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Kur und Sommerfrische
Kur und Sommerfrische gehören zu den Vorformen des Massentourismus. Sowohl Reisen in Thermalbäder als auch ausgedehnte Sommeraufenthalte außerhalb der Städte, z. B. am Meer, waren bereits in der Antike üblich, bis weit in die Neuzeit hinein blieben sie aber beinahe ausschließlich einer kleinen wohlhabenden Oberschicht vorbehalten. Wiewohl „Badereisen“ auch im Mittelalter und der frühen Neuzeit nicht unüblich waren, erfolgte der Ausbau eines modernen Kurwesens verstärkt erst seit dem 18. Jh., wobei v. a. Thermal-, Salz- oder Schwefelbäder (gegen Gelenkserkrankungen, Erkrankungen des Verdauungsapparates usw.) aufgesucht wurden. Zum Kurprogramm gehörten meist auch Trinkkuren mineralhaltigen Wassers. Ebenfalls auf das 18. Jh. geht der Ausbau von Höhenluftkurorten in den alpinen Regionen zur Behandlung von Lungenerkrankungen und die Errichtung von Seebädern zurück. Zu den beliebtesten Kurorten der österreichisch-ungarischen Monarchie gehörten u. a. die böhmischenböhmischen Bäder (Karlsbad, Marienbad, Franzensbad [Františkovy Lázne]), Baden bei Wien, Rohitsch-Sauerbrunn (Rogaška Slatina/SLO), Meran, Badgastein/Sb und Bad Ischl.

Die Sommerfrische als spezifisch bürgerliche Frühform des Tourismus entwickelte sich im 19. Jh.: Bevorzugte Zielgebiete waren das nähere Umland der Städte, im Fall Wiens etwa das Semmeringgebiet, in weiterer Folge das Salzkammergut und das Kärntner Seengebiet. Die verkehrstechnische Modernisierung (Eisenbahnbau Mitte des 19. Jh.s) führte zur Erschließung der oberen Adria (Abbazia [Opatija/HR], Grado/I etc.) für den Fremdenverkehr. Typische Merkmale des bürgerlichen Phänomens „Sommerfrische“ waren die Übersiedlung des ganzen Haushaltes (inkl. Dienstpersonal), die vergleichsweise lange Verweildauer am Urlaubsort (häufig während der gesamten Sommermonate, wobei jedoch der männliche „Familienerhalter“ meist nur für kürzere Zeit oder zu den Wochenenden anreiste), weiters die langfristige Bindung an einen bestimmten Ort, der Jahr für Jahr aufgesucht wurde, sowie die soziale Staffelung der verschiedenen Urlaubsorte. Die zunehmende Mobilität durch verbreiteteren ökonomischen Wohlstand und den aufkommenden Individualverkehr (Automobil) und in weiterer Folge durch Flugreisen führte nach 1945 zum schrittweisen Übergang zum modernen Massen- und Ferntourismus mit kürzerer Verweildauer am Urlaubsort, wobei sich allerdings gerade in neuerer Zeit ein Umkehrtrend hin zum kurorientierten Gesundheits- und Wellnessurlaub bemerkbar macht.

Der Zulauf eines zumeist wohlhabenden städtischen Publikums adeliger oder bürgerlicher Herkunft führte in den mondänen Kur- und Sommerfrischeorten zu einem Ausbau der Infrastruktur nach städtischem Vorbild (Hotels, Kurhäuser, Theater, Konzertsäle, Spielkasinos etc.), die sich auch architektonisch am Baustil in den größeren Städten orientierte. Die zur Verfügung stehende Freizeit ermöglichte eine bewusst gepflegte „Kunst des Müßiggangs“, die von den Kurorten und deren Kurvereinen durch ein nach großstädtischen Vorbildern gepflegtes Kulturprogramm (Theateraufführungen, Vorträge, Konzerte usw.) unterstützt wurde.

Diesem Gedanken der Erholung bzw. Zerstreuung entspricht die Funktion und Gestaltung musikalischer Aufführungen am Kurort, v. a. des regelmäßig abgehaltenen Kurkonzerts. Von den 1910 in einem Bäderführer Österreichs angeführten 421 Kurorten, Heil- und Mineralquellen hatte jeder ein seinen Mitteln entsprechendes Musikensemble. Dieses beruht auf dem Trio mit Harmonium, Melodie- bzw. Bassstimme und kann auf ein bis zu 40 Mitglieder umfassendes Orchester aufgestockt werden, das unter Umständen auch Gesangssolisten einsetzt (Salonmusik). Die Größe der Kurkapelle wechselt mit den finanziellen Möglichkeiten, dem gesellschaftlichen Rang des Kurorts. So entwickelte sich in Badgastein nach einer 1820 in Hofgastein aus Schülern und Lehrern zusammengesetzten sog. Janitscharenmusik um 1850 eine eigenständige Kurmusik, die 1912 schon 24 und vor dem Zweiten Weltkrieg 40 Mitglieder hatte. Der Aufstieg Abbazias ab 1873 war ebenso mit Gründung und Entwicklung eines Kurorchesters verbunden, wie ab 1831 jener von Teplitz, wo 1812 das Zusammentreffen L. v. Beethovens mit Johann Wolfgang v. Goethe erfolgt war und später Rich. Wagner bei einigen Aufenthalten die Inspiration zu Tannhäuser und anderen Kompositionen fand. Ab Ende des 19. Jh.s traten hier bei regelmäßigen Zyklen symphonischer Musik die bekanntesten Dirigenten und Solisten jener Zeit auf (R. Strauss, F. Busoni, E. Sauer, E. v. Dohnányi, B. Huberman, F. Kreisler, D. Popper u. a.).

Die soziale Lage der Kurmusiker war problematisch, denn auch sie standen in Konkurrenz zu den Militärmusikern, die neben dem festen beruflichen Engagement darüber hinaus für Theater- bzw. Konzertbetrieb zur Verfügung standen. Da die Anstellung nur sieben Monate dauerte, mussten viele Musiker ein Sommer- und ein Winterengagement annehmen, die täglichen Auftritte ließen kaum Zeit für Nebenverdienst. Das Kurorchester von Bad Hall/OÖ bot 1880 G. Mahler seine erste Anstellung, und der mit den Neujahrskonzerten populär gewordene W. Boskovsky hatte dort ein erstes Engagement. Auch die Musiker der aus einem Verein 1894 hervorgegangenen Tschechischen Nationalphilharmonie mussten sich Anfang des 20. Jh.s in den Sommerpausen zeitweise in Kurorchestern durchschlagen. Heute (2003) arbeiten vielfach Musiker aus den Ländern Südosteuropas als Saisonniers in Kur- bzw. Theaterorchestern.

Die täglichen Auftritte fanden je nach Wetterlage im Freien (oft in überdachten Pavillons) oder in geschlossenen Räumen statt, typische Veranstaltungsorte lassen sich am historischen Beispiel Bad Ischls dokumentieren: zunächst wurde in der 1831 errichteten Trinkhalle gespielt, ab 1840 war das Casino kulturelles Zentrum, 1841–61 diente der Esplanaden-Pavillon als Auftrittsort, ab 1874 auch das neu errichtete Kurhaus, und seit 1961 wird ein Musikpavillon im Kurpark benutzt, dessen Holzkonstruktion 1973 durch Beton ersetzt wurde.

Das Repertoire der Kurkonzerte ist den genannten Aufführungszwecken gemäß heiter im Tonfall, leicht konsumierbar und bietet den Gästen das, was sie aus der Stadt an musikalischer Unterhaltung gewohnt sind. Das gemischte Programm besteht (vergleichbar jenem der im 19. Jh. weit verbreiteten Promenaden-, Militär-, bzw. Platzkonzerte) aus Märschen, Tänzen, beliebten Nummern aus Oper, Operette bzw. Musical oder Film und aus programmatischen Genrestücken, oft als Potpourri-Kette (Medley) arrangiert, wobei die Anordnung und Auswahl der Stücke einem Motto folgen kann (etwa: musikalische Weltreise oder Ansichtskarten). Daneben war es im 19. Jh. in größeren Kurorten üblich, wöchentliche Symphoniekonzerte mit anspruchsvollem Programm (klassisch-romantische Symphonien und Konzerte) zu gestalten.

Im heutigen Österreich spielt Kurmusik immer noch eine Rolle. Bad Ischl bewirbt sein 1838 als Ensemble von acht Musikern aus Karlsbad gegründetes Orchester als größtes Österreichs; das Kurorchester Oberlaa (Wien) stammt aus dem Jahr 1987. Die auf Initiative des langjährigen Leiters des Bad Haller Kurorchesters, des Lehrers Ulrich Steskal, 1975 gegründete Vereinigung der österreichischen Kurorchester zählt derzeit sechs solcher Ensembles.

In der Sommerfrische war demgegenüber weniger der passive Musikonsum als das aktive Musizieren Teil der aus Naturerlebnis (Wandern, Bergsteigen) und künstlerischem Tun (Sommertheater) zusammengesetzten Beschäftigung. Hier hängt das Repertoire von der Kennerschaft der Beteiligten ab, es konnte als bürgerliche Hausmusik von klassisch-romantischen Streichquartetten, Klaviertrios oder Duos bis zur UA von Gelegenheitskompositionen führen (so wurde nach dem Bericht von M. Kalbeck auch der Walzer op. 39 von J. Brahms anlässlich der Feier von E. Hanslicks 70. Geburtstag in Gmunden durch ein Doppelquartett der Kurkapelle bei der Tafelmusik gegeben).

Für Komponisten des 19. Jh.s und frühen 20. Jh.s hatte die Sommerfrische außerdem eine grundlegende Bedeutung als jenes Umfeld, dessen kontemplatives Naturerlebnis musikalische Produktion erst ermöglichte, als Quelle der Inspiration, aber v. a. als Ort, dessen Ruhe jene für das Schaffen großer Werke notwendige Konzentration zulässt, die in der betriebsamen Großstadt nicht mehr aufzubringen ist (vgl. Alban Berg, J. Brahms, G. Mahler, H. Wolf, aber auch Komponisten des unterhaltenden Genres wie L. Fall oder F. Lehár).


Literatur
B. Dworzak, Das Bad Ischler Kurorch. von den Anfängen bis heute (1838–1981), Dipl.arb. Wien 1982; Beiträge v. Ch. Glanz u. C. Szabó-Knotik in S. Petrin/W. Rosner (Hg.), Sommerfrische. Aspekte eines Phänomens 1994; H. Haas in H. Stekl et al. (Hg.), „Durch Arbeit, Besitz, Wissen und Gerechtigkeit“ 1992; G. Heindl, Das Salzkammergut und seine Gäste. Die Gesch. einer Sommerfrische 1993; G. Hickel, Zur Kur im alten Österreich 1996; N. Klammer, Der Wandel von der Badereise hin zum modernen Kur- und Sporttourismus am Beispiel von Badgastein, Dipl.arb. Salzburg 1994; W. Kos (Hg.), Die Eroberung der Landschaft. Semmering–Rax–Schneeberg 1992; W. Kos in M. Csáky/P. Stachel (Hg.), Die Verortung von Gedächtnis 2001; A. Mai in Stadtgeschichte. Mitt. des Leipziger Geschichtsvereins 1/1999; M. Michael (Hg.), Badeorte und Bäderreisen in Antike, Mittelalter und Neuzeit 2001; E. Pusch/M. Schwarz, Architektur der Sommerfrische 1995; B. Rigele, Mit der Stadt aufs Land. Die Anfänge der Sommerfrische in den Wiener Vororten 1994; R. Basch-Ritter, Die k.u.k. Riviera. Nostalgische Erinnerungen an die altösterreichischen Küstenländer, an idyllische Seebäder und mondänes Strandleben, an die Winterstationen und Sommerparadiese an der Adria 2002; B. Rektenwald, Fritz Recktenwald. Leben und Werk, Dipl.arb. Wien 1998; M. Thaler, Meran als Kur- und Literaturstadt 1850–1950, Dipl.arb. Innsbruck 1997; K-H. Wolf, Die hohe Kunst des Müßiggangs. Von Kurgästen und Erholungsreisenden im franzisko-josephinischen Österreich, Dipl.arb. Wien 2001; Fr. Zamazal in www.ooe.gv.at/kultber/folge3_03 (7/2003).

Autor(en)
Peter Stachel
Cornelia Szabó-Knotik
Empfohlene Zitierweise
Peter Stachel/Cornelia Szabó-Knotik, Art. „Kur und Sommerfrische‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 29/10/2002]