Logo IKM
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Puppentheater
Theateraufführung (bzw. Bühne, auf der diese stattfindet) mit zwei- oder dreidimensionalen Figuren anstelle von lebenden Schauspielern; sie werden nach der jeweiligen Führungstechnik in folgende Hauptgruppen unterschieden: Hand-, Stock- oder Stabpuppen, Marionetten, Automaten, Schatten- oder Figurentheater. Die Stücke des P.s sind häufig mit Gesang oder Musik unterlegt, es existieren zahlreiche Bearbeitungen von Dramen, Opern und Balletten für das P.

Die Ursprünge des P.s sind unbekannt, frühe Erscheinungsformen finden sich im Kinderspiel mit Puppen bzw. als bewegliche Götzenbilder sowohl in europäischen als auch in außereuropäischen Kulturen. Schon die griechische Antike kannte den Topos des P.s als Bild des menschlichen Lebens (Menschen als Marionetten in der Hand der Götter), der auch im Mittelalter und in der Neuzeit tradiert wurde. Im deutschen Sprachraum ist P. mit dramatischer Handlung erst um 1450 nachweisbar. Seit dem Barock begann ein großer Aufschwung des P.s in ganz Europa durch die Wandertruppen, welche die Spielpuppen entweder allein oder gemeinsam mit lebenden Darstellern einsetzten; dadurch drang das Repertoire der Wanderkomödianten allmählich ins P. ein; besonders beliebt war das Puppenspiel vom Doktor Faust, das im deutschen P. meist gespielte, noch heute (2004) oft aufgeführte Stück.

Im 17. Jh. wurde Wien zu einem der großen Puppenspielzentren: 1667 eröffnete Peter Resonier das erste stehende Marionettentheater im deutschen Sprachgebiet, für das er u. a. auch das Puppenspiel vom Doktor Faust mit Opernarien und Balletten ausschmückte. Dort sind auch die Anfänge der österreichischen Puppenspieler-Dynastie Hilverding zu finden: J. B. Hilverding trat ab 1672 mit 1,50 m großen Marionetten in Zentral- und Nordeuropa mit einem Repertoire von etwa 50 Komödien und Opern auf (u. a. Hercules und Alceste, Jason und Medea, Perseus und Andromeda, Aurora und Cephalus). 1685 und 1697 führte Peter Hilverding im alten Wiener Ballhaus sein „Polizinelltheater“ vor. Auch die Vertreter des Alt-Wiener Volkstheaters spielten für die Entwicklung des P.s eine wichtige Rolle: J. A. Stranitzky führte Pantomimen, Ballette und Maschinensingspiele am P. auf und kreierte seinen Salzburger Hanswurst vermutlich zunächst für das P.; er wechselte zwar 1705/06 zum Theater mit lebenden Darstellern, gab aber die Marionetten nie ganz auf. Auch sein Nachfolger G. Prehauser spielte in seiner Jugend sowohl im Personen- als auch im Marionettentheater. Der von J. La Roche kreierte Lustigmacher „Kasperl“ wurde bald vom österreichischen und süddeutschen P. übernommen und brachte dem Handpuppenspiel die allgemeine Bezeichnung „Kasperltheater“ ein. Einer der letzten berühmten Wiener Marionettenspieler war der Mechanikus Georg Geisselbrecht, der ganz Deutschland bereiste und u. a. während des Friedenskongresses in Rastatt/D (1797–99) mit seiner Version des Doktor Faust erfolgreich auftrat.

Bereits gegen Ende des 17. Jh.s wurden am Teatro S. Moisè in Venedig die ersten bekannten für das P. geschaffenen italienischen Opern aufgeführt; die Musik wurde von Sängern hinter der Bühne gesungen. In Frankreich erfolgte 1676/77 der erste Versuch, ein permanentes Marionettentheater mit Opernparodien zu etablieren, der aber aus Konkurrenzgründen von Jean-Baptiste Lully unterbunden wurde; im 18. Jh. etablierten sich P. im Rahmen der Pariser Théâtres de la Foire und spielten eine bedeutende Rolle für die opéra comique.

Eine ähnliche Entwicklung ist auch in England zu beobachten: das P. zeigte v. a. Opernparodien und Satiren auf heroische Tragödien und wurde nach der lustigen Figur als „Punch’s theatre“ bezeichnet. 1770–90 traten zahlreiche italienische fantoccino-Truppen in London auf, die v. a. populäre französische Komödien und Opern aufführten.

Ab der Mitte des 18. Jh.s wurde zunehmend auch die erzieherische, gesellschaftliche, volkskundliche und literarische Bedeutung des P.s erkannt. In gehobenen Gesellschaftskreisen diente das Haus-P. als Erziehungsmittel der Kinder, es wurden aber auch Marionettentheater für Erwachsene eingerichtet. 1773 betraute Fürst N. Esterházy 1773 den Wiener Staatssekretär und Dramatiker Karl Michael (Joseph) v. Pauersbach mit der Einrichtung und Leitung eines Marionettentheaters auf Schloss Eszterháza; von Letzterem stammen auch fast sämtliche Stücke für das P., darunter die Opernparodie Alceste (1775, Musik von C. d’Ordoñez) und die Märchenoper Die Fee Urgèle oder Was den Damen gefällt (1776, Text nach Charles Simon Favart, Musik von I. Pleyel). 1773–83 stand das Marionettentheater unter der musikalischen Leitung von J. Haydn, der zur feierlichen Eröffnung in Anwesenheit von Maria Theresia das deutsche Singspiel Philemon und Baucis oder Jupiters Reise auf die Erde (1773) komponierte. Weitere Werke Haydns für das Marionettentheater: Hexenschabbas (1773), Die Feuersbrunst (1775–78), Genovevens vierter Theil (1777), Dido(ne abbandonata) (1778) und Die bestrafte Rachbegierde (1779).

Im 19. Jh. verstärkte sich das Interesse am P. v. a. von literarischer (Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang v. Goethe, Heinrich v. Kleist) und volkskundlicher Seite und fand seinen Höhepunkt in der Romantik (Ludwig Tieck, Clemens Brentano). Ab Mitte des Jh.s wurde P. im häuslichen Bereich v. a. in Form von Papier- und Schattentheater gepflegt. In der 2. Hälfte des 19. Jh.s erschienen neben zahlreichen Einzelausgaben von Spieltexten (Doktor Faust) auch größere Sammlungen, darunter ältere Spieltexte aus Niederösterreich und der Umgebung von Wien.

Mit dem französischen Symbolismus wurde Paris zum europäischen Ausstrahlungspunkt des P.s. In Deutschland ahmte man das Pariser Vorbild v. a. in München nach (Münchner Marionettentheater von Joseph Leonhard Schmid mit seinem Hausdichter Franz Graf Pocci). In Österreich verfertigte der Bildhauer, Maler und Graphiker Richard Teschner (1879–1948) bereits während seines Studiums an der Prager Akad. der bildenden Künste Marionetten. 1911 wurde er in Holland durch javanische Schattenfiguren und Stockpuppen zu seinem Schatten- und Figurentheater Der goldene Schrein angeregt, das er 1912 mit Bearbeitungen indonesischer Sagen, Tierfabeln und Märchen eröffnete. 1920 trat Teschner mit seinen ersten eigenen Spielen an die Öffentlichkeit; er komponierte auch die Musik zu seinen Stücken. 1931 baute er ein neues Theater, den „Figurenspiegel“, in dem 1932–48 zahlreiche UA.en (u. a. Wiener Sagenspiele Der Basilisk und Schab’ den Rüssel) stattfanden; heute im Österreichischen Theatermuseum erhalten.

In Salzburg gründete der Bildhauer Anton Aicher (1859–1930) das Salzburger Marionettentheater, das 1913 mit W. A. Mozarts Singspiel Bastien und Bastienne eröffnet wurde; 1926 vom Sohn des Gründers, Hermann Aicher (1902–77) übernommen und auf Grund der zahlreichen Auslandstourneen zu Weltruhm geführt. Berühmte Künstler, v. a. Regisseure und Bühnenbildner, arbeiteten immer wieder für die Salzburger Marionetten. Rund 150 Opern und Singspiele (v. a. von Mozart, aber auch von Ch. W. Gluck, G. Rossini und J. Offenbach), Ballette und Pantomimen, Schauspiele und Märchenstücke werden bis heute in der ganzen Welt aufgeführt; Mitwirkung bei den Salzburger Festspielen und bei den Osterfestspielen Salzburg.

In der 1. Hälfte des 20. Jh.s wurde das P. zum Experimentierfeld von Künstlern aus verschiedensten Sparten; es entstanden Opern eigens für das Marionettentheater: Erik Saties Geneviève de Brabant (1900), Paul Hindemiths Das Nusch-Nuschi. Ein Spiel für burmanische Marionetten in einem Akt (1920), Manuel de Fallas El retablo de maese Pedro (1923) oder E. Tochs Die Prinzessin auf der Erbse (1927). 1929 wurde in Prag eine internationale Vereinigung der Puppenspieler, die UNIMA (Union Internationale des Marionettes), gegründet. Der Nationalsozialismus beendete die avantgardistischen P.-Tendenzen und setzte das P. für Propagandazwecke ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das P. einen großen Aufschwung; es entstanden neue experimentelle Figurenformen. Vielfach wird nun als Überbegriff und in Abgrenzung zum traditionellen P. der Begriff „Figurentheater“ verwendet.


Literatur
F. Hadamowsky, R. Teschner und sein Figurenspiegel. Die Gesch. eines P.s 1956; H. Stuppach in Christ und Welt 11 (1958), Nr. 11 (Sondernr.); H. Aicher, Mozart und die Marionetten von Salzburg 1956; H. Ch. R. Landon in Haydn Yearbook 1962; R. Teschner, Der künstlerische Nachlaß von Richard Teschner 1964; G. Kraus, Die Salzburger Marionetten 1966; B. Raitmayr, Die Salzburger Marionetten, Diss. Wien 1969; Beiträge v. J. Müller-Blattau u. G. Gruber in Haydn-Studien 2/1 (1969); J. M. Minniear, Marionette Opera: its History and Literature, Diss. North Texas State University 1971; K. Pollheimer in Beiträge zur Theatergesch. des 18. Jh.s 1973; G. Böhmer, P. Figuren und Dokumente aus der P.-Slg. der Stadt München 21976; E. Stadler in Reallex. der dt. Literaturgesch. 3 (21977); H. C. R. Landon, Haydn at Eszterhaza 1766–1790, 1978; [Kat.] Richard Teschner (1879–1948), 1979; O. Batek, Marionetten-, Stab-, Draht und Fadenpuppen 1980; H. R. Purschke, Die Entwicklung des Puppenspiels in den klassischen Ursprungsländern Europas 1984; J.-L. Impe, Opéra baroque et marionette: dix lustres de répertoire musical au siècle des lumières 1994; NGroveD 20 (2001) [Puppet opera, puppet theatre].

Autor(en)
Andrea Sommer-Mathis
Empfohlene Zitierweise
Andrea Sommer-Mathis, Art. „Puppentheater‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 25/06/2002]