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Reichenberg (deutsch für tschechisch Liberec)
Stadt in Nordböhmen, erste urkundliche Erwähnung 1352. Der ursprüngliche Ortsname Reychinberg/Raichmberg mutierte über die Varianten Riberk, Rychberk, Lychberk, Liberk, Libercum schlussendlich zum heutigen Liberec. Das Gebiet war lange Zeit kaum bewohnt. Erst die Kolonisation (flämische Weber zu Beginn des 14. Jh.s, in der Folge auch Deutsche) und der spätere Einzug des Luthertums (Reformation) brachten eine Trendwende. Die Stadt (seit 1577) galt seit dem 17. Jh. als Zentrum der Tuchmacherei und später der Textilindustrie. Die deutsch-tschechische Sprachgrenze verlief in der Nähe der Stadt. 1619–1939 bestand eine jüdische Gemeinde. Von November 1918 an war die Stadt einige Wochen lang Sitz der Landesregierung und der Landesversammlung Deutschböhmens (bis zur Besetzung durch die tschechoslowakische Armee), 1938–1945 Hauptstadt des Reichsgaus Sudetenland.

Die frühesten Belege für Musikaktivitäten sind indirekter Natur (Kirchengründungen). Alle Kirchen wurden allmählich mit Orgeln ausgestattet, z. B. mit Instrumenten aus den Werkstätten von Rieger, Josef Augsten, Josef Prediger (aus Albrechtsdorf bei Gablonz [Albrechtice u Jablonce nad Nisou/CZ], 1812–91), oder von den Zittauer Firmen Schuster und Tamitius. R.er Orgelbauer waren Jacob Josef Richter (1674–1734) sowie Adolf Wilhelm Salaman/Salomon und dessen Bruder.

Ab der Mitte des 16. Jh.s gewann die Reformation in der Stadt an Bedeutung. Namentlich ist eine Reihe von Kantoren der Kirche des Hl. Antonius des Großen bekannt; zu ihren Pflichten zählte der Unterricht an der Pfarrschule (erster Nachweis 1544). Der erste namentlich bekannte Kantor war Ch. Demantius, ihm folgten Christoph Kretschmer (seit 1590), Georg Herold (ca. 1593/95), Martin Haenisch (1595–1607), Gottfried Tugemann aus Dahme in Brandenburg/D (seit 1607 Kantor, † 1617), Hans Christoph Horn (1616–19), Johann Tugemann (1619), David Fels aus Görlitz/D (1631) und Adam Kartner (1635–38). Nach der Niederschlagung des Ständeaufstands hielt die Gegenreformation ihren Einzug in R., zu ihrem Durchbruch kam es jedoch erst nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Der erste katholische Kantor war in den Jahren 1638–66 Bartholomäus Hertelt. Ihm folgten Christian Ulrich (1666), Christoph Altmann aus Pressnitz (Přísečnice/CZ), Tobias Schimmon (ca. 1745), Gottlob Knobloch (bis 1773), Dominik Baudisch (bis 1779), Anton Pietsch aus Röchlitz (Rochlice/CZ, bis 1806; auch als Chor- bzw. Musikerzieher und Komponist tätig) und Josef Volek/Wollek/Wolleck aus Guttenthal (bis 1830) nach. 1831 wurde Fl. Schmidt Chorrektor, dieses Amt bekleidete er bis 1870. Schmidt war darüber hinaus 1828–63 Kapellmeister des Schützenkorps und Theaterkapellmeister. J. Schmidt war als Nachfolger seines Vaters Chorrektor. 1628 wurde erstmals ein Organist an die Kirche des Hl. Antonius berufen. Folgende Organisten der heutigen Erzdekanatskirche sind bekannt: Wiegand Knoeffel/Knöffel (bis 1647 an der Kirche, wurde 1656 als Kantor und Organist nach Wartenberg am Rollberg [Stráž pod Ralskem/CZ] berufen, starb dort als „gewesener Kantor“, Lehrer von H. I. F. Biber), Joachim Sachser (1636–45), Adam Kartner (1650/51), Karl Zschaßlowsky aus Deutsch Gabel (Jablonné v Podještědí/CZ, 1651), Johann Rumburger (1653–55), Johann Franz Posselt (1660), Johann Heinrich Hertelt (1662), Ulrich Böhme aus Niemes (Mimoň/CZ, 1667), Heinrich Effenberger (um 1694), Anton Wohlmann/Wollmann (nach 1741), Gottfried Richter (1744–88), Josef Pietsch (1788), J. Wollek (1789–1806) und Anton Neuhäuser (1806–30, Hauptschullehrer, Lehrer von J. Proksch). Aufführungen geistlicher Spiele fanden in städtischen Räumen statt: Comoedia von Geburt Christi (1600), Comedia von der Passion (1603).

Im 16. Jh. ist studentisches Musizieren nachgewiesen (vom Rat der Stadt gezahlte musikalische Aufwartung) sowie Anfang des 17. Jh.s das Engagement von Pfeifern aus Greifendorf in Sachsen/D (nach 1607 als Stadtpfeifer fest angestellt. Dokumentiert ist auch die Präsenz von Bierfiedlern und Tanzmusikern. In der Stadt und am Schloss wirkte ein kleines Instrumentalensemble (4–6 Musiker), was Katharina von Redern (1553/64–1617), der Verwalterin der Herrschaft Friedland sowie von R. und Seidenberg (Zawidów/PL), zu verdanken ist. Zu seinen Rechten gehörte das Privileg, allein auf Hochzeiten spielen zu dürfen.

Eine echte Blüte des R.er Musiklebens setzte ab der 2. H. des 18. Jh.s ein, wobei auch instrumentale Musik ihren Anteil hatte. Die Hofkapelle des Grafen Clam-Gallas unter der Leitung von Franz Posselt d. Ä. (1753–1825) führte kirchenmusikalische Werke auf; Posselt, der später in Prag wirkte, war darüber hinaus Komponist. Eine von ihm komponierte „lateinische musikalische Oper“ wurde 1769 im Schloss aufgeführt. 1778 hielt Oberstleutnant Baron von Türkheim mit seiner Regimentskapelle öffentliche musikalische Akademien im R.er Rathaus ab. Sinfonische Werke wurden seit 1828 regelmäßig interpretiert (öffentliche Konzerte der sog. Schützenmusik unter Fl. Schmidt). Mit Aufführungen der Wiener Klassik hängen die Namen Václav Ignác Šimon Thám (1765–1816, 1799 W. A. Mozarts Opern) und J. Wollek (Oratorien von J. Haydn) zusammen. Aufgeführt wurden die Oratorien zunächst von Bürgern der Stadt, später von auswärtigen Chören; zum Repertoire zählten auch Werke von L. v. Beethoven, Felix Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Schneider). Ein besonderes Ereignis in der Musikgeschichte R.s stellte die Aufführung von Beethovens Missa Solemnis am 1.10.1832 dar. Nach 1900 besorgte die Aufführungen von Oratorien insbesondere der Lehrergesangverein Silcher (gegr. 1901, veranstaltete sog. Silcherbälle); dessen langjähriger Leiter war der Musikerzieher, Chormeister und Tondichter Hugo Wagner (1873–1951, Leiter 1901–03 und ab 1910). J. Proksch initiierte 1827 mit Fl. Schmidt die Gründung des Musikalischen Vereins, 1830 übernahm Schmidt dessen Leitung. Die Anfänge des Männergesanges gestalteten sich schwierig, der am 5.5.1845 konstituierte R.er Männergesangverein konnte sich erst nach einigen erfolglosen Versuchen etablieren. Sein Begründer war Fl. Schmidt, der 1870 auch den Frauenchor Cäcilia ins Leben rief. J. Schmidt übernahm 1872–1903 von seinem Vater die Leitung des Männergesangvereins wie auch die des Frauenchors Cäcilia. Am 14. und 15. August 1864 fand das erste Sängerfest in der Stadt statt, bei dem rund 70 Chöre mit etwa 2.000 Sängern aus Schlesien, Sachsen, Böhmen, Mähren und Österreich auftraten. Das 50-jährige Bestehen des Männergesangvereins Lyra (gegr. 1874) wurde 1924 gefeiert. 1867 wurde der R.er Chorverein gegründet. Ein Arbeitersängerbund (Freisinn) wurde 1889 ins Leben gerufen (Arbeiter-Musikbewegung). 1878 fand das erste Jeschken-Iser-Gau-Sängerbundesfest statt. Im Jahr 1884 formierte sich der Richard-Wagner-Verein, zehn Jahre danach der Verein der Musikfreunde für R. und Umgebung. Nicht übergangen werden sollen die Aktivitäten der Kulturvereine. Der Verein der Musikfreunde für R. und Umgebung. (gegr. 1894) war seit 1920 unter dem Namen Gesellschaft der Musikfreunde für R. und Umgebung tätig.

Militärkapellen entfalteten ihre Aktivitäten in R. ab dem Ende des 19. Jh.s – sie wirkten unterstützend bei Darbietungen sinfonischer Werke. Bedeutende Militärkapellmeister waren u. a. der Musikdirektor und Komponist Max Heyda/Hejda (1867–1952, Leiter der Kurkapellen in Johannisbad [Jánské Lázně/CZ] und nach 1888 in Groß Ullersdorf [Velké Losiny/CZ], 1891/92 Kapellmeister der Stadtkapelle in Mährisch Schönberg [Šumperk/CZ], später Militärkapellmeister in Krakau, Josefstadt [Josefov/CZ] u. a.) oder W. Pochmann (in R. 1896–1918). Militärkapellen beteiligten sich darüber hinaus auch an den Programmen von Volksfesten und Konzerten, Beispiele hierfür sind die Kapelle des IR.s 92 unter Kpm. Josef Matys (1851–1937), die Kapelle von Alois Hokeš, die Pařízek-Kapelle, die Kreibich-Kapelle; eigene Kapellen hatten der Verein der Musikfreunde, das Veteranenregiment und die Sozialdemokratische Partei. 1910 gastierte die František Kmoch-Kapelle in R.

Bis 1945 Tradition hatten Matineen bzw. Vormittagsaufführungen; Traditionsbegründer waren Anton Hollub und Ferdinand Gerhardt d. Ä. (Komponist, Chorleiter und Organist in der R.er Synagoge). Das Gerhardt-Streichquartett (mit Eduard Rieger, Wenzel Seibt und Karl Beuer) zählte gemeinsam mit dem Reimer-Quartett (Josef C. Reimer, Gustav Strachnow, Rudolf Vatter, Anton Jantsch) zu den führenden Kammerensembles, weitere namhafte Ensembles waren das Lehrerquartett, das R.er Quartett unter Alexander Dörr, das R.er Trio unter Otto Kaperl (oft zusammen mit der R.er Pianistin Grete Jerusalem, verh. Fischer, * 1895) sowie das R.er Kammertrio unter Karl Albin Hoffmann. Auch Größen wie E. d'Albert, F. Busoni, Raoul Koczalski und K. Komzák wie auch der Schubertbund und das Kaim-Orchester aus München machten in R. Halt.

Auf dem Gebiet des Schulwesens stellt die Gründung (1825 von J. Proksch) der ersten österreichischen Musiklehranstalt mit Unterricht nach Johann Bernhard Logiers Unterrichtsmethode einen Beginn dar. Nach Prokschs Übersiedlung nach Prag (1830) leiteten seine Geschwister A. Proksch und M. Proksch das Institut, nach ihnen L. R. Proksch. Die Familie Proksch machte sich vielfach um das R.er Musikleben verdient: A. Proksch eröffnete 1858 die erste Klavierhandlung der Stadt und wirkte als Stadtorganist. J. Proksch (II) gründete 1864 eine eigene Werkstatt, L. Proksch betätigte sich vornehmlich auf dem Gebiet der Orgelkonzerte. Eduard Proksch (* 1883) gründete 1887 den Ersten R.er deutschen Zitherverein. Sein Quartett war weitum bekannt und beliebt, er selbst war darüber hinaus als Gauchormeister (Sängerbund) sowie im Lehrergesangverein Silcher und in der Cäcilia tätig. Der Heldentenor Franz Herzog eröffnete 1857 eine eigene Gesangschule. 1872 öffnete die MSch. für Klavier und Komposition von F. Gerhardt d. Ä. ihre Pforten. F. Th. Moißl war Musiklehrer an der R.er Lehrerbildungsanstalt (1894–1910), Leiter des R.er Männergesangvereins, setzte die Aufführungstradition von Demantius-Werken fort, gründete die sog. deutschböhmischen Tonkünstlerabende (1909) und schrieb für die R.er Zeitung. Auch in der Zwischenkriegszeit konnte das R.er Musikschulwesen ein hohes Niveau halten. Emil Kühnel eröffnete 1918 die Höhere MSch., zu bedeutenden Pädagogen der besagten Zeit zählten Richard Fuchs, Otto Feix und Julius Fischer. 1941 entstand eine MSch. unter der Leitung von Karl Michael Komma (Franz-Schubert-MSch., später Landesmusikschule). Quellen zur Geschichte des Musikschulwesens verwaltet heute die Wissenschaftliche Landesbibliothek R. (Krajská vědecká knihovna Liberec), die auch eine Musikabteilung führt.

Bereits um 1831 wirkte Franz Josef Kratschmann (1775–1848; Gitarren-, Zither- und Geigenbauer) aus Graslitz (Kraslice/CZ) in R., ein anderer Graslitzer war Vinzenz Hüttl (1843, 1845 nachweisbar). Große Klavierfabriken (wie z. B. Koch & Korselt) sowie die Betriebe von Heinrich Raehse (ab 1845), Hugo Paul Lehmann, Eduard Wawersich hatten ihren Sitz in R. Auch auf dem Gebiet des Musikverlagswesens spielte R. eine bedeutende Rolle (Verlagshaus Ullmann).

Die Anfänge des R.er Theaterlebens lassen sich mit dem Beginn des 17. Jh.s datieren (1669 ließ der städtische Röhrenmeister ein Theater errichten). Zu Ende des 18. Jh.s sind vornehmlich studentische Aufführungen, Liebhabervorstellungen sowie Puppenspielvorstellungen in Meisterhäusern und Handwerkstuben belegt. Großen Stellenwert hatten auch Wandertruppen, die seit 1666 regelmäßig in R. Halt machten. Seit den 1770er Jahren führten wandernde Truppen jährlich ihre Stücke in der Stadt auf, Aufführungsorte waren das Zunfthaus der Strumpfwirker, das Rathaus oder die Tanzlaube zwischen der großen und der kleinen Sitzungsstube. Zw. 1794/96 ließ der Magistrat im Gemeindehaus einen großen Tanzsaal einrichten (aufgeführt wurde dort z. B. Mozarts Zauberflöte). Opern (z. B. von W. A. Mozart, Vincenzo Bellini, Ga. Donizetti, G. Rossini, Daniel François Auber, G. Lortzing, C. M. v. Weber) und Dramen wurden in den Jahren 1820–1879 auch im Zunfttheater (gegr. von der Tuchmacherzunft) inszeniert. Eine herausragende Persönlichkeit der Anfangszeit der Opernaufführungen war Franz Maschek, der erste Direktor (1820–32) des Zunfttheaters (Soukenické divadlo). Der Opernbetrieb war aufwendig und wich nach 1850 nach und nach dem billigeren Operettenbetrieb (J. Strauß Sohn), F. v. Suppè, C. Millöcker). Um den Opernbetrieb bemühten sich auch der Männergesangverein (1858) und eine Operngesellschaft (1860). Als Ersatzspielstätte für das am 24.4.1879 ausgebrannte Zunfttheater diente das Stadttheater am sog. Gründelplatz (1883 eröffnet, die Saison dauerte von Mitte August bis Mitte Mai). Aufgeführt wurden hier Opern (nun auch von Rich. Wagner, G. Verdi, Georges Bizet, F. Smetana, G. Puccini, Rich. Strauss, Carl Orff, L. Janáček), aber auch Operetten (z. B. von F. Lehár, O. Straus). In der Zwischenkriegszeit waren Gastspiele des Olmützer Opernensembles (ab 1923) von Bedeutung. Nach 1945 änderte das Theater mehrmals seinen Namen wie auch seine grundsätzliche Ausrichtung (Zemské divadlo v Liberci [Landestheater in R.], Severočeské Národní divadlo [Nordböhmisches Nationaltheater], Severočeské divadlo Liberec [Nordböhmisches Theater R.], ab 1957 Divadlo F. X. Šaldy [Theater des F. X. Šalda] bzw. Státní divadlo F. X. Šaldy [Staatstheater des F. X. Šalda]). Zu herausragenden Leitern des Opernbetriebs nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten u. a. Jaromír Žid (1898–1954), Milan Zuna (1881–1960), Rudolf Vašata (1911–82, 1961 rief er das Musiktheater-Festival Liberecké jaro [R.er Frühling] ins Leben). Das R.er Theater diente vielen deutschsprachigen Künstlern als Karrieresprungbrett, erwähnt seien: L. Slezak, Alfred Leubner (1883–1946), Gertrude Pitzinger (1904–97, 1930–45 in R.), J. Patzak, F. Krenn, K. Dönch (1939–41 in R.), Hans Holt (in R. und Mährisch Ostrau 1932–35), Erich Ponto (1884–1957, 1910/11 in R.), Attila Hörbiger (1922 in R.), Maresa Hörbiger, P. Hörbiger, H. Moser (Debüt 1897 in R.), Elfriede Ondteusch, Angela Sax, Gretl Zeutler-Sachs, Emmy Ulrich, Rita Ressel. Erwähnenswert sind weiters die Direktoren Alois Pennarini (1870–1927, in R. ab 1920) und Friedrich Sommer (1875–1943, Theaterdirektor 1905, nach 1905 Kapellmeister). Manche von ihnen, z. B. die in Berlin tätige Operettensoubrette A. Schramm oder der berühmte Solotänzer und Tanzpädagoge H. Kreutzberg, waren gebürtige R.er.

Die Entstehung der Tschechoslowakei veränderte das Antlitz des R.er Musiklebens nachhaltig. Nach einer kurzen Phase der Destabilisierung erreichte man bald das Vorkriegsniveau, in mancherlei Hinsicht wuchs man sogar darüber hinaus. Ein grundsätzliches Problem stellte weiterhin die Aufrechterhaltung eines städtischen Orchesters dar, die gewünschte Gründung eines solchen scheiterte an unzureichenden finanziellen Mitteln. Die Rolle eines philharmonischen Orchesters nahm deshalb über lange Zeit hinweg das Theaterorchester ein. Dessen Leiter waren u. a. Robert Manzer (1877–1942) aus Karlsbad, A. Zemlinsky, G. Széll, Hans Wilhelm Steinberg (1899–1978) als Gastdirigenten, zu den fest angestellten Dirigenten zählten K. Rankl, J. Trauneck, Guido Arnoldi (* 1905, † KZ Auschwitz [Oświęcim/PL]), Herbert Popper (1907–87). Das hohe Niveau des Repertoires belegen die Namen der Komponisten, deren Werke aufgeführt wurden, z. B. R. Strauss, Rich. Wagner, L. Janáček, A. Bruckner, G. Mahler, A. Schönberg, Fidelio Finke u. a.

Die Wirtschaftskrise der Jahre 1931–34 führte zu einem Rückgang der Musikkultur. Sudetendeutsche intensivierten in den Vorkriegsjahren ihre Aktivitäten. So wurde z. B. vom 26. bis zum 29.6.1937 das 3. Sudetendeutsche Sängerbundfest veranstaltet, kurz hatte auch das Sudetendeutsche Philharmonische Orchester seinen Sitz in R. Der darauffolgende Prozess der Gleichschaltung (Nationalsozialismus) führte u. a. zum Niedergang der Arbeitergesangvereine und zur Zusammenlegung von Chören; sämtliche Musiktheateraufführungen endeten mit August 1944.

Zur ältesten Schicht der tschechischen Chorszene in R. gehören die Vereine Hlahol, die Damen-Gesangsektion des Vereins Česká beseda (Tschechische Beseda), der Gesang- sowie Bildungsverein Kruh (Kreis), die Damen-Sektion des Vereins Lumír, der Gesangzirkel des Vereins Sokol (Falke), der Arbeitergesangverein Ještěd (Jeschken, 1906 gegr., bis heute ein führender Amateurchor), Bendl (gegr. 1908), Smetana (gegr. 1921). 1958 entstand der hervorragende Kinderchor Severáček (geleitet von Jiřina und Milan Uherek), dessen Aktivitäten der Impuls zur Gründung weiterer Kinder- und Jugendchöre waren. Des Weiteren seien die folgenden Chöre angeführt: A my taky (Und Wir Auch), Akcent, Cantemus, Carola, Collegium Scholarum Mediarum, Cum decore, Gaudea, Kopretinka (Wucherblume), Kvintus, Lesněnky, Modrásek, Offbeat, Pavlovická jitřenka (Paulowitzer Morgenstern), Berušky (Marienkäfer), Hlásek (Stimme), Pěvecký sbor ZŠ Lidická (Gesangchor der Grundschule Lidická), Regnis, Rosex, Severočeský filharmonický sbor Česká Lípa – Liberec (Nordböhmischer Philharmonischer Chor Böhmisch Leipa – R.), Slavík (Nachtigall), Vokální A-rytmie (Vokale A-Rhythmie), Výšinka (Anhöhe), Zpívající blechy (Singende Flöhe), Zvoneček (Bimmel). Auf eine lange Tradition kann das Festival Hudební mládež (Musikjugend) zurückblicken (2011 wurde die Veranstaltung zum 21. Mal abgehalten).

Folgende Musikernamen sind mit R. verbunden: Urban Loth (Komponist, Organist, * ca. 1580 R., † 1636 Passau/D; von 1610 an in Prag, 1613–37 in Passau tätig), Maximilian Loth (* ? R., ca. 1675 Tenorist in Prag), Georg Nasal (* ? R., ca. 1734 in Breslau [Wrocław/PL], Bassist an der Kathedralkirche), Johann Karl Rohn (1711–79, seit zumindest 1735 in Prag, Musiker, Kirchenhistoriker, Sprachwissenschaftler und Lexikograph, Autor der Stadtchronik), Ferdinand Gerhardt d. J., Hans Maria Dombrowski (1897–1977, Komponist, Dirigent, Organist), E. J. Nick, C. Horn, H. Jalowetz, Josef Blatt (1926–29 Dirigent am Stadttheater), K. H. Adler (1936–38 in R.R.), Jaroslav Řídký (1897–1956, Komponist), Karel Vacek (1902–82, Komponist), Eduard Spáčil (* 1950, Komponist und Pianist). Zu Persönlichkeiten, die in R. tätig gewesen waren und Opfer von Krieg bzw. Holocaust wurden, zählen F. Sommer, Oskar Basch (1879–1942, 1934–36 Leiter des R.er Stadttheaters), Friedrich Altschul (1877– nach 1942, 1918–32 Kpm. in R.), G. Arnoldi, P. Barnay und G. Jerusalem.


Literatur
R. Müller, Joseph Proksch 1874; A. Ressel, Musik und Gesang in den Bezirken R. und Friedland o. J.; A. Pilz, R.er MGV. Fs. 1925; [Fs.] 50 Jahre R.er Stadttheater 1933; R. Quoika, Die Musik der Deutschen in Böhmen und Mähren 1956, 34; K. M. Komma, Das böhmische Musikantentum 1960, 133 u. 136; Československý hudební slovník osob a institucí 1 (1963) und 2 (1965); St. Karabec in Hudební věda 2/3 (1965); St. Karabec, Josef Proksch, průkopník progresivní hudební pedagogiky [Josef Proksch, Wegbereiter der progressiven Musikpädagogik] 1965; R. Quoika, Der Orgelbau in Böhmen und Mähren 1966, 59, 101, 107; R. Budiš, Smetanův učitel Josef Proksch [Smetanas Lehrer Josef Proksch] 1968; O. Feix in Jeschken-Iser-Jb. 12 (1968); L. Tomší in Hudební nástroje 13 (1976), H. 4; L. Vrkočová, Domovem hudby [Durch die Heimstätte der Musik] 1988; hah in Hudební rozhledy 44/4 (1993); L. Tomší/J. Tomíček, Varhany Liberecka [Orgeln im Gebiet R.] 1995; LdM 2000; Slovník české hudební kultury 1997; R. Karpaš, Kniha o Liberci [Buch über R.] 1996; G. Schuppener/K. Mačák in Vědecká pojednání 10 (2004); M. Bařinka, Notový archiv kostela sv. Antonína Velikého v Liberci [Das Notenarchiv der Kirche des Hl. Anton des Großen in R.], Dipl.arb. Brünn 2012; I. Engelmann, R. und seine jüdischen Bürger 2012; www.heimatkreis.de (5/2012); http://kasimir.org (5/2012).

Autor(en)
Viktor Velek
Empfohlene Zitierweise
Viktor Velek, Art. „Reichenberg (deutsch für tschechisch Liberec)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 09/07/2013]