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Musikwissenschaft
Umfassende Wissenschaft von der Musik. Im Sinne von Nachdenken und Forschen, die das Praktizieren jeder Sache begleiten müssen, kann schon früh mit einer Art M. gerechnet werden. Im europäischen Mittelalter hat man ansatzweise seit Augustinus († 430) und explizit seit Boëthius († 524) zwischen dem praktischen Musiker und Sänger (cantor) bzw. dem „wissenden“ Musiker (musicus), der durchaus als ein Vorläufer des M.(l)ers zu verstehen ist, unterschieden (Musiker/Musikant).

Idealiter ist die M. keineswegs nur eine historische Disziplin, die sich mit der Entfaltung der aktuellen Erscheinungsformen von Musik in der näheren Umgebung (d. i. der „eigenen“ Musik, Musikgeschichte) beschäftigt, sondern auch mit „fremder“ (d. i. der anderer Länder und Kulturen; Ethnomusikologie, Musikethnologie; von den beiden letzteren Begriffen betont der eine/jüngere die Zugehörigkeit zur M., während der andere/ältere, rein sprachlich genommen und nicht immer beabsichtigt, ein Teilgebiet der Ethnologie [Völkerkunde] zu benennen scheint). Des Weiteren kann auch die Erforschung der naturwissenschaftlichen Grundlagen der Musik (Akustik), der Voraussetzungen ihrer Wahrnehmung (Gehörphysiologie) und schließlich ihrer psychologischen Wirkungen (Musikpsychologie) nicht allein den betreffenden Mutter-Disziplinen (Physik, Physiologie, Psychologie) überlassen bleiben. Vielmehr hat die M. zu diesen Bereichen (meist unter der zusammenfassenden Bezeichnung Systematische M.) in interdisziplinärer Weise einen Beitrag zu leisten und spezifische Fragestellungen zu bearbeiten. Dass die Weite der Gesichtspunkte in der Praxis oft Schwierigkeiten (nicht zuletzt auch der Kommunikation der Teildisziplinen untereinander sowie mit den Mutterdisziplinen) bereitet, ist nur zu verständlich.

In der Tradition der spätantik-mittelalterlichen septem artes liberales, in welcher sie neben Arithmetik, Geometrie und Astronomie Teil des Quadriviums war, blieb die „Musik“ bis zum Beginn der Neuzeit Unterrichtsgegenstand an (zumal höheren) Schulen. In deren moderner Form fand die M. aber erst im Laufe des 19. Jh.s wieder Eingang in den Wissenschaftskanon und in die Univ.en, u. zw. zunächst mit unterschiedlichen Umschreibungen des Lehr- (allenfalls Habilitations-) Faches. Dabei gehört die formelle Habilitation E. Hanslicks 1856 (aufgrund seines Buchs Vom Musikalisch-Schönen, 1854) und dessen Ernennung zum a. o. Prof. 1861 an der Univ. Wien zu den ersten im deutschen Sprachraum. Es folgten Prag 1869 (A. W. Ambros) und Innsbruck 1920 (R. v. Ficker, Lehrstuhl seit 1922), Graz 1934 (E. F. Schmid, Lehrstuhl erst 1940, H. Birtner). In die Akademie der Wissenschaften hatte die M. bereits 1849 durch die Aufnahme R. G. Kiesewetters Eingang gefunden.

Für die Entwicklung einer modernen M. im 19. Jh. waren unterschiedliche Ansätze wie Musiktheorie, Akustik, musikalische Lexikographie, Musikgeschichte, Ästhetik, Editionswesen (Denkmälerausgaben), Soziographie, Volks- und Völkerkunde, Biographie, Werksammlung und -verzeichnisse maßgeblich gewesen. Diese sind unterschiedlich alt und waren bis dahin in verschiedenen Ländern unterschiedlich weit entwickelt gewesen. Abgesehen von der Musiktheorie (die mit den Gradus ad parnassum [1725] von J. J. Fux in gewissen Bereichen führend war und lange Zeit blieb) und der noch im späten 18. Jh. einsetzenden Soziographie (in der auch musikalische Belange erfasst wurden) sind die Ansätze in Österreich nicht besonders alt, der einzige spezifische Beitrag der Werkkataloge (A. A. Fuchs, L. R. v. Köchel) ist einer der jüngsten. Ihre Amalgamierung zu einer umfassenden eigenständigen Wissenschaft nahm einige Zeit in Anspruch und führte auch zu unterschiedlichen Lösungen, die sich noch heute (2004) in verschiedenen Ländern hinter der Bezeichnung M. verbergen können.

Große Bedeutung kommt dabei G. Adler zu, der 1885 ein System der M. publizierte, auf das man sich (nach Jahrzehnten der Verdrängung aufgrund von Antisemitismus), wenn auch in unterschiedlichen Modifikationen und nicht immer zurecht, noch oftmals und nahezu in aller Welt bezieht. Es dürfte ursprünglich dreiteilig angelegt gewesen (philosophisch, physikalisch-mathematisch, geschichtlich-philologisch, d. i. wie bei Philipp Spitta) und erst nachträglich sowie kurzfristig, nämlich unter Einfluss des mit Adler befreundeten Philosophen A. v. Meinong, auf ein zweiteiliges (Historische vs. Systematische M.) umgeschrieben worden sein. Daneben sollten die mindestens gleich alten, jedoch anders gearteten (nämlich weniger an der Kunstgeschichte, wie Hanslick und Adler, als an der Sprachwissenschaft orientierten) Ansätze von F. v. Hausegger nicht übersehen werden, auch wenn sie, schon weil Hausegger in Graz zwar Privatdozent wurde, aber nie einen systemisierten Posten bekleidete, kaum eine Chance umfassender Verwirklichung besaßen. Aber auch das Adlersche System ist selbst in Österreich nicht wirklich voll umgesetzt worden, am ehesten noch an der Univ. Wien durch den 1911 an R. Wallaschek ergangenen honorierten Lehrauftrag und den 1920–27 sowie seit 1963 bestehenden Lehrstuhl für Vergleichende Musikwissenschaft (R. Lach, W. Graf, F. Födermayr, Regine Allgayer-Kaufmann). Ansonsten lag das Hauptgewicht auch hier stets bei der Historischen M. (Musikgeschichte). Die inzwischen von Wallaschek, C. Stumpf und E. Hornbostel, also wesentlich im damaligen Österreich, entwickelte Vergleichende M. wäre in Adlers System nur bedingt unterzubringen und kann weder mit Ethnomusikologie noch mit Systematischer M. gleichgesetzt werden. Die von Graf und Födermayr entwickelte Vergleichend-systematische M. ist daher in dieser Hinsicht als ein Versuch zu verstehen, die betreffenden Forschungsinteressen mit der Realität (sowohl der Wiener Traditionen als auch der 1975 veränderten Gesetzeslage, durch welche die Vergleichende M. in Österreich zum verbindlichen Prüfungsfach beim Studium der M. wurde) zur Deckung zu bringen. An den musikwissenschaftlichen Instituten der übrigen traditionellen Univ.en im heutigen Österreich bestand bis in jüngste Zeit jeweils nur eine Lehrkanzel, die vornehmlich von Musikhistorikern eingenommen wurden (Graz: H. Birtner, H. Federhofer, O. Wessely, R. Flotzinger, M. Walter; Innsbruck: R. v. Ficker, W. Fischer, H. v. Zingerle, W. Salmen, T. Seebass; Salzburg: G. Croll, J. Stenzl). Nur in Graz wurde 1998 ebenfalls ein zweiter Lehrstuhl (u. zw. für Systematische M.: R. Parncutt) eingerichtet. Bis zur Studienreform 1975 war in M. lediglich ein Studienabschluss als D[octo]r phil[osophiae] möglich, seither ist, wie in vergleichbaren Fächern auch, dem zumindest der Magistergrad vorgeschaltet, dzt. wird (2004) allenfalls die Einrichtung des Bakkalaureats vorbereitet.

Die ab den 1960er Jahren an den damaligen Akademien, später Hochschulen und zuletzt Universitäten für Musik und darstellende Kunst in Graz, Salzburg und Wien schrittweise eingeführten primär oder wenigstens auch der Forschung gewidmeten Lehrkanzeln und Institute waren (bis zur Univ.sreform 2002 und darüber hinaus) jeweils auf gewisse, meist kleinere und z. T. sogar neue Teilgebiete spezialisierte Forscher tätig (z. B. für Musiksoziologie in Wien K. Blaukopf, Irmgard Bontinck; für Volksmusikforschung in Wien W. Deutsch, G. Haid; für Wertungsforschung in Graz H. Kaufmann, O. Kolleritsch; für Volksmusikforschung bzw. Musikethnologie in Graz W. Wünsch, W. Suppan, Gerd Grupe; für Musikalische Grundlagenforschung in Salzburg K. Wagner). Die jüngste Univ.sreform hat die bereits in den Jahren zuvor schrittweise und lediglich auf dem Verordnungswege durchgeführte Annäherung der Ausbildungssysteme an den Hsch.n bzw. Univ.en bis hin zu analogen (Mag[ister] art[ium] bzw. phil[osophiae]) und sogar identischen akademischen Graden (Dr. phil.), schließlich auch der Organisationsstrukturen (Institutsgliederung) zu einem Ende geführt. Darüber sollten die notwendigen Unterschiede zwischen Wissenschaft und Kunst sowie den deren Ausbildung dienenden hohen Schulen nicht übersehen werden; ihre weitere Konvergenz steht dahin. Immerhin dürfte die methodische Entwicklung der M. im Einvernehmen mit dem Wissenschaftskanon sowie die Integration der Detailergebnisse in denselben auch in Hinkunft eher an den Volluniv.en und im Rahmen der Akademie der Wissenschaften (ÖAW, d. h. in Verbindung mit den anderen wissenschaftlichen Disziplinen) erfolgen, die Verbindung mit der Musikentwicklung hingegen an den Kunstuniv.en zu erwarten sein. V. a. ist neben diesen beiden Hautpaufgaben der M. die dritte, die auf fachgerechte Unterstützung des Publikums (Inhaltsdeutung, Wertungsforschung, Ästhetik) und die Schulung von entsprechenden Vermittlern zielende (Musikausbildung, Musikkritik) nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade in dieser Hinsicht hatte sich die empiristische und ästhetische Orientierung der österreichischen M. lange Zeit z. B. von der stärker philologisch orientierten in Deutschland deutlich abgehoben. Im Übrigen wäre von der meist unreflektierten Behauptung, Österreich sei ein besonderes Musikland, auch eine entsprechende Verpflichtung abzuleiten: nämlich auf all diesen Gebieten mehr als bisher und anderswo zu tun. Als Zusammenschluss aller an der österreichischen M. Interessierten versteht sich die Österreichische Gesellschaft für Musikwissenschaft


Literatur
MGÖ 3 (1995); V. Kalisch, Entwurf einer Wissenschaft von der Musik: Guido Adler 1988; K. Blaukopf, Pioniere empiristischer Musikforschung 1995; F. Födermayr Musikethnologische Sammelbände 6 (1983); O. Elschek, Die Musikforschung der Gegenwart. Ihre Systematik, Theorie und Entwicklung 1992; R. Flotzinger in Ch. Asmuth et al. (Hg.), Philosophischer Gedanke und musikalischer Klang 1999; R. Flotzinger, M. an der Univ. Graz. 50 Jahre Institut für M. 1990; R. Flotzinger in MusAu 21 (2002); R. Flotzinger in MusAu 6 (1986); R. Flotzinger in K. Blaukopf (Hg.), Musik und Gesellschaft 17 (1979); R. Flotzinger in Acta mus. 51 (1979); K. Drexel, M. und NS-Ideologie, dargestellt am Beispiel der Univ. Innsbruck von 1938 bis 1945, 1994; W. Matejka, Das Scheitern der M. an ihren abstrakten Methoden 1976; M. Weber, Eine ‚andere‘ M.? Vorstudien zu Theorie und Methodologie 1990; H. Rösing/P. Petersen (Hg.), Orientierung M. Was sie kann, was sie will 2000; AGMÖ (Hg.), Forschung an Österreichs Musikhochschulen 1972.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Musikwissenschaft‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]