Psalmen „der alten Apostolischer recht und warglaubiger Christlicher Kirchen“ des Bautzener Domdechants J. Leisentrit bereits 1567 eine sich dezidiert als katholisch deklarierende Gesangbuch-Tradition eingesetzt hat. N. Beuttner, Graz 1602, und D. Corner, Neuberg 1625, bestätigen durch zahlreiche Neuauflagen ebenso wie Leisentrit den entscheidenden Einfluss auf das künftige christlich-katholische Singen in Österreich. Ehe im 20. Jh. „Einheitsgesangbücher“ das Repertoire an Kirchenliedern beider Konfessionen normieren, bestimmt eine Fülle von regionalen Gesängen und Varianten der allgemein bekannten Lieder den Inhalt der „Diözesan-Gesangbücher“.

Im weltlichen Bereich setzten mit den L.ern der Bergleute („Bergreihen“, Bergmannslied) bereits im 16. Jh. berufsspezifische Sammlungen von Liedern ein. Angehörige des Adels und des Bürgertums (bürgerliche Musikkultur) erfreuen sich an den Gesellschaftsliedern und „Hausgesängen“ des 17. und 18. Jh.s: Dichtungen und Kompositionen aus Sperontes’ Singender Muße an der Pleiße, 1736, Valentin Rathgebers Augsburger Tafelkonfekt, 1733/37, Johann Friedrich Gräfes Oden, 1741/43, finden vielfach Aufnahme in handschriftliche und gedruckte L.er in Österreich und bestimmen damit auch den Geschmack hierzulande. Mit den Reformen Maria Theresias und Josephs II. im allgemeinen Schulwesen erlangt das Schul-L. besondere Bedeutung. Johann Gottfried Herders Regenerationsbewegung führt zur Sammlung und Edition von Volksliedern in allen Ländern und Regionen. Die Ausbeute an einschlägigen L.ern erscheint in den österreichischen Landschaften besonders attraktiv, als Juwel unter den deutschsprachigen Volksliedsammlungen gilt K. Mautners Steyerisches Rasplwerk, 1910 (NA 1977). Das Kunstlied von Fr. Schubert zu H. Wolf und J. Marx findet mit Hilfe von L.ern Verbreitung im bürgerlichen Wohnzimmer. Die Welle der Männerchor-Gründungen (Männergesang) im 19. Jh. benötigt einschlägige Chorbücher. Als der „vierte Stand“, die Arbeiterbewegung, an der Wende vom 19. zum 20. Jh. sich formiert, dient das Lied(erbuch) als wesentliche identitätsstiftende Kraft (Arbeitermusikbewegung). Das in mehr als einer Million Exemplaren verbreitete „Kernliederbuch“ der Wandervogelbewegung H. Breuers Zupfgeigenhansl, 1908, begleitet auch in Österreich die singend und mit der Gitarre die Heimat sich erwandernden Gruppen (Jugendmusikbewegung). Einige dieser Gruppen führen über die deutsch-nationale Bewegung in Österreich unmittelbar in die nationalsozialistische Ideologie hinein (so der Grazer F. Kelbetz, Männerchor oder singende Mannschaft, 1934; der sudetendeutsche Walter Hensel, Auf den Spuren des Volksliedes, 1944). Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind es die jeweiligen Schlager und „Hits“ der Popgruppen, die – als Ergänzung zu Schallplatte und CD – aus L.ern gelernt werden.


Literatur
M. Jenny/W. Lipphardt (Hg.), Das dt. Kirchenlied, Bd. I/1: Verzeichnis der Drucke 1975 (RISM B/VIII/1); Reallex. der dt. Literaturgesch., 2. Aufl., hg. v. W. Kohlschmidt u. W. Mohr (Bde. 1–3) sowie K. Kanzog u. A. Masser (Bd. 4) 1958–84; J. Bergmann, Das Ambraser L. aus dem Jahre 1582, 1845 (ND 1962); E. K. Blümml, Ältere Liederslgn. I. Die Liederhs. des Weingartner Benediktiners P. Meingosus Gaelle (1777), 1912; R. W. Brednich/W. Suppan, Die Ebermannstädter Liederhs. 1972; M. Friedlaender, Das dt Lied im 18. Jh., 2 Bde. 1902 (ND 1962); A. Kopp, Ältere Liederslgn. 1906; R. Lach, Eine Tiroler Liederhs. aus dem 18. Jh. 1923; W. Lipphardt in JbVldf 12 (1967); W. Lipphardt, Hymnologische Quellen der Steiermark und ihre Erforschung 1974; D.-R. Moser, Verkündigung durch Volksgesang. Studien zur Liedkatechese der Gegenreformation 1981; Ch. Petzsch, Das Lochamer L. 1967; K. Rattay, Die Ostracher Liederhs. und ihre Stellung in der Gesch. des dt. Liedes 1911; W. Salmen, Das Erbe des ostdt. Volksgesanges 1956; D. Schönherr in Gesammelte Schriften 1 (1965f), 199–202; W. Senn in Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft 2 (1954); W. Suppan in Carinthia I/155 (1965); W. Suppan, Lieder einer steirischen Gewerkensgattin aus dem 18. Jh. Hs. 1483 des Steiermärkischen Landesarchivs, Graz 1970; W. Suppan, Dt. Liedleben zwischen Renaissance und Barock 1973; W. Suppan, Werk und Wirkung. Musikwissenschaft als Menschen- und Kulturgüterforschung, 3 Bde. 2000, mit Hinweisen auf L.er, 753–1288; W. Suppan in K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. Tirols 2001; M. v. Waldberg in Neue Heidelberger Jahrbücher 3 (1893); N. Wallner, Dt. Marienlieder der Enneberger Ladiner (Südtirol) 1970.

Autor(en)
Wolfgang Suppan †
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Suppan †, Art. „Liederbuch‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]