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Liechtenstein, Liechtenstein, true Familie
Adelsgeschlecht; seit der Zeit der Babenberger in einer steirischen und einer niederösterreichischen Linie nachgewiesen. Mitglieder der Familie spielten als Politiker, Botschafter, Feldherren, Großgrundbesitzer und Industrielle in der österreichischen Geschichte eine große Rolle. Durch den Kauf der reichsunmittelbaren Herrschaft Schellenberg/FL (1699) und der Grafschaft Vaduz (1712) gründeten sie das Fürstentum Liechtenstein und erhielten dadurch Sitz und Stimme im Deutschen Reichsfürstentag. Die Fürsten von L. wurden durch ihre Schlossbauten in Wien, Niederösterreich und Oberösterreich, der Steiermark, Böhmen und Mähren berühmt. In Jh.e langer Sammeltätigkeit schufen sie eine der größten privaten Kunstsammlungen der Welt.

Auf dem Gebiet der Musik ist der Minnesänger Ulrich v. L. aus der steirischen Linie, die 1619 ausstarb, in die Geschichte eingegangen. Seine Minnelieder und eine Miniatur sind in die „Manessesche-Liederhandschrift“ aufgenommen worden und sein Roman Frauenlob gilt als Prototyp des autobiografischen Romans. Die große Zeit der musikalischen Prachtentfaltung der Familie L. wurde von Fürst Karl I. (* 1569 Feldsberg?/NÖ [Valtice/CZ], † 12.2.1627 Prag) eingeleitet. Für seine militärischen Verdienste im Dreißigjährigen Krieg wurde er von Kaiser Rudolph II. zum Vizekönig von Böhmen ernannt und bekleidete das höchste Amt am Kaiserhof, das Obersthofmeisteramt. 1600 gründete er die erste L.ische Hofkapelle, die bald weit über die Grenzen hinaus berühmt wurde. Das 1608 auf Schloss Prossnitz bei Prag aufgenommene Inventar der „Musica“ erwähnt 114 Instrumente sowie Noten der Werke von O. di Lasso, Ph. de Monte, Luca Marenzio, J. Regnart, Adam Gumpelzhaimer, Giacomo Gastoldi, Valentin Hausmann, Melchior Frank, Gregor Aichinger u. v. a.

Aufwändige musikalische Anlässe gehörten in der nachfolgenden Zeit zur Repräsentation der Familie. Unter Fürst Alois I. (* 14.5.1759 Wien, † 24.3.1805 Wien; Karl I. war sein Ururgroßonkel) erreichten die Zuwendungen für Musik ihren Höhepunkt. Dafür sorgte v. a. seine hochgebildete und musikalisch versierte Gattin Karoline, geb. Gräfin v. Manderscheid-Blankenheim (* 13.11.1768 Wien, † 1.3.1831 Wien). 1781/82 beabsichtigte der Fürst, eine Harmoniemusik zu gründen. W. A. Mozart machte sich in einem Brief an seinen Vater vom 23.1.1782 Hoffnungen auf eine Stelle als Fürstlicher Hofkomponist. Wegen hoher finanzieller Aufwendungen für das eigene Militärkontingent wurde die Gründung jedoch aufgeschoben und eine Anstellung Mozarts kam nicht zustande. Immerhin trat Mozart im Palais L. als Solist auf und komponierte für Fürst Alois die Serenade KV 375. Als dann 1789 die L.ische Harmoniemusik gegründet wurde, wurde der Hornist und Komponist Anton Höllmayr deren erster Leiter; weitere Mitglieder waren u. a. J. G. Klein, J. Harnisch, F. Steiner und J. Triebensee, der Höllmayr 1794 nachfolgte und für die fürstliche Harmoniemusik die in Wien aktuellen Opern (darunter Don Giovanni, Zauberflöte, Fidelio) arrangierte. Nebst der Harmoniemusik unterhielt Fürst Alois I. ab 1791 eine „türkische Banda“, die bei Militärparaden, aber auch bei Jagden (Jagdmusik) und sog. Feldpartien (Feldmusik) zu spielen hatte (Kapellmeister bis 1801 Johann Prachensky, danach fungierte der dienstälteste Oboist als Leiter). Sie musste auch die Hofkapelle, die im Prinzip die um Streicher vermehrte fürstliche Harmoniemusik war (1806: 12 Mitglieder), bei Opernaufführungen, Konzerten, Bällen und großen Empfängen verstärken (v. a. in Feldsberg [Valtice/CZ] und Eisgrub [Lednice/CZ]). Im Zuge des Übergangs zur bürgerlichen Musikkultur wurde die „türkische Banda“ 1805 nach dem Tod von Alois I. aufgelöst, die Kapelle (Harmoniemusik) jedoch von seinem Bruder und Nachfolger, Johann I. v. L. (* 26.6.1760 Wien, † 20.4.1836 Wien), zunächst noch weitergeführt und erst per 1.7.1809 [nicht 1808] entlassen. Eine Wiedergründung der Harmoniemusik erfolgte bereits drei Jahre später (Leiter: W. Sedlák), sie bestand dann noch bis 1835.

1783 heiratete Prinzessin Maria Josepha Hermenegilda v. L. (* 13.4.1768 Wien, † 8.8.1845 Hütteldorf/NÖ [Wien XIII]), Tochter von Fürst Franz Josef I. v. L. (* 19.11.1726 Mailand [Milano/I], † 18.8.1781 Metz/F) und Schwester von Alois I. den Fürsten Nikolaus II. v. Esterhazy, bei dem J. Haydn als Kapellmeister tätig war. Sie war die eigentliche Förderin Haydns. Ihr sind seine 6 großen Messen (Pauken-, Heiligen-, Nelson-, Theresien-, Schöpfungs-, Harmoniemesse) gewidmet; auch die meisten der Messen J. N. Hummels sind zur Feier ihres Namenstags geschrieben worden. Sie hielt auch Kontakt zu L. v. Beethoven, der ihr sein op. 45, Drei Märsche für Klavier zu vier Händen, widmete. Auch Beethovens C-Dur-Messe op. 86, von ihrem Gatten Fürst Nikolaus v. Esterhazy zu ihrem Geburtstag bestellt, trug ursprünglich die Widmung an Fürstin Hermenegilda. Durch die unbedachte Bemerkung des Fürsten Esterhazy „Aber lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht?“ war Beethoven so in Wut geraten, dass er die Widmung rückgängig machte. Fürstin Hermenegilda unterstützte Haydn auch in seinem Alter, als er krank in Wien lebte. Sie stellte ihm eine Equipage mit Kutscher zu Verfügung, sorgte für das Weindeputat („Tokayer zur Herzstärkung“) und unterstützte ihn finanziell. Fürst Alois v. L. war 1798 einer der Geldgeber für die nicht öffentliche UA von Haydns Schöpfung im Palais Schwarzenberg in Wien und auch für die UA der Jahreszeiten 1801.

L. v. Beethoven gab öfters Konzerte im Palais L. Fürstin Josepha v. L., geb. Landgräfin von Fürstenberg (1776–1836), die Frau von Fürst Johann I., war selbst Beethovens Klavierschülerin und spielte mit ihm häufig auch bei größeren gesellschaftlichen Anlässen vierhändig Klavier. Beethoven hat ihr die 1801 entstandene Klaviersonate op. 27 Nr. 1 „Quasi una fantasia“ gewidmet.

Der Vater von Fr. Schubert lebte in Neudorf in Mähren (Vysoká, heute Malá Morava/CZ) auf Besitzungen des Hauses L. Mit Einwilligung und Förderung durch Fürst Alois v. L. kam er nach Wien und wurde Lehrer in der von ihm erbauten Mustersiedlung Lichtental (heute Wien IX). Da Fr. Schubert in der von Fürst Alois I. v. L. erbauten Lichtenthaler Pfarrkirche als junger Chorsänger wirkte und durch seine Begabung auffiel, ist eine Förderung durch die Fürsten Alois I. und Johann I. denkbar.

Durch die Napoleonischen Kriege, in denen Fürst Johann I. v. L. als Oberbefehlshaber der kaiserlichen Streitkräfte eine bedeutende Rolle gespielt und auf seine Kosten ein eigenes Kontingent gestellt hatte, mussten er und der übrige österreichische Hochadel schwere Verluste hinnehmen und den verschwenderischen Lebensstil an ihren Höfen einschränken. Da außerdem das reiche Bürgertum die bisherige Rolle des Adels als Förderer und Träger des Kulturlebens übernahm, verlor die aufwändige musikalische Repräsentation für die Adelshäuser an Interesse. Zwar traten die Fürsten und Fürstinnen des Hauses L. immer wieder als Mäzene in Erscheinung, doch mehr als punktuelle Förderungen einzelner Komponisten oder Projekte kam nicht mehr zustande. So wurde der junge F. Liszt, als er 1822 zur Ausbildung bei C. Czerny und A. Salieri nach Wien kam, auf Empfehlung von Fürstin Hermenegilda v. Esterhazy durch Fürst Johann I. v. L. finanziell unterstützt. Das führte dazu, dass Franz Liszt bei seinen Konzertreisen nach Wien 1838 und 1839 im Palais L. konzertierte und mit der damaligen Fürstin Franziska v. L., geb. Kinsky (* 8.8.1813 Wien, † 5.2.1881 Wien; Frau von Johanns I. Sohn Alois II. [* 26.5.1796 Wien, † 12.11.1858 Schloss Eisgrub/NÖ), vierhändig Klavier gespielt hat. Ihr Sohn Johann II. (* 5.10.1840 Schloss Eisgrub, † 11.2.1929 Feldsberg) unterstützte u. a. A. Bruckner.

In der 2. Hälfte des 19. Jh.s und im 20. Jh. beschränkte sich das Mäzenatentum der fürstlichen Familie auf die Förderung von jungen Musikern, die in Wien studierten oder eine Karriere als Dirigenten, Komponisten, ausübende Musiker oder Sänger anstrebten.


Literatur
J. Falke, Gesch. des fürstlichen Hauses L., 2 Bde. 1868; R. Ritter in Jb. des Histor. Vereins für das Fürstentum L. 43; H. Bohatta in Jb. der Ges. für Wr. Theaterforschung 1950/51 (1952); H. Stekl in HaydnJb. 10 (1978); H. Strebel, Anton Stadler: Wirken u. Lebensumfeld des „Mozart-Klarinettisten“ 2016; [Kat.] Haydn 1982; H. C. Robins Landon, Beethoven. Sein Leben und seine Welt in zeitgenössischen Bildern und Texten 1970; F. Scheder in A. Harrandt et al. (Hg.), BrucknerJb 1997–2000, 2002. http://de.wikipedia.org/ (6/2014); Taufbuch 1767–72 der Schottenpfarre (Wien I), fol. 38r; Trauungsbuch 1780–84 der Schottenpfarre, fol. 198v; Sterbebuch 1834–59 der Pfarre Hütteldorf, fol. 104.– Fürstlich L.isches Archiv Vaduz und Wien.

Autor(en)
Josef Frommelt
Empfohlene Zitierweise
Josef Frommelt, Art. „Liechtenstein, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 23/04/2018]