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Musikindustrie
„Gesamtzusammenhang der Herstellung und Verwertung von Musik nach den Gesetzen der industriellen Massenproduktion“ (Wicke). Die Erforschung der M. stößt zumindest auf zwei Schwierigkeiten: ideologische und marktwirtschaftliche. An Hochkultur interessiert, hat die musikbezogene Forschung sich vorrangig mit marktwirtschaftlichen Prozessen rund um den Konzertsaal beschäftigt. Marktwirtschaftliche Interessen schützen firmeninterne Daten vor der Veröffentlichung – die Wissenschaft hat keinen Zugang und nicht die finanziellen Mittel, zu entsprechenden Analysedaten zu gelangen, wie sie die M. selbst erhebt.

M. ist somit ein marktwirtschaftliches Korrelat der Aufzeichnungsmöglichkeit von Musik, der zeichenhaften Vorschrift wie später der klanglichen Speicherung, analog und digital, die eine arbeitsteilige Realisierung von Musik ermöglichte. Darin ist sie eine Interessensgemeinschaft von Autoren, Komponisten, Musikern und Distributoren (Verlegern, Medien und Tonträgerfirmen), wobei die Rechte für die nichtmateriellen Leistungen der Autoren, Komponisten und Musiker durch Verwertungsgesellschaften vertreten werden, der marktwirtschaftlich bestimmte Wert wird dabei von ästhetischen Beurteilungen überformt.

Der Begriff M. stammt aus der allgemeinen wirtschaftlich organisierten Industrialisierung der 1920er Jahre. Er bezieht die Trägermedien, Notendruck, Schallplatte, CD ebenso mit ein wie die absatzbringenden Massenmedien (Rundfunk, Fernsehen, Music Television) wie den Handelssektor und die begleitenden Werbematerialien (Zeitschriften [Musikzeitschriften], Fanzines etc.), die heute zunehmend Teil der Musikszene sind und teilweise als Werbemittel für Sekundär-Produkte, imageträchtige Signs der Szenen, sich selbst finanzieren. Gerade im Kulturland (Musikland) Österreich sind Träger der musikalischen Produktion die Fremdenverkehrswirtschaft, die Tourismusverbände. Dies gilt für alle Genres, von jenen der Hochkultur bis hin zur volkstumsnahen Kulturproduktion, Festspiele (Festivals, Musikfeste) finanzieren sich und bringen Regionen ökonomische Basis durch aufgeführte Musik. Diese Verquickung ist für Österreichs Musikproduktion bedeutender als die mit den großen Verleger- und Elektronikkonzernen.

Die M. funktioniert nach dem wirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage: Damit ist der Begriff mit ästhetischen Implikationen aufgeladen, als industrielle Produktionsvorgänge mit dem vom Markt bestimmten Bestreben nach optimalem Gewinn dem Gesetz der Serie, der Standardisierung und der Stereotypisierung folgen. Dieserart bestimmt der Markt die Orientierung in Richtung Mainstream.

Das Zeitalter der technisch (re)produzierbaren und distribuierbaren Kunst verkehrt das Machtverhältnis von Verleger und Elektronikindustrie in der M. Amateurismus macht sein Weiteres in volkstümlichen und popmusikalischen Genres, wo das hörende Nachspielen und damit der enorme Bedarf an Musikinstrumenten die Musikelektronikkonzerne innerhalb der M. begünstigen. Für technisch produzierte Musik, wie Pop, ist Musik nicht nur Eingangsbedingung in musikindustriell bestimmte ästhetisch wirksam werdende Prozesse, sie ist – zusätzlich zur Verwendung von Technologien der M. in der Produktion – zugleich das Resultat der marktwirtschaftlichen Mechanismen der M.

Die M. ist heute eine globale. Die Majors sind amerikanischer, japanischer und deutscher Herkunft und kommen aus der Tradition des Verlagswesens zumeist der Elektro-/Unterhaltungsindustrie. Die großen Fünf der 1990er Jahre – Warner Music Group, Muttergesellschaft Time-Warner, USA (Medien- und Verlagsbranche); Polygram, Muttergesellschaft Philips, Niederlande (Elektro- u. Elektronikbranche); Sony Music Entertainment, Muttergesellschaft: Sony, Japan (Unterhaltungselektronik); EMI/Virgin, Muttergesellschaft Thorn, Großbritannien (Elektronik- und Rüstungsindustrie); BMG (Bertelsmann Music Group), Muttergesellschaft: Bertelsmann AG, Bundesrepublik Deutschland (Medien- und Verlagsbranche); MCA Music Entertainment Group, Muttergesellschaft bis 1994 Matsushita, Japan (Elektronikindustrie), seit 1995 zu 80 % im Besitz von Seagram (Nahrungsgüterindustrie/Getränkeproduktion), USA – konzentrieren sich durch großangelegte Fusionen. MCA wird 1996 zu Universal, 1998 erwirbt Seagram Polygram, 2000 fusionieren Seagram, Vivendi und Canal+ zum weltweit zweitgrößten Medienkonzern Vivendi Universal. Bereits 1980 hat Polygram, 1972 aus den Tochtergesellschaften von Siemens und Philips (Deutsche Grammophon) entstanden, das Londoner Klassiklabel Decca erworben. Philips bringt 1982 den Marktleader Compact Disc auf den Markt und übernimmt 1987 alle Anteile von Siemens – marktwirtschaftliche und technische Konzentration gehen mit Monopolisierung einher; Verlagswesen und elektronische Medienbetriebe verwachsen. 1898 waren von den Pionieren medientechnischer Entwicklungen die Grundsteine dafür gelegt worden. Emil und Joseph Berliner gründen die Deutsche Grammophon Gesellschaft in Hannover und die Gramophone Company in London, aus der EMI hervorgehen wird, Carl Laemmle gründet in Chicago die Universal Film Manufacturing Co.

Bertelsmann, 1835 als Buch-Verlag gegründet, ergänzt die Idee des Leserings bereits 1956 durch einen Schallplattenring und gründet dazu 1958 Ariola und Sonopress. Damit werden der deutsche Schlager der 1960er Jahre wie die Operette (R. Stolz) produziert, 1979 werden die US-Firmen Arista und 1986 das Presley-Label RCA einverleibt.

Diese Majors besitzen in kleinen Ländern wie Österreich mit einem kleinen Tonträgermarkt mit kleinem Anteil an lokaler Musik und einer mit dem Austro-Pop nur im südlichen deutschen Sprachraum mäßig bedeutenden Rolle lokaler Klänge nur importierende Dependencen und weniger die lokale Musik fördernde Einrichtungen. Neben den in den frühen 1990er Jahren 78 % des Marktanteils beherrschenden Major-Lagerstätten agieren 2 mittlere Labels, Koch (seit 2002 Teil der deutschen Universal) und Echo, sowie eine Vielzahl kleinerer Labels. Unter diesen fungiert GIG-Records beispielsweise seit Jahren als professionelles Sondierinstrument, das nicht nur lokal vermarktbare Nachwuchskünstler auffindet, sondern auch Falco entdeckte und zum internationalen Star machte. Ehemalige Independent Labels übernehmen heute diese Funktion für die Majors: Arbeitsteilige Produktion ist dazu notwendig, eine Zentralisierung von Finanz-, Verwaltungs- und Vertriebsmanagement geht mit einer hohen Dezentralisierung im künstlerischen Bereich einher. Möglicherweise erlaubt der geringe marktwirtschaftliche Stellenwert der österreichischen Musikproduktion Entscheidungen auf der freundschaftlichen anstelle der ökonomischen zu treffen.

Was früher unterschiedliche Firmen leisteten, ist heute in diesen Großkonzernen vereint. Die Distribution ist über eigene Medien (Tonträger [Formate] und Abspiel- und Empfangsgerät) gestützt, die Ausstrahlung von Musikvideos, zunächst Werbemittel für Musik, liegt in den Händen eines weltweiten Konzerns, der nach eigenen weltweiten Präferenzerhebungen internationalen Pop mit lokalem Kolorit verkauft: MTV wurde 1981 von Warner Communications und American Express als joint venture gegründet und ist seit 1985 Teil von Viacom International. Das mitteleuropäische Pendant VIVA ist ein Kollektiv der marktbeherrschenden Firmen (Time-Warner, Sony, Polygram, und Thorn-EMI). Der Verkauf der Tonträger dieser Majors ist begleitet vom firmeneigenen publishing, das als Musikverlag die Rechte der Komponisten wahrnimmt.

Dass die M. aus der Vermarktung der Güter der europäischen Hochkultur, im Konzertbetrieb wie später in der massenmedialen Distribution, entstanden ist, erklärt auch die Einreihung europäischer Verlage in die Elektronik-Medien Giganten Amerikas und Japans. Öffentlich rechtliche Sendestationen spielen am Weltmarkt eine unbedeutende Rolle. Einzig das Neujahrskonzert wird mit österreichischem künstlerischen und technischen Know-How produziert, jedoch über die Deutsche Grammophon distribuiert.

Für die lokale Musikszene hingegen ist der ORF – auch wegen seines kulturpolitischen Auftrags – nicht nur distribuierender Faktor. Über seine technischen Einrichtungen wie die Etablierung einer österreichischen Farbe ist der Austro-Pop entstanden. Ein österreichisches Radio-Jugendformat brauchte 1968 österreichische Musik – auf der vom ORF initiierten Suche nach dieser wurde E. M. Kaiser mit der Show-Chance zur Mutter des Austro-Pop. Diese mittlerweile eigenständige populäre Musik existiert mit einer Vielzahl an kleinen Labels.

Das Propaganda-Radio des Dritten Reiches (Nationalsozialismus) hatte die Struktur für die verführerische Qualität von Popularsendern erarbeitet, nach deren Prinzipien die Popindustrie heute funktioniert, mit dem ideologischen Unterschied der Verführung anstelle von Führung. Empirische Forschungen bestätigen Musik als primäres Medium der Hörerbindung, ihre Farbe wie dies im Insider-Jargon der Medienmacher bezeichnet wird.

Die Independent-Szene hat die Illusion der frühen und späten 1960er Jahre, die Idee eines selbstbestimmten Musiklebens wieder aufgenommen. Das symbiotische Spiel zwischen Subculture und ihrer distribuierenden Vermarktung durch etablierte Medienbetriebe, das Popculture grundsätzlich charakterisiert, wird zunehmend schneller. Wobei von Popkulturtheoretikern solcherart Affirmatoren der Subculture als implizite Propagandisten des Verkaufs „angeklagt“ werden.

Extraplatte (Harald Quendler) ist eines jener Wiener Labels, das aus Interesse am Jazz (und Randgruppen-Musik) eine Marktnische besetzt hat und darin erfolgreich auch österreichische Produktionen international verkauft. Informelle Zusammenschlüsse (VNM) versuchen den Konzertbetrieb und den Verkauf selbstorganisierend zu leisten. Das MICA ist eine Plattform all jener Musikproduktionseinheiten, die nicht international sind.

Mit der Verfügbarkeit des Computers bietet sich in der Techno-Szene nicht nur ein Produktionstool, Distribution über selbstgebrannte CDs und das www sind Sache der Autoren, schließlich wird in virtual communities Distribution zur Produktion, das Bereitstellen von Soundteilen und Tracks zum unendlichen resampling und remixing, wird Musik zum Prozess der Gestaltung aus kommunizierendem Verhalten. Immerhin aber haben die ÖsterreicherInnen im Jahre 2003 251 Millionen Euro (– 3,6 %) für Musikkonserven ausgegeben.

Dieser horizontalen Musikkultur stehen öffentliche „Tauschbörsen“ im www (Napster, Kazaa) gegenüber, wo private Musikkonsumenten ihre Lieblingssongs jedem anderen Fan zur Verfügung stellen et vice versa. Während Leermedien dagegen als potentielle Träger von geschützter Musik im Kaufpreis Abgaben an Verwertungsgesellschaften enthalten, bleiben diese in der Masse enormen Summen beim Tausch und der Lagerung auf der Festplatte aus – zusätzlich zum geringeren Absatz der originalen Tonträger treten damit Einbußen in der M. auf.

Dem international kolportierten Image von Österreich als Kulturland entgegenstehend, ist der volkstümliche Bereich hinsichtlich der Verkaufszahlen von Tonträgern der bedeutendste innerhalb Österreichs. Die geringen Einspielkosten und der große Absatzmarkt steigern den marktwirtschaftlichen Profit. Koch-Records, Tyrolis sind jene Firmen, die im Verein mit der Distribution durch den Musikantenstadl im gesamten deutschsprachigen Raum jenes Genre zum gewinnbringenden Pendant des amerikanischen HillBillySound machen – eine Szene, die über direkt-marketing mit Dorfveranstaltungen verbunden ist und die regionalen Massenmedien versorgt. Auf der Verlegerseite hingegen wird aus Österreich international gearbeitet (Universal Edition).

Für die internationale Ausstrahlung gilt die Verkehrung der Machtverhältnisse von Verlegern und technischen Medienbetrieben der österreichischen M. nicht; darin zeigt sich Österreich nicht nur im Image als internationales Musikland – interessanterweise für Neue Musik.


Literatur
P. Wicke, M. im Überblick in http://www2.hu-berlin.de/fpm/texte/musikind.htm (2/2004); M. Huber, Hubert von Goisern und die M. 2001; P. Rutten in PopScriptum 2 (1994); Th. W. Adorno/M. Horkheimer, Dialektik der Aufklärung 1947.

Autor(en)
Werner Jauk
Empfohlene Zitierweise
Werner Jauk, Art. „Musikindustrie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]