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Tiroler Landestheater Innsbruck (TLT)
Mehrspartenbühne, bestehend seit dem 17. Jh., seit 1945 offizieller Name TLT. Um 1600 Nachweise erster Theateraufführungen mit Musik am Innsbrucker Hof. 1629–31 unter Erzhzg. Leopold V. und seiner 1626 geehelichten Gemahlin Claudia de’ Medici Umbau eines Ballspielhauses am Rennplatz zum Comedihaus, nach von Florenz/I und Parma/I inspirierten Plänen Christoph Gumpps. Dieses Gebäude ließ Erzhzg. Ferdinand Karl um 1660 in eine Reitschule und ein Saaltheater mit raffiniertester Technik umgestalten, so dass auf der Bühne u. a. große Schiffe im Wasser fahren konnten. Es bestand bis zur Kriegszerstörung 1944, diente aber im Lauf der Zeit unterschiedlichen Zwecken, z. B. im 19. Jh. als Mauthalle, worauf es Dogana hieß, wie auch jetzt der neue Gebäudekomplex im an gleicher Stelle errichteten, 1973 eröffneten Innsbrucker Kongresshaus.

Ferdinand Karl hatte zudem 1652–54 gegenüber, auf dem Platz des heutigen TLT am Rennweg 2, ein neues Comedihaus nach venezianischem Vorbild bauen lassen, wiederum von Ch. Gumpp, mit höchster künstlerischer und technischer Ausstattung durch italienische Handwerker. Es fasste an die 1.000 Zuschauer, war das erste frei stehende Opernhaus im deutschen Sprachraum, das zudem fest angestelltes Personal beschäftigte. Die Eröffnung erfolgte 1654 mit A. Cestis La Cleopatra, seinem für Innsbruck umgearbeiteten Il Cesare Amante. Die folgende Ära wurde von Prunkopern des Kammerkapellmeisters Cesti beherrscht, so mit Darbietungen zu Ehren Königin Christines von Schweden 1655 (L’Argia) und 1662 (La Magnanimità d’Alessandro), 1681 nochmals La Magnanimità, nun zum Namensfest K. Leopolds I. Ferner bespielten niederländische, italienische und deutsche wandernde Komödianten das Theater, unter ihnen L. v. Schnüffis. 1692 und 1698 etwa erklang L’Amazone Corsara des Hofkomponisten C. A. Badia, im Dienste von Hzg.in Eleonore, Gemahlin des seit 1678 in Innsbruck residierenden kaiserlichen Gubernators Hzg. Karl v. Lothringen. Musiktheater und Ballett bekamen neuen Aufschwung mit dem selbst musizierenden Gubernator Hzg. Karl Philipp v. der Pfalz-Neuburg. Er renovierte das Theater 1709, denn der Besuch Kg. Friedrichs IV. von Dänemark stand bevor. 1711 wurde als angeblich „erste Karnevals-Aufführung“ im instand gesetzten Haus Enea in Cartagine des Hofkapellmeisters J. J. Greber gezeigt, mit Balletten, die Hoftanzmeister Paolo di Floris leitete. Da Hzg. Karl Philipp die Regierung der pfälzischen Erblande übernehmen musste, verlegte er 1717 seinen Hofstaat nach Neuburg/D und Heidelberg/D, 1720 nach Mannheim/D und nahm seine Innsbrucker Musiker mit. Nur wenige blieben zurück; K. Leopold ordnete 1724 die Auflösung der Hofkapelle an, wobei die letzten vier Hofmusiker 1748 in den Ruhestand gingen oder ein Amt in der Hofkanzlei übernahmen. Somit erklärt sich, dass K.in Maria Theresia das Theater verkleinern und im südlichen Gebäudeteil eine Bibliothek einrichten ließ. Das nunmehrige „k. k. Hoftheater“ wurde 1765 anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten Erzhzg. Leopolds (Leopold II.) mit Maria Luise v. Bourbon-Spanien gründlich restauriert und mit J. A. Hasses Romulo ed Ersilia wieder eröffnet. Die Geschicke des Hauses lenkten nun primär Wanderschauspieler und private Theaterunternehmer. 1774–76 war E. Schikaneder als Sänger und Schauspieler zu Gast am Innsbrucker Theater, vermutlich erhielt er hier die Anregung zu seinem Tyroler Wastl; 1769 hatten M. Haydn und seine Frau Maria Magdalena hier auf der Bühne gestanden. Singspiele von heimischen Komponisten standen auf dem Spielplan, z. B. 1776 Der Kaufmann von Smyrna von F. S. Haindl, aber ebenso Opern, u. a. von G. Benda (Medea), A. Salieri (Die Zigeuner, eine deutsche Version von Il talismano), G. Paisiello (La molinara/L’amor contrastato), von K. D. v. Dittersdorf, W. Müller, F. X. Süßmayr und Ballette. W. A. Mozarts Zauberflöte wurde 1795 gezeigt, Die Entführung aus dem Serail 1797, Der Schauspieldirektor 1799, Die Hochzeit des Figaro und Don Giovanni 1800. Eine Verbindung mit dem Herrscherhaus war nur noch dadurch gegeben, dass dort besondere Feste mit einem Theaterabend begangen wurden, z. B. 1801 der Namenstag von Erzhzg.in Maria Elisabeth mit einem Singspiel nebst Ballett oder 1805 der Namenstag K. Franz’ II. mit Die Tage der Gefahr (später: Der Wasserträger) von L. Cherubini. In wirtschaftlicher Hinsicht ist bemerkenswert, dass K. Joseph II. durch die Einführung einer neuen Steuer auf Bier 1786 dem Theater jährlich 2.000 fl Subvention verschafft hatte.

Nach 1820 weilten mehrmals italienische Operngesellschaften am Innsbrucker Theater, sie brachten u. a. 1822 Tancredi, 1824 Il Turco in Italia, 1826 einen Barbier von Sevilla, vermutlich jeweils in der Vertonung von G. Rossini. Eine Dilettantengesellschaft spielte 1829 Étienne-Nicolas Méhuls Josef und seine Brüder. 1823 war erstmals C. M. v. Webers Freischütz inszeniert worden, 1838 hatte L. v. Beethovens Fidelio Premiere. Wegen Baufälligkeit des nach 1805 mehrmals aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Umstrukturierungen umbenannten Theaters (1805: königlich bayerisches Hof-Nationaltheater) nahm man 1844 einen Neubau nach Plänen von Giuseppe Segusini in Angriff. Am 19.4.1846, dem Geburtstag K. Ferdinands, ließ Theaterdirektor Ignaz Karl Korn das neue Haus eröffnen. Zu Schauspielen E. v. Bauernfelds und J. Nestroys gab es in den ersten Tagen als Opernpremiere Lucrezia Borgia von Ga. Donizetti. Da Korn in der Führung des Theaters kein Glück beschieden war, kam es 1847 zur Gründung einer Theater-Gemeinde, die auf einer ständigen Bühne Musik- und Sprechtheater fördern wollte. Die Theaterpächter zwischen 1852/1918 waren nicht zu Opernaufführungen verpflichtet, daher boten italienische und deutsche Unternehmen Monatsopern, so die Gesellschaften Volebile 1854, Profondo 1856, Brambilla 1857, Hilaria 1884. Etwa ab der Mitte des 19. Jh.s wagten sich wiederholt „Dilettanten“ und „Privatkunstkräfte“ an Opernaufführungen, meist Benefiz-Veranstaltungen, so 1855 der Cäcilienverein an L. Spohrs Jessonda.

1886 übernahm die Stadtgemeinde Innsbruck das nun als Stadttheater bezeichnete Haus in ihr Eigentum. Während des 19. Jh.s erschienen immer wieder Opern führender Komponisten auf dem Spielplan, u. a. F. v. Flotows Alessandro Stradella (1847) und Martha (1849), G. Meyerbeers Hugenotten (1848) und Prophet (1852), G. A. Lortzings Wildschütz (1851), Waffenschmied (1861) und Undine (1862), G. Verdis Ernani (1849), Rich. Wagners Tannhäuser 1873), Fliegender Holländer (1880) und Lohengrin (1882, 1885). Von Tiroler Komponisten waren mit Bühnenwerken in Innsbruck präsent z. B. M. Nagiller, der hier 1859 die UA seiner Oper Friedrich mit der leeren Tasche selbst dirigierte oder F. Z. Skuherský mit seinem Liebesring (UA 1861). 1908 gelangte Salome von R. Strauss zur EA in Innsbruck.

Auch die Operette hatte sich ihren Platz erobert: 1884 gab es z. B. C. Millöckers Bettelstudent, 1887 Joh. Strauß’ Sohn Zigeunerbaron, der Saison 1894/95 Joh. Strauß’ Sohn Fürstin Ninetta und Ch. Weinbergers Lachende Erben.

1893 rief M. Spörr, u. a. Hornist und Lehrer beim Innsbrucker Musikverein, das Innsbrucker Stadtorchester ins Leben, ein Privatensemble, das ab 1894 auch im Theater spielte. 1914–40 wirkte Max Köhler als Kapellmeister, teilweise auch als Theaterdirektor. Erfolgsstücke während der Kriegssaison 1914/15 und 1915/16 waren Operetten von G. Jarno, L. Fall, F. Lehár. 1919 führte Köhler im Rahmen der Monatsoper u. a. Verdis Troubadour, Wagners Fliegenden Holländer und Walküre, Eugen d’Alberts Tiefland auf. Ab Herbst 1919 spielte man erstmals mit einem ständigen Opernensemble, nach 1920 wegen Publikumsmangels für die Oper Operetten. 1939 wurde das Stadttheater dem Gauleiter sowie dem Land Tirol untergeordnet und zum Reichsgautheater Tirol-Vorarlberg zusammengeschlossen; das Orchester stellte schon seit 1928 die Stadt Innsbruck bei. Am 24.11.1940 weilte R. Strauss zur erneuten Aufführung seiner Salome in Innsbruck, die Hans Georg Ratjen dirigierte, laut Strauss im Wesentlichen eine „ganz hervorragende und vorbildliche Aufführung“. Die Saison 1941/42 wurde zum 150. Todestag Mozarts mit einer Neuinszenierung des Figaro eröffnet, unter Leitung von Fr. Weidlich. Bei Verdis Maskenball 1942 übernahm die Bühnenmusik „ein Musikkorps der Wehrmacht unter der Leitung von Korpsführer Steiner“. 1943/44 begann der C.-Krauss-Schüler O. Suitner aus Innsbruck als Korrepetitor und Dirigent des Reichsgauorchesters mit Vogelhändler und Rigoletto. 1944 konnte noch der Rosenkavalier unter Ratjen zur Aufführung kommen.

Nach Kriegsende nahm das TLT schon am 31.6.1945 mit Wiener Blut für die Amerikaner seinen Spielbetrieb auf, die Zauberflöte und der Troubadour folgten. Musikdirektor war jetzt der Innsbrucker S. Nessler. Außer ihm dirigierten um 1950 Fr. Weidlich, Walter Hindelang, ab 1953 K. Rapf. Nachdem an modernen Stücken z. B. Werner Egks Abraxas oder Columbus, Ottorino Respighis Cesare Borgia, Benjamin Brittens Beggar’s Opera aufgeführt waren, riskierte man 1958 erstmals ein Musical: Cole Porters Kiss me Kate. Wegen Baufälligkeit schloss das Theater am 31.8.1961. Mit Ausnahme der Fassade wurde es nach Plänen des Wiener Architekten Erich Boltenstern neu gebaut und erst am 17.11.1967 mit F. Raimunds Der Alpenkönig und der Menschenfeind wieder eröffnet, als Musikpremieren folgten noch in der ersten Woche Wagners Meistersinger, G. Puccinis Madame Butterfly und Lehárs Lustige Witwe. Mit der Neueröffnung trat H. Wlasak die Intendanz an. Er war selbst aktiver Schauspieler, kultivierte bei der Oper nachdrücklich Mozart, Strauss und Verdi, ermöglichte Béla Bartóks Blaubart, pflegte aber auch die von den Innsbruckern weiterhin geliebte Operette. 1972 wurde E. Seipenbusch in Nachfolge S. Nesslers Chefdirigent der Oper. Im Wagner-Jahr 1983 brachte er dem Publikum Meistersinger, Tristan und Parsifal nahe. Seine Affinität zur Moderne zeigte er 1981 mit Alban Bergs Wozzeck, 1983/84 mit Claude Debussys Pelléas und Mélisande, 1984 mit S. Lazzaris Feuerturm oder 1988 mit der UA von E. Urbanners Ninive. Nach K. de Roo (ab Saison 1992/93) und Georg Schmöhe (ab 1997/98 bis 2003/04) ist seit Herbst 2005 Aleksandar Markovic (* 1975) Chefdirigent am TLT. Er leitete als erstes eine Wiederaufnahme von Mozarts Figaro und eine Butterfly-Premiere (Regisseurin Sabrina Hölzer). Während bisher die Chefdirigenten am Theater diese Position gleichzeitig beim Innsbrucker Symphonieorchester innehatten, hat das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck für seine Konzerte ab der Saison 2005/06 einen eigenen Musikdirektor (Dietfried Bernet). Hingegen wurde die Verwaltung von TLT und Orchester zum 1.9.2005 zusammengeführt zur Tiroler Landestheater und Orchester GmbH Innsbruck. Unter Intendantin B. Fassbaender (Spielzeit 1999/2000 – Sommer 2012, Nachfolger Johannes Reitmeier) wurden 2005 große Renovierungsmaßnahmen und Erweiterungsbauten (Proberäume) abgeschlossen. Intendant D. Mentha (1992–99) hatte beim Publikum mit seinem Schwerpunkt der Moderne (u. a. 1994 österreichische EA von Wolfgang Rihms Eroberung von Mexico, 1996 H. Willis Schlafes Bruder, 1997 A. Schönbergs Moses und Aron) wenig Anklang erreicht. Unter ihm wurde 1992 als eigene Sparte das Tanztheater eingerichtet.

Im Rahmen der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik finden seit 1980 im TLT die szenischen Aufführungen von Barockopern statt. Mit der Bühne des TLT verbinden sich aber auch die Namen von Weltstars: J. Patzak und M. Cebotari haben hier gastiert, ebenso Gwyneth Jones, Ch. Ludwig oder B. Fassbaender, Nicolai Gedda, Piero Cappuccilli oder Siegfried Jerusalem, L. Rysanek hatte hier ihr erstes Engagement.


Ehrungen
Österreichischer Musiktheaterpreis „Goldener Schikaneder“ 2013 (Kategorie „Beste Ballettproduktion“).
Literatur
Lit (chron.): C. F. Zoller, Gesch. u. Denkwürdigkeiten der Stadt Innsbruck u. der umliegenden Gegend 2 (1825); Prolog gesprochen im kaiserlich königlichen National-Theater zu Innsbruck am 12. Februar 1830 zur Feyer des Allerhöchsten Geburtsfestes seiner Majestät des Kaisers [1830]; J. J. Saller, Almanach des k. k. National-Theaters in Innsbruck für das Jahr 1856 [1855]; 100 Jahre Innsbrucker Theater (1846–1946), [1946]; E. Berlanda, Die Opernpflege im k. u. k. Nationaltheater zu Innsbruck (1795–1861), Diss. Innsbruck 1949 [nicht approbiert; Exemplar in A-Imf, Signatur W 179 57]; Senn 1954; Fs. zum 110jährigen Bestand des Tiroler Landestheaters, hg. v. TLT [1955]; H. Wlasak in Tirol immer einen Urlaub wert (Winter 1975/76), Nr. 7; Theater in Innsbruck. Überblick über drei Jh.e, hg. v. Theaterausschuss des Landes Tirol 1967; W. Senn in ÖMZ 25 (1970); M. Krapf, Die Baumeister Gumpp 1979; U. Simek, Berufstheater in Innsbruck im 18. Jh. Theater im Zeichen der Aufklärung in Tirol 1992; W. Frenzel, 90 Jahre Städtisches Orch. 1 (1983), 2 (1984); N. Tschulik, Musiktheater in Österreich. Die Oper im 20. Jh. 1984; J. Höpfel, Innsbruck Residenz der alten Musik 1989; N. Pamberger in Tirol immer einen Urlaub wert (Sommer 1989), Nr. 34; H. Herrmann-Schneider in www.musikland-tirol.at (2002); www.orf.at (4/2012). – Zss., Jb.er: Der Föhn (um 1909), Innsbruck. Mitt.sbl. der Landeshauptstadt Innsbruck, Kulturberichte aus Tirol. – Tages-Ztg.en: Dolomiten, Innsbrucker Nachrichten, Innsbrucker Neueste Nachrichten, Innsbrucker Tagbl., Kurier, Neue Tiroler Ztg., Der Standard, Tiroler Anzeiger, Tiroler Nachrichten, Tiroler Neue Ztg., Tiroler Stimmen, Tiroler Tages-Ztg. (mit Beilage Theaterzeitung TLT), Volks-Ztg; www.musiktheaterpreis.at (6/2013).

Autor(en)
Hildegard Herrmann-Schneider
Empfohlene Zitierweise
Hildegard Herrmann-Schneider, Art. „Tiroler Landestheater Innsbruck (TLT)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]