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Violinsonate
Aufgrund der bevorzugten Stellung der Violine in der Instrumentalmusik des 17. und 18. Jh.s ist auch die Geschichte der Sonate (Solosonate, Triosonate) eng mit diesem Instrument verknüpft. Nach Marco Uccellinis Sonate over canzoni da farsi a violino solo et b. c. op. 5 (Venedig 1649), dem ersten bekannten Druck, der nur Stücke für Violine und Bass enthält, bringt der Druck Sonate unarum fidium, seu a violino solo von J. H. Schmelzer (Nürnberg 1664) als erste Sammlung im deutschsprachigen Raum nur V.n. Wie auch dieses Werk belegt, fungiert die V. des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jh.s in Deutschland und Österreich, bei Komponisten wie H. I. F. Biber, J. H. Schmelzer (z. B. die Sonata a Violino Solo del Sig: J. H. Schmelzer – Variationes aus der sog. Martinelli-Sammlung, B-LVu), Ge. Muffat, Carl’Ambrogio Lonati oder den anonym überlieferten V.n aus dem Musikarchiv des fürstbischöflichen Schlosses in Kremsier als bedeutende Trägerin spieltechnischer Virtuosität. Als wichtigste Merkmale gelten hier virtuose Passagentechnik, Mehrstimmigkeit, latente Polyphonie und Skordatur, ähnlich wie die typische Vermischung des Sonata da chiesa- (Kirchensonate) und da camera-Typus (Kammersonate) und eine variable Anzahl von Sätzen. Neben der virtuosen V. mit der dominierenden Solostimme entwickelte sich nach dem Vorbild der italienischen Triosonate für zwei Melodieinstrumente und Basso continuo eine Sonate für Violine und Cembalo, in der der Violine die erste Stimme, der rechten Hand des Cembalospielers die zweite und der linken Hand die begleitende Funktion zugeteilt wurde (z. B. die Pièces de Clavecin en Sonates, avec Accompagnement de Violon, op. 3, um 1734, von Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville, sowie die sechs Sonaten für Solovioline und ausgeschriebenen Cembalopart von J. S. Bach, BWV 1014–1019). Während die V. in Deutschland (Johann Georg Pisendel, Johann Gottlieb Graun, Franz Benda, Joseph Benda), London (Johann Christoph Pepusch, Francesco Geminiani, G. F. Händel) oder Frankreich (Michele Mascitti, Jean-Marie Leclair sowie später Pierre Gaviniès) in der 1. Hälfte des 18. Jh.s zu einer der wichtigsten Gattungen der Instrumentalmusik mutierte, nahm sie in Österreich, ähnlich wie bei den Komponisten der Mannheimer Schule, eine zunächst nur untergeordnete Position ein. Lässt sich über den Stil der verschollenen Sammlung Sonate da camera, à Violino solo e Cembalo des kaiserlichen Kriegsoffiziers L. Passatsky mit zwölf Sonaten (1713, Karl VI. gewidmet) nur spekulieren, erreichten weder die Sammlung mit V.n Pensieri armonici op. 4 (Wien 1734) von Andrea Zani (1696–1757) noch die Sonate a quattro (Rom 1736) von A. Ragazzi die Bedeutung der Sonatensammlungen eines J. H. Schmelzer oder H. I. F. Biber. Violintechnisch interessant sind die zwölf gedruckten viersätzigen Sonaten von J. F. Timmer (A-Wn, um 1760), die mit ihrem beachtlichen geigerischen Niveau (virtuose Figurationen und Passagenwerk, Mehrstimmigkeit, anspruchsvolle Bogentechnik) eine deutliche Orientierung an Giuseppe Tartini, Pietro Locatelli oder Pietro Nardini verraten. Ähnlich wie das Violinkonzert erfreute sich die V. (auch als Sonate für Klavier mit Begleitung der Violine) erst bei den Komponisten der Wiener Klassik größerer Aufmerksamkeit. Neben J. G. Albrechtsberger, G. Conti, C. Ditters v. Dittersdorf, G. Druschetzky, J. L. Eybler, Joseph Andreas Fodor, A. Gyrowetz, F. A. Hoffmeister, L. Hofmann, J. N. Hummel, L. A. Kozeluch, F. Krommer (s. u. a. 3 Sonaten f. V. u. Va., op. 27, op. 42 und op. 45), Anton Ferdinand Titz, A. L. Tomasini, A. Wranitzky ist hier v. a. W. A. Mozart zu nennen, dessen V.n die richtungweisende Entwicklung von dem vor 1800 beliebten Sonatentypus für Klavier mit begleitender Violine zur Sonate mit gleichberechtigten Stimmen belegen (z. B. die sog. Mannheimer Sonaten, KV 301–306, 1778, sowie die Sonaten B-Dur KV 454, 1784, Es-Dur KV 481, 1785, und A-Dur KV 526, 1787). Eine weitere Aufwertung der V. ls einer anspruchsvollen, für den Konzertsaal bestimmten Komposition bringen die V.n von L. v. Beethoven (9 V.n 1797/98–1802/03, u. a. die sog. Frühlingssonate op. 24, erstmals viersätzig, die Sonate A-Dur op. 47 [Kreutzersonate] sowie die späte Sonate G-Dur op. 96, 1812). Nach Beethoven wurde dieser Typus durch Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Fr. Schubert (V. D-Dur D 574, 1817), R. Schumann, K. Goldmark (1874), J. Brahms (3 V.n p. 87, 1878/79, op. 100, 1886, und op. 108, 1886–88), R. Strauss (Sonate Es-Dur f. V. u. Kl. op. 18, 1887), R. Fuchs, A. Dvořák (op. 57, 1880), J. B. Foerster (1889), F. Schreker (1897) u. a. übernommen. Alle diese Werke zeichnen sich durch die gekonnte Integration der ausgereiften Instrumentalvirtuosität in das gesamte musikalische Geschehen aus, im Gegensatz zu der V. komponierender Violinvirtuosen wie N. Paganini oder J. Mayseder mit Schwerpunkt auf der brillanten dominierenden Violinstimme. Die drei dreisätzigen Sonatinen von Fr. Schubert (D-Dur D 384, a-Moll D 385, g-Moll D 408, 1816, gedruckt 1836 als op. 137) knüpfen dagegen an die Tradition der einfacheren, für das häusliche Musizieren bestimmten Werke an, wie sie später etwa von I. Lachner oder A. Dvořák repräsentiert werden.

Lag der Schwerpunkt der Violinliteratur im 19. Jh. insgesamt betrachtet aufgrund des Virtuosentums eher auf dem Violinkonzert, dem Konzertstück oder freien Formen, lässt sich dasselbe auch in der Zeit nach 1900 beobachten. Von den Beiträgen österreichischer Komponisten wie E. W. Korngold (Sonate G-Dur f. V. u. Kl. op. 6, 1913), J. Marx (Frühlingssonate A-Dur f. V. u. Kl., 1913), E. Toch (Sonaten f. V. u. Kl. op. 21, 1913, op. 44, 1928), E. Krenek (Sonate fis-Moll f. V. u. Kl. op. 3, 1919/20, 2. V. op. 99, 1944/45) u. a. abgesehen, stand die V. auch in Österreich im Bereich der Violinliteratur im Schatten des Violinkonzertes sowie kleinerer Formen oder anderer kammermusikalischer Besetzungen, des weiteren der Klaviersonate oder (v. a. nach 1945) der Sonate für andere Instrumente wie Viola, Violoncello, Flöte, Fagott u. a. Nichtsdestoweniger lassen auch hier zahlreiche Werke einen in vieler Hinsicht lebendigen und kreativen Umgang mit der Gattungstradition erkennen, von Komponisten wie etwa K. Schiske (Sonate f. V. u. Kl. op. 18, 1943/48), F. Cerha (Erste Sonate f. V. u. Kl., 1947; Zweite Sonate f. V. u. Kl., 1953; Dritte Sonate f. V. u. Kl., 1954), P. W. Fürst (Sonate f. V. u. Kl. op. 20, 1955), J. Takács (Sonata concertante f. V. u. Kl., 1956), Ferd. Weiss (Sonate f. V. u. Kl. op. 88, 1963), B. Sulzer (3 Sonaten f. V. u. Kl., 1964, 1966, 1971), I. Eröd (Erste Sonate f. V. u. Kl. op. 14, 1969/70), F. Koringer (Sonata profana f. V. u. Kl., Nr. 1, 1971; Nr. 2, 1972), Th. Ch. David (Sonate f. V. u. Kl., 1990) u. a. Eine besondere Position nimmt hier, ähnlich wie im internationalen Kontext die Solosonate für unbegleitete Violine ein (E. Krenek, Sonate Nr. 1 op. 33, 1924/25, Nr. 2 op. 115, 1948, f. V. solo, E. Wellesz, Sonata op. 36, 1923, und Sonata op. 72, 1953, beide f. V. solo; G. v. Einem, Sonate f. Solo-V. op. 47, 1975/76), ähnlich wie die Sonate für Violine mit variabler Begleitung, die z. T. die Wiederbelebung der barocken Sonatentradition belegt (F. Koringer, Sonata profana Nr. 8 f. Solo-V. u. Streicher, Sonata profana Nr. 12 f. 2 V., Vc. u. Streicher; P. Kont, Sonate f. V., kleine Trommel und Tenortrommel, 1979; Th. Ch. David, Sonate f. V. u. Va., 1981; R. Faber, Nichts als des Schrecklichen Anfang. Zweite Sonate f. Violino solo u. Zimbelspiel op. 15, 1990; W. Wagner, Sonate f. V. u. Vc., 1993).


Literatur
MGG 13 (1966) [Violinmusik] u. 9 (1998) [Violine]; NGroveD 26 (2001) [violin]; W. S. Newman, The sonata in the baroque era 1959; W. S. Newman, The sonata in the classic era 1963; H. Seifert, Giovanni Buonaventura Viviani 1982; MaÖ 1997.

Autor(en)
Dagmar Glüxam
Empfohlene Zitierweise
Dagmar Glüxam, Art. „Violinsonate‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]