Musikfeste
Über mehrere Tage oder Wochen sich erstreckende Musikveranstaltungen, die besonders hohes, international anerkanntes künstlerisches Niveau erreichen und meist in regelmäßigem Turnus und am gleichen Ort stattfinden. Die Finanzierung erfolgt mit wenigen Ausnahmen über Subventionen der öffentlichen Hand.
Als Vorgänger der modernen Musikfeste, -festwochen und -festivals sind die englischen Chorfestivals (z. B. Three Choir Festivals der Kathedralchöre von Gloucester, Hereford und Worcester, jährlich seit 1724; Händel-Feste in der Westminster Abtei 1784–87 und 1791) zu betrachten. Im deutschsprachigen Raum wurden die ab 1817 jährlich veranstalteten Niederrheinischen M. durch hervorragende Interpreten und interessante Programmwahl von Bedeutung. In den österreichischen Ländern war es typischerweise nicht Wien, sondern Salzburg, welches mit dem ersten Mozart-Fest von 1842 den Anfang machte (initiiert von Dom-Musikverein und Mozarteum, weitere Feste 1852 und 1856). Im Gegensatz zu Wien, wo ein etabliertes Musikleben bestand, das zudem durch reisende Virtuosen bereichert wurde, war Salzburg keine Residenzstadt mehr und hatte künstlerisch dadurch an Bedeutung verloren. Die Mozart-Feste waren der Beginn eines musikalischen Aufschwunges, der zwischen 1877 und 1910 zu acht mehrtägigen Salzburger M.n führte, die unter Mitwirkung hervorragender Künstler und Ensembles jeweils im Sommer stattfanden. Hier war trotz aller Unregelmäßigkeit schon eine gewisse Kontinuität gegeben, während die von der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien veranstalteten Musikfeste in der 2. Hälfte des 19. Jh.s an Zentenarfeiern für Komponisten gekoppelt und im Umfang auf wenige Konzerte beschränkt waren (Mozart 1856, Beethoven 1870, Mozart 1891). Eine Ausnahme bildete in Wien die Internationale Ausstellung für Musik und Theaterwesen in der Rotunde (von Mai bis Anfang November 1892), die sich als internationale musikalische Leistungsschau darstellte. Neben Werken der Wiener Klassik und der deutschen Romantik kam Musik von Engländern, Franzosen, Italienern und Skandinaviern, erstmals auch von Amerikanern zur Aufführung. Die Wiener Premiere der Prodaná nevěsta (Die Verkaufte Braut) verhalf F. Smetanas Oper zum internationalen Durchbruch. G. Adlers Einfluss bewirkte die Aufnahme des Gregorianischen Chorals, früher Niederländer und der Werke der komponierenden Habsburgerkaiser in das Programm.
J. Haydns 100. Todestag im Jahr 1909 gab Anlass für die Haydn-Zentenarfeier in Wien (Organisation G. Adler), welche mit dem III. Musikwissenschaftlichen Kongress der Internationalen Musikgesellschaft verbunden war (Mai 1909, 500 Kongressteilnehmer) und aufgrund dieser Koppelung (zwei historische Konzerte unter fünf Musikveranstaltungen) von weit geringerer Breitenwirkung war als die Wiener Musikfestwoche im Juni 1912 (Veranstalter: Gemeinde Wien). Das Programm dieser Wiener Musikfestwoche konzentrierte sich auf Klassik und Romantik, G. Mahlers IX. Symphonie wurde uraufgeführt, die zeitgenössische Musik sonst ignoriert. Nun kam der Gedanke auf, mit Hilfe regelmäßig stattfindender, qualitätvoller Musikwochen die Saison zu verlängern und ein internationales Publikum im Frühsommer nach Wien zu ziehen. Eine für 1915 bereits konzipierte Fortsetzung fiel den Kriegsereignissen zum Opfer, doch griff die sozialdemokratische Stadtverwaltung der Gemeinde Wien aufgrund einer Initiative von G. Adler (1919) wieder auf die M.-Idee zurück. In ihrem Auftrag organisierte D. J. Bach die Meisteraufführungen Wiener Musik (Mai/Juni 1920), bei denen klassische Musik, Volksmusik und erstmals auch Werke zeitgenössischer Komponisten berücksichtigt wurden. Kulturpolitisch ging es darum, dem politischen Bedeutungsverlust Österreichs durch Demonstration musikalischer Weltgeltung zu begegnen und aus den Verdiensten Wiens als Musikstadt einen Anspruch auf wirtschaftliche Unterstützung abzuleiten. Solche Ansprüche fehlten bei den Wiener Beethoven- (1920) und Schubertfeiern (1922) verschiedener Konzertveranstalter in den nächsten Jahren, traten aber bei dem wiederum von der Gemeinde Wien veranstalteten, umfangreichen Musik- und Theaterfest (September/Oktober 1924) erneut hervor. Politische Streitigkeiten um die ausgiebige Berücksichtigung der Moderne im Programm und die katastrophale Schlussabrechnung führten dazu, ab 1927 die Strategie eines eigens konzipierten M.-Programmes fallen zu lassen und statt dessen – unter rein ökonomischem Blickwinkel – durch propagandistische Zusammenfassung der ohnehin für Juni jeden Jahres geplanten Veranstaltungen eine größere Anzahl von Fremden in die Stadt zu locken (Festwochen in Wien 1927–37). Man wollte bewusst Wien bei seiner „normalen Kulturarbeit“ zeigen – entsprechend selten kam die musikalische Moderne zum Zug. Neben Musik, Theater und Tanz bildeten Sport und gesellschaftliche Veranstaltungen wichtige Programmpunkte. Qualitativ hochstehend waren viele Aufführungen, welche bei den Wiener M.n der österreichischen Bundesregierung (Beethoven 1927, Schubert 1928, Haydn 1932, Brahms 1933, Bruckner 1937) stattfanden. Diese dienten dazu, das österreichische Selbstbewusstsein angesichts politischer Bedeutungslosigkeit aus der Größe der musikalischen Vergangenheit zu definieren Identität ). Im Gegensatz dazu standen der klar deutschnationale Charakter des 10. Deutschen Sängerbundesfestes (Juli 1928; Sängerfeste) und die internationale Ausrichtung des 10. Internationalen M.s der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) (Juni 1932). Selbst während des Zweiten Weltkrieges brach die Wiener M.-Tradition nicht ab. Die Mozartwoche des Deutschen Reiches, eine musikalisch hochkarätig besetzte M.-Woche rund um W. A. Mozarts 150. Sterbetag (5.12.1941) ging zwar auf eine Anregung der Wiener akademischen Mozartgemeinde unter H. Damisch zurück, wurde jedoch von Berlin aus zu einer Propagandaveranstaltung der nationalsozialistischen Machthaber umfunktioniert.
Noch in der Besatzungszeit wurden aus stark patriotischem Antrieb Wiener Festwochen gegründet (1951), ein seit damals jährlich stattfindendes Festival, das zusehends internationale Ausrichtung gewann. Fünf Wochen lang werden heute (2004) zu Schwerpunktthemen richtungsweisende Inszenierungen von Klassikern des Sprech- und Musiktheaters aus verschiedenen Ländern, UA.en und eine Fülle von Konzertveranstaltungen (alternierend im Musikverein bzw. Konzerthaus) geboten (Mai, Juni). Unter den zahlreichen Musikfestivals, die in Wien das ganze Jahr über stattfinden, seien hier besonders Wien modern, ein mehrwöchiges internationales Festival zeitgenössischer Musik (Herbst; seit 1988), das Vienna Jazz Festival (Juli; seit 1991) und das Donauinselfest für Pop, Rock und Folk (Juni; seit 1984, Kommerz bis Avantgarde), aber auch der Klangbogen mit Opern- und Operettenaufführungen und Konzerten (Juli, August; seit 1952, ursprünglich Wiener Musiksommer ) genannt.
In Salzburg wurde trotz mancher Schwierigkeiten ab den 1920er Jahren jene Kontinuität in der Realisierung des Festspielgedankens erreicht, welche man damals in Wien vergeblich anstrebte. Die Festspiele wollten Sinnbild der Einheit deutscher Kultur sein, was sich in weitgehender Beschränkung auf Werke deutscher und österreichischer Opernkomponisten niederschlug, die jedoch mit internationaler Starbesetzung realisiert wurden. 1967 rief H. v. Karajan die Osterfestspiele ins Leben, seit 1998 bestehen die der Barockmusik gewidmeten Pfingstfestspiele. Unabhängig von den Festspielen sind die hervorragenden musikalischen Darbietungen der Mozartwoche (organisiert von der Internationalen Stiftung Mozarteum, ISM) Fixpunkte im Kulturleben der Landeshauptstadt (um Mozarts Geburtstag am 27.1.; seit 1956).
Für die musikalische Moderne erwies sich Salzburg von Bedeutung, als 1922 knapp vor Beginn der Festspiele unter dem Ehrenschutz von Strauss Internationale Kammermusik-Aufführungen mit Werken zeitgenössischer Komponisten stattfanden („Nulltes“ Fest der IGNM) und im Anschluss daran die Gründung der IGNM erfolgte (I. Fest der IGNM, Salzburg, 1923). Jahrzehnte später konnte das avantgardistische Zeitfluss-Festival in den Jahren der Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen (1993–2001) interessante musikalische Akzente setzen. Heute (2004) bildet die SommerSzene, ein internationales Festival für zeitgenössische Kunst (Tanz, Theater und Musik; seit 1969; Juni/Juli) einen Gegenpol zu den Salzburger Festspielen. Von internationaler Bedeutung ist das Jazz-Festival Saalfelden (August; seit 1978).
In den übrigen Bundesländern hat sich in der Zweiten Republik eine Fülle verschiedenartigster M. unterschiedlicher Länge etabliert, die allerdings aufgrund ständiger Änderungen auf diesem Sektor nicht vollständig aufgezählt werden können. Verschiedentlich sind mit den Musikfestivals auch Sommerkurse für Musiker verbunden.
Die Seefestspiele Mörbisch, das erste Musikfestival, welches im Burgenland ins Leben gerufen wurde, waren und sind der Operette gewidmet (Seebühne; Juli, August; seit 1957). 1981 gründete G. Kremer das Internationale Kammermusikfest Lockenhaus, wo kammermusikalische Spitzenleistungen in kleinem, überschaubarem Rahmen geboten werden (Juli; seit 1981). Die Internationalen Haydntage (Haydn-Festivals), Eisenstadt, bestehen seit 1989 (September), 1996 kamen die Opernfestspiele St. Margarethen (Juli, August) hinzu. Wiesen, seit 1976 Heimat des wichtigsten Jazzfestes in Ostösterreich (Jazzfest Wiesen; Juli), zieht mittlerweile mit diversen anderen Sommerfestivals auch Rock- und Reggaefans an.
Der Carinthische Sommer, das große Kärntner Sommerfestival, findet in der Stiftskirche Ossiach und im Kongresshaus Villach statt (Juli, August; seit 1969), vergibt immer wieder Aufträge für neue Kirchenopern an prominente zeitgenössische Komponisten und geht mit Musiktheaterprojekten für Kinder neue Wege. Die Musikwochen Millstatt entwickelten sich seit 1977 zu einer den ganzen Sommer über dauernden Veranstaltungsreihe mit Schwerpunkt auf geistlichen und weltlichen Chor- und Orchesterwerken. Das Musikprogramm des Musikforums Viktring-Klagenfurt (Juli; seit 1987) reicht von Neuer Musik bis Jazz.
Das älteste größer konzipierte Musikfestival in Niederösterreich ist das 1979 gegründete Internationale Kammermusik Festival Austria „Allegro Vivo“ mit verschiedenen Veranstaltungsorten im Waldviertel (August, September). Opernfestivals, bei denen jeweils eine Oper en suite gespielt wird, sind in Gars am Kamp (Opern Air, Juli, August; seit 1990) und Klosterneuburg (Juli, August; seit 1994) zu finden. Musica Sacra bietet Kirchenmusik auf hohem Niveau (St. Pölten, Herzogenburg, Lilienfeld; September, Oktober; seit 1973). Für Liebhaber von Orgelmusik wurde das Orgelfest Zwettl konzipiert (Juni, Juli; seit 1984). Im Gegensatz zu diesen auf Musik konzentrierten Festen ist beim Donaufestival (derzeit April, Mai; seit 1991) Musik nur ein Programmpunkt unter vielen.
In der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz ist seit 1974 das Internationale Bruckner-Fest zentrales Ereignis auf dem Festsektor (September, Oktober). Durch die Linzer Klangwolke (1979) wurde eine populäre Verbindung zwischen dem Internationalen Bruckner-Fest und der Ars electronica (1979), einem Festival innovativer Medienkunst, geschaffen. Daneben besteht eine große Anzahl kleinerer Festivals unterschiedlicher Orientierung, z. B. die Operetten Festspiele Bad Ischl (Juli, August; seit 1961), der Attergauer Kultursommer (Juli, August; seit 1981), weiters die Mondsee Tage, welche in ihrem Konzept Musik und Literatur verbinden (September; seit 1989).
In der steirischen Landeshauptstadt Graz wurde 1968 der steirische herbst gegründet, wichtigstes Avantgarde-Festival in Österreich mit zahlreichen UA.en, das auch Regionen außerhalb der Landeshauptstadt einbezieht. Sein musikalischer Schwerpunkt, das Musikprotokoll, wird vom ORF veranstaltet (seit 1968). Die Styriarte, das sommerliche M., bietet einen auf N. Harnoncourt zugeschnittenen Schwerpunkt Alte Musik (Juni, Juli; seit 1985). Seit 1999 wird das Grazer Festprogramm durch den Jazzsommer Graz ergänzt (Juli, August).
In Innsbruck steht der Musiksommer seit 1976 ganz im Zeichen der Alten Musik (Festwochen der Alten Musik, August; im Juli Ambraser Schlosskonzerte ). Ein Wagner-Fest mit jungen Künstlern und bemerkenswerten Leistungen trotz knappen Budgets wurde 1997 in Erl ins Leben gerufen (Tiroler Festspiele Erl; Juli).
In Vorarlberg fanden 1946 erstmals die Bregenzer Festspiele statt, zunächst eine sommerliche Dependance des Wiener Kulturbetriebes und durchaus auch ein Instrument zur Propagierung des neuen staatlichen Selbstverständnisses. Rund um das zentrale Spiel auf dem See (Seebühne 1949, zunächst für Operetten, später Opern bzw. Musicals) gruppierte sich jedoch im Laufe der Jahre ein zusehends vielfältiges und internationales Programm (Konzerte, Theater; Juli, August). Liederabende, Kammerkonzerte und Klavierabende stehen im Mittelpunkt der 1976 gegründeten Schubertiade (derzeit Juni, August, September; zunächst Hohenems, ab 1991 Feldkirch, seit 2001 Schwarzenberg). Im Rockbereich wurde 1990 das Szene Open Air am Alten Rhein in Lustenau ins Leben gerufen (August).
Trotz oft hohen künstlerischen Niveaus bei unterschiedlicher Festkultur ist die Vielfalt der hier genannten Musikfestivals ohne den Hintergrund ökonomischer Interessen (Musikindustrie) nicht zu begründen. Die große Zahl von Festen, die gerade während der Sommermonate stattfinden, belegt, wie sehr Städte bzw. Regionen versuchen, durch ein ansprechendes musikalisches Angebot zusätzlich Attraktivität für Urlauber zu gewinnen.
Lit (alphabet.): G. Adler, Wollen und Wirken. Aus dem Leben eines Musikhistorikers 1935; G. K. Bienek (Hg.), 10 Jahre Wr. Festwochen 1960; G. J. Eder, Wr. Musikfeste zwischen 1918 und 1938 , 1991; Fs. zur Wr. Musikfestwoche 1912, hg. v. Arbeits-Ausschuss (Der Merker, Sonderheft 1912); E. Fuhrich/G. Prossnitz, Die Salzburger Festspiele , Bd. 1: 1920–45, 1990, Bd. 3: Verzeichnis der Werke und Künstler 1920–90, 1991; St. Gallup, A History of the Salzburg Festival 1987; J. Kaut, Die Salzburger Festspiele 1920–81 , 1982; G. Kerschbaumer/K. Müller, Begnadet für das Schöne. Der rot-weiß-rote Kulturkampf gegen die Moderne 1992; A. Meuli (Hg.), Die Bregenzer Festspiele 1995; W. Pass in MGÖ 3 (1995), 260–274; R. v. Perger/R. Hirschfeld, Gesch. der k.k. GdM in Wien 1912; H. Reitterer in W. Hader (Hg.), [Kgr.-Ber.] Musik im Protektorat Böhmen und Mähren (1939–1945). Alteglofsheim 2002 , 2004; M. Wagner in P. Csobádi et al. (Hg.), Das Phänomen Mozart im 20. Jh. Wirkung, Verarbeitung und Vermarktung in Literatur, bildender Kunst und in den Medien 1991.


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[ Zuletzt aktualisiert: 2013/09/09 13:20:06 ]

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Quelle: Österreichisches Musiklexikon, Kommission für Musikforschung
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